Navigation und Service

Die Allee: Innerstädtischer Erlebnisparcours und Kunstwerk für alle Sinne

Sie schmiegt sich wie ein Band um die Altstadt: Die Allee. 1779 bis 1781 von Fürst Carl Anselm von Thurn und Taxis angelegt, erstreckt sie sich auf einer Länge von fast drei Kilometern von Westen bis Osten und bildet so den grünen Kontrapunkt zur Donau im Norden der Altstadt.

Die Allee - Kepler-Denkmal
Das Kepler-Denkmal in der Bahnhofsallee © Bilddokumentation Stadt Regensburg

21. Dezember 2021

Auf eigene Kosten sowie „zur Zierde der Stadt und zur Gesundheit der Einwohnerschaft“ wolle er die auf beiden Seiten von Bäumen gesäumte Promenade anlegen lassen, schrieb der Fürst am 12. April 1779 an den Regensburger Magistrat und setzte sich damit nicht nur selbst ein „dauerndes Denkmal“, sondern folgte auch dem Geist der Aufklärung, der die Verschönerung als Motor der Stadtgestaltung ansah und die Menschen durch die Gartenkunst zu „erleuchten“ trachtete.

Verlauf der ehemaligen Stadtmauer

Auch der Gedanke, die Allee dem Verlauf der Stadtmauer folgen zu lassen, entsprach dem Geist der Zeit. Ende des 18. Jahrhunderts hatten die Stadtbefestigungen größtenteils ihre Schutzfunktion verloren. Die Menschen drängte es aus der Enge der Stadt hinaus. Auch in Regensburg wurden die barocken Verteidigungsanlagen im Vorfeld der mittelalterlichen Stadtmauern eingeebnet, um einen durchgehenden, von Bäumen beschatteten Spazierweg anzulegen.

Solche Spazierwege entstanden damals in vielen Städten jenseits der Stadtmauern. Die Tatsache, dass die fürstliche Anlage die gesamte Altstadt umschloss, machte die Allee in Regensburg jedoch zu etwas so Besonderem, dass ein Zeitgenosse sie gar als „Zaubergefilde“ pries und ein weiterer schwärmte: „So herrliche Spaziergänge, wie sie Regensburg hat, findet man in ganz Teutschland nicht!“

Und die Allee wurde tatsächlich von der Bevölkerung genutzt. Es drängte die Menschen hinaus aus der verwinkelten und damals eher tristen Altstadt mit ihrem Gassengewirr. Da sie aber vor den Toren der Stadt – mit Ausnahme der von Bäumen flankierten Spazierwege auf den Wöhrdinseln und dem Gelände „Unter den Linden“ im heutigen Stadtpark – bislang nur Brachland und Viehweiden vorgefunden hatten, bot die Allee gleichermaßen die Möglichkeit, dort zu flanieren, sich auszutauschen und die Natur zu genießen.

Schon bald kristallisierte sich heraus, dass der westliche Teil zwischen Prebrunntor und Maximilianstraße eher von der eleganteren Welt frequentiert wurde. Der Ostteil blieb dem Rest der Bevölkerung überlassen. Und weil sich die hochwohlgeborenen Damen und Herren von Welt offenbar bei ihren Promenaden von Kindergeschrei irritiert fühlten, wurde die – übrigens bis in die 1930er-Jahre bestandskräftige – Bestimmung erlassen, dass „Kinderwagen nebst Begleitung“ im westlichen Alleestück nicht geduldet seien.

Mit der Bedeutung der Allee für die gesamte Stadt wuchs auch die Infrastruktur, die sich nach und nach an sie angliederte. Wirtshäuser entstanden und luden zur Rast ein, und auch auf dem Immobilienmarkt waren die Auswirkungen zu spüren: Wer es sich leisten konnte, ließ sich eine Villa auf einem der angrenzenden Grundstücke errichten.

Die Allee - Obelisk
Fürst-Carl-Anselm-Allee mit Obelisk und Milchschwammerl © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Obelisk erinnert an den Stifter

1803 fiel die Allee in die Zuständigkeit von Fürstprimas Carl von Dalberg, der den weiteren Ausbau vorantrieb und um zusätzliche Parkgrundstücke arrondierte. Er ließ Fürst Carl Anselm von Thurn und Taxis zu Ehren von Emanuel d’Herigoyen 1806 einen Obelisken aus Steinen der abgebrochenen Befestigungsanlagen errichten, der heute noch im gleichnamigen Alleestück an den Stifter des Gartendenkmals erinnert. Der neue Landesherr war es auch, der der Bevölkerung gleich nach seinem Amtsantritt mitteilen ließ, dass es „ein Vergehen gegen das öffentliche Wohl seyn“ würde, wenn nicht alles geschähe, „um die Fürstl. Taxische Anlage nicht nur unversehrt zu erhalten, sondern auch, soviel es die Umstände erlauben, noch weiter auszubilden“.

Diese Überzeugung wurde auch weiterverfolgt, als 1810 das Fürstentum Regensburg an das Königreich Bayern überging. Allerdings ließ es sich nicht vermeiden, dass der durchgängige Grünzug durch neu geschaffene Stadtausgänge und Querungen unterbrochen wurde. Dennoch wurde dem Schutz des Gesamtensembles weiterhin oberste Priorität eingeräumt. Als die Stadt Regensburg im Jahr 1880 die Allee übernahm, musste sie eine Dispositionsbeschränkung akzeptieren, die bis heute Bestand hat. Demnach ist „vor jeder Änderung in der Substanz der Allee“ eine staatliche Genehmigung einzuholen.

Vier Allee-Abschnitte

Der die Altstadt umfassende denkmalgeschützte Grünzug lässt sich in vier Abschnitte einteilen: Da ist zunächst im Westen die sogenannte Prebrunn-Allee, die beim Herzogspark beginnend an der Dr.-Johann-Maier-Straße entlang führt bis zum Platz der Einheit. Daran schließt der längste Abschnitt – die Fürst-Anselm-Allee – an, die beim Obelisken in der Nähe des Bahnhofs endet. Die sogenannte Bahnhofsallee, ist das kürzeste Stück. Sie führt zunächst am Zaun des Schlossparks und dann am St.-Peters-Weg entlang, wird von der Maximilianstraße unterbrochen, schlängelt sich an der Römermauer vorbei und endet an der D.-Martin-Luther-Straße. Von dort aus führt die Ostenallee am sogenannten Studentenwiesel vorbei bis zum Ostentor, und schließlich mündet sie in den Villapark.

Heute wie zu Fürst Carl Anselms Zeiten ist die Allee für die Regensburgerinnen und Regensburger ein wichtiger Erholungsraum. Aber das ist bei weitem nicht alles. Dietrich Krätschell, der Leiter des städtischen Gartenamtes, spricht von einem „innerstädtischen Erlebnisparcours“, der neben unzähligen unterschiedlichen und häufig mehr als 200 Jahre alten Baumarten auch eine große Menge an heimischen Singvögeln und Höhlenbrütern beherbergt. So trifft man in der Allee den Großen und Mittleren Buntspecht an, kann dem Zwitschern von Mönchsgrasmücken, Baumläufern, Singdrosseln und Kleibern lauschen und begegnet nach dem Einbruch der Dämmerung unterschiedlichen Fledermausarten. Selbst Siebenschläfer kann man ab und an beobachten, die in Baumhöhlen ihr Zuhause gefunden haben.

Wirkung des Gesamtensembles

Gerade weil die Allee für Fußgänger und Radfahrer die deutlich attraktivere Alternative darstellt, um innerhalb der Stadt schnell von A nach B zu kommen, weist Krätschell darauf hin, wie wichtig es sei, „hier auch einfach mal zu entschleunigen, zu promenieren, zu schauen und zu genießen und das Ganze auf sich einwirken zu lassen“. Denn schließlich war ja genau dies eines der aufklärerischen Hauptanliegen ihres Stifters. Auf den Geist der Aufklärung ist die patriotisch motivierte Errichtung von Denkmälern für herausragende Persönlichkeiten mit lokalem Bezug zurückzuführen.

Die Allee - Karte

Wer sich wirklich die Zeit nimmt, das stimmige Miteinander von sich sanft dahinschlängelndem Weg und majestätischen Baumreihen auf sich einwirken zu lassen, der wird schnell erkennen, wie sich die unterschiedlichen Borkenformen und -farben, das changierende Grün des Blätterdachs und das Spiel von Licht und Schatten zu einem Gesamtkunstwerk formen. Selbst im Winter, wenn die dominierenden Laubbäume ihre Blätter abgeworfen haben, gibt die Mischung aus bizarren Baumskeletten und immergrüner Unterpflanzung mit Eiben und Runzelblättrigem Schneeball der Allee noch dann eine Struktur, wenn sich Nebelgrau über die Stadt legt und Schnee und Eis jegliches Leben erstarren lassen. „Das ist der Grundcharakter der Allee“, fasst Krätschell zusammen. „Die Musik spielt hier eben im Detail.“

Zweimal im Jahr – im Frühling und im Herbst – schmückt sich die Allee mit leuchtenden Farben. Im Frühling, wenn die Sonne noch durch das winterkahle Astwerk zu dringen vermag, strahlen Winterlinge, Leberblümchen, Lungenkraut und Schneeglanz, die sich unter den Bäumen versammeln, miteinander um die Wette. Doch der Farbenrausch hält nur wenige Wochen an, dann übernimmt das frische Blattwerk das Zepter und taucht die Allee in ein wogendes Meer von unterschiedlichen Grüntönen, bis schließlich der Herbst mit seinem Malerpinsel das Laub wieder zum Leuchten bringt und die Rot- und Goldtöne in ernsthafte Konkurrenz zu den schräg einfallenden Sonnenstrahlen treten. Doch sommers wie winters, im Frühling und im Herbst – die Allee ist zu jeder Jahreszeit ein Kleinod, das einen großen Anteil daran hat, dass Regensburg so unvergleichlich ist.

Kulturmeile und Freilichtmuseum

Die Bedeutung des Alleengürtels als innerstädtischer Erholungsraum ist sicherlich den meisten Regensburgerinnen und Regensburgern bewusst. Dass sie aber auch einen reichhaltigen Schatz an Denkmälern aus unterschiedlichen Epochen birgt, wird dabei oft übersehen. Dabei entspricht dies durchaus den aufklärerischen Zielen, die ihr Stifter, Fürst Carl Anselm von Thurn und Taxis, sich gesetzt hatte. Es ist ein regelrechter Kulturparcours, den kunstsinnige Besucher absolvieren können, wenn sie sich nur auf den Weg machen.

Text: Dagmar Obermeier-Kundel