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„Wir haben einen Impfturbo gestartet – und das mit Erfolg“

Der medizinische Leiter Richard Leberle blickt auf ein Jahr Impfzentrum zurück und wagt einen Blick in die Zukunft.

Interview Richard Leberle - Vor Imfpzentrum Greflingerstraße
Seit dem 9. Dezember 2020 ist Richard Leberle medizinischer Leiter des städtischen Impfzentrums. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

13. Januar 2022

Am 9. Dezember 2020 wurde Richard Leberle zum medizinischen Leiter des Impfzentrums ernannt, kurz nach Weihnachten erfolgte der erste Pieks. Trotz aller Startschwierigkeiten zieht der 41-Jährige im 507-Interview eine positive Zwischenbilanz – nicht zuletzt auch deshalb, weil ein Team zusammengewachsen ist, bei dem alle an einem Strang ziehen.

Interview Richard Leberle - Impfzentrum Dultplatz
Das Impfzentrum am Dultplatz vergibt die Impftermine über das Portal BayIMCO. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Herr Leberle, mit dem Aufbau des Impfzentrums haben Sie Pionierarbeit geleistet. Welche Probleme mussten Sie meistern?

Also zunächst mal: Wir haben geimpft. Und das ist das Wichtigste! Natürlich sind wir am Anfang ins kalte Wasser geworfen worden. Es gab ja nichts, woran wir uns orientieren konnten, wir mussten alle Strukturen ganz neu aufbauen. Dann haben sich die Strategien immer wieder geändert. Auch darauf mussten wir immer wieder kurzfristig reagieren. Aber am problematischsten war zu Beginn der Mangel an Impfstoff. Bis ins Frühjahr 2021 war das eigentlich die größte Herausforderung. Hinzu kam, dass der Umfang der ersten Priorisierungsgruppe ständig erweitert wurde – und das trotz zu wenig Impfstoff. Es war nicht einfach, da so etwas wie Gerechtigkeit walten zu lassen.

 

Hat sich die Lage im Frühjahr dann gebessert?

Im Mai des vergangenen Jahres war dann endlich ausreichend Impfstoff da. Da konnten wir einen richtigen Impfturbo starten – und das mit Erfolg! Wir haben die Kapazitäten deutlich ausgeweitet, und zwar von anfangs 150 bis 200 Impfungen am Tag auf rund 1.500 heute. Allerdings ist dann im frühen Sommer eine Senke entstanden; die Impfbereitschaft ließ deutlich nach, sicherlich auch den sinkenden Inzidenzen geschuldet. Da haben wir uns entschlossen, nach draußen zu gehen. Wir haben in Biergärten geimpft, in Einkaufszentren und dort, wo sich viele Leute treffen, wie beispielsweise auf dem Bismarckplatz. Das Konzept war, das Impfangebot so niedrigschwellig wie möglich zu gestalten, und die Menschen dort abzuholen, wo sie sich ohnehin aufgehalten haben.

 

Das Impfzentrum am Dultplatz hat seinen Betrieb ja nie ganz eingestellt, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Zentren in Bayern. Was war der Grund dafür?

Der Grund war Vorsicht. Und da bin ich der Stadt Regensburg und allen voran der Oberbürgermeisterin sehr dankbar, dass sie das ermöglicht haben. So konnten wir sehr schnell reagieren, als uns die Delta-Welle erfasst hat. Wir haben so schon im September die Booster-Impfungen hochfahren können. Viel schneller als andere Städte und Gemeinden, die erst wieder neue Strukturen schaffen und Personal anheuern mussten. Da haben wir auch gesehen: Man muss schnell sein beim Impfen!

Die Impfquote in der Stadt Regensburg ist ja deutlich höher als die durchschnittliche Impfquote in Bayern. Was sind die Gründe dafür?

Wir haben im Moment eine Impfquote von fast 78 Prozent bei den Grundimmunisierten mit Erst- und Zweitimpfung und fast 50 Prozent bei den Geboosterten. Bayernweit liegt die Impfquote bei den vollständig Immunisierten bei 70,8 Prozent und bei den zusätzlich Geboosterten bei 42,1 Prozent. Das toppen wir deutlich. Das liegt natürlich auch daran, dass wir mit dem Impfzentrum in der Greflingerstraße eine zweite Adresse eingerichtet haben, die unkompliziert und ohne Terminvereinbarung Impfungen anbietet. Und nicht zu vergessen: Wir waren auch mit den Kinderimpfungen deutlich früher dran als andere!

 

Dann ist es also momentan problemlos möglich, sich erst-, zweit- oder boosterimpfen zu lassen?

Völlig problemlos! Wie gesagt, in der Greflingerstraße benötigen Sie überhaupt keinen Termin. Da kann man einfach während der Öffnungszeiten vorbeikommen; man muss halt gegebenenfalls mit Wartezeiten rechnen. Aber die halten sich momentan in Grenzen. Das Impfzentrum am Dultplatz impft mit Terminvereinbarung. Das hat den Vorteil, dass man keine oder nur ganz kurze Wartezeiten in Kauf nehmen muss. Auch da sind noch kurzfristig Termine frei, die man im Anmeldeportal BayIMCO vereinbaren kann.

 

Die Omikron-Welle ist im Anrollen, die Infektionszahlen steigen und beweisen auch, dass nicht einmal die Booster-Impfung sicher vor einer Ansteckung schützt. Würden Sie trotzdem noch zu einer Impfung raten?

Auf jeden Fall! Aus der Pandemie werden wir nur mit Impfen, Testen und Boostern rauskommen – da bin ich mir sicher! Die Impfung mag ja vielleicht nicht vor einer Ansteckung schützen, aber auf jeden Fall vor schweren Verläufen. Und es macht für jeden einzelnen, aber auch für die Gesamtgesellschaft einen Riesenunterschied, ob man für ein paar Tage flach im Bett liegt oder für Wochen beatmet auf einer Intensivstation.

Interview Richard Leberle - Anmeldung Impfzentrum Greflingerstraße
In der Zweigstelle kann man sich auch ohne Termin boostern oder grundimmunisieren lassen. Für die Kinderimpfungen ist allerdings eine telefonische Terminvereinbarung notwendig. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Sollte man Ihrer Meinung nach mit der Booster-Impfung warten, bis ein auf das Omikron-Virus angepasster Impfstoff angeboten werden kann, was ja angeblich im März der Fall sein wird?

Das halte ich nicht für sinnvoll. Da gibt es noch viel zu viele Unwägbarkeiten. Und Omikron ist ja jetzt schon da. Je früher man sich boostern lässt, desto besser! Und für alle, die sich immer noch vor einer Impfung mit einem RNA-Impfstoff scheuen: Voraussichtlich ab Ende Februar, leider nicht wie gedacht schon im Januar, können wir auch einen sogenannten modifizierten Totimpfstoff von Novavax anbieten. Ich gehe davon aus, dass wir dann noch einmal einen deutlichen Anstieg von Impfwilligen haben werden.

 

Im November wurde plötzlich wieder Panik vor einem Impfstoff-Engpass geschürt. Hatten Sie Probleme mit dem Nachschub?

Wir haben zum Glück gut gewirtschaftet und auch mal differenziert bestellt. Das hat sich ausgezahlt. So konnten wir unsere Kapazitäten voll ausschöpfen und innerhalb von drei Monaten rund 30.000 Menschen impfen. Trotzdem ist uns kaum Impfstoff verfallen.

 

Wenn Sie zurückblicken: Was waren die Highlights im vergangenen Jahr?

In erster Linie möchte ich mich da beim ganzen Team bedanken. Die Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Hilfsorganisationen und den Beschäftigten der städtischen Verwaltung, die ja oft unter schwierigen Bedingungen zusammenarbeiten mussten, ist wirklich gelungen und äußerst bewundernswert. Insgesamt waren das bis jetzt ja rund 1.500 Menschen, die zusammengewürfelt worden sind. Da sind richtige Freundschaften entstanden und der Spagat, aus dem Krisenmodus in den Regelbetrieb zu kommen, ist super gelungen. Ich finde, das ist eine Leistung, die einmalig ist!

Interview Richard Leberle - Besprechung
Ärzte, Rettungskräfte und städtische Beschäftigte arbeiten in den Impfzentren Hand in Hand. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Und wo würden Sie sich Verbesserungen wünschen?

Ich bin ein Freund von klaren Ansagen und festen Strukturen. Aber ich weiß auch, dass eine Pandemie ihre eigenen Regeln hat, die selten deutlich vorherzusehen sind. Trotzdem hätte ich mir eine klare Strategie gewünscht. Die kann ich bis heute nicht erkennen. Und manches wurde auch einfach verschlafen. So war Deutschland in meinen Augen viel zu spät mit dem Boostern dran. Wir haben schließlich schon im April des vergangenen Jahres gewusst, dass wir die Impfung auffrischen müssen, weil der Schutz nachlässt. Außerdem hätte ich mir gewünscht, dass die Bürokratie während einer Pandemie ein bisschen abflacht. Der Datenschutz hat uns große Probleme bereitet und sicherlich auch dazu beigetragen, dass in Deutschland manches nicht so reibungslos gelaufen ist wie in anderen Ländern.

 

Welche besonderen Ereignisse sind Ihnen im Gedächtnis geblieben?

Sehr beeindruckt hat mich im Dezember 2020, als wir grade die Impfkampagne in den Senioreneinrichtungen gestartet hatten, dass eine alte Dame in ihrem besten Kleid zum Impfen gekommen ist, weil sie sich so glücklich über den Pieks war. Und dann erinnere ich mich auch an eine 17-Jährige, die unbedingt geimpft werden wollte, obwohl ihre Eltern beide überzeugte Impfgegner sind. Die hat das trotzdem mit großer Überzeugung durchgezogen. Das fand ich toll und das waren wirklich sehr emotionale Momente!

Was mir vor allem während der Zeit, als der Impfstoff noch knapp war, sehr negativ aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass es manche Mitmenschen nicht gewöhnt sind, dass sie auch mal zurückstehen müssen, weil es andere gibt, die zuerst dran sind. Die hatten das einfach nicht verstanden, dass es nicht um ihr persönliches Wohlbefinden, sondern um Menschenleben geht.

 

Ihr Wunsch für die nächsten Monate?

Mehr Zeit mit und für meine Familie! Ich hatte im letzten Jahr neun Tage Urlaub. In dieser Zeit habe ich geheiratet, meinen 40. Geburtstag gefeiert und dann ist auch noch im letzten September unser jüngster Sohn geboren worden. Da ist leider vieles zu kurz gekommen. Das muss sich ändern. Ich bin aber optimistisch für die Zukunft, denn ich habe jetzt einen Stellvertreter an meiner Seite und kann mich auch mal aus der Organisation ausklinken.

Sonst würde ich mir klarere Ansagen von Seiten der Politik wünschen. Die Menschen brauchen Strukturen, auf die sie sich verlassen können, sie benötigen Hoffnung, Ziele und vor allem Ehrlichkeit. Dazu gehört eben auch, dass man mal zugibt, dass Fehler passiert sind und dass es nicht so optimal läuft. Das Virus wird uns weiter begleiten. Bis wir gut damit leben können, müssen wir uns schützen. Und impfen lassen – das ist das Wichtigste!

Text und Interview: Dagmar Obermeier-Kundel