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Hilfe für Obdach- und Wohnungslose: Das steckt drin im neuen Konzept der Stadt Regensburg

Qualität statt Quantität – so lässt sich das neue Konzept zur Obdach- und Wohnungslosenhilfe kurz zusammengefasst beschreiben. Denn für jeden der rund 200 offiziell erfassten Menschen ohne reguläre Wohnung gibt es eine Unterkunft, doch deren Qualität lässt teilweise zu wünschen übrig. Das soll sich ändern.

Obdachlosenhilfe - Landshuter Straße
Freie Betten gibt es rein rechnerisch genug im Stadtgebiet. Allerdings ist nicht jedes gleich gut geeignet für die Menschen in den verschiedensten Notsituationen. © Bilddokumentation Stadt Regensburg
Obdachlosenhilfe - Symbolbild Wohnungsverlust durch Feuer
Krankheit, Schicksalsschläge oder Trennungen sind häufige Gründe für den Verlust der eigenen Wohnung. © 123rf.com/bambulla

29. April 2022

Persönliche Schicksalsschläge, (Sucht)Krankheiten oder Trennungen sind häufige Ursachen dafür, dass jemand in Not gerät und am Ende ohne Dach über dem Kopf dasteht. Darunter sind seit einigen Jahren in Regensburg verstärkt Familien aus osteuropäischen Ländern, die nach Deutschland gekommen sind und hier auf dem normalen Wohnungsmarkt von Anfang an keine Chance hatten. Wie schwer es in Regensburg ist, an eine bezahlbare Wohnung zu kommen, hat vermutlich jeder schon erfahren, der ein begrenztes Budget für seine Mietausgaben zur Verfügung hat. Der Wohnungsmarkt ist sehr eng, viele Wohnungen sind teuer, obwohl viel gebaut wird.

Vier Unterkünfte für Menschen ohne eigene Wohnung

Aktuell gibt es in Regensburg für Obdach- und Wohnungslose vier verschiedene Unterkünfte, die nicht alle voll belegt sind und von denen eine über zusätzliche sozialpädagogische Angebote verfügt; außerdem am Kreuzhof eine Unterkunft, die derzeit ausschließlich als Quarantänestation für Coronainfizierte dient. Zum 1. Januar 2022 nutzten 53 alleinstehende Erwachsene die Aufenthalts- und Schlafmöglichkeiten in der Taunusstraße oder NOAH in der Landshuter Straße, dort können auch Tiere mitgebracht werden. 132 Menschen leben derzeit in der Notwohnanlage in der Aussigerstraße. „Wir haben Platz für jeden“, berichtet Sabine Bach. Sie kümmert sich als Abteilungsleiterin im Sozialamt um die Wohnungs- und Obdachlosen in Regensburg. „Es gibt aber immer auch einige Menschen, die aus den verschiedensten Gründen keine unserer Unterkünfte nutzen und lieber für sich bleiben möchten.“

Zehn Frauen und Männer kümmern sich neben Sabine Bach um die rund 200 hilfebedürftigen Personen im Stadtgebiet, darunter der Allgemeine Sozialdienst und die Wohnungslosenhilfe. Vom Jugendamt kommt Unterstützung für Familien und Kinder, Besuche vor Ort gehören für alle dazu.

Obdachlosenhilfe - AussigerstraßeIn der Notwohnanlage in der Ausssigerstraße lebten am 1. Januar 2022 75 Erwachsene und 57 Kinder. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Prävention und Differenzierung als Kernpunkte

Zwei Punkte sind in dem am 28. April 2022 vom Stadtrat beschlossenen Konzept der Stadt vorrangig: Das Vermeiden von Wohnungslosigkeit und der Ausbau von dezentralisierten, nach Personenkreisen differenzierten Unterkünften.
„Am allerbesten ist es natürlich, ein bestehendes Mietverhältnis zu erhalten,“ weiß Sabine Bach. Sie hat mit ihrem Team maßgeblich an dem neuen Konzept gearbeitet. Ist jemand von der Kündigung seiner Wohnung betroffen, kann der städtische Allgemeine Sozialdienst (ASD) helfen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter führen zum Beispiel Verhandlungen mit Vermietern, unterstützen bei der Beantragung von Sozialleistungen sowie bei Fragen zum Schuldenabbau. In 50 Fällen hat das zum Erfolg geführt und die Person(en) konnte(n) in ihrer Wohnung bleiben.

Die Dezentralisierung und Differenzierung der Unterkünfte nach verschiedenen Personengruppen dient in erster Linie der Schaffung eines möglichst konfliktfreien Wohnumfeldes. Vor allem Frauen und Familien mit Kindern sollen eine sichere und gewaltfreie Wohnumgebung bekommen. Alleinstehende, die häufig ebenfalls von Krankheit und Sucht betroffen sind, auch, nur idealerweise woanders. Aktuell leben nämlich jedoch auch alle Familien, die keine reguläre Wohnung haben, in der Notunterkunft in der Aussigerstraße, unter ihnen auch 57 minderjährige Kinder. Die Substanz der Gebäude ist zum Teil marode. Immer wieder kommt es zu Gewalt, Alkoholmissbrauch und Ruhestörungen. Das Konfliktpotential steigt, sicher kein gedeihliches Umfeld für Heranwachsende. Leben dort außerdem zu viele Familien aus demselben Herkunftsland, droht eine Gruppenbildung, welche eine Integration zusätzlich erschwert. 

Neues „Chancenhaus“ als Zuhause auf Zeit für 20 Familien

Sozialbürgermeisterin Dr. Astrid Freudenstein hat im April als ersten konkreten Baustein des neuen Konzepts ein „Chancenhaus“ für rund 20 Familien auf den Weg gebracht. Der Neubau für geschätzt 6,2 Millionen Euro soll dafür sorgen, dass Familien nicht mehr in der Aussigerstraße leben müssen. In bedarfsgerechten Wohnungen untergebracht, lernen sie in einer Art „Trainingslager“, was man als Mieter an Pflichten und Verhaltensregeln beachten muss, um eine Wohnung auf dem regulären Wohnungsmarkt zu finden.

Obdachlosenhilfe - Chancenhaus Augsburger Straße
Hier wird das „Chancenhaus“ für Familien entstehen. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Hauswirtschaftliche Coachings und Freizeitangebote kommen hinzu. „Wir werden pädagogisch geschultes Personal haben, das den Bewohnerinnen und Bewohnern Ansprechpartner für alle Fragen ums Wohnen sein wird und ihnen etwa beim Beantragen eines so genannten Vormerkbescheids für eine Sozialwohnung hilft, das aber auch für die Kinder da ist und das enge Verbindungen zu unserer Jugendhilfe hat,“ so Bach. Idealerweise leben alleinerziehende Frauen oder Familien mit ihren Kindern maximal für ein Jahr dort und können danach in eine eigene Mietwohnung ziehen – und schaffen es auch, wenn nötig mit entsprechender Nachsorge, diese dauerhaft zu behalten.
Das Haus mit maximal 96 Plätzen wird von der Stadtbau-GmbH in der Augsburgerstraße errichtet und soll ersten Planungen zufolge 2025 bezugsfertig sein.

Text: Claudia Biermann