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Holocaust Gedenktag 2017

- Es gilt das gesprochene Wort - 

Rede von Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer anlässlich des Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am Freitag, 27. Januar 2017, ca. 18 Uhr, in der Aula der staatlichen Fach- und Berufsoberschule Regensburg


Liebe Regensburgerinnen und Regensburger,
verehrte Mitglieder der jüdischen Gemeinde und der christlichen Kirchen,
verehrte Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Organisationen und Initiativen der Gedenkkultur,
liebe Schülerinnen und Schüler. 

Vorweg möchte ich meinen herzlichen Dank sagen: der Schulleiterin der staatlichen Fach- und Berufsoberschule, Frau Hendschke-Lug, für die Gastfreundschaft. Und den Lehrkräften Frau Summerer, Herrn Baranski, Herrn Plank und Herrn Hofmann, die sich zusammen mit ihren Schülerinnen und Schülern an der Gestaltung unseres Gedenkens beteiligen.  

Vielen herzlichen Dank auch an Herrn Woike, der die Ausstellung „Jüdisches Leben in Regensburg“ des bekannten Regensburger Fotografen Uwe Moosburger hier in die Aula der Schule geholt hat. Mein herzliches Dankeschön geht an Herrn Khenkin, der zusammen mit seinen Musikern unsere Gedenkfeier musikalisch umrahmt.

Warum gedenken wir auch heute wieder der Opfer des Nationalsozialismus?

Am 27. Januar 1945 haben Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreit. Gut drei Monate danach war mit der deutschen Kapitulation der Zweite Weltkrieg in Europa zuende. Die Jahre und Jahrzehnte danach waren geprägt von dem Versuch, das Geschehene aufzuarbeiten: juristisch, gesellschaftlich und politisch. Es ging dabei um die schmerzliche  Auseinandersetzung mit abgrundtief abscheulichen und unfassbaren Untaten. Es ging um die Aussöhnung mit den Opfern – und überhaupt ging es um die Frage, wie der Holocaust unter den Augen so vieler Mitwisser geschehen konnte.

Bis heute erschweren fehlendes Unrechtsbewusstsein, absichtliches Nicht-Wissenwollen und auch das blanke Leugnen des Holocausts die Aufarbeitung dieser dunkelsten Zeit unserer Geschichte. Für viele Menschen sind die Nazizeit und der Massenmord an Juden, Sinti und Homosexuellen, an Kirchenleuten, Kriegsgefangenen, politischen Gegnern, Menschen im aktiven Widerstand und an behinderten Menschen längst graue Geschichte.

Viele sind der Ansicht, dass mit den Nürnberger Prozessen, der Entnazifizierung durch die Alliierten, der  historischen Untersuchung und dem Geschichtsunterricht an den Schulen  dieses Kapitel abgeschlossen sein müsse. Wenn es heute um die Aufarbeitung des Holocausts und um das Gedenken an die Opfer geht, dann sind immer wieder solche Sätze zu hören:

„Das muss doch mal ein Ende haben“
„Das ist doch nicht unsere Schuld"
„Es lebt doch eh kaum mehr einer aus dieser Zeit.“ 

Und man hört leider auch:

„Wer weiß, ob das auch wirklich alles stimmt“

Nicht irgendwer, sondern ein hochrangiger Vertreter der AfD (Björn Höcke, Fraktionsvorsitzender der AfD im Thüringer Landtag) hat neulich das Holocaust-Gedenkmal in Berlin ein „Denkmal der Schande“ genannt und – so wörtlich – eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert.

Solche Sprüche kennen wir bislang aus der Szene der Alt- und Neu-Nazis.

Wenn aber nun auch ein Politiker, der in einem deutschen Landtag vertreten ist, zu solch unsäglichen Entgleisungen fähig ist und sie auch noch öffentlich äußert, dann leuchten bei uns alle Alarmlampen auf. Solche Aussagen fallen nicht mehr unter die Abteilung: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Solche Aussagen verharmlosen den gewaltsamen Tod von Millionen Menschen.
Solche Aussagen beleidigen die Opfer und ihre Angehörigen. Solche Aussagen verhöhnen das Andenken an all jene, die von den Nationalsozialisten verfolgt, erniedrigt, entrechtet, gequält und ermordet wurden. Solche Aussagen beleidigen auch die vielen Menschen in unserem Land, die in der Erinnerungskultur die Basis unserer Gegenwart und unserer Zukunft sehen.

Solche Aussagen sind einfach unerträglich – und sie machen deutlich, warum das Erinnern an die Gräueltaten der Nationalsozialisten nie versiegen darf. Der vor kurzem verstorbene frühere Bundespräsident Roman Herzog hat in einer seiner Reden zum internationalen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus gesagt – ich zitiere: „Wir wollen nicht unser Entsetzen konservieren. Wir wollen Lehren ziehen, die auch künftigen Generationen Orientierung sind.“

Welche Lehren ziehen wir also aus dem, was vor sieben Jahrzehnten geschehen ist? 

Wir werden nicht all jenen auf den Leim gehen, die mit ihren nationalistischen Parolen Hass und Verunsicherung verbreiten wollen und letztlich eine dramatische Veränderung unserer Gesellschaft erzwingen wollen.

Wir dulden nicht, dass Menschen wegen ihrer Herkunft, ihres Glaubens und ihrer Kultur beleidigt und verunglimpft werden. Wir widersprechen entschieden, wenn die zutiefst unmenschlichen Verbrechen der Nationalsozialisten verharmlost und kleingeredet werden.

Und wir sind hellwach, wenn in bewussten Falschmeldungen - Fake News sagt man jetzt dazu – eine unmenschliche, hasserfüllte Ideologie transportiert wird. Wir stehen eng zusammen und tun alles dafür, dass der schreckliche Terror der Nationalsozialisten niemals in Vergessenheit gerät.

Nur wenn wir uns immer wieder an das Schreckliche erinnern, wenn wir immer wieder der Opfer gedenken, wenn wir uns immer wieder bewusst machen, wohin Hass und stumpfe Ablehnung führen, nur dann werden wir verhindern, dass sich das grauenhafteste Kapitel unserer Geschichte wiederholt.

Max Mannheimer, einer der Überlebenden des Holocaust, hat den bekannten Satz gesagt:
"Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht." 

Für mich persönlich kann ich sagen, dass ich diese Verantwortung gerne und aus voller Überzeugung trage. Und ich freue mich ganz besonders über die vielen jungen Leute auch bei uns in Regensburg, die diese Verantwortung übernehmen und an die nach ihnen kommende Generation weitergeben wollen.

Wir setzen uns für ein menschliches Miteinander ein, für Weltoffenheit, für ein friedliches Zusammenleben aller Kulturen und Religionen. Wir setzen uns für eine Gesellschaft ein, in der Hetzer und Hassprediger – egal von welcher Seite – keine Chance haben. Und wir sind nicht still, wenn wir menschenfeindliche, rassistische oder nationalistische  Parolen und Sprüche hören.

Ich freue mich sehr darüber, dass die Bürgerinnen und Bürger in unserer Stadt füreinander einstehen.

Deswegen können Menschen, die bei uns vor Terror, Verfolgung und Mord Zuflucht suchen, sich bei uns sicher fühlen. Dieses Gefühl der Sicherheit wollen wir ganz besonders auch unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern geben. Es freut mich sehr, dass viele nicht-jüdische Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt den Bau der neuen Synagoge und die Sanierung des jüdischen Gemeindezentrums so engagiert unterstützen.

Das neue Gotteshaus der jüdischen Gemeinde wird ein weiterer bedeutender Baustein für die Vielfalt in unserer Stadt sein. Regensburg und seinen Menschen geht es auch deswegen so gut, weil wir die Welt und das Neue zu uns hereinlassen. Regensburg ist auch deswegen eine so großartige Stadt, weil sie ein Ort der Freiheit, des Miteinander und des gegenseitigen Respekts ist. Ich freue mich wirklich sehr, dass wir das über unsere Stadt sagen können.