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Schon wieder ein Umzug – das Coronavirus als große Belastungsprobe für die Unterkunft für Obdachlose

Die Unterkunft für Obdachlose, die erst im November 2019 in der Landshuter Straße geöffnet hat, wurde durch das Coronavirus vor Herausforderungen gestellt und musste sogar noch einmal umziehen. Leiterin Christine Gais erzählt, welche Probleme das Virus mit sich bringt.

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Christine Gais (54) leitet seit einigen Monaten die Unterkunft für Obdachlose (UfO). © Bilddokumentation Stadt Regensburg

6. Mai 2020

„Positivität und Empathie sind in unserem Arbeitsalltag sehr wichtig. Trotzdem muss man sich abgrenzen können und darf die Probleme der Menschen nicht zu sehr an sich heranlassen“, erzählt Christine Gais über ihren Beruf. Die 54-Jährige leitet die Unterkunft für Obdachlose (UfO), die am 1. November 2019 ihre Türen in der Landshuter Straße 49 in Regensburg öffnete. Nur wenige Monate nach dem Startschuss stellt nun das Coronavirus auch Christine Gais und ihr Team vor ungeahnte Herausforderungen.

Zwischen 50 und 60 Menschen waren gerade in der Unterkunft, als das Coronavirus im März auch in Regensburg immer mehr Fahrt aufnahm. Schnell war klar: Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie können in der Unterkunft nicht eingehalten werden. „Wir konnten die nötigen Abstände nicht gewährleisten. Der Platz hat dafür einfach nicht gereicht“, erinnert sich Christine Gais. Hätte sich ein Bewohner mit dem Virus infiziert, wäre auch eine Einzelunterbringung aus Platzgründen nicht möglich gewesen. Kurz nach dem Einzug mussten also schon wieder die Koffer gepackt werden. Die UfO zog kurzerhand am 3. April 2020 in die Prinz-Leopold-Kaserne in die Zeißtraße 4. „Durch den Umzug haben wir mehr Platz. Das erleichtert die tägliche Arbeit im Hinblick auf das Coronavirus enorm“, erklärt Christine Gais. So gibt es vor Ort sogar eine Quarantäne-Station und die Möglichkeit, Bewohner mit Vorerkrankungen in Einzelzimmern unterzubringen.

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Durch das Coronavirus wird in der Unterkunft mehr Platz benötigt. Die neuen Räumlichkeiten in der Landshuter Straße reichten nicht mehr aus. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Jeder Heimatlose bekommt ein Bett

Insgesamt sind die räumlichen Bedingungen in der Prinz-Leopold-Kaserne gut. Die Ein- bis Drei-Bett-Zimmer verteilen sich auf zwei Stockwerke. Frauen werden in Extrazimmern untergebracht. Es gibt drei Aufenthaltsräume  und mehrere Gemeinschaftsbäder. Nur auf eine Küche muss im Moment verzichtet werden. Auf dem Tisch landen deshalb zum Frühstück und Abendessen meist Semmeln, Wurst, Käse, Obst und natürlich Getränke. Versorgt werden die Nutzerinnen und Nutzer der Unterkunft dabei größtenteils von der Tafel, Vereinen wie „DrugStop“ oder „Regensburger Herzen“ und Supermärkten. „Ich finde es wirklich großartig, dass von außen so viel Unterstützung kommt“, freut sich Christine Gais über die regelmäßigen Essenspakete. Doch die UfO-Leiterin kann nicht nur auf Unterstützung von außen zählen: „Es ist super, dass das Team – vor allem in Corona-Zeiten – so toll mitarbeitet. Das schätze ich wirklich sehr“, so die 54-Jährige. Ihr Lob richtet sich dabei an die insgesamt neun Sozialpädagogen, an die 30 Security-Mitarbeiter, an die drei Hausmeister und die Servicekraft, die alle durch das Coronavirus tagtäglich vor großen Herausforderungen stehen.


Doch eines ändert auch das Coronavirus nicht: Jeder Heimatlose, der bei der UfO vorbeikommt, bekommt ein Bett. Jeder Neuankömmling muss als erstes einen Erstkontaktbogen ausfüllen, dann bekommt er Handtücher, eine Zahnbürste und Zahnpasta ausgehändigt und ein Bett und einen Spind zugewiesen. In einem Erstgespräch mit einem Sozialpädagogen wird dann geklärt, wie die Person unterstützt werden kann. Wird eine Therapie benötigt? Muss ein Antrag auf Arbeitslosengeld gestellt werden? Benötigt die Person einen neuen Personalausweis? Und auch in diesem Bereich wird die Arbeit durch das Virus erschwert, denn bei vielen Ämtern, Behörden und Beratungsstellen ist es aus Sicherheitsgründen derzeit nicht möglich, persönlich vorstellig zu werden. „Man muss das meiste online oder telefonisch erledigen. Das macht das Organisatorische sehr schwierig“, weiß Christine Gais aus Erfahrung. Bisher konnten jedoch immer Lösungen gefunden werden.

An den Stärken arbeiten und Selbstvertrauen aufbauen

Der Zugang zur Unterkunft für Obdachlose, die rund um die Uhr geöffnet hat, ist niedrigschwellig organisiert. Alkohol und Drogen dürfen zwar nicht mitgebracht werden, den Obdachlosen wird der Zugang aber nicht verweigert, wenn sie bei ihrer Ankunft alkoholisiert sind oder unter Drogen stehen. Auch Hunde dürfen mitkommen. Für den Aufenthalt in der Unterkunft gibt es keine zeitliche Begrenzung. „Manche kommen unregelmäßig immer wieder, manche sind seit dem ersten Tag bei uns“, erzählt Christine Gais. Generell ist die Unterkunft für Obdachlose aber nicht als Dauerzustand gedacht. Das Ziel ist es, die Personen vor Ort so weit zu unterstützen, dass sie selbstständig werden und zum Beispiel in betreutes Wohnen wechseln oder sogar in eine eigene Wohnung ziehen können. Um das zu erreichen, braucht es bei der Arbeit mit den Bewohnern viel Feingefühl. Das weiß auch die UfO-Leiterin: „Man sollte mit den Menschen an ihren Stärken arbeiten, damit sie sich selbst wieder etwas zutrauen. Es ist auch für mich ein schönes Gefühl und ein großer Ansporn, wenn man andere unterstützen und mit der eigenen Erfahrung weiterhelfen kann. Dass ich mit Menschen zu tun habe und dass ich etwas verändern kann, das ist das Schöne an diesem sozialen Beruf.“

Auch wenn der Alltag in der Unterkunft für Obdachlose in der Prinz-Leopold-Kaserne gut funktioniert, ist es fest geplant, nach der Pandemie wieder in die alten neuen Räumlichkeiten in der Landshuter Straße zurückzuziehen. Wann das sein wird, weiß derzeit allerdings niemand.

Text: Verena Bengler