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Zehn Jahre Onleihe Niederbayern/Oberpfalz – eine Erfolgsgeschichte

Rund sieben Prozent der Gesamtausleihe der Verbundbibliotheken entfällt zurzeit auf elektronische Medien

Digitale Bücher und andere Medien aus dem Internet herunterzuladen und bequem und kostenlos rund um die Uhr auf eigenen Mobilgeräten zu nutzen – heute ein selbstverständliches Angebot fast aller deutscher Bibliotheken und für viele Kunden nicht mehr wegzudenken. Im Jahr 2008 war diese Entwicklung jedoch noch nicht absehbar. Vier ostbayerische Bibliotheken, nämlich die Stadtbibliothek Deggendorf, die Stadtbücherei Landshut, die Stadtbibliothek Straubing sowie die Regionalbibliothek Weiden, wagten trotzdem den Schritt in die virtuelle Welt und gründeten als Pilotprojekt den Verbund Niederbayern-Oberpfalz. Gemeinsam entschieden sie, ihren Kunden zukünftig das digitale Medienangebot der Firma DiViBib, die sogenannte „Onleihe“, anzubieten. 2010 bzw. 2012 schlossen sich dann die Stadtbibliothek Amberg und die Stadtbücherei Regensburg dem Verbund an.
Am Montag, 12. November 2018, trafen sich nun die Bibliotheksleiter und die für die Onleihe verantwortlichen Bibliotheksmitarbeiter der sechs Verbundbibliotheken in der Stadtbibliothek Deggendorf, um dieses Jubiläum gebührend zu feiern. Denn die Onleihe hat einen wahren Siegeszug hingelegt: Von einem Nischendasein zu Beginn hat sie sich inzwischen zum Zugpferd entwickelt. Rund sieben Prozent der Gesamtausleihe der Verbundbibliotheken entfällt zurzeit auf elektronische Medien. Waren es 2008 rund 4 800 Entleihungen bei einem Bestand von 12 000 elektronischen Medien, sind die Ausleihzahlen 2018 auf rund 30 3000 und der Bestand auf 34 000 Exemplare angewachsen.
Dabei war zu Anfang unklar, ob sich die Investition lohnen würde: Nur wenige Verlage boten ihre Medien der Firma DiViBib zum Kauf an, so dass kuriose Titel wie „Zahnpflege für Pferde“ ihren Eingang in den Bestand der Virtuellen Bibliothek fanden. Zudem hatte nur eine geringe Anzahl der Bibliothekskunden überhaupt ein elektronisches Lesegerät, was dazu führte, dass eBooks lediglich am PC gelesen werden konnten – äußerst unkomfortabel und unpraktisch. Mit der Einführung des sogenannten epub-Formats im Jahr 2010 war dann der Weg frei für einen kometenhaften Aufstieg: Seitdem boomen die Verkäufe von eBook-Readern wie Tolino und Kobo, und immer mehr Kunden steigen auf die moderne Art zu Lesen um. Auch zahlreiche Bibliotheksleser nutzen inzwischen vorrangig das Online-Angebot.

Der Verbund Niederbayern/Oberpfalz war der erste Onleihe-Verbund Bayerns und Vorreiter für viele weitere kleine Bibliotheken, sich in den folgenden Jahren zu größeren Verbünden zusammenzuschließen. Der Vorteil eines solchen Verbundes liegt klar auf der Hand: Durch einen höheren Gesamtetat können auch mehr Medien für die Endkunden der teilnehmenden Bibliotheken angeschafft werden, was zu einer größeren Medienvielfalt führt. Gerade in der Anfangszeit konnten Leser des Verbundes Niederbayern/Oberpfalz unter mehr Büchern auswählen als die Nutzer der Münchner Stadtbibliothek. Die Onleihe war und ist insbesondere für ältere und sehbehinderte Leser eine Bereicherung, weil auf Mobilgeräten die Schriftart und –größe nach Wunsch eingestellt werden können und durch die integrierte Hintergrundbeleuchtung auch ein Lesen bei schlechten Lichtverhältnissen möglich ist. Doch auch Kinder und Jugendliche entdecken zurzeit die Freuden des digitalen Lesens: Viele von ihnen erhalten eBook-Reader zu Weihnachten oder zum Geburtstag und nutzen diese eifrig. Denn die bildschirmaffine junge Generation findet häufig leichter den Zugang zu elektronischen Lesegeräten und eBooks als zu gedruckten Büchern. Leseförderung findet so auf neuen, modernen Wegen statt. Bewohner des ländlichen Raumes, die oft weitab von der nächsten öffentlichen Bibliothek leben, profitieren ebenfalls von der digitalen Zweigstelle.

Mit der Einführung der Onleihe-App vor wenigen Jahren wurde schließlich ein neues Zeitalter eingeläutet: Seit diesem Zeitpunkt ist auch eine komfortable Nutzung von eBooks und elektronischen Hörbüchern (eAudios) auf Tablet oder Smartphone möglich. Damit sind die Onleihe-Nutzer noch mobiler und können jederzeit auch im Urlaub oder unterwegs neue Titel herunterladen oder streamen. Das Angebot an eMedien umfasst inzwischen neben Büchern und Hörbüchern auch Zeitungen (z.B. Frankfurter Allgemeine, Süddeutsche Zeitung) und Zeitschriften (Spiegel, Focus, ComputerBild, Freundin u.v.m.). Fast mit allen im Handel verfügbaren eReadern kann die Onleihe genutzt werden, lediglich der „Kindle“ von Amazon ist nicht kompatibel. Somit können sich Bibliothekskunden so leicht und bequem wie nie zuvor umfassend informieren und unterhalten.
Neuere Entwicklungen geben jedoch durchaus auch Anlass zur Sorge: In den letzten Jahren fühlen sich leider immer mehr Verlage von der fleißigen Nutzerschaft der Bibliotheken bedroht und fürchten um ihre Umsätze. In Zeiten rückläufiger Buchverkäufe haben sie die Bibliotheken als Konkurrenten ausgemacht und legen inzwischen eine konfrontative, bibliotheksfeindliche Haltung an den Tag. Hintergrund dazu ist, dass eBooks – im Gegensatz zu gedruckten Büchern – nicht unter die gesetzliche Regelung des Urheberrechts fallen. Man erwirbt beim Kauf von eBooks kein „Eigentum“, sondern lediglich eine Nutzungsberechtigung. Daher können Verlage auch selbst entscheiden, ob sie ihre eBooks den Bibliotheken überhaupt zum Kauf anbieten wollen – und wenn ja, zu welchen Konditionen. Dies hat zur Folge, dass viele Bücher für Bibliotheken und Verbünde nicht mehr erworben werden können: eBooks werden ihnen im Vergleich zum Endnutzer zu überteuerten Preisen angeboten, mit Nutzungsbeschränkungen (z.B. einem Ablaufdatum, nach dem das Buch aus der Onleihe „verschwindet“) versehen oder erst Monate nach dem Erscheinungsdatum zum Kauf zur Verfügung gestellt. Dieses sogenannte „Windowing“ bewirkt, dass zum Beispiel Bücher wie „Portugiesische Tränen“ von Luis Sellano oder „Jäger, Hirten, Kritiker“ von Richard David Precht zwar in gedruckter Form bereits seit April 2018 vorliegen, jedoch erst im Januar 2019 für die Onleihe gekauft und den Bibliothekskunden bereitgestellt werden dürfen. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, sehen viele Bibliotheken inzwischen den sinnvollen Fortbestand der Onleihe gefährdet, da den Lesern dann voraussichtlich kaum noch aktuelle, attraktive Titel angeboten werden können. Leidtragende wären vor allem Personen mit geringem Einkommen sowie Kinder, die sich nicht alle interessanten Titel selbst kaufen können. Doch auch für alle anderen Leser stellt dieser Trend eine Gefährdung der Informationsfreiheit dar.
Aus diesem Grund schließt sich der Verbund Niederbayern-Oberpfalz der Forderung des dbv (Deutscher Bibliotheksverband e.V.) an die Politik an, rechtliche Rahmenbedingungen für die Ausleihe von eBooks und eMedien zu schaffen, indem das momentan bestehende Urheberrecht entsprechend aktualisiert wird. Wer diese Forderung unterstützen möchte, kann sich an der dbv-Kampagne „E-Medien in der Bibliothek – mein gutes Recht!“ (https://www.bibliotheksverband.de/dbv/kampagnen/e-medien-in-der-bibliothek.html) beteiligen.