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Volkstrauertag 2020

Rede von Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer anlässlich des Volkstrauertages am Sonntag, 15. November 2020, um 11.45 Uhr am Ehrenmal „Unter den Linden“ im Stadtpark

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

ich begrüße Sie sehr herzlich zu unserer Gedenkstunde anlässlich des Volkstrauertages, die auch heuer wieder wie alljährlich hier im Stadtpark stattfindet.

Am Volkstrauertag gedenken wir der Toten, die Kriege und Gewaltherrschaft aller Völker und Nationen gefordert haben. Wir erinnern uns an die Soldaten, die kriegerischen Auseinandersetzungen zum Opfer gefallen sind, wir trauern um zivile Opfer und um die Opfer von Massakern und Genoziden. Wir denken an die Toten, die ihr Leben lassen mussten, weil sie gegen die Herrschaft von Diktatoren aufbegehrt haben.

Und wir denken an all die menschlichen Schicksale, die aufgrund von kriegerischen Auseinandersetzungen und Gewaltherrschaft zu beklagen sind. Wir gedenken der Verwundeten an Körper und Seele, der Misshandelten, der Vergewaltigten, der Missbrauchten.

Wir denken an all diejenigen, deren Familien grausam auseinander gerissen wurden, die Angehörige verloren haben und deren Leben aufgrund ihrer traumatischen Erlebnisse nie mehr so sein wird wie es vorher war.

Und wir denken auch an die, die von verantwortungslosen Machthabern in aussichtslose Kämpfe geschickt wurden, in denen sie ihre Gesundheit, ihr Jugend, ihre Unschuld und ihr Leben verloren haben.

Denn es sind nicht die Zahlen, Daten und Fakten, die uns aufrütteln. Diese schaffen eine Distanz, hinter die wir uns unbeteiligt zurückziehen können. Es sind die menschlichen, die persönlichen Schicksale, die uns berühren und zum Nachdenken bringen.

Sechs Millionen Juden haben die Nationalsozialisten während ihrer Schreckensherrschaft ermordet.  Eine Stadt von der Größe Madrids – einfach ausgelöscht!

Jeder dieser Toten trägt eine eigene Identität. Jeder und jede von ihnen wurde unter Schmerzen zur Welt gebracht. Die allermeisten von ihnen wurden geliebt und umsorgt. Sie haben gelacht und geweint. Sie haben selber gelernt zu lieben und sich zu sorgen. Sie waren Mutter und Tochter, Vater und Sohn, Freund und Freundin, Kollege und Kollegin. Sie haben das Leben gelebt, das ihnen geschenkt wurde, bis sich andere angemaßt haben, ihnen dieses Geschenk brutal zu entreißen.

75 Jahre sind vergangen, seit diese Schreckensherrschaft ihr Ende gefunden hat. 75 Jahre, die wir in Deutschland in Frieden leben durften. Und zumindest wir, die wir hier in Westdeutschland aufwachsen durften, können zudem auf 75 Jahre zurückblicken, in denen das Grundgesetz dafür gesorgt hat, dass die Rechte und Freiheiten jedes einzelnen geschützt waren.

Die leidvollen Erfahrungen mit dem  nationalsozialistischen Regime und die Schrecken des Zweiten Weltkriegs haben damals die gesamte Welt erfasst und traumatisiert.

Leider hat die Menschheit aus dieser schrecklichen Erfahrung nicht ausreichend gelernt. Hass und Ausgrenzung gegenüber Menschen, die einen anderen Glauben, eine andere Hautfarbe haben oder einer anderen Ethnie entstammen, nehmen wieder zu. Das haben die jüngsten Demonstrationen gezeigt, die von vielen Rechtspopulisten und Rechtsradikalen unter dem Deckmäntelchen der Meinungsfreiheit in der Corona-Krise dazu missbraucht wurden, um sich eindeutig gegen unsere demokratische Grundordnung zu positionieren.

Dies bereitet mir große Sorge.

Große Sorge bereiten mir aber auch die Krisenherde in Afrika und in Asien, in der Zentralafrikanischen Republik, in Burkina Faso, in Somalia, im Südsudan, in Afghanistan und im Irak. Millionen Menschen aus den Kriegs- und Krisengebieten sind immer noch auf der Flucht und machen mit aller Härte klar, was Krieg überhaupt bedeutet.

In ihrer Not vertrauen sich diese Menschen dubiosen Schlepperbanden an, sie besteigen marode Seelenverkäufer, sie nehmen wochenlange Fußmärsche in Kauf, um endlich in Sicherheit leben zu können. Abertausende von ihnen bezahlen immer noch ihren Traum vom sicheren Leben mit dem Tod – ertrunken im Mittelmeer, erstickt in einem Kühllaster, manchmal  qualvoll verhungert und verdurstet. Angefeindet. Zurückgewiesen.

Vor dem Hintergrund dieser Schicksale wird deutlich, welche Privilegien wir hier genießen, die wir in einer funktionierenden Demokratie leben, in Frieden und Freiheit und in einem europäischen Völkerverbund, der sich die Einhaltung der Menschenrechte auf die Fahnen geschrieben hat.

Wir können auf die Stärke unseres Rechtsstaats vertrauen.

Wir können uns auf die Integrität unserer Bundeswehr, deren oberster Befehlshaber das Parlament ist, verlassen.

Wir können uns darauf verlassen, dass unser Grundgesetz unsere freiheitliche Demokratie gewährleistet. Auch wenn derzeit immer wieder suggeriert wird, dass unsere Grundrechte durch die Infektionsschutzmaßnahmen beschnitten werden, im Vergleich zu anderen Staaten – auch solchen, die sich auf eine demokratische Grundordnung berufen –  schützen uns das Grundgesetz und eine unabhängige Rechtsprechung vor staatlicher Willkür. Auch das ist in den vergangenen Monaten immer wieder deutlich geworden.

„Das Paradies pflegt sich erst dann als Paradies zu erkennen zu geben, wenn wir daraus vertrieben wurden“, hat Hermann Hesse einmal gesagt.

Viele Menschen in unserer Gesellschaft lehnen sich gegen unsere freiheitliche Grundordnung auf, gerade weil sie ihnen die Sicherheit bietet, die sie für ihr Aufbegehren benötigen. Im Gegensatz zu den Opfern, derer wir heute gedenken, waren sie noch nie wirklich staatlicher Willkür, gewaltsamen Übergriffen, Krieg und Verfolgung ausgesetzt.

Ich rufe Sie alle dazu auf: Bündeln wir unsere Kräfte! Verhindern wir gemeinsam, dass Unrecht und Willkür die Macht erlangen über Freiheit, Frieden und Demokratie. Treten wir all denjenigen entschieden entgegen, die Verschwörungstheorien in die Welt setzen und noch entschiedener denen, die versuchen, unseren Rechtsstaat zu unterminieren.

Tun wir dies im Gedenken an all jene, die Unrecht und brutale Gewalt erlitten haben.

So denken wir heute an alle Opfer von Krieg und Gewalt.

Wir gedenken der toten Soldaten.

Wir gedenken der Menschen, die auf der Flucht ihr Leben verloren.

Wir denken an all jene, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk, einer anderen Ethnie, einem anderen Glauben, einer anderen Kultur, einer Minderheit oder einer anderen Überzeugung angehörten.

Wir erinnern an die Menschen, die im Widerstand gegen Gewaltherrschaft ihr Leben verloren haben.

Wir gedenken der Menschen, die staatlicher Gewalt zum Opfer fielen, weil sie krank oder behindert waren.

Und wir gedenken auch all der Menschen, die Schutz vor Krieg und Gewalt gesucht haben und Opfer von Fremdenhass geworden sind.

Unsere Botschaft ist einfach und klar: Nie wieder Gewalt, nie wieder Krieg!

Wir machen uns stark für den Frieden und für ein friedliches Zusammenleben!