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Frank Reinel: Auf heißen Reifen zur Barrierefreiheit

Der städtische Inklusionsbeauftragte ist selbst auf einen Rollstuhl angewiesen und kennt die Hindernisse nur zu gut, die sich vor Menschen mit einer Behinderung auftun können. Sie nach Möglichkeit aus dem Weg zu räumen oder Wege zu finden, sich mit ihnen zu arrangieren, hat er sich zur Lebensaufgabe gemacht.

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Mit seinem E-Rollstuhl ist Frank Reinel rasant in der Stadt unterwegs. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

10. November 2021

Manch einer hat sich sicherlich schon verwundert die Augen gerieben, wenn Frank Reinel morgens auf dem Weg zur Arbeit an ihm äußerst sportlich vorbeigezischt ist. Denn der 40-Jährige ist mit seinem E-Rollstuhl gerne rasant unterwegs. So rasant, dass er sogar mit gut trainierten Fußballspielern mithalten kann. Als Schiedsrichter hat er in der Vergangenheit so manches Spiel in der A- und B-Klasse gepfiffen. Highlight war sicherlich der allerletzte Schlusspfiff im alten Jahnstadion an der Prüfeninger Straße. Diese Ehre macht ihn heute noch stolz.

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Als Fußballschiedsrichter pfiff er das allerletzte Spiel, das im alten Jahnstadion stattfand. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

„Ich wollte der Stadt etwas zurückgeben“

Seine Behinderung, eine angeborene Gelenkversteifung und -lockerung, die auf einer Genmutation beruht, hat ihn nie von einer Teilhabe an einem normalen Leben zurückgehalten. „Ich habe mit meiner Behinderung kein Problem“, betont er. „Vielleicht auch deshalb, weil ich es nicht anders kenne.“ Sicherlich sei es schwerer für jemanden, der nach einem Unfall im Rollstuhl sitze, sein Schicksal zu akzeptieren. Aber schließlich sei alles in erster Linie eine Frage der Organisation.

Auch, dass er seinen Traumjob als Fluglotse nicht verwirklichen konnte, entmutigte den gebürtigen Franken nicht. Er studierte stattdessen Rechtswissenschaften an der Uni Regensburg und erwarb seine Zulassung als Rechtsanwalt und spezialisierte sich im Fachgebiet Arbeitsrecht. Nach einem Abstecher in die Personalabteilung der Uni Regensburg, nahm er einen Job als beratender Jurist bei der Katholischen Jugendfürsorge im Bereich Jugendhilfe an. „Dann war 2016 die Stelle für einen städtischen Inklusionsbeauftragten ausgeschrieben und da habe ich mir gedacht, warum setze ich mich eigentlich nicht für diejenigen ein, die möglicherweise nicht die Kraft haben, für ihre Rechte zu kämpfen?“

Er habe diese Entscheidung keine Sekunde bereut, sagt der Vater zweier kleiner Töchter. „Regensburg hat mir so viel ermöglicht – Studium, Familie, Leben, Beruf. Da wollte ich ihr auch etwas zurückgeben. Ich gehe jeden Tag mit einem Lächeln zur Arbeit, weil sie so abwechslungsreich ist und mir die Möglichkeit gibt, immer wieder Neues zu entwickeln.“

Und Neues hat Frank Reinel tatsächlich angestoßen. Sei es das Projekt „Perspektivwechsel“, das es Menschen ohne Behinderung ermöglicht, sich in die Lage von Rollstuhlfahrern, Sehbehinderten oder Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen zu versetzen, oder der Runde Tisch Inklusion, den er gemeinsam mit Regensburger Partnerstädten ins Leben rief. Den Bau eines behindertengerechten Aufzugs und Zugangs zum Reichssaal und ins Alte Rathaus begleitete er genauso wie die Sanierung der Fußgängerzone, wo er das Augenmerk auf einen Belag legte, der das Befahren von Kinderwägen, Rollatoren und Rollstühle problemlos ermöglicht. Er erarbeitete den inzwischen bereits vom Stadtrat verabschiedeten Fokus-Aktionsplan unter Einbeziehung der Leichten Sprache, der der Stadt den weiteren Weg zu einer inklusiven Kommune weisen soll.

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Am Runden Tisch Inklusion mit Regensburger Partnerstädten findet stets ein reger Austausch über Möglichkeiten der Barrierefreiheit statt. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

„Wir sind in punkto Barrierrefreiheit auf dem richtigen Weg“

Wie wichtig das ist, zeigen die Zahlen. Jeder siebte Regensburger, bzw. jede Regensburgerin hat eine Behinderung, die offiziell anerkannt ist. Das sind rund 24.000 Menschen und mehr als 14 Prozent der Gesamtbevölkerung. Damit liegt die Stadt deutlich über dem Bundesdurchschnitt, der rund elf Prozent beträgt. Reinel schätzt aber die Dunkelziffer auf zusätzlich mindestens zehn Prozent, denn nicht jeder, der – beispielsweise durch Alter oder Krankheit – eine Einschränkung erleidet, lässt dies auch offiziell feststellen.

Dass das Spektrum der Behinderungen dabei sehr groß ist, bedeutet auch, dass eine Vielfalt an Maßnahmen nötig ist, um die Stadt behindertenfreundlich zu machen. Denn in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen haben andere Bedürfnisse als Sehbehinderte oder Menschen mit einer geistigen oder psychischen Behinderung. „Wir werden mit den einzelnen Maßnahmen nie alle erreichen“, ist sich Reinel sicher. Aber deswegen die Hände in den Schoß zu legen und nichts zu tun, sei eindeutig der falsche Weg. Deshalb setze er darauf, mit einem Bündel von Einzelmaßnahmen möglichst viele zu erreichen.

„Wir sind in punkto Barrierefreiheit auf dem richtigen Weg“, ist sich der Inklusionsbeauftragte sicher. Regensburg genieße diesbezüglich einen guten Ruf und erfahre auch international Anerkennung. 2019 beispielsweise durfte Reinel das Projekt „Regensburg inklusiv“, ein Projekt von Bürgern für Bürger, bei der Jahrestagung der kanadischen Gesellschaft für Behinderungsstudien in Vancouver vorstellen und erntete dafür viel Beifall.

Auch für die Zukunft ist Reinel nicht bange. „Die Digitalisierung gibt uns viele Möglichkeiten, Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft zu integrieren“, sagt er. Gerade in einer mittelalterlichen Stadt wie Regensburg, in der der Denkmalschutz hohe Hürden aufbaue, eröffnen neue Technologien ungeahnte Möglichkeiten. So möchte er beispielsweise die sieben städtischen documente digital zugänglich machen und so das Welterbe Regensburg auf eine virtuelle Ebene heben.

„Ich akzeptiere jeden Menschen so, wie er ist“

Doch allein mit technischen Möglichkeiten wird es nicht getan sein. „Die Beschäftigung mit der eigenen Zerbrechlichkeit mag sich in unserer Hochleistungsgesellschaft niemand gerne vor Augen führen“, ist er sich sicher. Deshalb ist es für ihn so wichtig, Menschen mit und ohne Behinderung zusammenzubringen, um Hemmschwellen und Berührungsängste abzubauen. „Das ist eigentlich das dickste Brett, das wir bohren müssen“, unterstreicht er. Der erst kürzlich offiziell eröffnete Inklusionsspielplatz auf dem Gelände der ehemaligen Nibelungenkaserne ist solch ein Beispiel für eine niedrigschwellige Begegnungsmöglichkeit. Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung können sich hier begegnen, gemeinsam spielen und so Beziehungen aufbauen, die sie möglicherweise für das ganze Leben prägen.

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Ein wichtiges Anliegen war ihm auch, Menschen mit Behinderung den Zugang zum Alten Rathaus zu ermöglichen. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

„Ich akzeptiere jeden Menschen so, wie er ist.“ Diese Lebensmaxime, die Reinel antreibt, möchte er gerne auch auf andere projizieren. Er will bewusstmachen, dass auch jeder Nicht-Behinderte mit gewissen Einschränkungen in seinem Leben zurechtkommen muss. Mangelnde Fähigkeiten, aber auch Ängste würden Handlungsspielräume begrenzen. Damit Menschen mit einer Behinderung, die weder unter Flug-, noch unter Höhenangst leiden, auch am Segelflugsport teilhaben können, ist Reinel derzeit mit einem Verein in Kontakt und möchte einen Segelflieger so umbauen lassen, dass er behindertengerecht gesteuert werden kann.

Bevor er selbst allerdings abheben kann, muss er sich damit begnügen, mit seinem Rollstuhl durch die Stadt zu cruisen. Und dass ihm das viel Spaß macht, merkt man ihm an. Schließlich, so sagt er, „ist der Rollstuhl mein Fortbewegungsmittel Nummer eins“.

Video: Barrierefreies Rathaus

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Text: Dagmar Obermeier-Kundel