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Corona-Schutz im Johannesstift: Ein Spagat zwischen Sicherheit und Freiheit

Die Infektionszahlen haben sich in Deutschland auf einem niedrigen Niveau eingependelt, die strengen Corona-Auflagen werden nach und nach gelockert. Davon profitieren auch die Alten- und Pflegeheime. Dennoch bleibt das Risiko bestehen. Ein Spagat zwischen Sicherheit und Freiheit, vor dem auch das Johannesstift in Regensburg steht.

Johannesstift außen

22. Juli 2020

Ein freier Zugang zum Heim ist derzeit immer noch nicht möglich. Besucher müssen an der Pforte klopfen. Sind sie angemeldet, dürfen sie eintreten und müssen sich im Eingangsbereich als erstes die Hände desinfizieren. Anschließend tragen sie ihre Kontaktdaten in einen bereit liegenden Bogen ein, erhalten einen Mund-Nasen-Schutz und einen sterilen Kittel. Pro Stockwerk dürfen jeweils fünf Besucher am Tag zeitversetzt für jeweils eine Dreiviertelstunde zu einem Angehörigen auf dessen Zimmer. Für die Bewohnerinnen und Bewohner des Johannesstifts bedeutet dies im Vergleich zur Zeit des Lockdowns schon eine gewaltige Verbesserung. Bis vor Kurzem waren Besuche auf dem Zimmer überhaupt nicht möglich, erzählt Heimleiter Frank Steinbüchel. „Als die erste Welle auf uns zugerollt ist, da haben wir schnell reagiert und noch vor den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts unser Heim geschlossen. Wir haben die Mundschutzpflicht eingeführt, alle Gemeinschaftsveranstaltungen abgesagt und Besucher nur noch in palliativen Situationen zugelassen, selbstverständlich auch dann nur noch mit der entsprechenden Schutzausrüstung.“ Es wurde regelmäßig Fieber gemessen, bei Verdacht auf eine Infektion sofort ein Test durchgeführt; die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden angehalten, das Risiko einer Ansteckung so weit wie möglich zu minimieren. „Und da haben wirklich alle mitgezogen“, bekräftigt Pflegedienstleitung Manuela Kurz, die Stellvertreterin des Heimleiter: „Wir sind bis heute ohne einen einzigen Corona-Fall durchgekommen.“

Körperliche Zuwendung und Haarefärben

Doch der Schutz der Gesundheit der Bewohnerinnen und Bewohner war nur die eine Seite. Es galt auch die andere zu bedenken: Wie können wir verhindern, dass sich die Menschen eingesperrt fühlen und vereinsamen? Wie können wir das Bedürfnis nach Kontakten und menschlicher Nähe trotzdem befriedigen? Wie schaffen wir es, dass das Leben im Heim trotz aller Infektionsschutzmaßnahmen lebenswert bleibt? – Gemeinsam mit der stellvertretenden Pflegedienstleiterin Kathrin Plättner und Qualitätsmanagerin Gabriele Stiglmeier, diskutierten Steinbüchel und Kurz verschiedene Varianten. Sie entschieden sich für eine Gruppenisolation und damit bewusst dagegen, die Bewohnerinnen und Bewohner einzeln auf ihren Zimmern zu isolieren. „Wir haben nach außen alles geschlossen, aber den Kontakt nach innen soweit wie möglich aufrechterhalten“, fasst Steinbüchel zusammen. Dazu gehörte, dass die einzelnen Wohngruppen offen blieben. Die Bewohnerinnen und Bewohner hatten weiterhin untereinander und zu ihren festen Betreuern Kontakt. Alle Querverbindungen innerhalb des Hauses wurden hingegen komplett zurückgefahren. Gottesdienste fanden getrennt in den WGs statt, Personal wurde nicht mehr ausgetauscht, die Wege der Lieferanten wurden rigoros eingeschränkt, um Ansteckungen so weit wie möglich auszuschließen.

Corona-Schutz im Johannesstift - Zuwendung
Mit viel Zuwendung versuchen die Pflegekräfte die Einschränkungen zu kompensieren. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Ausreichend Schutzausrüstung vorhanden

Mittlerweile ist die Verfügbarkeit von Schutzausrüstung kein Thema mehr. Zu Beginn der ersten Welle habe sie allerdings schon schlaflose Nächte gehabt, erzählt Manuela Kurz. Auch dank ihrer jahrelang gepflegten Kontakte sei aber immer ausreichend Material vorhanden gewesen. Als der Katastrophenschutz die Koordination übernommen habe, habe sie wieder durchschnaufen können. Eine Lehre hat sie allerdings aus der Situation im März gezogen: Die Vorräte bleiben aufgestockt. Denn noch ist die Gefahr ja nicht gebannt!

„Helden des Alltags“

Das gesamte Personal sei in den letzten Monaten über sich hinausgewachsen, stellen Steinbüchel, Kurz und Plättner übereinstimmend fest. Über Jahre gewachsene Beziehungen zu den Heimbewohnern seien noch weiter intensiviert worden. Körperliche und seelische  Zuwendung, die sonst von den Angehörigen kommt, übernahm das Personal, das auch für weitere Annehmlichkeiten zuständig war: Die Sahnetorten, die sonst das hauseigene Café anbietet, wurden auf die Stationen geliefert. Frische Blumen sorgten für farbenfrohe Akzente. Auch Dienstleistungen wie beispielsweise Fußpflege, Maniküre oder eine neue Frisur übernahmen die Pflegefachkräfte. „Ich hab sogar angefangen, Haare zu färben“, erzählt Plättner. Eine Station wurde von der Schwester einer Bewohnerin als „Helden des Alltags“ bei Radio Charivari vorgeschlagen. Der errungene Preis, das „Heldenfrühstück“, habe fast das gesamte Heim sattgemacht, erzählt Plättner voller Stolz.

Corona-Schutz im Johannesstift - Ambiente
Schönes Ambiente: Auch in Corona-Zeiten kann man sich im Johannesstift wohlfühlen. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Information und Transparenz

Ganz wichtig war der Stiftungs- und Heimleitung stets die Information von Mitarbeitern, Angehörigen und natürlich den Bewohnern selbst. Eine größtmögliche Transparenz aller Maßnahmen sollte Vertrauen aufbauen und einer Verunsicherung auf allen Seiten vorbeugen. Dies scheint auch gelungen zu sein, denn das positive Feedback war groß und viele Angehörige hätten ihre Zustimmung zu den Maßnahmen deutlich signalisiert, betont der Heimleiter, „auch wenn es natürlich immer Menschen gibt, denen es mit den Lockerungen nicht schnell genug geht“.

Dennoch sei der erste Schritt der Öffnung ein bedeutender Einschnitt gewesen. Ein Raum im Erdgeschoß mit großem Fenster nach draußen ermöglichte in den Wochen nach dem strengen Lockdown erste Kontakte – zumindest auf Distanz. „Das war extrem wichtig, dass sich die Familienmitglieder überzeugen konnten, dass es ihren Angehörigen gut geht. Denn die Situation hat verständlicherweise alle total verunsichert“, so Kurz. Und trotz aller Fürsorge hätten gerade Menschen mit einer dementiellen Erkrankung, die die Notwendigkeit der Maßnahmen nicht begreifen konnten, extrem gelitten. Da halfen auch technische Möglichkeiten wie der Kontakt über Smartphone und Tablets, die deutlich ausgeweitet wurden, nur bedingt.

Corona-Schutz im Johannesstift - Mitarbeiter
Heimleiter Frank Steinbüchel, seine Stellvertreterin Manuela Kurz und die stellvertretende Pflegedienstleiterin Kathrin Plättner (von links) ist das Wohl der Bewohnerinnen und Bewohner ein wichtiges Anliegen. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Weitere Lockerungen

Deshalb hat das Heim jetzt einen weiteren Schritt in Richtung Lockerung getan. Persönlicher Kontakt ist wieder möglich, allerdings müssen die wichtigsten Regeln eingehalten werden: Abstand, Maske, Desinfektion. Auch wenn sich dadurch das Risiko natürlich erhöht, ist sich die Heimleitung sicher, dass sie den richtigen Weg eingeschlagen hat

Die Wachsamkeit bleibt dennoch weiter bestehen, sie ist vielleicht noch größer geworden, denn die Corona-Krise hat die Bewohner und das Pflegepersonal noch weiter zusammengeschweißt und niemand möchte derjenige sein, der das Virus ins Heim einschleppt.

Text: Dagmar Obermeier-Kundel