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„Man muss auch unkonventionelle Lösungen entwickeln“

Ernst Merkel ist ein Urgestein der Stadtverwaltung. Vor 41 Jahren trat er seinen Dienst an, seit 20 Jahren leitet er die Abteilung „Straßenverkehrswesen“ im Amt für öffentliche Ordnung und Straßenverkehr. Ein trockenes Geschäft? Ganz im Gegenteil! Denn der 63-Jährige profitiert im Job von seiner ruhigen Art, seiner Fähigkeit, auf Menschen einzugehen und von einem schweren Schicksalsschlag, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte.

StadtMensch Ernst Merkel - Außendienst
Seit 20 Jahren leitet Ernst Merkel die Abteilung „Straßenverkehrswesen“. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

11. November 2020

Er kennt jede Verkehrsregelung, jede Parkbucht, jeden Zebrastreifen und jedes Straßenschild im Stadtgebiet. Dass das nicht selbstverständlich ist, hat Merkel vor acht Jahren am eigenen Leib zu spüren bekommen. Aus heiterem Himmel riss ihn ein Schlaganfall damals von den Beinen. Linksseitige Lähmung, Beeinträchtigung der Koordination, Sprachstörungen und ein Neglect, bei dem eine Körperhälfte in der Wahrnehmung eingeschränkt war, waren die Folge. „In der Reha sollte ich eine Blumenwiese zeichnen“, erinnert er sich. Dass ich die linke Hälfte des Blattes weiß gelassen habe, ist mir erst aufgefallen, als mich die Therapeutin darauf hingewiesen hat. Mein Gehirn konnte einfach keine Verknüpfung mehr herstellen zu dem, was ich auf dem linken Auge gesehen habe.“

„Bin demütiger geworden“

Auch wenn ihm damals niemand habe sagen können, inwieweit er jemals wieder gesund würde – aufgeben war keine Option für Ernst Merkel! Er kämpfte sich ins Leben zurück und saß zwei Jahre später wieder an seinem Arbeitsplatz. „Das war auf einmal eine völlig andere Welt für mich“, erklärt er. „Ich musste wieder Fahrstunden nehmen, habe aber zum Glück gemerkt, dass ich mich noch in der Stadt auskenne. Das war ja absolut nicht selbstverständlich.“

Er habe aber auch gespürt, dass er sich selber verändert habe. Seine Erkrankung habe ihm vor Augen geführt, wie kostbar das Leben sei und wie schnell es zu Ende gehen könne. „Dadurch wird man schon ein bisschen demütiger. Ich genieße jetzt jeden Augenblick und bin unendlich dankbar, dass ich so gut aus der Sache rausgekommen bin.“

StadtMensch Ernst Merkel - Mobile Display
Das mobile Display ist wirkungsvoller als Tempolimit-Schilder. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Glaubwürdigkeit schafft Vertrauen

Heute merkt man ihm kaum noch etwas von seinen Einschränkungen an. Ernst Merkel wirkt offen, herzlich und ausgeglichen. Die Gelassenheit, die er ausstrahlt, kommt ihm bei seiner Arbeit zugute. Denn bei ihm als Abteilungsleiter, landen die komplizierten Fälle, die häufig auch emotional aufgeladen sind. Wenn beispielsweise in einer Bürgerversammlung hitzig diskutiert wird um Tempobegrenzungen oder Ampelschaltungen, dann kann Merkel seine Stärken ausspielen: Sein Geschick zuzuhören, auf Menschen einzugehen und sachlich und ruhig zu argumentieren. Es sei ungemein wichtig, dem Gesprächspartner die Gelegenheit zu geben, Dampf abzulassen, bevor man in eine sachbezogene Diskussion einsteige, unterstreicht er. Das habe er im Lauf der Jahre gelernt. Wer seinen Emotionen Gehör verschafft habe, der lasse sich viel leichter darauf ein, auch andere Argumente gelten zu lassen.  „Das Schönste für mich ist, wenn jemand sich anfangs sehr aufgeregt hat und dann am Schluss doch in der Lage ist, sich für meine Erläuterungen zu bedanken und zuzugeben, dass es auch eine andere Seite der Medaille gibt“, betont Merkel. „Es macht mir wirklich Spaß, mit Menschen zu reden und etwas zu erklären. Aber ich behalte dabei immer im Hinterkopf, dass es Dinge gibt, die ich nicht ändern kann. Und das sage ich dann auch klar und deutlich. Denn Glaubwürdigkeit schafft Vertrauen.“

Langjährige Berufserfahrung

Zugute kommt ihm dabei seine langjährige Berufserfahrung. „Ich muss kein Aktenstudium betreiben, um eine Situation richtig einzuschätzen, weil ich die Zusammenhänge und die kritischen Punkte kenne.“ Er habe zudem keine Scheu davor, auch mal unkonventionelle Wege zu beschreiten. Als Beispiel führt er die Situation vor der Grundschule St. Konrad an. Weil Eltern befürchteten, radfahrende Kinder könnten von Autofahrern übersehen werden, ließ Merkel große Piktogramme mit dem Gefahrenzeichen „Achtung Kinder“ auf die Fahrbahn kleben und siehe da – die Autofahrer fuhren in der Tat langsamer.

Ein anderes Beispiel ist die Weißenburgstraße. Als dort aus Umweltschutzgründen Tempo 30 eingeführt wurde, habe das anfangs niemanden interessiert. „Die aufgestellten Schilder sind entweder übersehen oder nicht beachtet worden. Autofahrer sind eben Gewohnheitstiere.“ Kontrollen und verhängte Bußgelder sorgten für großen Unmut. Erst als Merkel große Tempo-30-Markierungen auf die Fahrbahn kleben ließ, zeigten die Maßnahmen Wirkung. „Meist ist es eben gar kein böser Wille, sondern einfach Unachtsamkeit, der man auf die Sprünge helfen muss.“

Auch das mobile Display, das Merkel anschaffte, und das temporär dort aufgestellt wird, wo Geschwindigkeitsbegrenzungen missachtet, bzw. neu eingeführt werden, trägt dazu bei, Unfälle zu vermeiden und den CO2-Ausstoß durch hohe Geschwindigkeiten zu minimieren.

StadtMensch Ernst Merkel  -Schulwegbeauftragter
Als Schulwegbeauftragtem liegt Merkel die Sicherheit der Schulkinder sehr am Herzen. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Schulwegbeauftragter

Als städtischer Schulwegbeauftragter ist Merkel außerdem für die Sicherheit der Schulkinder verantwortlich. Gemeinsam mit Vertretern von Schulamt und Polizei eruiert er, welche Strecken auch von ABC-Schützen gefahrlos bewältigt werden können. Dabei sei es wichtig, dass potenzielle Gefahrenstellen zuverlässig erkannt und Sicherungsmaßnahmen, wo möglich, durchgeführt würden, unterstreicht er. Und natürlich gehöre es auch zu seinen Aufgaben, den Sinn der Maßnahmen an Elternbeirat und Schulleitungen zu kommunizieren.

Weil Merkel als kompetenter Ansprechpartner seit jeher geschätzt wird, landen auch einige durchaus skurrile Anfragen bei ihm. So wollte beispielsweise anlässlich des Papstbesuchs im Jahr 2006 eine Anruferin von ihm wissen, ob sie ihr Kind denn während der Messe auf dem Papstfeld zur Welt bringen könne. Das sei ihr sehnlichster Wunsch. Auch da blieb Merkel cool, erklärte, sie müsse sich zwar zuständigkeitshalber an den Veranstalter wenden, aber er könne ihr versichern, dass sie dort medizinisch sicherlich in besten Händen sei, denn an diesem Tag werde die Crème de la Crème der Ärzteschaft dort anwesend sein.

Text: Dagmar Obermeier-Kundel