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Mark Angus: 80 Capriccios und die Verstörungen des Selbst Installation in Glas, Malerei und Lyrik

Ausstellung in der Städtischen Galerie im Leeren Beutel vom 20. November 2021 bis 30. Januar 2022

„Schau auf Mich!“, „Fass Mich nicht an!“ – Menschen, zu zweit, zu mehreren und immer wieder allein, erstarrt, unschlüssig vor Entscheidungen gestellt, getrieben: Mark Angus' Installation aus achtzig hinterleuchteten Glasmalereibildern und rätselhaft sinnierenden Texten macht ein vielfältig verunsichertes Subjekt der Gegenwart im Zwiespalt zwischen Selbstsuche und Weltverlust erfahrbar.

Der britisch-deutsche Künstler und Glasgestalter Mark Angus ist vor allem für seine religiöse Bildkunst in Kirchenräumen international bekannt. Mit Glas, Malerei und farbigem Licht setzt er sich aber auch im säkularen Werk mit den ambivalenten Grenzzonen der menschlichen Erfahrung auseinander. Schwellenwesen wie Engel oder auch Jugendliche erkundet er als Archetypen des modernen Menschen – freiheitssuchend und schutzbedürftig, immer der Ungewissheit ausgesetzt.

Wie die Angus'schen Akteure ihren Freiheitswillen der Angst entgegensetzen, wie sie schwindelnde Höhenflüge zugleich mit schmerzhafter Vereinzelung erleben, macht also nicht erst die widersprüchlichen Erfahrungsweisen der Pandemie aus. Entstanden 2016 und 2017, zeichnen die „80 Capriccios“ ein sarkastisches Bild neoliberaler Selbst-Regime, mit dem sich der Künstler bewusst auf Francisco de Goya und dessen zeit- und religionskritischen Zyklus „Los Caprichos“ von 1799 bezieht. Während Goya dabei die druckgrafischen Möglichkeiten der Radierung innovativ erweiterte, nutzt Angus traditionelle und neue Techniken der Glasmalerei und treibt sie mit plakativer Gestik, experimentellen Gravurtechniken, Lamination, Applikation und Ätzung an ihre Grenzen, auf mundgeblasenem Überfangglas wie auf jedwedem Industrieglas-Untergrund.

Von Goya inspiriert ist auch das surreale Spiel mit Titeln, Sprachbildern und Satzfragmenten, ebenso die Absurdität theatralischer Szenerien, die Angus wie Guckkästen oder Dioramen in tiefe schwarze Rahmen setzt. Die Szenen ereignen sich vor Hausfassaden, Fenstern und Türen, zwischen engen Zimmerwänden und unter niedrigen Decken. Stumme Blicke, versuchte Dialoge prallen an Mauern und Glaswänden ab. Kästen und Boxen markieren immer wieder dasselbe Karree, das ebenso einschließt, wie es Durchgänge, Passagen und Tore ins Nirgendwo öffnet und sich schließlich als suggestives Werbemotiv outet: „Advance to Blue“, „Accelerating transformation“, „Accelerating security“, werden wir mit Hewlett Packard und Marlboro aufgefordert. Kurz vor dem Burnout stehend, erleben die Figuren ihre kreisenden Gedanken als Goya'schen Höllenspuk, aber auch als sture Lust an der Weltverbesserung und spielerischen Verantwortungslosigkeit.

In Regensburg ist erstmals die vollständige Installation mit 80 Glasbildern und zweisprachigen Titeln zu sehen. Mit ausgestellt werden 80 expressive Texte, die wie gemurmelte innere Monologe, assoziative Kommentare und exaltierte Selbstbehauptungen mit den Glasmalereien korrespondieren.

Ab Samstag, 20. November, ist die Ausstellung zu den regulären Öffnungszeiten der Städtischen Galerie (Dienstag bis Sonntag 10 bis 16 Uhr, geschlossen 24., 25. und 31. Dezember 2021, sowie am 1. Januar 2022) bei freiem Eintritt zugänglich. Sie läuft bis Sonntag, 30. Januar 2022.