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„Ich bin ein großer Fan der Demokratie“

Sein Vater ist katholischer Priester, er selbst steht auf Heavy Metal, schenkt in seiner Kneipe Kölsch aus und ist Teil der Doppelspitze des SPD-Stadtverbands. Im Hauptberuf leitet Raphael Birnstiel die Stabsstelle Erinnerungs- und Gedenkkultur und Extremismusprävention, die im Bildungsreferat angesiedelt ist. Sein Ziel: Das Vergessen anhalten und für mehr Akzeptanz und gegenseitiges Verständnis sensibilisieren.

Ich bin ein großer Fan der Demokratie
Die Aufarbeitung des Holocaust ist Raphael Birnstiel ein wichtiges Anliegen. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Tattoos am ganzen Körper, Piercings, Heavy-Metal-T-Shirt – dem Klischee des städtischen Angestellten entspricht kaum jemand weniger als der 38-Jährige, der in Regensburg geboren wurde und im Umland aufgewachsen ist. Und so unkonventionell wie Birnstiel auftritt, so unkonventionell ist auch seine Familiengeschichte. Sein Vater, ein evangelischer Pfarrer, konvertierte zum katholischen Glauben. Birnstiel und seine vier älteren Geschwister wuchsen folglich als Kinder eines katholischen Priesters und seiner Ehefrau auf. Vielleicht reifte ja damals schon heran, was später zum Fundament für Birnstiels Lebensanschauung werden sollte: Offenheit und Akzeptanz. Denn so, wie die Familie die Entscheidung des Vaters billigte, so billigten die Eltern auch, dass sich der Lebensentwurf ihres jüngsten Sohnes stark vom eigenen unterscheidet. „Ich bin weder religiös, noch gläubig“, fasst er zusammen. Als er als 17-jähriger sich sein erstes Tattoo stechen lassen wollte, musste er noch die Einwilligung seiner Eltern einholen, die er auch bekam, obwohl seine Eltern da schon schlucken mussten, wie er schmunzelnd zugibt.

Ich bin ein großer Fan der Demokratie
Eine Gedenktafel erinnert an das Außenlager des KZ Flossenbürg, das in der Gaststätte „Colosseum“ in Stadtamhof untergebracht war. © Bilddokumentation Regensburg

Heavy Metal, Piercings und Tattoos

Mittlerweise ist sein Körper übersät von unterschiedlichen Tätowierungen, die seine Interessen widerspiegeln: Comics, Musik, Filme. Aber auch Pommes und Pizza sind vertreten. Noch ist Platz vorhanden für weitere Körperkunstwerke. Und was sagen die Eltern zu seinem Erscheinungsbild? – „Die sind sehr aufgeschlossen und liberal“, meint er und schiebt augenzwinkernd ein „Mittlerweile“ hinterher. So liberal, dass der Vater den damals 16-Jährigen sogar auf ein Heavy-Metal-Konzert begleitete, obwohl das nun so gar nicht seine Musikrichtung war. Man wächst eben mit seinen Herausforderungen!

So bunt wie sein Körper ist auch der Lebensweg von Raphael Birnstiel. Eine „Findungskrise“ in der zehnten Klasse führte ihn zurück in seine Geburtsstadt, wo er im Internat St. Emmeram lebte und für drei Monate das Albertus-Magnus-Gymnasium besuchte. Dann brach er seine schulische Karriere ab, absolvierte mehrere Praktika und entschied sich schließlich für eine zweieinhalbjährige Buchhändlerlehre, nach deren Abschluss es ihn doch wieder zurück an die Schule zog. Nach dem Abitur an der BOS studierte er Geschichte und Politikwissenschaften, trat in die SPD ein und arbeitete im PR-Bereich eines Online-Spiele-Herstellers.

Im September 2015 bewarb er sich für die neu geschaffene Stabsstelle Erinnerungs- und Gedenkkultur und Extremismusprävention bei der Stadt, die er auf- und ausbaute – mittlerweile im „verflixten siebten Jahr“, wie er sich ausdrückt. „Die Aufarbeitung des Holocaust hat in meiner Familie schon immer eine große Rolle gespielt“, erklärt er. Dazu gehört auch die Tatsache, dass seine Vorfahren keine aktiven Widerstandskämpfer, sondern klassische Mitläufer gewesen seien. Besonders schätzt er Gespräche mit seiner heute 93-jährigen Tante, die man wegen ihrer schwarzen Haare für eine Jüdin gehalten und die allein deshalb als Heranwachsende von Nazis misshandelt worden sei.

Entscheidend geprägt habe ihn auch ein Besuch in Yad Vashem, dem Holocaust-Denkmal in Jerusalem, erzählt er. 13 Jahre alt sei er damals gewesen. Gemeinsam mit seinen Eltern habe er seinen älteren Bruder besucht, der in Israel studiert habe. Es sei für ihn einfach unbegreiflich gewesen, was in der NS-Zeit passiert sei. „Damals habe ich zum ersten Mal das demütige Glück gespürt, das wir haben, weil wir heute in einem liberalen Land in einer funktionierenden Demokratie leben dürfen – und das mit solch einer Geschichte!“

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Auch eine Begegnung mit der Generalkonsulin von Israel gehört zum Arbeitsalltag von Raphael Birnstiel. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Bildungsferne Schichten erreichen

Seither fühle er sich persönlich verpflichtet, seinen Beitrag dazu zu leisten, „dass so etwas nicht mehr passiert“. Die größte Herausforderung seiner Arbeit sei es, nicht nur den ohnehin schon Interessierten, sondern der Gesamtgesellschaft und natürlich auch den bildungsfernen Schichten die Bedeutung von Erinnerungskultur zu vermitteln.

Gemeinsam mit einer Kollegin organisiert Birnstiel jährlich vier bis fünf feste Gedenkveranstaltungen, unter anderem zum Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar und zur Reichspogromnacht am 9. November. Hinzu kommen am 23. April der städtische Gedenkweg an die Opfer des Nationalsozialismus und die Erinnerung an die Bücherverbrennung auf dem Neupfarrplatz am 12. Mai. Unterschiedliche Veranstaltungsreihen mit Vorträgen, Workshops, Installationen, Ausstellungen, Führungen und Filmpräsentationen sollen dazu beitragen, das Vergessen aufzuhalten und zu sensibilisieren für Extremismus, Rassismus und rechte Gewalt. Wichtig dabei immer: die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Netzwerkpartnern, wie beispielsweise der jüdischen Gemeinde und den beiden christlichen Kirchen.

Auch die Kooperation mit Schulen, Bildungsinstituten und anderen Kommunen spielt in der Arbeit von Birnstiel eine wichtige Rolle. Hier werden Erfahrungen ausgetauscht und Konzepte miteinander abgestimmt. Dazu gehört auch die Teilnahme am „Wunsiedler Forum“, dem Fachtag zu aktuellen Themen der Arbeit gegen Rechtsextremismus. Und natürlich ist Birnstiel auch eng eingebunden in die Umsetzung des 2017 erarbeiteten Konzepts für eine städtische Gedenk- und Erinnerungskultur.

„Odessa-Ring“ als Zeichen gegen Ukraine-Krieg

Fremdenfeindlichen Tendenzen und gewalttätigen Übergriffen Einhalt gebieten – das treibt Birnstiel auch in seinem Job als Kneipenwirt an. Unmittelbar nach dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine im Februar benannte er den traditionellen Kölsch-Kranz um in „Odessa-Ring“ als Anspielung auf die Regensburger Partnerstadt und die gleichnamige Straße im Stadtosten und spendet seither drei Euro pro verkauftem Kranz an Space Eye Regensburg e.V.. Auch mit der Aktion „Rassisten werden hier nicht bedient!“ positionieren sich Birnstiel und sein Team eindeutig.

Konkret eingreifen müsse er eher selten. Würden diskriminierende Parolen gegrölt, genüge es meist, ruhig zu erwidern: „Überleg mal genau, was du da sagst!“. Dann kehre meist wieder Ruhe ein. In den zwölf Jahren, in denen er in der Kölsch-Kneipe arbeite, sei es nur einmal vorgekommen, dass er die Polizei rufen musste, weil ein alkoholisierter Hooligan mit einem Messer herumfuchtelte und andere Gäste bedrohte.

Ich bin ein großer Fan der Demokratie
Als Kneipenwirt greift Birnstiel auch mal selber zu Schrubber und Eimer. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Was Birnstiel beruflich antreibt, ist auch Triebfeder für sein politisches Engagement. „Ich bin einfach ein großer Fan der Demokratie“, fasst er zusammen. Seit März 2021 führt er gemeinsam mit Claudia Neumaier den SPD-Stadtverband. „Manchmal erfordert das schon einen Spagat“, gibt er zu, „weil ich Parteimitglied und gleichzeitig städtischer Beschäftigter bin“. Entscheidungen müssten immer genau abgewogen werden, weil er seinen Wählerinnen und Wählern gegenüber ebenso verpflichtet sei wie der Stadtverwaltung als seiner Arbeitgeberin.

Und verpflichtet fühlt er sich auch gegenüber seiner Heimatstadt. „Ich kann mir nicht vorstellen, aus Regensburg wegzugehen“, unterstreicht er. Er liebt die lebendige Atmosphäre in der Altstadt, die Tatsache, dass es stets einen breiten Widerstand gegen rechte Tendenzen gebe und Regensburg bunt und tolerant sei. Wobei er den Begriff Toleranz lieber durch Akzeptanz ersetzen möchte, denn: „Da ist die Augenhöhe gewährleistet!“

Text: Dagmar Obermeier-Kundel