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Die Zukunft des Erinnerns - Zweit(zeit)zeugen

Zeitzeugen: Sie berühren ihre Zuhörer, wecken Empathie und stoßen so geschichtliches Lernen an. Aber auch Zeitzeugen-Videos, historische Quellen, schriftliche Zeugnisse der Überlebenden, Interviews, Objekte aus Lagern, Dokumente, Bilder und Kunstwerke haben einen nachhaltigen Effekt. Die Jahre, in denen Überlebende des Nationalsozialismus noch selber ihre Geschichte erzählen können, sind bald vorüber.

Ihre Geschichten können aber auch weitererzählt werden. Frau Gözde Karababa hat ein Jahr in New York für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. Überlebende des Holocaust betreut und von ihren Erfahrungen im Rahmen des Internationalen Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2022 berichtet:

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Maltz- Schwarzfischer, Frau Danziger, Herr Dekan Breu, liebe SchülerInnen und liebe ZuhörerInnen,

heute treffen wir uns, um uns an etwas zu erinnern, das niemals in Vergessenheit geraten darf.

Aber wie sieht Erinnern heute aus? Was wird gegen das Vergessen getan? 

Im Geschichtsunterricht wird der Holocaust sicherlich nicht zu wenig behandelt. Wie vielen in dem Alter erschien mir persönlich das Thema Holocaust damals so weit entfernt, dass ich überhaupt keinen Bezug dazu aufbauen konnte. Ich lernte fleißig meine Daten und Fakten, aber begriffen hatte ich das Ganze noch nicht.  Als uns die Geschichtslehrerin zu einem Abend mit einem Zeitzeugen mitnahm, realisierte ich zum ersten Mal, dass es ja tatsächlich noch Menschen gibt, die über den Holocaust aus eigener Erfahrung berichten können. Die Erzählungen waren so ergreifend und furchtbar, dass ich es gar nicht fassen konnte, wie wenig mir eigentlich von alldem bewusst gewesen war. Im Religionsunterricht wurde uns daraufhin die Organisation „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.“, kurz „ASF“, vorgestellt. Eine Organisation, die mit Projekten in diversen Ländern unter anderem politisch-historische Bildungsarbeit betreibt. Ich war noch immer von jenem Abend so bewegt, dass ich mich kurzerhand dazu entschloss mich bei ASF für ein FSJ zu bewerben. Denn, ich wollte meinen Beitrag gegen das Vergessen und für ein stärkeres Bewusstsein im Umgang mit dem Holocaust leisten.

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.

Nach einem Mehrstufigen Bewerbungsverfahren, durfte ich mit ASF nach New York City für ein ganzes Jahr um im Projekt „Selfhelp Nazi Vicitim Services“ mitzuarbeiten. Diese Sozialstation betreut ausschließlich Holocaust-Überlebende in ganz New York. Ich durfte jede Woche ca. 15 Holocaust Überlebende regelmäßig zuhause besuchen. Man kann sich also vorstellen, dass so ein enger Kontakt, großartige Begegnungen ermöglicht und man tiefe Verbindungen aufbauen kann, wenn man es auch zulässt. Ich kann sagen, dass ich dabei sogar Freunde gewonnen habe, zu denen ich noch heute Kontakt pflege.

Einige von Ihnen, erzählten mir direkt ihren grausamen Erlebnissen. Andere wiederum brauchten etwas mehr Zeit um über das Erlebte zu sprechen. Jack Ratz zum Beispiel, überlebte mehrere Todesmärsche und Konzentrationslager. Er landete vom Riga Ghetto in Danzig im Stutthof Konzentrationslager, wo er schließlich durch sowjetische Soldaten befreit wurde. Dasha Rittenberg - konnte durch den Kindertransport das Bedzin Ghetto in Polen verlassen, nachdem sie sämtliche Familienmitglieder verloren hatte. Marianne Seidenberger tarnte sich in Frankreich als Christin bei einer französischen Familie um nicht deportiert zu werden. Bis zu ihrem Tod 2019 hörte sie noch gerne Kirchenmusik, obwohl sie sich keiner Religion zugehörig fühlte.

Erinnerungen

Ich möchte mit Ihnen gerne ein paar Erinnerungen teilen, die sich nicht nur in meinem Gedächtnis, sondern viel mehr in meinen Herzen eingebrannt haben.

Ich erinnere mich gerne zurück an Alex Turney, den Tango-Tänzer. Jeden Monat veranstaltete Selfhelp sogenannte „cofehouse“-Events, wo sich alle Selfhelp Senioren trafen um jüdische Lieder zu hören, zu tanzen und die sehr beliebten Kosheren Thunfisch-Brötchen zu genießen. Alex, damals 98 Jahre alt, liebte diese Events, weil er dort endlich wieder tanzen konnte. Seine Blindheit und seine Arthrose im ganzen Körper merkte man ihm auf der Tanzfläche nicht mehr an. Meine Augen suchten jedes Mal Alex, weil ich wissen wollte, was er wieder für eine Choreografie vorbereitet hatte. Von Ihm lernte ich zwei Weisheiten, die ich nie vergessen werde: „Jedes Alter hat seine Reize“ und „Bailar es bibir“, was so viel heißt wie „tanzen bedeutet leben“ und vor allem dieser Spruch beschreibt ihn sehr gut. Getreu diesem Motto erlangte er in Expertenkreisen den Titel als Ältester Tangotänzer der Welt. Diese pure Lebensenergie, die in ihm entfachte, sobald er auf der Tanzfläche stand, war einzigartig und inspirierend.

Ich erinnere mich auch an Freunde, die überhaupt nicht gerne zu diesen Veranstaltungen gingen. Dasha war eine davon. Sie sagte immer, dass sie zu jung sei für solche „Senioren Treffs“, wo man eh nur über jede neu entdeckte Erkrankung redet, und diese Gespräche langweilten sie. Das war nichts für Dasha. Sie arbeitete bis zu ihrem 93 Lebensjahr in einer Drogerie. Als die Drogerie schließen musste, war sie erneut auf der Suche nach Arbeit, nicht jedoch weil sie darauf angewiesen war, sondern vielmehr weil das Leben sonst zu langweilig werden würde, meinte sie. Ich war so beeindruckt von ihrem Antrieb und Elan, den sie nach all den Jahren nie verloren hatte. Wir verbrachten sehr viel Zeit miteinander. Sie nahm mich an Shabbat mit zu ihrer Synagoge und zu Freunden. Sie tat alles, damit ich mich wohl und willkommen fühlte. Und das tat ich bei ihr besonders. Sie war eine Art Vertrauensperson, die sofort merkte, wenn mich etwas beschäftigt hat. Bei jedem Besuch brühte Sie frischen Kaffee für uns und dann hatten wir wahnsinnig lustige, aber auch sehr traurige, erschütternde Gespräche an ihrem Ecktisch in der Küche. Nicht selten sind an diesem Tisch Tränen geflossen.

Die Zukunft des Erinnerns

Ich trage ein ganzes Jahr voller unvergesslicher Geschichten, aber auch die schrecklichen Erinnerungen, die meine Freunde mir offenbarten, mit mir. Als ich mich bei ASF beworben hatte, war mir noch nicht bewusst, wie viel Verantwortung ich mit dieser Art von Freiwilligen Arbeit wirklich habe. Es war kein Jahr, dass man erlebt hat und dann wieder vergisst. Daher war für mich auch die Rückkehr nach Deutschland, zurück in meinen Alltag nicht so einfach.

Ich fühlte mich dazu verpflichtet ...

  • weiter Erinnerungsarbeit zu leisten
  • Verantwortung für gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen zu übernehmen
  • Zeichen zu setzen
  • und für Toleranz und Demokratie einzustehen.

ASF bietet auch in Deutschland viele Projekte an, in denen man die Chance hat, sich ebenso zu engagieren, z.B. in Regionalgruppen-Arbeit. Dabei setzt man sich nicht nur mit verschiedenen historischen und gesellschaftlichen Themen auseinander, sondern organisiert auch Veranstaltungen wie z.B. Stolperstein Putz Aktionen. Außerdem kann man proaktiv mit ASF bei internationalen Sommerlagern mitwirken und dabei ein Teil des Sommerlager-Orga-Teams werden oder sich selbst als Teilnehmer für solche 2-wöchigen Projekte anmelden. Unter anderem habe ich in Litauen, in Vistytis ein Sommerlager mitorganisiert und eine 15-köpfige Gruppe mit Teilnehmern aus Deutschland, Belarus, Litauen, Polen, Canada und Israel betreut. Das Besondere an diesem Sommerlager war, dass Teilnehmer im Alter zwischen 18 und 78 Jahren dabei waren, wobei jeder von jedem noch etwas gelernt hat. Aber warum Vistytis? In Vistytis, direkt an der Grenze zu Kaliningrad, existiert ein fast vergessener ehemaliger jüdischer Friedhof, aus Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg. Da er jedoch sehr verwahrlost und heruntergekommen ist, wurde dieses Stück Erde Jahrzehntelang ignoriert. Bis August 2019 fand man hier noch stark verwitterte Grabsteine vor, denen keine Familiennamen zugeordnet werden konnten. Wir reinigten nicht nur die Grabsteine, sondern dokumentierten sie dabei auch. Dadurch, dass die Schriften in die Steine hinein gemeißelt wurden, konnten wir mit Rasierschaum die Schrift leserlicher machen und fotografieren, um die Namen in das Digitale Archiv hochzuladen. Dort kann man Namen eingeben und eventuell Vorfahren, Verwandte oder auch alte Freunde wieder finden. Eine Teilnehmerin aus Canada und ein Teilnehmer aus Polen entdeckten tatsächlich die Grabsteine von Familienangehörigen. Beide Teilnehmer wussten im Voraus, dass sie Vorfahren in Vistytis hatten. Aber tatsächlich die Symbole und die Namen der Familie zu lesen, war für uns alle ein Gänsehaut-Moment, den wir vermutlich nie vergessen werden.

Es gibt so viel zu erzählen. Aber nicht über reine Daten und Fakten, die ich in den Geschichtsbüchern während meiner Schulzeit gelernt habe. Viel mehr sind es die Emotionen und Begegnungen, die ich erleben durfte, worüber ich erzählen kann, die genauso in Erinnerung bleiben sollten. Diese Begegnungen mit Überlebenden und deren Angehörigen sowie die geteilten hautnah erlebten Gefühle, werden im Laufe der Zeit immer seltener. Daher ist es gerade jetzt wichtig, Erinnerungsarbeit zu leisten, sich gegen das Vergessen zu engagieren und Teil der Erinnerungskultur zu werden.

Mein Name ist Gözde Karababa und ich bin Zweit(Zeit)zeugin.

Wir bedanken uns herzlich bei Frau Karababa, dass sie ihre Erinnerungen und Erfahrungen mit uns geteilt hat. Den Redebeitrag, sowie die weiteren Beiträge der Live-Stream Veranstaltung am 27. Januar 2022 können Sie hier auf unserer Homepage unter Aktuelles "Aufzeichnung des Live-Streams" ansehen.

 

 

 

Interview mit Gözde Karababa im April 2021

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