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15 Jahre Jobcenter Stadt Regensburg

15 Jahre ist es mittlerweile her, dass die Stadt Regensburg und die Agentur für Arbeit gemeinsam das Jobcenter, damals unter dem Namen Arbeitsgemeinschaft Stadt Regensburg, aus der Taufe hoben. Birgitt Ehrl hat das Jobcenter aufgebaut und zu einer leistungsfähigen Behörde weiterentwickelt. Und sie ist stolz auf ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ohne die dies alles nicht möglich gewesen wäre.

15 Jahre Jobcenter - Glasfassade
Seit der Gründung hat sich das Jobcenter zu einer leistungsfähigen Behörde entwickelt. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

12. November 2020

Frau Ehrl, was war der Anlass zur Gründung von Arbeitsgemeinschaften bzw. Jobcentern?

Im Zuge der sogenannten Hartz-IV-Reform hat man sich entschlossen, Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe zu einer neuen Grundsicherung, dem Arbeitslosengeld II, zu verschmelzen. Ziel war es, komprimierte Hilfe aus einer Hand anzubieten und so den Zugang zu diesen Leistungen so niedrigschwellig wie möglich zu gestalten. Vorher gab es eine strikte Trennung zwischen Leistungen für eine berufliche Integration, die Sache der Arbeitsagentur war, und den sozialintegrativen Leistungen der Kommunen, wie beispielsweise Kinderbetreuung, Schuldnerberatung oder psychosoziale Hilfen.

15 Jahre Jobcenter - Birgitt Ehrl
Birgitt Ehrl ist die Geschäftsführerin des Jobcenters. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Welche Personen haben denn Anspruch auf ALG II?

Grundsätzlich jeder Arbeitslose über 15 Jahre, der nicht aus eigenen Mitteln seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, das Rentenalter noch nicht erreicht hat und in der Lage ist, eine Arbeit anzunehmen, auch wenn sie geringfügig ist. Das kann ein Akademiker sein, der schon länger als ein Jahr lang auf Jobsuche ist und deshalb keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld I hat, es kann sich um jemanden handeln, der aufgrund einer psychischen Erkrankung aus dem Arbeitsprozess gefallen ist, um einen Drogenabhängigen oder um einen traumatisierten Flüchtling. Die Bandbreite ist wirklich groß, die Herausforderungen auch, aber das macht es für uns auch spannend!

 

Damals wurde ja städtisches Personal mit Mitarbeitern der Arbeitsagentur des Bundes gemischt. Das war doch sicherlich nicht einfach, oder?

Ursprünglich kamen 50 Prozent von der Agentur, 50 waren kommunal. Heute stellt die Stadt etwas mehr als die Hälfte der Beschäftigten. Aber die Aufgabenstellung ist noch genauso komplex wie zu Beginn. Wir müssen ja Bundes- und Kommunalleistungen vollziehen. Für uns bedeutet das, dass wir alles doppelt haben. Wir haben beispielsweise unterschiedliche Besoldungs- und Arbeitszeitregelungen, was für uns Führungskräfte bedeutet, dass wir uns ständig zwischen zwei Welten bewegen.

 

Vielleicht auch deshalb haben inzwischen ja einige Städte zu rein kommunalen Lösungen gewechselt. Warum war das für die Stadt Regensburg nie ein Thema?

Es war und ist Job der Geschäftsführung, die beiden Konstrukte dieser Mischverwaltung miteinander zu vereinbaren und zu erreichen, dass sie Hand in Hand arbeiten. Ich glaube, das ist hier in Regensburg ganz gut gelungen. Wir haben eine funktionsfähige Behörde innerhalb von wenigen Jahren aufgebaut. Das hat die Beschäftigten zusammengeschweißt. Aber das allein hätte vermutlich nicht ausgereicht. Ganz wichtig war, dass wir stets den Rückhalt der Stadtspitze und der Arbeitsagentur vor Ort hatten und haben.

Jobcenter geraten immer mal wieder ins Kreuzfeuer der medialen Berichterstattung. Belastet das Ihre Arbeit?

Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versuchen jeden Tag, möglich zu machen, was möglich ist. Sie müssen sich immer wieder aufs Neue auf unterschiedliche Problemlagen, unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Traumata einstellen. Das ist kein einfacher Job. Dennoch haben wir ganz wenig Personalfluktuation. Ich bin sehr stolz auf meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Aber ich würde mir wirklich mehr öffentliche Anerkennung wünschen, mehr Respekt und weniger Kritik. Und damit meine ich nicht unsere Kundinnen und Kunden, denn die sparen viel weniger mit positiver Rückmeldung.

 

Ganz häufig hört man ja, dass die Kunden der Jobcenter eigentlich gar nicht arbeiten wollen, sondern nur „kassieren“. Können Sie das bestätigen?

Der Großteil unserer Kunden will nichts lieber als die Hilfebedürftigkeit zu beenden. Diese Menschen tun auch wirklich alles, was ihnen möglich ist, damit sie wieder an der Gesellschaft teilhaben können, und sie wissen, dass dies am allerbesten über eine geregelte Arbeit möglich ist.

15 Jahre Jobcenter - Individuelle Förderung
Die Kunden werden individuell und passgenau gefördert. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Was genau kann das Jobcenter hier leisten?

In individuellen Einzelgesprächen loten wir aus, welche Fähigkeiten und Möglichkeiten vorhanden sind, wo noch Förderungsbedarf besteht und durch welche Qualifizierungsmöglichkeiten wir die Chancen verbessern können. Dabei arbeiten wir eng mit unterschiedlichen Sozialpartnern, Bildungsträgern und Arbeitgebern zusammen. Denn eine passgenaue und professionelle Unterstützung ist die Basis für einen Vermittlungserfolg. Als Beispiel möchte ich hier das Projekt „Teilhabe am Arbeitsleben“ nennen, das sich an Langzeitarbeitslose richtet. Hier suchen wir nach Arbeitsstellen und zahlen auch zwei Jahre lang Lohnkostenzuschüsse für den Arbeitsplatz. Sogenannte Coaches des Jobcenters garantieren eine engmaschige Betreuung, und unser Ziel ist natürlich, dass dies schließlich in einen unbefristeten Vertrag mündet. In vielen Fällen hatten wir auch schon Erfolg.

 

Welche Bilanz können Sie denn nach diesen 15 Jahren ziehen?

Eine ausgesprochen positive. Unsere Integrationsquote liegt bei rund 30 Prozent, bei den Flüchtlingen sogar bei 40. 60 bis 70 Prozent davon konnten wir in langfristige Arbeitsverhältnisse vermitteln. Im bundesweiten Vergleich stehen wir mit diesen Zahlen sehr gut da. Zum einen liegt das daran, dass wir unsere Beratungsgespräche immer individuell auf unsere Kundschaft zuschneiden und zum anderen, dass wir stets versuchen, gemeinsam mit den Menschen Perspektiven zu erarbeiten.

 

Und dann kam Corona, welche Auswirkungen und Herausforderungen bedeutet dies für das Jobcenter?

Seit März dieses Jahres standen wir durch die Pandemie vor vielen neuen Herausforderungen. Deren Auswirkungen blieben durch das hohe Engagement meiner Mitarbeiter für die Kundschaft noch vergleichsweise begrenzt. Der Gesundheitsschutz hat für das Jobcenter von Beginn an oberste Priorität. Trotz der Einschränkungen im Kundenverkehr und dem deutlichen Anstieg der Antragszahlen konnten und können die existenzsichernden Leistungen zeitnah ausbezahlt werden und wir sind für die Menschen gut erreichbar. Seit Juni 2020 sind terminierte persönliche Beratungen wieder möglich. Auch für die Kundinnen und Kunden in Notlagen, die persönlich und ohne Termin vorsprechen, ist sichergestellt, dass deren Anliegen auch ohne Betreten des Gebäudes, geklärt werden können. Dies wollen wir auch weiterhin während der Pandemie gewährleisten.
Unser gemeinsames Ziel ist auf die erfolgreiche Ausgangslage und deren Handlungsmöglichkeiten von Ende 2019 wieder zu gelangen.

 

Vielen Dank, Frau Ehrl, für dieses Gespräch!

Text und Interview: Dagmar Obermeier-Kundel