Der Ägidienplatz – Erst auf den zweiten Blick ein Platz

Auf den ersten Blick gehört der Ägidienplatz sicher zu einem der unscheinbareren Regensburger Plätze – und doch lohnt sich ein genauerer Blick. Hinter seiner ruhigen Erscheinung verbirgt sich eine interessante Geschichte: Wussten Sie etwa, dass sich hier Gesandte amüsierten, Kranke geheilt und Schüler unterrichtet wurden? Auch ein Viehmarkt war hier einst beheimatet.

Fotografie: Ägidienplatz © Bilddokumentation Stadt Regensburg

15. Januar 2026

Der kleine, beinahe quadratische Platz liegt im Südwesten der Regensburger Altstadt, nur wenige Schritte vom Bismarckplatz entfernt. Trotz der zentralen Lage ist er mit Sicherheit kein Hotspot des städtischen Lebens, man überquert ihn meist, um von Ost nach West zu kommen. Heute ist der kleine grüne Platz Heimat der Sternwarte, eines Seniorenheims und der Regierung der Oberpfalz.

Beginn im 13. Jahrhundert

Fotografie: Neues deutsches Haus mit Ägidienkirche im HintergrundNeues deutsches Haus mit Ägidienkirche im Hintergrund © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Seine Ursprünge reichen bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts zurück. Benannt ist der Platz nach der Ägidienkirche (erbaut um 1270/1280) des ehemaligen deutschen Ritterordens, neben der heute das Altenheim St. Josef untergebracht ist. Der heilige Ägidius galt als Viehpatron und Fürsprecher der Sünder. Als einer der populärsten Heiligen des Mittelalters eine passende Figur für einen Ort, an dem sich über Jahrhunderte hinweg weltliche und geistliche Interessen begegneten. Denn geprägt wurde der Platz vor allem von zwei kirchlichen Orden – den Dominikanern und den Deutschherren – die sich durch Schenkung von Grund dort niederlassen konnten.

Einige Meter entfernt vom Ägidienplatz selbst – am Ägidiengang – steht ein, aus dem 14. Jahrhundert erhaltener, Stadtmauerturm. Er erinnert daran, dass Verräter 1337 in nächster Nähe des heutigen St-Josef-Heims einen unterirdischen Tunnel unter die Stadtmauer gruben, um die Truppen von Kaiser Ludwig dem Bayer, der Regensburg überfallen wollte, einzulassen. In letzter Sekunde konnten sie aber noch von einem Wächter gestoppt werden. 

200 Jahre Streit um den Platz

Fotografie: Gebäude am ÄgidienplatzIm Norden des Platzes befand sich das Dominikanerkloster. Ab dem 19. Jahrhundert diente es auch als katholisches Lyzeum – der Vorläufer des heutigen Albertus-Magnus-Gymnasiums im Stadtwesten. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Dass der Ägidienplatz lange Zeit ein umkämpftes Pflaster war, zeigt ein Konflikt, der sich über Jahrhunderte hinzog: Im Jahr 1548 kam es erstmals zu Auseinandersetzungen zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Das Dominikanerkloster im Norden und der Deutschherrenorden im Süden rahmten den Platz ein, Auslöser für die Streitigkeiten aber war die Anordnung der Stadt, den Schweine- und Pferdemarkt hierher zu verlegen. Die Orden fühlten sich äußert provoziert und die Deutschherren konterten mit dem Neubau einer Mauer und Planken mit Ordenszeichen, die offenbar zu weit auf den Platz hinausreichten. Die Stadt reagierte mit reichsstädtisch gekennzeichneten Planken, woraufhin Bauern im Auftrag des Ordens die städtischen Planken einfach absägten. Sie wurden von den Gegnern wieder aufgestellt und so ging der Streit über 200 Jahre hin und her, bis ihn schließlich 1770 die Stadt für sich entscheiden konnte und das Vorrecht auf den Platz besaß.

Theaterbau sorgt für weiteren Konflikt

Fotografie: Standort des einstigen Ballhauses am ÄgidienplatzHier stand früher das Ballhaus. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Auch der Bau des ehemaligen Ballhauses anlässlich des Immerwährenden Reichstags war Grund für einen Streit. Die Orden wehrten sich vehement gegen dieses Gebäude und richteten sich mit einem persönlichen Schreiben sogar an den Kaiser. Erst als Fürst Alexander Ferdinand von Thurn und Taxis das Haus übernahm, verstummten die Orden. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Ballhaus bis 1804 zu einem erfolgreichen und gut besuchten Hoftheater mit Theodor Freiherr von Schacht als Theaterintendanten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Haus jedoch abgetragen.

Industriestandort

Fotografie: Eine Zeichnung der Rehbach Bleistiftfabrik Eine Zeichnung der Rehbach Bleistiftfabrik © Museen der Stadt Regensburg / Bleistiftzeichnung von Fritz Beyschlag, um 1885

Im Jahr 1834 erwarb Johann Jakob Rehbach das „Neue deutsche Haus“ des Deutschordens für 18.000 Gulden. Mit seiner Bleistiftfabrik führte er das damals größte Industrieunternehmen in Regensburg und konnte ab 1869 jährlich rund 21 Millionen Bleistifte versenden. Die Industriestätte war bis 1934 in Betrieb. 

Blick in den Himmel

Ein besonderes Highlight an diesem Platz ist außerdem die Volkssternwarte Regensburg im Südflügel des ehemaligen Dominikanerklosters. Sie ist die älteste Volkssternwarte in Süddeutschland. Zwischen 1902 und 1905 wurde auf dem Dach des damaligen Lyzeums die Kuppel errichtet. Im Jahr 1920 gründete der Physiker Karl Stöckl dann die Volkssternwarte, die bis heute für Besucherinnen und Besucher zugänglich ist.

Fotografie: Die Sternwarte ist gut erkennbar mit der Kuppel auf dem Dach (1941).Die Sternwarte ist gut erkennbar mit der Kuppel auf dem Dach (1941). © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Im Laufe des 20. Jahrhunderts verlor der Ägidienplatz insgesamt an Bedeutung. Dennoch erinnern die historischen Bauwerke bis heute an seine spannende Vergangenheit. 

Fotografie: Ägidienplatz 1941 Fotografie: Der Blick aus der Marschallstraße auf die St.-Ägidien-Kirche 1942Fotografie: Luftaufnahme des Ägidienplatzes aus dem Jahr 1958Fotografie: Ägidienplatz 1950	Fotografie: Obwohl der Platz nicht groß ist, verfügt er auch über viel Grün.

Text: Lea Dorn

Die Reihe Regensburger Plätze entstand in Kooperation mit Janina Rummel von der Abteilung Welterbekoordination. Weitere spannende Einblicke in das baukulturelle Erbe von Regensburg finden Sie unter www.regensburg.de/welterbe

Weitere Informationen

Quelle

Karl Bauer: Regensburg. Kunst-, Kultur- und Alltagsgeschichte. MZ-Buchverlag 2014.

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Fotografie: Dächerblick über die Innenstadt

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