Bayerns ältester Mithras-Tempel in Regensburg entdeckt

Einen außergewöhnlichen Archäologie-Fund in der Altstadt haben Archäologen ans Tageslicht gebracht. Seine Einzigartigkeit wurde erst auf den zweiten Blick deutlich wurde: Am Stahlzwingerweg befand sich in römischer Zeit ein Heiligtum des Gottes Mithras – das älteste in ganz Bayern!

Fotografie: Vier Herren begutachten die Fundstücke beim Pressetermin zum Mithras-Heiligtum. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

5. Februar 2026

Es begann als Routinefall: Im Zusammenhang mit einem Bauvorhaben am Stahlzwingerweg 6, wo drei Wohnhäuser neu errichtet wurden, führten Archäologen von der Firma ArchäoTeam im Vorfeld die in Regensburg üblichen archäologischen Untersuchungen durch. Wie für einen Standort in der Altstadt von Regensburg zu erwarten, kamen dabei Siedlungsspuren aus der Vorgeschichte, aus der Römerzeit und aus dem Mittelalter zu Tage. Die einzelnen Funde überraschten zunächst nicht. Die Deutung besonders der großen Befunde fiel jedoch schwer, da sie aufgrund der beengten Baugrube nur in mehreren voneinander getrennten Etappen zwischen Frühjahr und Herbst 2023 ausgegraben werden konnten.

Aus Indizien wurde Gewissheit

Fotografie: Fragment eines Weihesteins mit InschriftFragment eines Weihesteins mit Inschrift: Der Erhaltungszustand des Steins macht eine Entzifferung der Inschrift leider unmöglich. © Museen der Stadt Regensburg

Erst bei der Zusammenführung aller Befunde und einer eingehenden Bewertung der Funde durch den Wissenschaftler Dr. Stefan Reuter stellte sich daher heraus, dass sich in römischer Zeit hier ein besonderer Bau befunden haben muss: ein Tempel, der dem orientalischen Gott Mithras geweiht war. Weil das Gebäude ursprünglich aus Holz bestand und dementsprechend wenig davon erhalten war, bestätigte eine Reihe von weiteren Indizien die Vermutung des Wissenschaftlers. So fand man zum Beispiel einen Weihestein, dessen Inschrift allerdings nicht mehr identifizierbar ist. Fragmente von Votivblechen, wie man sie aus anderen Tempeln kennt, ließen sich nachweisen, sowie Beschläge eines Schreins. Münzfunde halfen bei der Datierung: Das Heiligtum stammt demnach aus der Zeit des Kohortenkastells in Kumpfmühl und der zugehörigen Donausiedlung zwischen 80 und 171 nach Christus, also noch vor Gründung des Legionslagers.

Rituelle Gelage gehörten zum Mithras-Kult

Speziell auf den bis heute geheimnisumwobenen Mithras-Kult hin wiesen Scherben eines Keramik-Topfes mit Verzierungen in Schlangenform, Räucherkelche und Henkelkrüge. Unter römischen Legionären war dieser Kult um die Lichtgestalt und den ‚Erlöser‘ durchaus verbreitet. Fachleute wissen, dass zur Verehrung des Gottes Mithras rituelle Gelage gehörten – deshalb die Trinkgefäße. Maximilian Ontrup, Experte für provinzialrömische Archäologie bei den Museen der Stadt Regensburg, ordnet ein: „Der Fund ist gleich zweifach singulär: Zum einen ist das Regensburger ‚Mithräum‘ das erste Heiligtum aus römischer Zeit, das überhaupt in der Altstadt identifiziert wurde. Und überregional ist es das älteste von insgesamt neun, die in Bayern bisher entdeckt worden sind.“ Die Blütezeit des Mithras-Kults beginnt nämlich erst in späterer Zeit, ab dem Ende des 2. Jahrhunderts, bevor er im Laufe des 4. und frühen 5. Jahrhunderts – wie andere Kulte auch – vom Christentum verdrängt wurde.

Fotografie: Fragmente von TongefäßenFotografie: Münze mit Abbildung von Kaiser Hadrian Fotografie: Fragment eines Votivblechs

Wichtigste „Neuentdeckung“ der letzten zehn Jahre

Die Auffindung des „Mithräums“ kann daher als eine der wichtigsten Neuentdeckungen zum römischen Regensburg in den letzten zehn Jahren betrachtet werden. Sie bietet wichtige neue Einblicke in die Struktur und Geschichte der insgesamt immer noch relativ wenig erforschten Donausiedlung. Die Bedeutung des Fundes reicht aber außerdem auch weit über die Stadt hinaus. Denn das „Mithräum“ und sein Inventar liefern wesentliche neue Erkenntnisse zu Kultpraxis und Kultgeschehen und damit zum Verständnis des immer noch geheimnisvollen Mithras-Kults um den Erlösergott Mithras insgesamt.

Funde sollen zum Leben erweckt werden

Fotografie: Luftbild des Grabungsareals am StahlzwingerwegLuftbild des Grabungsareals am Stahlzwingerweg © ArchäoTeam, Regensburg

Aufgrund der herausragenden Bedeutung der Funde vom Stahlzwingerweg wurde in Kooperation zwischen der Stadt Regensburg und dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege gemeinsam ein Projekt zur Auswertung finanziert, das noch weiter fortgeführt wird. Die geborgenen Objekte werden vom Bauherren und Initiator der Grabung, der SDI GmbH, den Museen der Stadt Regensburg übergeben. Hier werden sie in Zukunft auf Grundlage der laufenden wissenschaftlichen Auswertung einen wichtigen Bestandteil innerhalb des neuen Museumskonzepts bilden. Museumsleiter Dr. Sebastian Karnatz freut sich auf die damit verbundene Herausforderung: „Wir werden die zunächst unspektakulär erscheinenden Fundstücke kontextualisieren, visualisieren und dadurch zum Sprechen bringen. Der Aufwand wird sich lohnen: Die Funde des ‚Mithräums‘ im Museum werden das Bild vom römischen Regensburg um eine wesentliche Facette bereichern.“

Text: Matthias Freitag / Claudia Biermann

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