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Der städtische Winterdienst – differenziert, nachhaltig und künftig auch smart

Wenn Frau Holle wieder mal ihre Kissen aufschüttelt, dann rückt der städtische Winterdienst aus, damit Autofahrer, Radler und Fußgänger sicher und ohne Behinderungen von A nach B kommen. Verkehrssicherheit ist aber nur ein Punkt, der bei der Planung berücksichtigt werden muss. Worauf es zusätzlich ankommt, erklärt Amtsleiter Dr. Christian Herr im 507-Gespräch.

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Die Stadt Regensburg verfolgt das Prinzip eines „differenzierten“ Winterdienstes. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

8. Dezember 2021

Herr Dr. Herr, die Winterdienstplanung ist eine logistische Meisterleistung. Was müssen Sie alles dabei bedenken?

Wir verfolgen das Prinzip eines „differenzierten Winterdienstes“. Das bedeutet, dass unsere Planung auf drei Säulen beruht: Verkehrssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz. Natürlich ist es wichtig und zielführend, dass der Verkehr möglichst störungsfrei abgewickelt werden kann. Wir müssen unmittelbar und schnell auf Schnee und Eis reagieren können. Aber wir dürfen natürlich auch nicht vergessen, dass alles wirtschaftlich ablaufen muss. Und last not least ist der Umweltschutz ein wichtiger Punkt, den man nicht übersehen darf. Dabei spielt zum einen der Wandel der klimatischen Bedingungen eine Rolle, weil wir mit tendenziell steigenden Niederschlagsmengen im Winter rechnen müssen. Das hat ja schon die nähere Vergangenheit gezeigt. Zum anderen achten wir natürlich darauf, dass so wenig wie möglich Schmutz- und Schadstoffe in die Umwelt gelangen.

Dr. Christian Herr 1 - Porträt hoch
Dr. Christian Herr © Tino Lex

Aber auf Salz als Taumittel wird nicht vollständig verzichtet?

Wir richten unsere Planung an den Empfehlungen des Bayerischen Landesamts für Umwelt aus, die einen verringerten Einsatz von Salz vorsehen, und zwar abhängig von der jeweiligen Situation. Wir bevorzugen dabei Feuchtsalz auf der Basis von Natriumchlorid.

 

Welche Vorteile hat das?

Trockensalz besteht aus mindestens 94 Prozent herkömmlichem Kochsalz. Das Feuchtsalz, das wir verwenden, besteht aus 70 Prozent Trockensalz, gemischt mit 30 Prozent Sole, die in der empfohlenen Konzentration von 22 Prozent verwendet wird. Das hat natürlich zunächst mal den Vorteil, dass die benötigte Salzmenge reduziert werden kann. Ebenso setzt sich das Feuchtsalz in die Poren von Beton und Asphalt und verhindert so die Bildung von Eisschichten. Gleichzeitig bleibt die Mischung besser auf der Fahrbahn haften und die Tauwirkung setzt unmittelbar ein.

 

Lässt sich der Einsatz von Salz noch weiter reduzieren?

Zunächst mal: Die Stadt Regensburg muss ihrer Verkehrssicherungspflicht nachkommen. Das bedeutet, dass wir den gesetzlichen Auftrag haben, bei widrigen Witterungsverhältnissen für sichere Straßenverhältnisse zu sorgen. Wir bemühen uns aber im Rahmen unserer personellen Möglichkeiten, verstärkt zu räumen, um so unnötiges Ausbringen von Salz zu vermeiden.

Gibt es denn weitergehende Planungen, wie der Winterdienst noch umweltfreundlicher gestaltet werden könnte?

Ja, hier sind wir durchaus in einem Entwicklungsprozess. Zum einen besteht die Option, reine Sole zu verwenden. Das würde den Salzverbrauch weiter erheblich senken. Vorstellbar ist auch die Beschaffung von Salz- bzw. Sole-Produkten im Rahmen eines Zero-Waste-Ansatzes. Sie haben vielleicht schon in den Medien davon gehört, dass auch das Wasser, das bei der Produktion von Essiggurken entsteht, als Streumittel verwendet werden kann. Denkbar wäre aber ebenfalls der Einsatz von Calciumchlorid-Sole, die als Nebenprodukt der Rauchgasreinigung anfällt. All das sind Möglichkeiten, die wir geprüft haben. Eine mögliche Umsetzung würde gleichwohl Investitionen in die Winterdienstfahrzeuge sowie die dahinterliegende Logistik nach sich ziehen.

Es sind ja auch die Eigentümerinnen und Eigentümer von bebauten oder unbebauten Grundstücken im Stadtgebiet verpflichtet, Gehwege und angrenzende Straßen ohne Gehweg zu räumen und zu streuen. Gleiches gilt natürlich auch für private Flächen. Gibt es hier Tipps und Ratschläge für einen umweltfreundlichen Winterdienst?

Ich denke, wir müssen noch mehr Aufklärungsarbeit leisten, dass die Verwendung von Auftaumitteln wie Salz generell untersagt ist. Hier gibt es nur eine Ausnahme bei Treppen, extremen Steigungen und bei Glatteis. In solchen Fällen darf dem Streusplitt oder Sand maximal 25 Prozent Auftaumittel beigemischt werden. Aber auch im Privaten sollte man über alternative Streumittel, wie beispielsweise Kaffeesatz, Asche, Sägespäne oder ähnliches nachdenken, sofern sich es anbietet.

 

Mit Smart City soll unsere Stadt fit für die Zukunft gemacht werden. Ist das auch ein Thema im Bereich des Winterdienstes?

Ja, durchaus! Künftig wollen wir die Straßen im Stadtgebiet mit digitaler Unterstützung noch differenzierter und nachhaltiger bewirtschaften. Durch eine stärker datengestützte Bewirtschaftung der Straßen im Winterdienst lassen sich beispielsweise Salzmengen noch präziser ausbringen. Vielleicht greift hier der Vergleich zum Geo-Farming, bei dem Düngeeinsätze optimiert werden. Ebenso streben wir an, die Bürgerinnen und Bürger stärker an dem Geschehen des Winterdienstes teilhaben zu lassen. Auch das Zusammenspiel zwischen Winterdienstleistungen der Kommune und privatwirtschaftlicher Anbieter lässt sich eventuell stärker verzahnen. 

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Auch wenn der Split auf den Gehwegen im Frühjahr stört – oft ist der Winter eben noch nicht vorbei. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Abschließend noch eine Frage zum Streusplitt, der im Frühjahr noch lange auf den Gehwegen herumliegt und manch einen stört. Könnte man ihn nicht zügiger beseitigen?

Hier müssen wir zwei Aspekte berücksichtigen. Einerseits liegt es manchmal einfach an den personellen Kapazitäten, dass es etwas dauert, bis wir im Frühling alle Geh- und Radwege vom Split, den wir Riesel nennen, befreit haben. Das Wegenetz ist einfach zu umfangreich um bei den ersten Sonnenstrahlen alles auf einmal zu erledigen. Es gibt aber noch einen anderen Punkt: Gerade der letzte Winter hat gezeigt, dass Schnee und Eis auch Ende März noch einmal zurückkehren können. Es wäre nicht wirtschaftlich, wenn wir das Streugut zu früh entfernen, nur um es dann ein paar Wochen später wieder komplett neu ausbringen zu müssen.

 

Vielen Dank, Herr Dr. Herr, für dieses Gespräch!

Text und Interview: Dagmar Obermeier-Kundel