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„Wir brauchen zu dieser Frage eine breite öffentliche Diskussion“

Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer spricht über den Umgang mit belasteten Straßennamen in Regensburg.

Porträt D1 Gertrud Maltz-Schwarzfischer - quer
Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Die Stadtpolitik und die Verwaltung befassen sich schon seit längerem mit der Frage, wie wir in Regensburg mit Namen von Straßen, Plätzen oder Gebäuden umgehen sollen, die einen Zusammenhang zur Zeit des Nationalsozialismus oder einen anderen antidemokratischen Hintergrund aufweisen. In der Vergangenheit wurden stets nur Einzelfälle diskutiert und dann gehandelt – oder auch nicht.

Als logische Folge aus dem Konzept für eine Gedenk- und Erinnerungskultur für Regensburg hat der Stadtrat im Juli 2020 beschlossen, auch den Aspekt der Straßenbenennungen systematisch anzugehen und alle Namen von Straßen, Plätzen und Gebäuden untersuchen zu lassen. Das Bildungsreferat mit seiner Stabsstelle für Erinnerungs- und Gedenkkultur wurde beauftragt, in Zusammenarbeit mit der Universität und der OTH entsprechende Möglichkeiten zu prüfen. Ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg ist die Masterarbeit „Straßennamen in Regensburg. Erarbeitung eines Handlungskonzepts zur Überprüfung der Regensburger Straßennamen auf koloniale, nationalsozialistische und anderweitig belastende Zusammenhänge“, die in den vergangenen Monaten am Lehrstuhl für Politikwissenschaft und Soziologie an der OTH Regensburg entstanden ist. Ihre Autorin Nelly Klein hat sie uns am 10. Februar 2022 im Bildungsausschuss vorgestellt.

Auf Basis dieser Arbeit wird die Stabsstelle Erinnerungs- und Gedenkkultur nun zusammen mit zwei wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und unterstützt von den Kolleginnen und Kollegen aus dem Stadtarchiv eine Liste der Namen erstellen, die als belastet zu werten sind. Insgesamt gibt es in Regensburg etwa 1.300 Straßen, rund 400 davon konnten im Lauf des bisherigen Prozesses bereits als eindeutig unbelastet eingestuft werden. Bleiben also noch 900, die jetzt überprüft werden müssen. Wenn das geschafft ist, soll in einem nächsten Schritt eine Expertenkommission Vorschläge erarbeiten, wie mit jedem einzelnen der belasteten Namen am besten zu verfahren ist.

Warum brauchen wir dafür eine eigene Expertenkommission? Weil Straßennamen eben nicht nur irgendwelche Bezeichnungen sind, die wir auf dem Stadtplan beliebig verändern können. Straßennamen sind Adressen, an denen Menschen leben und Unternehmen ihren Sitz haben. In welcher Straße man wohnt, hat auch etwas mit Identität zu tun. Diskussionen um Straßennamen sind daher verständlicherweise oft höchst emotional. Und: Die perfekte Lösung, die für alle Fälle passt, gibt es nicht. Wenn bei der einen Straße eine Umbenennung richtig ist, können es in einem anderen Fall Erläuterungstafeln oder ganz andere Ideen sein. Wir müssen dieses hochsensible Thema umsichtig behandeln, um zu tragfähigen Lösungen zu kommen. Dazu gehört, dass wir die Expertise erfahrener Fachleute brauchen. Dazu gehört aber auch, dass wir alle betroffenen Gruppen der Stadtgesellschaft einbeziehen, dass wir das Thema auf breiter Ebene diskutieren und dass der ganze Prozess mit höchster Transparenz abläuft. All diese Anforderungen können am besten von einer Expertenkommission erfüllt werden, die eigens für diesen Zweck gebildet wird. Wie sie sich konkret zusammensetzen soll, darüber werden wir in den kommenden Wochen diskutieren, und wir werden dabei auch Fachleute zu Rate ziehen. Unser Ziel ist, dass die Kommission ihre Arbeit aufnehmen kann, sobald die Liste der belasteten Namen vorliegt. Die Energie, die wir jetzt investieren, ist gut investiert. Denn die Arbeit der Expertenkommission wird entscheidend sein für den Erfolg des gesamten Prozesses.

Ihre Gertrud Maltz-Schwarzfischer

Im Februar 2022