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Ein Koffer voller Erinnerungen

Ein wiederentdeckter Koffer mit Unterlagen der jüdischen Familien Brandis und Holzinger geht als Schenkung an das Stadtarchiv.

Jüdischer Koffer - Aufmacher

30. Juni 2022

Das Stadtarchiv wird um einen Schatz reicher. Als Schenkung erhält das „Gedächtnis der Regensburger Stadtgesellschaft“ einen Koffer, der über sieben Jahrzehnte hinweg unbeachtet auf einem Dachboden im niederbayerischen Hauzenberg lag. Darin befinden sich persönliche Unterlagen der jüdischen Regensburger Familien Brandis und Holzinger, die während der NS-Zeit enteignet und 1942 ins polnische Ghetto Piaski deportiert wurden. Die Familie Brandis besaß zuvor in der Regensburger Maximilianstraße ein großes Textilgeschäft.
Vor ihrer Deportation hinterlegten die Familien einen großen Lederkoffer mit verschiedenen Familien- und Geschäftsdokumenten offenbar bei ihrer Angestellten Fanny Hartl, die die Unterlagen für sie verwahren sollte. Zu einer Rückgabe kam es aufgrund des Todes aller deportierten Familienmitglieder aber nicht mehr.
Der Koffer mit dem geschichtlich wertvollen Inhalt überdauerte den Krieg und verblieb auf einem Dachboden in Hauzenberg, wo ihn der BR-Journalist und Autor Thomas Muggenthaler schließlich nach längerer Recherche aufspürte.

Mit der heutigen Eigentümerin Jutta Koller, einer Nichte Fanny Hartls, war sich Muggenthaler schnell einig, dass der Koffer samt Inhalt als einmaliges Zeugnis der jüdischen Regensburger Geschichte an das Stadtarchiv abgegeben werden sollte, damit die Dokumente für künftige Generationen erhalten und für die Öffentlichkeit aufgearbeitet werden können. Neben Geschäftsunterlagen, Briefen, Postkarten und privaten Familienfotos befinden sich unter anderem auch zwei Schreiben von Alice Brandis an Fanny Hartl aus Piaski im Koffer. In diesen bittet sie Fanny darum, ihnen Lebensmittel, Wäsche und Zahncreme ins Ghetto zu schicken. „Solche Unterlagen aus privater Hand, die überraschend zu uns kommen, sind für das Stadtarchiv ein echter Glücksfall. Sie ergänzen auf geradezu ideale Weise das bereits digitalisierte Archiv der jüdischen Gemeinde“, so Archivleiter Lorenz Baibl.
Geplant ist, den Koffer samt Inhalt aufzubereiten und künftig in der Archivpädagogik und historischen Bildungsarbeit einzusetzen. „Mit diesen Dokumenten lassen sich persönliche Schicksale während der NS-Zeit ganz plastisch vermitteln und so auch neue Zugänge für Schülerinnen und Schüler eröffnen“.

Text: Lorenz Baibl und Claudia Biermann