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„Jetzt kann ich endlich offiziell loslegen“

Schon oft wurde sie in den vergangenen drei Jahren fälschlicherweise als „Frau Oberbürgermeisterin“ angesprochen – nun hat die bisherige Vertreterin das Amt des Stadtoberhauptes auch ganz offiziell inne.

Gertrud Maltz-Schwarzfischer mit Blumenstrauß
Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer © Bilddokumentation Stadt Regensburg

7. April 2020

aktualisiert am 19. Mai 2020

Wie Gertrud Maltz-Schwarzfischer die ersten Tage seit ihrem offiziellen Amtsantritt am 1. Mai erlebt hat und welche Schwerpunkte sie in ihrer Arbeit setzen wird, verrät sie im Interview.

Frau Maltz-Schwarzfischer, Sie waren bereits in den vergangenen sechs Jahren Sozialbürgermeisterin und haben zudem fast dreieinhalb Jahre lang stellvertretend die Amtsgeschäfte des suspendierten Oberbürgermeisters Joachim Wolbergs geleitet. Verändert sich durch Ihr neues Mandat überhaupt etwas in Ihrem Arbeitsalltag?

Natürlich sind mir die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Oberbürgermeister-Büros und die dazugehörigen Amtsgeschäfte und Projekte in den letzten Jahren sehr vertraut geworden. Ich musste mich damals innerhalb kürzester Zeit in unzählige neue Themen einarbeiten, die Führung der Verwaltung übernehmen und gleichzeitig ja auch noch mein Amt als zweite Bürgermeisterin weiter ausfüllen. Das war eine unglaubliche Herausforderung. Aber die Erfahrungen, die ich dabei sammeln konnte, kommen mir jetzt natürlich zugute: Ich kann direkt ohne größere Einschnitte meine Arbeit weiter fortführen, nur dass ich nun viel größere Handlungsspielräume habe. Als demokratisch legitimierte Oberbürgermeisterin kann ich jetzt wesentlich besser meine eigenen Ideen und Ziele einbringen und entsprechende Schwerpunkte setzen. Zudem habe ich nun doppelt so viel Zeit dafür, da wir die Arbeitslast der Stadtspitze nun ja endlich wieder auf drei Schultern verteilen und ich mich so mit all meiner Energie auf ein einziges Amt konzentrieren kann.

Die anderen Schultern gehören Dr. Astrid Freudenstein als zweiter Bürgermeisterin und Ludwig Artinger als drittem Bürgermeister. Was wünschen Sie sich für die Zusammenarbeit der neuen Stadtspitze?

Ich freue mich sehr, künftig zwei so engagierte und fähige Persönlichkeiten an meiner Seite zu haben. Sowohl Frau Dr. Freudenstein als auch Herrn Artinger kenne und schätze ich bereits seit Jahren als Stadtratskollegen und freue mich darauf, vertrauensvoll und konstruktiv mit ihnen zusammen zu arbeiten. Mit unserer „Koalition der Verantwortung“ haben wir einen gemeinsamen Nenner gefunden, mit dem wir alle sehr zufrieden sind und die nächsten Jahre, die sicher nicht einfach werden, gemeinsam tatkräftig stemmen können. Unser neuer Stadtrat ist nun deutlich jünger, mit vielen neuen Gesichtern, frischem Wind und guten Ideen. Zusammen mit unseren erfahrenen „alten Hasen“ werden wir alles geben, um Regensburg trotz der Corona-Krise weiterhin wirtschaftlich, sozial und kulturell zukunftsfähig zu halten.

Welche Schwerpunkte möchten Sie in den nächsten sechs Jahren setzen?

Es gibt viele Bereiche, die mir sehr am Herzen liegen. Als ehemalige Sozialbürgermeisterin werde ich auch in meinem neuen Amt darauf achten, dass in einer reichen Stadt wie Regensburg niemand abgehängt wird. Das ist in der momentanen Situation sogar noch wichtiger als vor der Corona-Pandemie, denn die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise werden uns zwingen, viele Projekte aus den Wahlprogrammen auf den Prüfstand zu stellen. Trotzdem müssen wir Obdachlose schützen, Flüchtlingen einen sicheren Hafen bieten und Projekte fördern, die Menschen am Rande der Gesellschaft unterstützen. Auch für die Themen Familienfreundlichkeit, Bildung und Kinderbetreuung werde ich mich weiterhin einsetzen. Der Verkehr muss zukunftsfähig geplant werden und natürlich ist mir die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum sehr wichtig. Hier müssen wir verstärkt in die Höhe denken und weniger Reihen- und Doppelhäuser, sondern deutlich mehr Etagenwohnungen bauen. Grundstücke sollen künftig nur noch im Erbbaurecht vergeben und der kommunale Wohnungsbau gestärkt werden. Die Regensburger Altstadt als Identifikationsort für alle Regensburgerinnen und Regensburger soll autofrei werden, mit mehr Grün und auch mehr Wasser. Vor allem aber soll die Altstadt attraktiv und lebendig bleiben, ein Ort zum Leben, für Handel und Gewerbe, zum Einkaufen, Flanieren und auch zum Zusammenkommen und Feiern. Dazu gehört übrigens auch ein repräsentativer Stadteingang am Hauptbahnhof mit einem gut funktionierenden ZOB in einer sicheren, einladenden Umgebung.

Stichwort ÖPNV und Verkehr – welche Pläne habe Sie hier für Regensburg?

Die Altstadt wird natürlich nicht von heute auf morgen autofrei, dazu muss ein Gesamtkonzept gemeinsam mit allen Beteiligten erarbeitet werden. Gleichzeitig müssen wir den Busverkehr deutlich attraktiver und günstiger machen, Bahnhaltepunkte und Park-and-Ride-Parkplätze besser ans Busnetz anbinden und so den Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn erleichtern. Auch die Stadtbahn ist hierfür ein wichtiger Baustein, da sie eine Taktung und eine Kapazität an Passagieren stemmen kann, die wir mit Bussen nie schaffen würden. Zudem muss das Radwegenetz deutlich ausgebaut werden. All das wird auch Teil des Stadtentwicklungsplans, der gerade fortgeschrieben wird, und auch des regionalen Entwicklungsplans, der aktuell gemeinsam mit dem Landkreis erarbeitet wird.

Angesichts der Krise der Automobilindustrie und der aktuellen Corona-Pandemie sind einige wichtige Industriezweige in Regensburg bedroht. Wie wollen Sie für wirtschaftliche Stabilität sorgen?

In der Tat sehen die Prognosen aktuell nicht mehr so rosig aus wie noch vor wenigen Jahren. Daher werde ich mich dafür einsetzen, dass wir auch in Zukunft wirtschaftlich möglichst breit aufgestellt sind und unterschiedlichsten Branchen eine Heimat bieten. Dafür haben wir mit unseren drei Hochschulen und zahlreichen Forschungseinrichtungen und auch mit unserer Clusterpolitik und Gründerszene beste Voraussetzungen. Auf viele Entwicklungen haben wir als Kommune keinen Einfluss. Aber jetzt in der Corona-Krise können wir immerhin ganz konkret die Rahmenbedingungen vor allem für diejenigen schaffen, die nicht zu den Großen gehören und die bei den staatlichen Förderprogrammen durchs Raster fallen. Und schon jetzt müssen Modelle entwickelt werden, wie nach der Krise gehandelt werden kann, an welchen Stellen wir helfen können und müssen, damit Regensburg der blühende Wirtschaftsstandort bleibt, der es in den letzten Jahrzehnten geworden ist.

 

Sie sind nun auch Chefin einer Stadtverwaltung mit rund 3700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Welche Herausforderungen sehen Sie in diesem Bereich?

Ich habe die Verwaltung in den letzten sechs Jahren als außerordentlich kompetent und engagiert erlebt. Als Chefin trage ich natürlich auch eine große soziale Verantwortung für die Beschäftigten. Künftiges Ziel ist es beispielsweise, keine sachgrundlosen Befristungen von Arbeitsverträgen mehr zuzulassen, inklusive Arbeitsplätze auszubauen und darauf hinzuarbeiten, alle städtischen Gebäude wieder ausschließlich von internen Kräften reinigen zu lassen. Gleichzeitig müssen wir in vielen Bereichen dem Fachkräftemangel entgegenwirken und weitere Möglichkeiten finden, wie wir als Arbeitgeber attraktiv bleiben.

Interview: Kristina Kraus