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Ausstellung „Regensburg - Mittelalterliche Metropole der Juden“ im Historischen Museum Regensburg

Vom 15. März bis zum 2. Juni 2019

Im Jahr 2019 erinnert Regensburg an die Vertreibung der Juden vor 500 Jahren. Vor diesem Hintergrund wird am Donnerstag, 14. März 2019, um 18 Uhr im Historischen Museum eine Ausstellung zum Leben der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde eröffnet. Im Rahmen einer Preview führten die Initiatorinnen und Kuratorinnen, Professorin Dr. Eva Haverkamp-Rott, Professorin für Mittelalterliche Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und von Dr. des. Astrid Riedler-Pohlers vom Bayerischen Hauptstaatsarchiv München, zwei Tage vor der Eröffnung durch die Ausstellung.

Im Jahr 1519 wurde die jüdische Bevölkerung Regensburgs durch den Stadtrat unter aktiver Beteiligung weiter Teile der Regensburger Bevölkerung vertrieben. Das Gedenken daran 500 Jahre später ist der Anlass der Ausstellung „Regensburg – Mittelalterliche Metropole der Juden“. Die Ereignisse von 1519 stehen dabei allerdings nicht im Fokus. Vielmehr geht es darum, die Geschichte der jüdischen Gemeinde von ihren Anfängen im 10. Jahrhundert bis in das Jahr 1519 in verschiedenen Aspekten und Facetten zu zeigen. Dabei werden die Beziehungen von Juden und Christen in der Stadt über viele Jahrhunderte hinweg verdeutlicht; die Geschichte der Juden wird als Teil der Stadt-geschichte klar erkennbar.

 

Was wird gezeigt?

Aus dem Mittelalter sind für die Geschichte der Juden und Christen in Regensburg zahlreiche Quellen überliefert: Schreiben von Rabbinern, Protokolle des Stadtrats, städtische Gerichtsurteile, Einwohnerverzeichnisse, lateinische und deutsche Urkunden, zum Teil mit hebräischen Notizen, Rechtebestätigungen, Chroniken und religiöse Literatur in Deutsch, Latein oder Hebräisch, Flugblätter und vieles mehr. Dazu kommen Grabsteine, archäologische Funde und Befunde sowie Skulpturen und Bilder. Die Quellen entstanden in verschiedenen Situationen und wurden sowohl von Christen als auch von Juden geschrieben oder erschaffen.

Diese Zeugnisse sind aus einer Vielzahl von Perspektiven entstanden. Sie entsprechen einer ebenso großen Vielfalt von Lebensbereichen und Erfahrungen und zeugen von einem Miteinander, Nebeneinander, aber auch von Verfolgung und Vertreibung. Auf ihrer Grundlage können aus Sicht der Juden ihre engen Verflechtungen und unterschiedlichsten Beziehungen zu christlichen Bürgern, zum Stadtrat, den Bischöfen, Herzögen, Königen und Kaisern aufgezeigt werden.

Der Aufbau der Ausstellung ist zeitlich eingerahmt durch die Anfänge der Gemeinde und ihre Vertreibung. Thematisch führen sieben Themenschwerpunkte ein umfangreiches Spektrum von Aspekten vor Augen: zum Judenviertel, seinen Bewohnern und seiner Topographie, zu den jüdischen Gelehrten, zur rechtlichen Situation und Politik, zu Kultur und Religion, zur Wirtschaft, zum alltäglichen Leben in der Stadt und zu Phasen der Verfolgung.

 

Schwierigkeiten und Besonderheiten der Ausstellung

Wie kann man eine Geschichte von Juden zeigen, deren Viertel im Jahre 1519 von der christlichen Stadtbevölkerung systematisch zerstört wurde? Mit dieser Zerstörung wollten die Bürger nicht nur die Rückkehr der Juden verhindern. Nach ihrer Vertreibung und damit ihrer völligen Ausgrenzung aus der Stadt wollte man auch die baulichen Hinweise auf die Präsenz der Juden und auf die Juden und Christen gemeinsame Vergangen-heit auslöschen. Sichtbar blieben nur die Grabsteine, die sich die Eliten der Stadt – so Professorin Haverkamp-Rott – als Zeichen ihrer Mitwirkung an der Vertreibung und ihres Triumphes in ihre Häuser einmauern ließen. Erst die Ausgrabungen in den 1990 er Jahren haben diese sichtbare Auslöschung revidiert. Einige Fundstücke und Ergebnisse dieser Ausgrabungen werden auch in der Ausstellung gezeigt.

Womit die Verfolger und Vertreiber aber wohl nicht gerechnet hatten, war, dass ihre eigene Überlieferung, ihre eigenen schriftlichen Quellen eine Auslöschung aus dem Gedächtnis verhinderten. Die Kuratorinnen haben zusammen mit weiteren Expertinnen und Experten diese Quellen ausgewählt, untersucht und neu bewertet. Herangezogen wurde dabei eine Vielzahl von Quellengattungen in den verschiedenen Sprachen des Mittelalters – in Latein, Hebräisch, Aramäisch, Jiddisch und Deutsch.

Die Konzeption der Ausstellung sieht vor, dass die Besucher eingeladen werden, sich mit den unterschiedlichen Quellen der Stadtgeschichte genauer zu beschäftigen. Die Quellen werden nicht nur gezeigt, sondern auch inhaltlich vorgestellt und in ihrem Zusammenhang interpretiert und kommentiert. Sie dienen damit nicht der bloßen Illustration oder zum Beiwerk einer Narration der Ausstellung. Die einzelnen Personen, die in den Quellen erwähnt werden, diese geschrieben oder in Auftrag gegeben haben, rücken in den Fokus der Ausstellung. Das Leben der Juden und Christen in ihrem Alltag macht die Geschichte nachvollziehbar und lebendig. Die Hauptakteure der Ausstellung sind damit nicht Kaiser und Könige, Bischöfe und Adelige, sondern die Christen und Juden als Bürger der Stadt.

Die Ausstellung zielt insgesamt darauf ab, die Geschichte der Juden als Teil der allgemeinen Geschichte der Stadt und des mittelalterlichen deutschen Reichs zu zeigen. Damit wird die oftmals übliche Zweiteilung der Narrationen in eine Geschichte der christlichen Gesellschaft einerseits und in eine Geschichte der Juden andererseits aufgehoben. Der Ort der Ausstellung – das Historische Museum der Stadt Regensburg – hat dabei eine symbolische Bedeutung.

 

Die Intention der Kuratorinnen

In den letzten Jahren – so Professorin Haverkamp-Rott – hat sich gezeigt, dass Ausgrenzungen von Juden aus der Gesellschaft – verbunden mit verbalen und sogar physischen Attacken – auch nach Jahrzehnten einer angenommenen Anerkennung als Teil der Gesellschaft zum Alltag werden. Dabei stellt sich heraus, dass dieses Verhalten auf Vorstellungen und Vorurteilen beruhen, die sich bereits im Mittelalter entwickelt haben. Der Grundsatz „Wehret den Anfängen“ sollte sich also nicht nur auf das Agieren in der heutigen Gesellschaft beziehen. Vielmehr muss er sich auch auf unser Wissen und unsere Vorstellungen von der Vergangenheit beziehen, die unser Denken und Handeln von heute prägen, leiten und legitimieren. Museen, Ausstellungen und Geschichtsbücher verbreiten leider noch immer die Vorstellung, dass Juden nicht Teil der Gesellschaft waren, dass sie am Rande standen. Allzu oft sind Kaiser und Könige, Bischöfe und Herzöge, Mönche und Adelige die Hauptakteure, und nur sie stehen im Mittelpunkt der Geschichtsschreibung und unserer Vorstellung von Gesellschaft.

Dieser falschen Vorstellung unserer Vergangenheit wollen die Kuratorinnen mit ihrer Ausstellung entgegenwirken. Sie wollen zeigen, dass Juden zur mittelalterlichen städtischen Gesellschaft gehörten und genauso Akteure waren wie Christen. Ausgrenzung beginnt mit der Vorstellung von einer Gesellschaft, der man angehört. Wenn diese Vorstellung die Geschichte der Juden und Christen als Einheit wahrnimmt, dann kann mit der Ausstellung auch Antisemitismus und Ressentiments entgegen-getreten werden.

 

Zur Entstehung der Ausstellung

Die Ausstellung wurde im Auftrag der Stadt Regensburg konzipiert und kuratiert von Professorin Dr. Eva Haverkamp-Rott, Professorin für Mittelalterliche Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und von Dr. des. Astrid Riedler-Pohlers vom Bayerischen Hauptstaatsarchiv München. Sie sind gleichzeitig Autorinnen der über-wiegenden Anzahl der Ausstellungstexte. Darüber hinaus haben sie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Israel und England angesprochen, die mit ihren Forschungsschwerpunkten oder Forschungsdisziplinen die Experten für bestimmte Themenfelder sind. Die Arbeit an der Ausstellung geht bis ins Jahr 2017 zurück.

Dr. des. Riedler-Pohlers hat ihre Dissertation zu jüdischen und christlichen Ärzten und Heilkundigen in Regensburg im Spätmittelalter geschrieben und zur Topographie des Judenviertels geforscht. Zwei weitere von Professorin Haverkamp-Rott betreute Dissertationen haben die Geschichte der Juden im spätmittelalterlichen Regensburg zum Thema. Dr. Veronika Nickel hat ihre Dissertation unter dem Titel „Widerstand durch Recht. Der Weg der Regensburger Juden bis zu ihrer Vertreibung (1519) und der Innsbrucker Prozess (1516-1522)“ im Dezember 2018 veröffentlicht. Für die Erstellung ihrer Dissertation hatte Veronika Nickel für drei Jahre ein Stipendium der Stadt Regensburg erhalten. Sophia Schmitt wird ihre Dissertation zur zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und insbesondere zur Ritualmordbeschuldigung in Regensburg in Kürze abschließen.

Die Ausstellung läuft nach der Eröffnung vom 15. März bis zum 2. Juni 2019 zu den regulären Öffnungszeiten des Historischen Museums Regensburg (Dienstag – Sonntag, 10 Uhr – 16 Uhr). Führungen durch die Ausstellung werden jeden zweiten Sonntag um 11 Uhr angeboten (24. März, 7. April, 5. Mai, 19. Mai, 2. Juni). Die offizielle Eröffnung durch die Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer findet am Donnerstag, 14. März 2019, um 18 Uhr im Historischen Museum statt. Es begrüßt der Kulturreferent der Stadt Regensburg Klemens Unger. Ein Grußwort spricht die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Regensburg Ilse Danziger. Eine Einführung ins Thema geben die Kuratorinnen Professorin Dr. Eva Haverkamp-Rott und Dr. des. Astrid Riedler-Pohler.

 

Weitere Informationen: www.regensburg.de/museen.