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Die Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen

Kinder und Jugendliche sind oft erstaunlich widerstandsfähig. Aber zwei Jahre Pandemie gehen an niemandem spurlos vorüber. Wir haben Dr. Volker Sgolik, den Leiter des Amtes für Jugend und Familie, gefragt, wie er die Lage beurteilt und welche Möglichkeiten er sieht, besonders belastete Familien bei der Bewältigung der Corona-Folgen zu unterstützen.

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Kinder und Jugendliche leiden besonders unter der Pandemie. © 123rf.com / Lev Dolgatchov

18. Februar 2022

Herr Dr. Sgolik, Kontaktbeschränkungen, Distanz- und Wechselunterricht, wirtschaftliche Unsicherheiten in den Familien – wie sind die Kinder und Jugendlichen in der Stadt damit bislang zurechtgekommen?

Es ist schon deutlich wahrnehmbar, dass Homeschooling, geschlossene Kindertageseinrichtungen und die Kontaktbeschränkungen, aber auch das Homeoffice der Eltern und in manchen Fällen auch die Minderung des familiären Einkommens für zusätzlichen Stress in den Familien sorgen. Und das führt natürlich wieder vermehrt zu Überforderungssituationen bei den Kindern und Jugendlichen.

Manche Kinder werden auch in gravierende Auseinandersetzungen zwischen ihren getrennt lebenden Eltern hineingezogen, vor allem dann, wenn es unterschiedliche Meinungen zur Pandemie gibt, und das eine Elternteil eher vorsichtig ist, das andere den Infektionsschutzmaßnahmen aber gleichgültig gegenübersteht. Und natürlich immer dann, wenn es um Impfen oder Nicht-Impfen geht.

Haben Depressionen und Angststörungen zugenommen?

Ja, das ist leider so. Nicht nur bei Jugendlichen nehmen diese psychischen Störungen bzw. Erkrankungen zu, sondern verstärkt auch bei Kindern. Unsere Wahrnehmung wird durch die Vertreter der Kinder- und Jugendpsychiatrie bestätigt, mit denen wir im ständigen Austausch stehen. Es fällt auf, dass bereits Kinder mit suizidalen Absichten behandelt werden müssen und insbesondere Essstörungen zugenommen haben.

 

Welche Auswirkungen haben die Kontaktbeschränkungen?

Die Regeln zur Kontaktbeschränkung sind für Familien im Alltag häufig schwer umzusetzen, so wie andere Infektionsschutzmaßnahmen auch. Das verlangt von den Eltern viel Kraft für klare Entscheidungen und ihre Durchsetzung und führt häufig zu zermürbenden Diskussionen. Aber die Kontaktbeschränkungen sind natürlich die Maßnahmen, die am meisten weh tun. Das betrifft ganz zentrale menschliche Grundbedürfnisse nach Sicherheit und Verbundenheit mit anderen. Und das trifft natürlich grundsätzlich auf alle Altersgruppen zu.

Gerade um Jugendliche und junge Erwachsene muss man sich hier besondere Sorgen machen. Deren Entwicklungsaufgabe wäre es ja gerade, rauszugehen, sich vom Elternhaus abzugrenzen und sich unter Gleichaltrigen auszuprobieren. Kontaktbeschränkungen laufen dieser wichtigen Lebensphase ganz klar zuwider. Hier gibt es häufig wirklich ungünstige Entwicklungen. Zukunftsängste werden geschürt und verstärkt, Leistungsdruck und Vereinsamung nehmen zu. Hinzu kommt, dass viele Kinder und Jugendliche viel zu viel Zeit am Handy, ihrer Spielekonsole oder am Tablet verbringen. Dadurch leiden sie an Bewegungsmangel, kommen viel zu selten an die frische Luft und ernähren sich zusätzlich oft falsch, weil Süßigkeiten und Fastfood als Ersatzbefriedigung herhalten müssen.

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Viele Kinder und Jugendliche verbrachten zu viel Zeit allein vor dem Bildschirm. © 123rf.com / Maria Symchych

Wie erfahren Sie denn, wo es dringenden Handlungsbedarf gibt?

Als die Kinder und Jugendlichen nicht in Betreuungseinrichtungen oder in die Schule gehen konnten, haben wir leider deutlich weniger Mitteilungen über Kindeswohlgefährdungen durch Fachkräfte dieser Einrichtungen bekommen. Ich fürchte, dass einige Gefährdungslagen längere Zeit unerkannt blieben, und es erfordert nun erhöhte Sensibilität, um aufgestaute individuelle und familiäre Probleme zu erkennen.

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Homeschooling – für die Familien bedeutete dies zusätzlichen Stress. © 123rf.com / Anna Bizon

Müssen Sie feststellen, dass die häusliche Gewalt zugenommen hat?

Ja, soweit wir als Jugendamt darüber Aussagen treffen können, müssen wir feststellen, dass generell die Meldungen über mögliche Kindeswohlgefährdungen im Lauf der beiden Corona-Jahre zugenommen haben.

 

Stellen Sie gravierende schulische Defizite fest?

Auch wir beim Amt für Jugend und Familie nehmen leider zunehmend wahr, dass einige Kinder die Schule schon lange nicht mehr aufgesucht haben und die Bildungslücken noch größer werden. Ich fürchte, das wird wohl schwer aufzuholen sein. Die Unterschiede zwischen Kindern aus Familien, die die Ressourcen haben, um ihre Kinder selbst zu fördern, und denen, die das nicht können, haben sich nach unserer Einschätzung erheblich vergrößert.

Welche Maßnahmen können Sie anbieten, um der Problematik entgegenzusteuern?

Wir bieten – natürlich unter Einhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen – sämtliche Leistungen an, die wir immer anbieten. Allerdings sind auch wir von den Regeln und Schutzmaßnahmen betroffen, die die Arbeit nicht immer leichter machen. Aber wir bemühen uns um Flexibilität und darum, den individuellen Anliegen der Familien zeitnah entgegenzukommen.

Die Leistungen der Jugendhilfe sollen Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder unterstützen und die Entwicklung der Kinder zu selbstbestimmten, eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten fördern. Art und Umfang der Hilfen richten sich nach dem Bedarf im Einzelfall und beziehen das engere soziale Umfeld mit ein. Mit den individuell zugeschnittenen Hilfen des Amtes kann den Auswirkungen der Pandemie bestmöglich begegnet werden. Der Katalog dieser Hilfen umfasst dabei ambulante, teilstationäre und –  wenn nötig – auch stationäre Jugendhilfen. Zum Beispiel gibt es die Möglichkeiten, Erziehungsbeistandschaften, sozialpädagogische Familienhilfen, aufsuchende Familientherapie, Familienrat, Tagesgruppenangebote, Schulbegleitungen und noch viele andere professionelle Hilfestellungen zu beantragen bzw. in Anspruch zu nehmen.

Wo würden Sie sich mehr Unterstützung durch die Politik wünschen?

Der Freistaat Bayern hat seine jugendhilferelevanten Förderprogramme aus dem Aktionsprogramm des Bundes „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ aufstocken können, was sich in Regensburg in einer verbesserten Situation bei der Erziehungsberatung und in der Jugendsozialarbeit an Schulen auswirkt. Das ist zunächst sehr positiv.

Insgesamt brauchen wir für die kommunalen Jugendämter klare Regeln und Vorschriften, die sich nicht ständig ändern, wie beispielsweise aktuell bei der partiellen Impfpflicht. Etwas mehr Wertschätzung des Dienstes in der Jugendhilfe, die durch eine lückenlose Anerkennung als kritische Infrastruktur zum Ausdruck kommt, wäre zudem wünschenswert. Meist hat man das Bild von Pflegepersonal in den Kliniken oder der Altenpflege im Kopf. Kaum jemand denkt dabei an die Beschäftigten in der Jugendhilfe, die ja auch Familien aufsuchen und deren Kinder in Obhut nehmen, die positiv auf das Corona-Virus getestet sind.

 

Werden sich die Schäden, die die Pandemie bei der jungen Generation angerichtet hat, wieder ausgleichen lassen? Und wenn ja, wodurch?

Das ist aus heutiger Sicht schwer zu beantworten, aber wir dürfen auch die Resilienz und die Kraft junger Menschen nicht unterschätzen, sich zu erholen und Freiheiten wieder zu nutzen, wenn es dafür wieder Spielräume gibt.

Spuren Pandemie - JugendlicheDie Pandemie schürt vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen Zukunftsängste. © 123rf.com / Olena Zaskochenko

Text und Interview: Dagmar Obermeier-Kundel