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Stadtfreiheitstag 2018

Rede von Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer anlässlich des Stadtfreiheitstags 2018 am 17. November 2018 im Historischen Reichssaal

- Es gilt das gesprochene Wort -

Es ist mir eine besondere Freude, dass ich Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, die Festrednerin dieses Stadtfreiheitstags vorstellen darf: es ist Verena Bentele, die uns durch ihre herausragenden sportlichen Leistungen ein Begriff ist, aber ebenso als Autorin, als Personaltrainerin und als engagierte Streiterin für soziale Gerechtigkeit.

Bei allem, was sie für andere und für sich ganz persönlich geleistet hat, ließ sich Verena Bentele nie davon beeindrucken, dass sie von Geburt an nicht sehen kann.

Aufgewachsen ist Verena Bentele auf dem Bio-Bauernhof ihrer Eltern am Bodensee. Nach einem Magisterstudium der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft mit den Nebenfächern Sprachwissenschaften und Pädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München arbeitete sie zunächst im Bereich Personaltraining und Personalentwicklung.
Schon während ihrer Schulzeit entdeckte sie den Leistungssport für sich. Langlauf und Biathlon waren ihre Disziplinen, und darin brachte sie es zu überragenden Erfolgen:

  • Sie wurde vierfache Weltmeisterin und 12-fache Paralympics-Siegerin.
  • Allein bei den Paralympischen Winterspielen 2010 in Vancouver gewann sie fünf Goldmedaillen.
  • 2013 bestieg sie den höchsten Berg Afrikas, den Kilimandscharo, und als erster blinder Mensch den Mount Meru im selben Bergmassiv.

2014 erschien ihr Buch „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“, in dem es darum geht, die eigenen Grenzen zu verschieben und Sicherheit zu gewinnen. Von 2014 bis Mai 2018 war Verena Bentele Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Und seit einem halben Jahr ist sie Präsidentin des gut 1,8 Millionen Mitglieder zählenden Sozialverbands VdK, für den sie sich schon seit vielen Jahren engagiert.

Zu den zahlreichen Auszeichnungen, mit denen Verena Bentele für ihre großartigen sportlichen Leistungen und für ihr gesellschaftliches Engagement geehrt worden ist, zählen der Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg, die Wahl zur Behindertensportlerin des Jahres 2010 - und 2011 zur Weltbehindertensportlerin. Zudem erhielt sie den Laureus World Sport Award und die Bayerische Verfassungsmedaille in Silber.

Manche unter Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, werden sich vielleicht daran erinnern, dass die Stadt Regensburg schon vor drei Jahren Verena Bentele als Festrednerin für den Stadtfreiheitstag gewinnen konnte.
Am Vorabend des Festakts im Jahr 2015 kam es jedoch in Paris zu einem grauenhaften Terroranschlag mit 130 Todesopfern und 683 Verletzten. Unzählige Menschen in aller Welt waren zutiefst erschüttert - auch in unserer Stadt.

Damals entschied der Oberbürgermeister kurzfristig, den Stadtfreiheitstag dem Gedenken an die Opfer des Pariser Anschlags zu widmen - verbunden mit dem Appell, dass sich unsere freiheitliche Gesellschaft von solch feigen Anschlägen nicht einschüchtern lassen darf. Ich möchte Ihnen, Frau Bentele, nochmals sehr dafür danken, dass Sie Verständnis für die damals überaus kurzfristige Programmänderung des Stadtfreiheitstags hatten.

Nun freut es mich umso mehr, dass wir Sie heute Abend bei uns willkommen heißen dürfen zu einem Festakt, bei dem die Stadt auch ihre wichtigsten Auszeichnungen verleiht: in diesem Jahr die Bürgermedaille, den Stadtschlüssel und den Städtepartnerschaftspreis. Beim Stadtfreiheitstag präsentieren wir unseren Gästen auch immer wieder Vertreterinnen und Vertreter der reichen Musikszene unserer Stadt.

Diesmal ist es uns gelungen, das Blechbläserquintett „Tritonus Brass“ unter der Leitung von Christian Hopfner als musikalischen Begleiter zu gewinnen. Für dieses Vergnügen sage ich schon jetzt im Namen der Stadt einen herzlichen Dank.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Stadtfreiheitstag, den Regensburg seit 1980 begeht, markiert einen ganz besonderen Wendepunkt in der Geschichte unserer Stadt. Am 10. November des Jahres 1245 erhob Kaiser Friedrich II. mit dem Edikt von Pavia Regensburg in den Stand einer Freien Reichsstadt, die nur noch dem Kaiser unterstellt war.

Das Edikt des Kaisers eröffnete den Menschen in dieser Stadt die lang ersehnte Freiheit. Es gab mit einem Mal keine Leibeigenschaft mehr und keine Fremdbestimmung durch Bayernherzog und Bischof. Die Stadt konnte ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen, und die Menschen im damaligen Regensburg nutzten diese große Chance. Die Stadt entwickelte sich zu einem der größten und wichtigsten Zentren in Mitteleuropa.

Weitverzweigte Handelsbeziehungen, die sich bis Kiew, Istanbul, Frankreich und England erstreckten, brachten Regensburg nicht nur Beschäftigung und Wohlstand, sondern - ebenso wichtig - Internationalität und Offenheit. Und auch das Wissen und die Lehre wurden stark in Regensburg. Berühmte Gelehrte wie etwa Albertus Magnus, Aventinus und Johannes Kepler wirkten in Regensburg.

Die Rabbiner der Regensburger Talmudschule gehörten zu den Spitzengelehrten ihrer Zeit.
Und schließlich wurde Regensburg von 1663 bis 1806 mit dem Immerwährenden Reichstag auch ein wichtiges politisches Zentrum von deutscher und europäischer Bedeutung. Für diese bemerkenswerte Entwicklung unserer Stadt legte Friedrich II. den Grundstock mit den Freiheiten, die er der Stadt gewährte. Die Überlieferung berichtet, dass Friedrich, der seinen Lebensmittelpunkt in Sizilien hatte, inmitten von arabischer, griechischer, jüdischer und deutscher Kultur aufwuchs und viele Sprachen beherrschte.

Dieser hoch gebildete und vielseitig interessierte Stauferkaiser wurde zu seiner Zeit „Stupor mundi“ genannt, das „Staunen der Welt“ – oder auch „Immutator Mundi“, der Verwandler der Welt. Seit Friedrich II. hat sich die Welt immer wieder dramatisch gewandelt. Es war sehr oft ein Wandel zum Schlechten, ja sogar tief hinein in unvorstellbare, grauenhafte Abgründe wie zur Zeit des Nationalsozialismus.

Mancher Wandel führte aber auch zum Guten - zu Zeiten des Friedens, zu Demokratie und Wohlstand, zu einer großen Blüte von Lehre und Forschung. Und nicht zuletzt zu dem, was wir die universellen, unveräußerlichen und unteilbaren Menschenrechte nennen. Ein sehr wesentlicher Teil dieser Menschenrechte besteht darin, dass allen von uns die freie Entfaltung der Persönlichkeit zusteht. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit - das ist ein großes Wort, das oft schon im Kleinen an seine Grenzen stößt, weil es das Leben nicht mit allen gleich gut meint.

Manchen fliegen privates Glück und beruflicher Erfolg förmlich zu, andere müssen hart darum ringen, dass sich wenigstens ihre kleinen Wünsche erfüllen. Gerade in einer Stadt, in der die Menschen auf engem Raum zusammenleben, wird deutlich, wie ungleich manche Chancen verteilt sind. Deshalb sehe ich ganz persönlich eine wesentliche Aufgabe unserer gesamten Stadtgesellschaft darin, benachteiligten Menschen Unterstützung anzubieten, damit sie aus ihrem Leben das für sie Bestmögliche machen können. Dazu gehören gerade auch Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung.

Wir alle stehen ganz besonders in der Verpflichtung, ihnen nicht nur das Gefühl, sondern die Gewissheit zu geben, dass sie ganz selbstverständlich dazugehören: In der Familie, im Kindergarten, in der Schule, in der Ausbildung, am Arbeitsplatz, überhaupt im ganzen gesellschaftlichen und kulturellen Leben einer Stadtgemeinschaft.

Das alles in einem Wort zusammengefasst bedeutet: Inklusion. Im Jahr 1981, als dieser Begriff noch noch kaum geläufig war, hat die Stadt Regensburg den Beirat für Menschen mit Behinderung geschaffen - ein Forum, das immer wieder aufmerksam macht auf die grundlegenden Bedürfnisse und Anliegen von Menschen mit Behinderung. Inzwischen ist aus diesem Forum der Inklusionsbeirat mit aktuell 54 Vertreterinnen und Vertretern von Vereinen, Organisationen und Behörden geworden.

Wie wichtig der Regensburger Stadtrat und die Stadtverwaltung die Anliegen von Menschen mit Behinderung nehmen, zeigt die Stelle eines hauptamtlichen Inklusionsbeauftragten, der seit nunmehr zweieinhalb Jahren innerhalb der Stadt die Interessen von Menschen mit Behinderung wahrnimmt.

Hinzu kommen zahlreiche Initiativen, Vereine und Organisationen, die sich mit kleinen und großen Projekten um weitere Verbesserungen im Alltag von Menschen mit Behinderung kümmern.

Ihnen allen und auch unserem Inklusionsbeauftragten Frank Reinel möchte ich für diese Arbeit ganz herzlich danken. Sehr gerne hätte ich Ihnen, meine sehr geehrten Damen und Herren, heute den barrierefreien Zugang zum Historischen Reichssaal vorgestellt. Aber leider lässt sich dieses durchaus ambitionierte und finanziell anspruchsvolle Projekt nach Lage der Dinge erst im kommenden Jahr realisieren. Es ist nun mal nicht ganz einfach, ein fast 700 Jahre altes, denkmalgeschütztes Gebäude mit seinen steilen Treppen baulich so zu ergänzen, dass ein barrierefreier Zugang möglich wird. Immerhin unsere Tourist-Information im Erdgeschoss ist schon ungehindert erreichbar.

Auch wenn manches nicht so schnell geht, wie es sich Stadtpolitik und Verwaltung wünschen, so ändert dies nichts an einem wichtigen Grundsatz: Die Stadt Regensburg und mit ihr eine ganze Reihe von weiteren Behörden, von Vereinen und Organisationen sehen sich schon seit vielen Jahren und auch weiterhin in der Verpflichtung, den Alltag von Menschen mit Behinderung in möglichst jeder Hinsicht leichter zu machen.

Der Schweizer Theologe und Journalist Georg Rimann hat das, was man für Menschen mit Behinderung tun kann, so zusammengefasst:

„Behinderung ruft nicht nach Mitleid,Behinderte brauchen nicht Überbetreuung und schon gar nicht fürsorgliche Bevormundung. Was ihnen Not tut, ist partnerschaftliche Anerkennung als vollwertige Menschen, Motivation zur Selbstständigkeit und Hilfe dort, wo es anders nicht geht."

Ich freue mich nun sehr auf den Festvortrag der Ausnahmesportlerin, Motivationstrainerin und VdK-Präsidentin Verena Bentele. Zuvor hören wir von "Tritonus Brass" ein weiteres Stück des Komponisten Johann Pelzel, diesmal die Intrade Nummer 59. Viel Vergnügen.