Navigation und Service

„Mit 15 Jahren habe ich den ersten Verstorbenen angekleidet“

Die 17-jährige Marie Gmeiner macht eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. Bei einem Spaziergang über die Friedhöfe am Dreifaltigkeitsberg erzählt sie, wie ihr Arbeitsalltag aussieht, was das Schöne an ihrem Beruf ist und wie es war, die Bestattung ihres Opas zu organisieren.

StadtMensch Marie Gmeiner - Aufmacher
Der liebste Arbeitsort von Marie Gmeiner sind die Friedhöfe am Dreifaltigkeitsberg. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

18. Oktober 2022

Mit ihren blonden langen Haaren würde wohl niemand auf die Idee kommen, in welchem Bereich die 17-jährige Marie Gmeiner ihre Ausbildung macht: Sie wird Bestattungsfachkraft. Eine der häufigsten Fragen, die sie bei ihrem Beruf gestellt bekommt, ist: Wie kommt man als 15-Jährige auf die Idee, ins Bestattungswesen zu gehen? Dazu lässt sich sagen: über einen kleinen Umweg. Eigentlich hatte Marie Gmeiner vor, Erzieherin zu werden. Sie hatte auch schon zwei Praktika im Kindergarten absolviert. Das hat aus verschiedenen Gründen jedoch nicht geklappt.

Von ihrem Vater, der selbst bei der Stadt Regensburg tätig ist, hat sie dann erfahren, dass es noch freie Ausbildungsplätze im Bestattungswesen gibt. Nach kurzer Zeit war für Marie klar: Hier möchte sie sich bewerben. Ihre Eltern standen voll und ganz hinter der Entscheidung ihrer Tochter: „Sie wollten, dass ich auf jeden Fall einen Ausbildungsplatz bekomme und nicht nur daheimsitze“, erzählt sie. Die Reaktionen bei ihren Freundinnen und Freunden fielen da schon gemischter aus. „Ein paar waren wirklich überrascht von meiner Berufswahl, andere fanden das aber auch interessant und haben positiv darauf reagiert.“

StadtMensch Marie Gmeiner - Trauerhalle Dreifaltigkeitsberg
Die Trauerhalle auf dem Dreifaltigkeitsberg © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Jedes Trauergespräch ist einzigartig

Nach der Bewerbungsfrist wurden alle Bewerberinnen und Bewerber zu einem Praktikumstag eingeladen. Auf dem Programm standen zwei Aufgaben: Ein Trauergespräch führen und einen Verstorbenen einkleiden. Das war das erste Mal, dass die damals 15-jährige einen toten Menschen sah. Doch Gmeiner überzeugte bei beiden Aufgaben. So konnte sie sich nach einem weiteren persönlichen Vorstellungsgespräch letztlich den Ausbildungsplatz sichern und ist nun seit August 2021 Auszubildende bei der Stadt.

Auch während ihrer Ausbildung gehört das Führen von Trauergesprächen zum Berufsalltag von Marie Gmeiner. Doch diese Tätigkeit sei abwechslungsreich und fordernd. „Oft weiß ich in der Früh nicht, was mich am Nachmittag erwartet“, sagt sie. Wer kommt heute zum Trauergespräch? Wie gehen die Hinterbliebenen mit dem Tod des Angehörigen um? War es ein überraschender Tod oder haben die Angehörigen das Ableben schon erwartet? All diese Fragen lassen sich erst im Gespräch beantworten und machen damit jedes Trauergespräch einzigartig.

Anfangs hat sie ihren Kolleginnen und Kollegen über die Schulter geschaut und lediglich kleinere Aufgaben, wie das Heraussuchen von Sterbebildern, übernommen. Mittlerweile führt sie die Gespräche alleine. Dabei sitzt sie den unterschiedlichsten Menschen gegenüber. Vor Kurzem war es ein junger Mann, dessen Vater überraschend gestorben ist, aber auch Eltern, die ihr Kind noch vor der Geburt verlieren, oder Seniorinnen, die ihre Ehemänner nach jahrzehntelanger Ehe gehen lassen müssen; all diese Menschen berät und unterstützt Marie in ihrer Trauer und den Fragen rund um die Bestattung. Welche Art von Bestattung soll es sein? Eine Erd- oder Feuerbestattung? Wann ist ein passender Termin? Welches Bild eignet sich als Sterbebild? Soll eine Todesanzeige in die Zeitung? Welchen Blumenschmuck soll es geben? Wie soll der Sarg oder die Urne aussehen? Soll Musik gespielt oder eine Rede gehalten werden? Bei all diesen Fragen hilft und berät Marie Gmeiner. Üblicherweise dauern Trauergespräche zwischen anderthalb und zwei Stunden, da es zahlreiche Dinge gibt, die es zu entscheiden gilt. „Bisher haben die Trauernden sehr positiv darauf reagiert, dass ich so jung bin“, sagt die Auszubildende. Lediglich einmal kamen Eltern, deren Tochter verstorben ist. Für sie war es nicht möglich, mit Marie Gmeiner zu sprechen – hier mussten die Kollegen das Gespräch übernehmen.

Doch nicht nur Gespräche nach einem Todesfall führt sie. Bei den sogenannten Vorsorgegesprächen klärt Marie all diese Fragen bereits im Voraus mit der Person selbst. Hier eröffnet sich die Möglichkeit, einen Großteil der Organisation für die eigene Bestattung selbst in die Hand zu nehmen und zu entscheiden. Üblicherweise ist die Stimmung bei einem Vorsorgegespräch deutlich lockerer und die Menschen sind beruhigt, wenn sie wissen, dass schon vor ihrem Tod alles organisiert ist.

StadtMensch Marie Gmeiner - BlumenschmuckAuch das Platzieren und Drapieren des Blumenschmucks auf dem Grab gehört zu den Aufgaben von Marie Gmeiner. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

„Man darf nichts mit nach Hause nehmen“

„Es gibt eine Sache, die unerlässlich ist, wenn man im Bestattungswesen arbeiten möchte“, sagt Marie Gmeiner, „man muss gut abschalten können und darf nichts mit nach Hause nehmen.“ Sie selbst treffe sich in ihrer Freizeit mit Freundinnen und Freunden oder veranstalte Spieleabende mit ihrer Familie, um die mitunter schweren Schicksale verarbeiten zu können. Natürlich ist sie in ihrem Arbeitsalltag viel von trauernden Menschen umgeben, doch es gibt auch genügend Platz für Lebensfreude und Spaß. „Bei uns wird auch gelacht“, bekräftigt die Auszubildende. Man benötige aber ein ausgeprägtes Feingefühl, um den richtigen Ton zu treffen oder zu wissen, wann es angebracht ist, einen Spaß zu machen. Sie müsse sich auf ihr Gegenüber einstellen können und sensibel sein. Manche Trauernde bringen etwa das Wort „Trauerhalle“ nicht über die Lippen und sprechen stattdessen von „Feierhalle“. Dann gibt es andere, die den Tod ihrer Angehörigen anders verarbeiten und makaber sagen: „Dann kommt die Oma in den Kühlschrank.“

StadtMensch Marie Gmeiner - Feuerbestattung
Immer mehr Menschen wollen eine Feuerbestattung – für Marie Gmeiner kommt das nicht infrage. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Pläne für die eigene Beerdigung

Ihrem eigenen Tod blickt sie verhältnismäßig nüchtern und ohne Angst entgegen. „Zum Leben gehört auch das Sterben. Der Tod ist etwas vollkommen Natürliches und nichts Schlimmes“, sagt sie im Gespräch. An dieser Einstellung habe sich seit ihrer Ausbildung nichts verändert. Anders sieht es mit ihrer eigenen Bestattung aus; durch zahlreiche Bestattungen, die sie mittlerweile begleitet hat, hat sie gewissermaßen „Inspiration“ bekommen. Sie möchte in einem weißen Sarg mit royalblauen Blumen bestattet werden – eine Feuerbestattung komme für sie nicht infrage.

Besonders gut an ihrem Beruf gefalle ihr die Abwechslung. „Es gibt wirklich keinen Tag, der dem anderen gleicht“, sagt sie. Auch der Kontakt mit den Menschen, sei es in ihrem Büro im BVZ (Bürger- und Verwaltungszentrum) oder bei Hausbesuchen für Trauergespräche, macht ihr Spaß. „Ich möchte einfach nicht jeden Tag nur am PC sitzen“, erzählt sie. Deswegen zählt die Schreibarbeit am Computer zu den Aufgaben, die sie weniger gerne macht. Lieber kleidet sie die Verstorbenen an und richtet sie noch einmal schön her. Gerade die direkte Arbeit am Friedhof auf dem Dreifaltigkeitsberg mache ihr besonders viel Spaß. Dazu gehört etwa auch das Prüfen verschiedener Daten im Krematorium, bevor der Holzsarg ins Feuer fährt.

„Ich habe die Bestattung meines Opas geplant“

Dieses Jahr hat Marie auch eine ganz besondere Bestattung organisiert: die ihres eigenen Opas. „Meine Oma hat sich gewünscht, dass ich das übernehme.“ Und das hat Marie Gmeiner dann auch gemacht. Bei der Bestattung selbst war sie dann in der typischen Uniform mit Kappe und Anzug. Die Frage, ob das nicht bedrückend oder schwierig gewesen sei, sich in einer Doppelrolle als trauernde Enkelin und Bestattungsfachkraft zu befinden, verneint Gmeiner. „Ich habe gewusst, wie es geht und daher habe ich das auch übernommen.“ Das sei für sie selbstverständlich.

Die Frage, ob sie sich vorstellen könne, nach ihrer Ausbildung im Bestattungswesen der Stadt zu bleiben, bejaht Marie Gmeiner klar. „Mir gefällt’s wirklich gut und aktuell ist es das, was ich machen möchte.“

Text: Franziska Lambert