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„Es ist wichtig, dass man gut improvisieren kann“

Am 1. Oktober 2020 ist es genau ein Jahr her, dass Kulturreferent Wolfgang Dersch sein Amt angetreten hat. Wir haben mit ihm über die vergangenen zwölf Monate gesprochen und über die Herausforderungen, die Corona für die Kultur bedeutet.

Kulturreferent Wolfgang Dersch - quer
Kulturreferent Wolfgang Dersch © Bilddokumentation Stadt Regensburg

25. September 2020

Herr Dersch, in welchen drei Schlagworten würden Sie Ihr erstes Jahr als Kulturreferent zusammenfassen?

Plan A, Corona, Plan B. Wobei wir statt „Plan B“ auch sagen könnten „Improvisation“. Denn ein wirklicher Plan, der lange ins Voraus reicht, ist seitdem eigentlich nicht mehr möglich.

 

Als Sie gestartet sind, konnte niemand ahnen, wie das Jahr verlaufen würde. Was hatten Sie sich vorgenommen?

Ich bin angetreten mit dem Ziel, die Regensburger Kulturlandschaft so weiterzuentwickeln, dass sie in der Moderne ankommt und gut für die Zukunft aufgestellt ist. Dazu gehören zum Beispiel Themen wie Kunst im öffentlichen Raum und eine Weiterentwicklung der Kulturförderung. Für mein erstes Jahr hatte ich mir vorgenommen, mir erst einmal die kulturelle DNA der Stadt anzueignen. Ich finde es wichtig, komplett in die Kulturszene einzutauchen. Nur so bekommt man die Basis, um etwas fortzuentwickeln und dabei die Akteure mitzunehmen. Ich war also viel in den Vereinen unterwegs, habe mir vieles angesehen und angehört, habe viele Menschen kennengelernt und viele Gespräche geführt. Und dann kam Corona.

 

Was bedeutete das konkret für Ihre Arbeit?

Das war wie eine 180-Grad-Wendung, wenn man von einem Moment auf den anderen in eine ganz andere Richtung laufen muss. Es ging plötzlich nur noch darum, die Diversität unserer Kulturlandschaft zu erhalten. Wir mussten superschnell reagieren, es blieb keine Zeit, lange nachzudenken.

Wie leicht ist Ihnen das gefallen?

Ich habe ja unter anderem Jazz-Posaune studiert, und ein wichtiges Element im Jazz ist die Improvisation. Auch wenn man sich noch so gut vorbereitet: 20 Prozent bleiben doch immer Improvisation. Das gilt übrigens nicht nur auf der Jazz-Bühne, sondern in vielen Situationen im Leben. Dieses Wissen und diese Erfahrung sind mir in der Situation stark zugutegekommen. Ich bin sehr dankbar, dass auch mein Team diesen Weg so schnell und engagiert mitgegangen ist.

 

Was waren die wichtigsten Maßnahmen?

Es war schnell klar, dass wir die Künstler unterstützen müssen. Das habe zum Glück nicht nur ich so gesehen, sondern auch die Oberbürgermeisterin, die Politik und das Finanzreferat. Deshalb haben wir in sehr kurzer Zeit das Corona-Nothilfe-Programm CNPR aufgelegt. Auf diesem Wege konnten wir aber aus rechtlichen Gründen keine finanziellen Mittel ausbezahlen. Daher haben wir weitere Programme gestartet. Das erste war „Frei sein, nicht allein“. Achtzig Künstlerinnen und Künstler bekamen die Möglichkeit, kurze Videos zu veröffentlichen, die jeweils mit 500 Euro honoriert wurden. Das Schöne an diesem Projekt: Wir haben das nicht allein gemacht, sondern zusammen mit dem Theater Regensburg und der Mittelbayerischen Zeitung. Alle haben an einem Strang gezogen, um die freien Künstler zu unterstützen. Damit konnten wir ein starkes Signal setzen, auch wenn das Geld für die einzelnen Teilnehmer natürlich oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein konnte. 80 Kulturschaffende haben sich beworben, genau so viele, wie wir Plätze hatten. Diese exakte Punktlandung hat uns selber überrascht. Im Nachhinein ist ein Kaleidoskop an Beiträgen entstanden, bei denen auch einige Entdeckungen dabei waren, die man vorher noch nicht kannte.
An Bildende Künstler richteten sich unsere Programme „Standby-modus“ und „360 Grad“. Bei „Standby-modus“ haben wir zehn junge Fotografen und Fotografinnen beauftragt, die Corona-Situation aus ihrer Sicht festzuhalten. Bei „360 Grad“ haben wir Künstlerinnen und Künstler Litfaßsäulen im Stadtgebiet gestalten lassen. So konnten sie ihr Schaffen im öffentlichen Raum einem großen Publikum präsentieren. Hier hat uns unglaublich viel positive Resonanz erreicht.

1 Jahr Wolfgang Dersch - Thon-Dittmer-Palais
Das Thon-Dittmer-Palais erwies sich zu Corona-Zeiten als optimaler Veranstaltungsort. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Was Theater und Konzerte angeht, so war schnell klar, dass das Thon-Dittmer-Palais als Freilichtbühne mit kontrollierbarem Zugang optimal ist. Deshalb wollten wir – sobald es wieder erlaubt war – diese Bühne so viel wie möglich bespielen lassen, und das ist auch gelungen. Dabei haben wir eng und gut mit den lokalen Veranstaltern zusammengearbeitet. So konnte zum Beispiel anstelle des Klangfarben-Festivals, das ausfallen musste, ganz unkompliziert das Palazzo-Festival verlängert werden. In den Monaten, in denen nichts anderes geplant war, haben wir selber das neue Format „Sommerflimmern“ erfunden: ein buntes Programm aus der Regensburger Szene mit Musik, Tanz und Video, das sehr gut angenommen worden ist.

 

Was ist in den kommenden Monaten geplant?

Bis Ende des Jahres bespielen wir mit unserer Aktion „Kunst-Lücke“ zusammen mit anderen Akteuren den Ernst-Reuter-Platz auf dem Gelände, auf dem ab dem Frühjahr der Interims-Busbahnhof entstehen wird. Von unserer Seite wird es hier wechselnde Ausstellungen Regensburger Künstlerinnen und Künstler geben.
Ebenfalls ganz aktuell ist unser Projekt „Herbstflattern“ – eine Serie von Videomappings an verschiedenen Plätzen in der Altstadt – am letzten September- und ersten Oktober-Wochenende. Als Thema haben wir den Schmetterling gewählt. Zum einen in Anlehnung an das berühmte Regensburger Schmetterlingsreliquiar, das einst im ehemaligen Schottenkloster entdeckt worden ist, und zum anderen ist der Schmetterling ein Zeichen der Hoffnung. Mit „Herbstflattern“ bieten wir Arbeitsmöglichkeiten für Videokünstler und auch für Techniker, die ja ebenfalls sehr unter den Veranstaltungsbeschränkungen leiden. Außerdem bringen wir – wie schon bei „360 Grad“ und „Kunst-Lücke“ – auch hier wieder Kunst in den öffentlichen Raum. Und wir haben auch wieder viele Partner aus der Stadtgesellschaft im Boot. Wir schlagen also mehrere Fliegen mit einer Klappe.
Vor Weihnachten wird es dann noch den ersten ökumenischen Krippenweg geben. Mit dieser Idee sind die beiden Kirchen auf uns zugekommen, und wir haben das gerne unterstützt. Mehr als 60 Partner – darunter viele Einzelhändler und Gastronomen – werden in ihren Auslagen während der Weihnachtszeit Krippen präsentieren. Bei der Organisation sind unter anderem auch das Stadtmarketing und der Krippenverein beteiligt. Also wieder eine große Aktion, die von vielen getragen wird.

Wie geht es bei den Großprojekten weiter, die vor Corona geplant waren, zum Beispiel was das Historische Museum betrifft oder die Sanierung des Velodroms?

Da hängt natürlich vieles von den Finanzen ab. Man wird abwarten müssen, was letztlich noch zur Verfügung steht, und dann die Planungen entsprechend anpassen. Was auf jeden Fall weitergeht, ist der bereits begonnene Bau des Museumsdepots in Burgweinting. Hier werden wir Anfang Oktober Grundsteinlegung feiern.
Die Weiterführung der Sanierung des documents Keplerhaus ist enorm wichtig, weil wir hier die EU-Fördermittel nur abrufen können, wenn wir im Zeitplan bleiben. Die Wiedereröffnung ist für 2022 geplant. Ein sehr spannendes Projekt, das die Regensburger Kulturlandschaft sowohl inhaltlich als auch architektonisch erheblich bereichern wird.
Was die Sanierung des Velodroms angeht, hoffe ich und werde ich mich dafür einsetzen, dass wir auch hier vorankommen. Ich halte das für sehr wichtig, weil das Velodrom nicht nur eine wichtige Spielstätte des Theaters ist (das selbstverständlich auch), sondern weil es darüber hinaus mit seiner Geschichte für Regensburg einen bedeutenden Identifikationsort darstellt.
Wie es mit großen kulturellen Veranstaltungen, wie dem Bürgerfest, nächstes Jahr weitergeht, kann ich heute noch nicht sagen. Es gibt Ideen, aber die sind noch in der Entwicklung. Das ist mir übrigens ganz wichtig zu betonen: Es ist nicht so, dass die Organisation von Kultur in Corona-Zeiten einfacher geworden wäre, weil eh nichts mehr stattfinden darf. Das Gegenteil ist der Fall. Jede Veranstaltung, die eigentlich eingespielt ist und wo jeder weiß, was zu tun ist, muss komplett neu überdacht und – wenn irgend möglich – so umorganisiert werden, dass sie in irgendeiner Form stattfinden kann. Ein Beispiel ist das Jazz-Weekend, aus dem 2020 die Jazzfest-Fridays geworden sind. Ich bin allen Beteiligten in meinen Ämtern – dem Kulturamt, der Sing- und Musikschule, den Museen und dem Stadtarchiv – sehr, sehr dankbar dafür, dass sie hier so engagiert und kreativ mitarbeiten. Als Stadt wollen wir Kultur ermöglichen. Andererseits sind wir aber an die rechtlichen Regeln gebunden und haben auch eine Vorbild-Funktion. Wir müssen also einerseits mutig sein, dürfen aber keinesfalls leichtsinnig werden.

Text und Interview: Katrin Butz