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„Eine gewaltige Chance“

Regensburg soll ein Zentrum für Künstliche Intelligenz werden.

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20. April 2021

Philipp Berr ist im Amt für Wirtschaft und Wissenschaft der Stadt Regensburg als Abteilungsleiter zuständig für die Bereiche Wissenschaft, Technologie und Cluster. Eines seiner derzeit wichtigsten Arbeitsfelder hat mit der Entwicklung und dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) zu tun, die sich zur Kerntechnologie der gesamten Digitalisierung entwickelt hat. Auch in Regensburg wird in vielfältiger Weise an KI gearbeitet. Die Stadt hat dabei die Koordination eines neuen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Schwerpunkts für die Region übernommen. Philipp Berr ist der zuständige Koordinator. Im Gespräch mit „507“ erklärt er, was überhaupt unter Künstlicher Intelligenz zu verstehen ist und welche Zukunftsmöglichkeiten diese breitgefächerte Technologie für den Standort Regensburg bereithält.

 

 

Herr Berr, was ist Künstliche Intelligenz?

Künstliche Intelligenz ist, simpel gesagt, die Weiterentwicklung von Computerprogrammen, die in ihrer Anwendung bisher sehr wesentlich menschliche Befehle benötigen, um zu funktionieren. Die KI sorgt dafür, dass digitale Programme selbstständig lernen, was von ihnen verlangt wird, und sie arbeiten auch selbstständig an ihrer permanenten Anpassung und Verbesserung.

Porträt - Philipp Berr
Philipp Berr ist beim Amt für Wirtschaft und Wissenschaft auch zuständig für das Themengebiet Künstliche Intelligenz (KI). © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Wo kann KI eingesetzt werden?

In sehr vielen Bereichen: Etwa in der automatisierten Produktion, beim autonomen Fahren, in der Biotechnologie, in der Medizindiagnostik und bei der Auswertung riesiger Datenmengen.

 

Warum engagiert sich die Stadt im Bereich der Künstlichen Intelligenz?

Die Technologie der Künstlichen Intelligenz bietet für den produktionsintensiven Standort Regensburg eine gewaltige Chance, die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Stadt und der ganzen Region langfristig sicherzustellen und hochwertige Arbeitsplätze in Entwicklung und Produktion am Standort zu halten und neu zu schaffen.

Deshalb hat die Stadt in einem ersten Schritt im Februar 2020 eine Dialog-Veranstaltung organisiert, bei der führende Technologieunternehmen aus Regensburg sowie die Universität Regensburg und die OTH – die Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg – aus ihrer Sicht die strategische Bedeutung von KI und die eigenen Pläne für die nächsten Jahre vorgestellt haben. Dabei wurde deutlich, dass für den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Regensburg die KI-Technologie von besonderer Bedeutung ist und die Bündelung und übergreifende Koordination der gemeinsamen Aktivitäten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung angestrebt wird. Die Stadt Regensburg wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gebeten, die Rolle der Koordinatorin zu übernehmen.

Welche Rolle die Arbeit an und mit Künstlicher Intelligenz in unserer Stadt spielt, lässt sich schon allein daran ablesen, dass die Bayerische Staatsregierung unter anderem im Rahmen der HighTech Agenda Bayern an der Universität Regensburg an der OTH Regensburg zusätzliche Professuren im Bereich KI ermöglicht.

Was hat die Stadt konkret vor?

Unser erstes Ziel ist es, die Initiative „Artificial Intelligence Regensburg“, kurz: AIR, zu etablieren: Wir wollen in der Region Regensburg bis 2030 einen führenden Hotspot für die Entwicklung und Anwendung Künstlicher Intelligenz aufbauen – zusammen mit Industrieunternehmen, kleinen und mittleren Unternehmen, Dienstleistern, Startups, Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Clustern und der Stadt Regensburg. Dabei wollen wir auch gesellschaftliche Gruppen und Bürgerinnen und Bürger einbinden und sie über die Möglichkeiten der KI informieren.

 

Die Stadt hat ja bereits eine ganze Reihe von technologischen Schwerpunkten – sogenannte Clustern – organisiert. Ist beim Thema KI eine Zusammenarbeit mit diesen Clustern geplant?

KI ist eine Technologie, die in vielen Branchen und Anwendungsfeldern im Einsatz ist und bereits heute in Regensburger Clustern und Netzwerken in Projekten angewendet wird. Das ist eine sehr gute Grundlage, um die AIR-Initiative quer durch die bereits bestehenden Cluster umzusetzen. Die Stadt, die Strategische Partnerschaft Sensorik e. V., das Cluster IT-Security, die R-Tech GmbH, der BioPark Regensburg und der Industrieverein Bayern für angewandte Künstliche Intelligenz werden die AIR-Initiative als gemeinschaftlicher Verbund mit der Dachmarke AIR vorantreiben. Und das in enger Abstimmung und Zusammenarbeit mit unserer örtlichen und regionalen Wissenschaft.

Es wird somit in Regensburg kein neues KI-Cluster aufgebaut, sondern Mitgliedsunternehmen der von der Stadt bereits initiierten Cluster können sich direkt an der AIR-Initiative beteiligen. Derzeit liegt die Federführung beim Amt für Wirtschaft und Wissenschaft. Unser Ziel ist es, die Federführung bis 2022, nach der Etablierung der AIR-Initiative, an den übergreifenden Cluster-Verbund zu übergeben.

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Wie kann man sich die Arbeit dieses Verbunds vorstellen?

Durch intensiven Wissensaustausch soll AIR die Kommunikation zwischen den teilnehmenden Partnern fördern. Durch die Zusammenarbeit von Partnern können deren Forschung und Entwicklung beschleunigt werden.

Ein wesentlicher Bestandteil von AIR soll eine sichere Datenplattform sein, gleichsam ein Marktplatz für Entwicklungen, Methoden und Anwendungen. Auf dieser Plattform sollen unsere Partner beispielsweise große Mengen an Grundlagendaten bereitstellen, eigene Entwicklungen anbieten oder miteinander Geschäftsprozesse optimieren und automatisieren können. Eine solche Plattform für den Austausch und die Nutzung von Daten wäre einzigartig für unsere Region.
Diese Datenplattform wollen wir an ein europäisches Datenplattform-Projekt namens GAIA-X anlehnen, das vorsieht, in Europa eine enorm leistungsfähige unabhängige Dateninfrastruktur zu schaffen – unabhängig von den großen außereuropäischen Cloud-Betreibern.

Grundsätzlich geht es uns in der Region auch darum, dass AIR weit über Regensburg hinaus als starker Verbund, als erfolgreiches Markenzeichen wahrgenommen wird, was den Zugang zu Fördermitteln deutlich verbessern kann.

 

Sie haben schon darauf hingewiesen, dass die Bürgerinnen und Bürger in das Projekt AIR einbezogen werden sollen. Was stellen Sie sich vor?

In der Wissenschaft und auch unter Bürgerinnen und Bürgern werden die Möglichkeiten, die von der Künstlichen Intelligenz eröffnet werden, nicht nur positiv, sondern auch sehr kritisch diskutiert. Was darf KI, was darf sie nicht? Da geht es nicht nur um technische, sondern auch um wichtige gesellschaftliche, um ethische Fragen. Wir wollen diskutieren, welche Rolle diese Zukunftstechnologie in unserem Leben einnehmen soll, und zu dieser Diskussion wollen wir sachliche Informationen aus einer Vielzahl von Perspektiven beisteuern – etwa mit Ausstellungen, allgemeinverständlichen Publikationen, Workshops und praktischen Kursen.

Text und Interview: Rolf Thym