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Vergesst uns nicht! – Neue Form des Gedenkens

Ausstellung im donumenta ART LAB Gleis 1 am Hauptbahnhof / Einladung zur Gedenkveranstaltung in der Synagoge am 9. November

Wie emotional, nahbar und menschlich Erinnern aussehen kann, zeigt die Stadt Regensburg in der ehemaligen Fußgängerunterführung am Hauptbahnhof Regensburg. Die Gedenkausstellung „Vergesst uns nicht! 80 Jahre Verschleppung und Ermordung der Regensburger Jüdinnen und Juden“ wird am Mittwoch, 9. November 2022, um 19 Uhr eröffnet. Um 17.30 Uhr findet in der Synagoge am Brixener Hof eine Gedenkveranstaltung anlässlich der Reichspogromnacht 1938 statt.

Gedenksteine, Gedenktage oder Gedenkschriften sind die Leitplanken kollektiven Erinnerns. Dabei bleibt das Tragische, das diesen Ereignissen innewohnt, häufig auf der Strecke. Um für die Verbrechen des Nationalsozialismus neue Formen der Erinnerung zu finden, engagierte die Stabsstelle für Erinnerungs- und Gedenkkultur der Stadt Regensburg Ausstellungsmacher, die Erinnern als Erfahrung und Prozess begreifen.

Ausstellung berührt emotional
Florian Toperngpong und Sofia Seidl bedienen sich künstlerischer Methoden wie der Intervention und der Rauminstallation. Sie wollen mit ihrem Ausstellungskonzept einerseits emotional berühren und andererseits das Ausmaß des Schreckens begreifbar machen: „Man kann sich Dutzende, geschweige denn Hunderte Deportierte allein aus Regensburg kaum vorstellen“, sagt Toperngpong. Genau hier setzt die Rauminstallation aus getragenen Schuhpaaren an: „Das Erlebnis im Raum verknüpft sich mit den bloßen Zahlen und ermöglicht so ein tieferes Begreifen“, erklären die Ausstellungsmacher. 

Beim Eingang in die Ausstellung geben Besucherinnen und Besucher Jacken und Mäntel ab. Gegen die Kälte schützt sie jetzt eine einfache Decke. Während sie die Reihe der Schuhpaare abschreiten und über sich das Rattern der Züge auf den Bahngleisen hören, erschließt sich ihnen das Schicksal der Jüdinnen und Juden, die seit 1942 aus Regensburg verschleppt wurden.

Lebensgeschichte eines jüdischen Mädchens
Eine der verschleppten Regensburgerinnen war Charlotte Brandis, deren Leben – stellvertretend für alle Opfer der Deportationen – in Schaukästen neben der Rauminstallation aus getragenen Schuhen erzählt wird. 1924 geboren, wächst sie mit drei Brüdern auf und wohnt mit ihrer Familie in der Maximilianstraße 16 an der Ecke zur Königstraße im ersten Stock. Die Eltern führen dort ein Textilgeschäft. Es sind angesehene Leute, die ihren Kindern eine sorgenfreie Kindheit und Jugend bieten – bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten. 1935 wechselt die 11-jährige Charlotte ans Städtische Mädchenlyzeum am Petersweg. Im November 1936 wird sie – wie alle anderen jüdischen Schülerinnen – der Schule verwiesen. Im Sommer darauf muss ihre Familie das Geschäft verkaufen. Die Lebensbedingungen verschlechtern sich. Viele jüdische Familien fliehen, doch Charlottes Familie will nicht gehen. Von Charlottes Vater Karl ist überliefert: „Mit dem letzten Zug gehen wir. Wir gehen, aber mit dem letzten Zug.“ Die Familie wartet schließlich zu lange und verpasst den letzten Zug. Im April 1942 werden die Eltern mit ihren vier Kindern und deren Großmutter in das Ghetto Piaski in Polen deportiert. Dort verliert sich ihre Spur.

Gesammelte Dokumente im Koffer
Der Regensburger Journalist Thomas Muggenthaler recherchiert seit vielen Jahren über die Schicksale von Verfolgten des NS-Regimes in Niederbayern und der Oberpfalz. Vor Kurzem entdeckte er einen Koffer voller Dokumente. Ein Stammbaum, Geschäftsunterlagen und Briefe, darunter die aus Piaski, erlauben es, die Geschichte der Charlotte Brandis so plastisch zu erzählen.

Die Ausstellung ist eine Gastveranstaltung im donumenta ART LAB Gleis 1 am Hauptbahnhof Regensburg. „Vergesst uns nicht! Gedenkausstellung 80 Jahre Verschleppung und Ermordung der Regensburger Jüdinnen und Juden“ wird am 9. November 2022, um 19 Uhr eröffnet. Es sprechen: Dr. Hans Simon-Pelanda, Historiker und Vorstandsmitglied des donumenta e.V., Ludwig Artinger, Bürgermeister der Stadt Regensburg, Ilse Danziger, Jüdische Gemeinde Regensburg, und Journalist Thomas Muggenthaler.

Anlässlich des Jahrestages der Reichspogromnacht 1938 laden die Stadt Regensburg und die Jüdische Gemeinde zu einer Gedenkveranstaltung um 17.30 Uhr in die Synagoge ein. Worte des Gedenkens spricht dort Bürgermeister Ludwig Artinger, Oliver Machander vom Schriftstellerverband (VS) Ostbayern liest aus „Weiter Leben. Eine Jugend“ von Ruth Klüger, das Totengebet spricht Rabbiner Josef Chaim Bloch.

Beide Veranstaltungen werden musikalisch umrahmt von dem Trio Adabei unter Leitung von Benedikt Dreher.

Die Ausstellung im donumenta ART LAB Gleis 1 ist geöffnet bis 29. Januar 2023, jeweils mittwochs bis sonntags von 14 bis 19 Uhr.

Weitere Informationen unter www.regensburg.de/erinnerungskultur und www.donumenta.de
Besucherinnen und Besucher treffen in der Ausstellung auf geschulte Ansprechpartnerinnen.

Eine Anmeldung für Schulklassen ist unter Telefon (0941) 507-7017 möglich.