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Volkstrauertag 2017

- Es gilt das gesprochene Wort - 

Rede von Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer anlässlich des Volkstrauertages am Sonntag, 19. November 2017, um 11.45 Uhr am Ehrenmal „Unter den Linden“ im Stadtpark.


Anrede

Kurt Tucholsky sagte einst: „Jeder Krieg ist eine Niederlage. Denn Krieg vernichtet Leben.“ Auch 72 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und 98 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges  erleidet die Menschheit in erschütternder Regelmäßigkeit diese Niederlage Krieg.

Noch immer leiden Menschen weltweit unter den Folgen von kriegerischen Auseinandersetzungen, Vertreibung und Extremismus. Es gehörte nie zur Realität meiner Generation, um die Familie, die Freunde jeden Tag zu bangen. Uns wurde die Gnade zuteil, nie Bombenhagel und brutale Angriffe miterleben zu müssen.

Wir haben hier in Deutschland nach dem letzten fürchterlichen Krieg nun schon über sieben Jahrzehnte Frieden. Wer nur einen kurzen Blick in die Geschichte unseres Landes wirft, wird feststellen, dass es kaum einen Zeitraum gab, der so lange friedlich verlief, wie die Zeit seit 1945. Wir haben uns an Frieden gewöhnt. Dafür dürfen wir dankbar sein und müssen dennoch wachsam bleiben. 

Sehr verehrte Damen und Herren,

daher ist der Volkstrauertag, dieser Tag der bewussten Trauer, so wichtig. Denn die Erinnerung an Millionen von Gefallenen, Ermordeten und Verhungerten wird in unserem kollektiven Gedächtnis immer blasser.

Sehr verehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Mit dieser zentralen Veranstaltung zum Volkstrauertag zeigen wir, dass wir uns  der dunklen Vergangenheit unseres Landes stellen. Wir wollen uns für eine lebenswerte Gegenwart und eine gute Zukunft stark machen. Wir engagieren uns für die Erhaltung des wertvollen Friedens in Europa und verhindern aktiv das kollektive Vergessen.

Wir gedenken heute der Toten der beiden Weltkriege in Trauer, Respekt und Dankbarkeit - denn der Tod kennt keine Sieger und Besiegte, er kennt nur Menschen, die eigentlich leben wollten.

Schließen wir in unsere Gedanken auch diejenigen ein, die durch das Erleben des Krieges oder des Holocausts zerrüttet wurden. Sie sind dem Inferno entkommen, waren jedoch traumatisiert für den Rest ihres Lebens.  

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

der Artikel 1 unseres Grundgesetzes, unserer geltenden Grundordnung der Nachkriegszeit, besagt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Deswegen wollen wir daran erinnern, dass Frieden die unabdingbare Voraussetzung für ein Leben in Würde ist. In unser Gedenken schließen wir daher auch alle ein, die gegenwärtig unter Krieg und Verfolgung zu leiden haben. Menschen, deren Würde momentan nicht nur angetastet, sondern sogar schwer bedroht ist.

Der Krieg, diese Niederlage des Menschen, ist längst nicht verschwunden, er greift wieder massiv nach unschuldigen Menschen. Was innerhalb der Europäischen Union, auch dank des europäischen Gedankens, in den letzten Jahrzehnten nahezu undenkbar geworden ist, gehört in anderen Teilen der Welt noch immer zur traurigen Realität.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

seitdem Millionen Menschen aus den Kriegs- und Krisengebieten in Kleinasien und in Afrika auf der Flucht sind, werden nun auch wir wieder mit aller Härte daran erinnert, was Krieg und Terror bedeutet. Diese Menschen bitten nun uns um ein Leben in Sicherheit.

Als Bürgermeisterin dieser Stadt macht es mich sehr stolz, wie pragmatisch und offen die Regensburgerinnen und Regensburger in den letzten Jahren mit Flüchtlingen umgegangen sind: Sie haben Zuflucht geboten, sie waren Paten, sie haben Kleider gespendet und sich engagiert.

Das ist aktive Hilfe, die Hoffnung gibt. 

Lassen Sie uns hier und heute  bekunden, dass wir nicht den Stimmen gehorchen, die Ängste schüren und Gräben vertiefen. Lassen Sie uns heute deutlich machen, dass wir mit friedlichen Mitteln und mit einer moralischen Haltung jeden Tag aufs Neue für ein friedliches Miteinander einstehen.

Lassen Sie uns eine Kommunikationskultur in unserer Gesellschaft, in unserer Stadt schaffen, in der wir mit Ängsten und Herausforderungen aller Bürgerinnen und Bürger konstruktiv umgehen. Nur so wird es uns gelingen, unseren Frieden langfristig zu sichern.

In letzter Zeit scheint diese Friedenssicherung in der internationalen Politik jedoch weniger selbstverständlich zu sein. Man hört wieder offene Drohungen zwischen großen Nationen und unerträgliches  Säbelrasseln.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

es muss uns in jedem Moment – und ganz besonders in diesem Augenblick des Gedenkens klar sein:
Krieg existiert. Diese humanitäre und moralische Niederlage ist real. Sie nimmt sich unbarmherzig die Leben hilfloser Menschen. Menschen töten und werden getötet. Menschen erleiden grausame Verletzungen an Körper und Seele. Menschen leiden wegen Terror, Flucht und posttraumatischer Verzweiflung auch hier, direkt hier vor unserer Haustür.

Die Folgen des Krieges und ihre physischen und psychischen Belastungen betreffen nicht nur Zivilisten. Auch in unserer Mitte befinden sich immer noch Soldatinnen und Soldaten, die den Krieg erlebt haben. Ob vor 70 Jahren, oder auch erst vor kurzem.

Denn gerade weil wir alle keinen Krieg mehr wollen, keinen Terror und keine Gräueltaten, gerade deshalb leisten unsere Bundeswehrsoldatinnen und –soldaten ihren wichtigen Einsatz in den Krisengebieten dieser Erde. Und dafür sind wir ihnen sehr dankbar.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

So gedenken wir heute der Millionen Soldaten, die ihr Leben verloren haben. Wir denken an die Menschen, die auf der Flucht gestorben sind. Wir trauern um all jene, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk, einer anderen Rasse, einem anderen Glauben, einer anderen Kultur, einer Minderheit  angehörten, oder weil sie homosexuell waren.

Wir ehren heute die Menschen, die im Widerstand gegen brutale Regime ihr Leben lassen mussten. Wir gedenken der Menschen die staatlicher Gewalt zum Opfer fielen, weil sie krank oder behindert waren.

Und wir gedenken auch all der Menschen, die Schutz vor Krieg und Gewalt gesucht haben und Opfer von Fremdenhass geworden sind. Lassen Sie uns nie wieder als Gesellschaft diese Niederlage erleiden.

Lassen Sie uns heute ein gemeinsames Ziel formulieren:

Nie wieder Gewalt, nie wieder Krieg!