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Neujahrsempfang 2017

- Es gilt das gesprochene Wort - 

Rede von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs anlässlich des Neujahrsempfangs der Stadt Regensburg am Freitag, 13. Januar 2017, um 11 Uhr im Reichssaal


Anrede,

bislang waren Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, es gewohnt, dass sich der Oberbürgermeister beim Neujahrsempfang der Stadt mit einer Grundsatzrede an Sie wendet – mitunter bis an die Grenze der Standfestigkeit der Gäste.

Diesmal wollen wir es etwas anders machen.

Die Universität Regensburg begeht heuer das Jubiläum „50 Jahre Vorlesungsbetrieb“. Auf dieses Jubiläum hin haben wir diesen Neujahrsempfang der Stadt ausgerichtet - wobei es mir eine ganze besondere Freude ist, dass Prof. Dr. Udo Hebel, der Präsident der Universität, den offiziellen Teil dieses Empfangs gemeinsam mit mir bestreitet.

Dafür sage ich Ihnen, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Hebel, schon jetzt meinen herzlichen Dank.

Ebenfalls danken möchte ich der Brass Band der städtischen Sing- und Musikschule, die unter der Leitung von Christine Hartmann diesen Neujahrsempfang musikalisch begleitet. Das Stück, das wir gerade gehört haben, heißt übrigens „Home of Legends“ - womöglich eine freundliche Anspielung auf das Thema dieses Empfangs.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ein Wort geistert derzeit durch Parlamentsdebatten, Talkshows und Leitartikel. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat diesen Begriff sogar zum Wort des Jahres 2016 gekürt. Die Jury begründet ihre Wahl damit, dass das Kunstwort „postfaktisch“ einen tiefgreifenden politischen Wandel in unserer Gesellschaft beschreibt. Nach Ansicht der Jury geht es heute in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten. Immer mehr Menschen zimmern sich ihr ganz eigenes Weltbild zurecht, ganz ohne Rücksicht auf Tatsachen.

Inzwischen prallen vielfach zwei Wahrheiten aufeinander: Die durch Fakten belegbare Wahrheit – und die durch Emotionen bestimmte gefühlte Wahrheit. Immer mehr Menschen, so scheint es, halten ihre gefühlte Wahrheit für wirklich wahr. Und sie nehmen es sogar hin, belogen zu werden, wenn diese Lügen zu ihrer ganz persönlichen Wahrnehmung der Welt passen.

Die Vorgänge um den Brexit – übrigens Platz 2 bei der Wahl des Wortes 2016 - und die US-Präsidentschaftswahlen haben uns deutlich und schmerzlich vor Augen geführt, dass Lügen und Halbwahrheiten sehr erfolgreiche Helfer sind, wenn bestimmte Gruppen ihre politischen und gesellschaftlichen Ziele durchsetzen wollen.

Mit dem Postfaktischen haben insbesondere auch die etablierten Medien zu kämpfen: Sie gelten vielen ohnehin schon als „Lügenpresse“. Ihre Glaubwürdigkeit wird nun aber auch noch untergraben durch das, was im Englischen „Fakenews“ heißt. Nun soll es ja schon vorgekommen sein, dass Falschmeldungen auch in angesehenen Zeitungen, Magazinen und Sendern zu finden waren. Diese Falschmeldungen sind aber, wie ich gutwillig unterstellen möchte, auf die grundsätzliche Fehlbarkeit auch des Journalistenmenschen zurückzuführen und nicht konkreter Bestandteil eines Geschäftsmodells. Ganz anders die Fakenews, die bevorzugt auf einschlägigen Websites und in den sozialen Netzwerken abgesetzt werden: Hier werden Unwahrheiten wohlüberlegt und gezielt verbreitet, um politischen Gegnern zu schaden oder die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

All das, meine sehr verehrten Damen und Herren, kann uns nicht gefallen. Das Postfaktische und die bewusst verbreitete Lüge können sich sogar als Spaltkeile in unsere Gesellschaft treiben. Schon werden besorgte Stimmen aus Politik, Soziologie und Medien laut, die vor einer starken Gefahr für unsere Demokratie warnen. 

Derzeit wird viel darüber debattiert und geschrieben, wie dem Postfaktischen und den absichtlichen Falschmeldungen Einhalt geboten werden kann. Es geht dabei um ganz zentrale Fragen: Wie gelingt es, dass verunsicherte Menschen Tatsachen von Vermutungen unterscheiden können, Vermutungen von Gerüchten, Gerüchte von fahrlässigen Unwahrheiten und fahrlässige Unwahrheiten von der gezielten Lüge? Was können wir tun, damit Tatsachen – vor allem die Tatsachen, die nicht so angenehm sind – nicht mehr weggeschoben und ignoriert werden? Wie gelingt es, allen Menschen in unserer Gesellschaft die immer schneller werdenden Veränderungen in der Welt glaubhaft zu erklären und ihre Angst und ihre Sorgen vor diesen Veränderungen durch gute, wahre Argumente zu nehmen? Und: Wie bringen wir diese Menschen davon ab, sich eine virtuelle Welt zusammenzubasteln, die ihre Meinung – und nur ihre Meinung – stützt? 

Ich befürchte, dass uns all diese Fragen im Wahljahr 2017 schwer beschäftigen werden. Und ich hoffe inständig, dass am Ende Vernunft, Verstand, Tatsachen und Wahrheit stärker sind als das Postfaktische und die absichtlich gestreute Lüge.

Ganz persönlich bin ich fest davon überzeugt, dass bestmögliche Bildung, umfassende Information wie auch die Fähigkeit zum kritischen und selbstkritischen Denken immer noch die besten Garanten gegen die gefährliche Scheinwelt der diffusen Gefühle, der Halbwahrheiten und Lügen sind. 

In dieser nicht einfachen gesellschaftlichen Gemengenlage kommt unseren Hochschulen eine ganz besondere Bedeutung zu. Wenn das tägliche Ringen um Erkenntnis, die immerwährende Suche nach der Wahrheit und das Arbeiten mit belastbaren Fakten einen Platz haben – dann an den Hochschulen. Unsere Hochschulen halten ihre Studierenden dazu an, sich intensiv, ohne Vorurteile und aus allen Blickwinkeln mit Themen und Aufgabenstellungen zu befassen. An unseren Hochschulen lernen junge Menschen, Informationen, Argumente und Erkenntnisse einzuordnen und gegeneinander abzuwägen. Und sie lernen, wie man das Neue entdeckt.

Im Studium muss man den Dingen auf den Grund gehen, man muss ständig seine eigenen Sichtweisen überprüfen und erreichte Ergebnisse infrage stellen. Mit Menschen, die so denken und arbeiten, haben wir wirklich gute Chancen im Ringen mit dem Postfaktischen. Schon allein aus dieser ganz  aktuellen Bedeutung heraus können wir uns alle glücklich schätzen, dass Regensburg nun seit 50 Jahren eine Universität hat.

Der Gründung dieser vierten Landes-Universität ging eine langwierige und immense Arbeit voraus und sie lässt sich treffend in dem berühmten Satz von Max Weber zusammenfassen, der Politik als das starke, langsame Bohren von Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich beschrieben hat.

Es war in der Tat ein sehr, sehr hartes Brett zu bohren, damit Regensburg seine Universität bekam. Dabei brachte unsere Stadt ja die besten Voraussetzungen mit:

  • Schon ab dem ausgehenden 8. Jahrhundert blühten in Regensburg Lehre und Wissenschaft.
  • Albertus Magnus, einer der großen Universalgelehrten des 13. Jahrhunderts, wirkte in Regensburg.
  • Die Talmudschule der Jüdischen Gemeinde in Regensburg gehörte im ausgehenden Mittelalter zu den Besten in ganz Mitteleuropa.
  • Besonders im 15. Jahrhundert blühten in St. Emmeram mathematische und astronomische Studien.

Im Jahr 1487 wurde endlich ein Anlauf zur Gründung einer Universität genommen: Damals reichte der Rat der Stadt zusammen mit dem Bayernherzog Albrecht IV. eine Petition beim Papst ein, der erfreulicherweise einverstanden war. Weniger erfreulich war allerdings, dass das nötige Geld fehlte. Und so musste Regensburg noch fast 500 Jahre lang ohne die ersehnte Hochschule auskommen.

In der Zwischenzeit entstanden Ende des 18. Jahrhunderts eine Sternwarte und die Regensburger Botanische Gesellschaft – heute die älteste noch bestehende naturwissenschaftliche Fachgesellschaft der Welt. 

1810 wurde das Königliche Lyzeum gegründet, das besonders für seine Leistungen in Astronomie, Experimentalphysik und Meteorologie bekannt war.

1923 wurde aus dem Lyzeum eine Philosophisch-Theologische Hochschule, die nach dem Zweiten Weltkrieg als eine Art Ersatzuniversität für die medizinisch-naturwissenschaftliche Grundausbildung diente und später einen ganz entscheidenden Impuls für die Gründung der Universität gab.

Bereits 1874 ist die heutige Hochschule für Katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik gegründet worden. Sie war damals weltweit einzigartig und genoss von Anfang an international großer Beachtung. 

Es ist sehr bemerkenswert, dass schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, in einer Zeit großer finanzieller und wirtschaftlicher Not, der Wunsch nach einer Universitätsgründung erneut mächtig auflebte.

Am 22. Januar 1948 gründeten engagierte Bürgerinnen und Bürger zusammen mit örtlichen Politikern den Verein der Freunde der Universität Regensburg. Doch weitere 14 Jahre lang mussten die Regensburger der Staatsregierung in München mit immer neuen Argumenten auf die Nerven gehen, bis schließlich die langersehnte Entscheidung fiel:

Am 10. Juli 1962 beschloss der Landtag die Gründung einer Universität in Regensburg. Nach fünf Jahren Bauzeit – genau am 6. November 1967 - begann auf dem Campus oben am Galgenberg der Lehrbetrieb. Eingegliedert in die neue Uni wurden die bereits erwähnte philosophisch-theologische Hochschule und die seit 1958 als Außenstelle der Uni München bestehende pädagogische Hochschule. 

Besonders drei Regensburger sind mit dem Ringen der Bürgerschaft um ihre Universität verbunden:

  • Rudolf Schlichtinger, der damalige Regensburger Oberbürgermeister,
  • Dr. Franz Schmidl, der ehemalige Universitätsbeauftragte der Stadt,
  • und der damalige Landtagsabgeordnete Wilhelm Gastinger.

Ihnen und allen anderen, die sich für Gründung und Bau unserer Universität stark gemacht haben, sage ich im Namen der Stadt und all ihrer Bürgerinnen und Bürger einen ausdrücklichen und herzlichen Dank.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
in Regensburg konnte man seit 1967 wie in einem Zeitraffer sehen, wie eine neue Hochschule das Leben einer Stadt, ja: einer ganzen Region von Grund auf verändert.

Aus der etwas verschlafenen Verwaltungs- und Beamtenstadt Regensburg ist dank der Universität – und auch dank der Ostbayerischen Technischen Hochschule – nicht nur ein sehr erfolgreicher Wissenschaftsstandort mit derzeit insgesamt über 32 000 Studierenden geworden – sondern auch eine wirtschaftlich höchst erfolgreiche Stadt, die sich vor keinem nationalen oder internationalen Ranking scheuen muss. 

Die Gründung der Universität setzte vor 50 Jahren eine sehr beachtliche Kettenreaktion in Gang. Nach der Uni kam BMW, nach BMW kam das Uniklinikum, nach dem Uniklinikum kam der Ausbau der Fachhochschule, unserer heutigen OTH, und so ging es Schlag auf Schlag weiter: Die Maschinenfabrik Reinhausen stieg ebenso zu einem Global Player auf wie Infineon, Osram Opto Semiconductors und Continental in Regensburg. Made in Regensburg sind sogar hochmoderne Bauteile für Flugzeugtriebwerke von General Electric Aviation.

Hinzu kommen ein starker, höchst innovativer Mittelstand, ein sehr gesunder Dienstleistungssektor, viele kleine kreative Unternehmen und Firmengründungen. Automobilbau und –zulieferung, Maschinenbau und Elektrotechnik,  Biotechnologie, Sensorik, Chipfertigung und IT-Sicherheit, Immobilienwirtschaft, E-Mobilität, Kultur- und Kreativwirtschaft – das sind die Branchen, die Regensburg und sein Umland groß und erfolgreich gemacht haben.

Schon seit vielen Jahren belegt Regensburg unter allen Wirtschaftsregionen in Deutschland hervorragende Platzierungen bei der Bewertung der Wirtschaftskraft und der Dynamik. Dieser sehr beeindruckende Erfolg wäre ohne die Universität nicht denkbar: Viele Forschungsergebnisse wurden und werden mit Erfolg in Produkte oder neue medizinische Verfahren umgesetzt.

Dank der jährlich fast 3000 Hochschulabsolventen können die Unternehmen in Regensburg und der gesamten Region auf junge, bestens ausgebildete und hoch motivierte akademische Fachkräfte zurückgreifen - auch das ist ein sehr wesentlicher Grund dafür, dass es unserer Stadt so gut geht wie noch nie zuvor. Und wenn wir uns heute über die höchsten Steuereinnahmen freuen dürfen, die die Stadt Regensburg jemals erzielt hat, dann hat das auch damit zu tun, dass an der Universität und ihrem Klinikum 4200 Menschen krisensicher beschäftigt sind. 

Ich möchte aber nicht nur über die starken wirtschaftlichen Impulse sprechen, die seit nun 50 Jahren von der Universität ausgehen. Gar nicht in Geld zu messen ist das, was die Universität unserer Stadt und ihren Menschen jeden Tag an Selbstbewusstsein, intellektueller Kraft, kreativem Denken, Kultur und Weltoffenheit bringt. So ist in 50 Jahren eine ganz besondere Symbiose entstanden, die aus Regensburg eine lebenswerte und überschaubare kleine Weltgroßstadt mit Menschen aus gut 150 Nationen gemacht hat.

Auch dank der Universität herrscht in unserer Stadt ein Klima der Offenheit und der Humanität. Lehrkräfte und Studierende der Universität kümmern sich mit ihrem Projekt „Campus Asyl“ ehrenamtlich und mit professioneller Organisation um die Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und bitterster Not zu uns geflohen sind. So steht dort oben am Campus nicht einfach nur eine Hochschule - dort oben werden der Geist und der Herzschlag unserer Stadt mit gemacht. Dort oben steht unsere Universität.