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Tag der Opfer des Nationalsozialismus

Rede von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs zum Tag der Opfer des Nationalsozialismus am Dienstag, 27. Januar 2015, um 19 Uhr im Reichssaal

Anrede

Ganz besonders heute denken wir an Aussöhnung, Zusammenhalt und daran, wie wichtig es ist, sich an die Geschichte seines Landes zu erinnern und vor allem konzentrieren wir uns darauf, was wir alle dafür tun können, dass sich das Unfassbare nicht wiederholt, das vor fast 80 Jahren in unserem Land begann und am Ende zum größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte wurde.

Auf die Frage, was wir tun können, habe ich neulich in einer Reportage in der Süddeutschen Zeitung eine sehr beeindruckende Antwort gefunden:

In Tel Aviv standen Schülerinnen und Schüler aus Deutschland mit Überlebenden des Holocaust auf der Bühne der Alliance School: Erzählt wurden die Lebensgeschichten von Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden und das unendliche Grauen überlebt haben.

Die Jüdin Tamar Dreifuss gehörte zu den Überlebenden, die sich an dieser Aufführung beteiligt haben – und danach hat sie in einfachen Worten ausgedrückt, was wir, die Nachgeborenen, tun können:

„Ihr seid nicht schuld“, hat Tamar Dreifuss gesagt, „ihr braucht kein schlechtes Gewissen zu haben. Ihr müsst nur dafür sorgen, dass es nicht wieder passiert.“

Es genügt ein einziges Wort, wenn wir erklären wollen, was nicht wieder passieren darf.

Dieses Wort ist das Synonym für die völlig gefühllose, bis ins Kleinste bürokratisch organisierte und eiskalt durchgeführte Ermordung von Millionen von Menschen, die nicht dem Weltbild der selbsternannten Herrenrasse und ihrer Ideologie entsprachen.

Dieses Wort steht für Gaskammern und Krematorien.

Es steht für die Selektion von Menschen, die entweder sofort in den Tod geschickt wurden oder solange zur Arbeit gezwungen wurden, bis sie an Erschöpfung starben.

Dieses Wort erzählt von grauenhaften medizinischen Menschenversuchen, von unvorstellbarer Brutalität und von willkürlichem Morden.

Dieses Wort bezeichnet den Abgrund von Wahnsinn und Unmenschlichkeit.

Dieses Wort heißt: Auschwitz.

Anfang der 1940er Jahre bauten die Nazis in der Nähe von Krakau einen riesigen Vernichtungskomplex, der aus dem Stammlager Auschwitz I, dem großen zweiten Lager Auschwitz-Birkenau und dem KZ Auschwitz Morowitz bestand.

Auschwitz war das größte Vernichtungslager innerhalb der europaweiten Vernichtungsmaschinerie der Nazis. Allein hier wurden 1,1 Millionen Juden, 70 000 Polen, 25 000 Sinti und Roma und etwa 15 000 Kriegsgefangene aus der Sowjetunion und anderen Ländern ermordet.

Als sowjetische Truppen heute vor genau 70 Jahren die Lager von Auschwitz erreichten, fanden sie noch 7000 Überlebende vor. Viele von ihnen waren so schwach, dass sie nach der Befreiung starben.

Überall in Deutschland wird heute mit Gedenkveranstaltungen an diesen Tag der Auschwitz-Befreiung, den 27. Januar 1945, erinnert.

1996 hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum deutschen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erklärt.

Wir begehen diesen Tag deutlich sichtbar: Überall in Deutschland ist an öffentlichen Gebäuden die Trauerbeflaggung gehisst.

Der Bundestag ist heute zu einer Gedenkstunde zusammengekommen.

Überall im Land finden Lesungen, Theateraufführungen und Gottesdienste statt.

Auch wir in Regensburg wollen die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten wachhalten. Wir begehen diesen Gedenktag mit großer Anteilnahme und aus der Überzeugung heraus, dass das Wissen um die beispiellosen Verbrechen, das von Deutschen verübt wurde, niemals versiegen darf.

Roman Herzog hat 1996 gesagt:

„Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

Auschwitz ist zum Synonym für eine Maschinerie des Massenmords an den europäischen Juden geworden – aber auch für die Vernichtung von Kriegsgefangenen, von Sinti und Roma, von behinderten Menschen, von Homosexuellen, von politisch Andersdenkenden, von mutigen Christen.

Auschwitz ist der Inbegriff für unfassbare Menschenverachtung.

Auch viele jüdische Bürgerinnen und Bürger aus unserer Stadt sind in den Konzentrationslagern ermordet worden oder an Auszehrung und Krankheiten zugrunde gegangen.

Und auch hier in Regensburg mussten Menschen sterben, die den Nazis Widerstand leisteten.

Ich habe am Sonntag einen Leitartikel in der Welt am Sonntag gelesen, von dem ich einen Teil zitieren will. Er stammt von Richard Herzinger und ist überschrieben mit „Das Grauen von Auschwitz ist nicht wirklich vorbei“.

Ich zitiere: „Die Gaskammern stehen seit 70 Jahren still. Doch das Ungeheuerliche, das mit Auschwitz in die Welt gekommen ist, wirkt untergründig weiter. Dabei hat die Universalisierung von Auschwitz zum Geschichtszeichen, die das „Nie wieder!“ zur zivilisatorischen Maxime erhob, auch zu Illusionen über die moralische Lernfähigkeit der Menschheit geführt – und zu einer Entleerung der Erfahrung, für die dieser Name steht.

Inflationär werden heute Massenverfolgungen mit Auschwitz verglichen, um ihnen die besondere Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu sichern. Andererseits dient der Hinweis, dieses und jenes Verbrechen reiche nicht an die Dimension von Auschwitz heran, zu oft als Vorwand fürs Wegsehen.

Weltweit blühen unterdessen Holocaustleugnung und -relativierung. In Teilen der islamischen Welt besitzen sie Züge einer Obsession, die ganze Gesellschaften beherrscht. Vom Iran bis Palästina wird die Suggestion verbreitet, der Holocaust sei eine Propagandalüge des „Zionismus“.

Vergangenen Sommer mussten wir erleben, dass auf Deutschlands Straßen Israelhasser Parolen wie „Juden ins Gas“ skandierten. Beim Terroranschlag in Paris wurden Menschen nur deshalb ermordet, weil sie Juden waren – wie schon vor drei Jahren in Toulouse und voriges Jahr in Brüssel.

Dass Juden in Europa wieder um ihr Leben fürchten müssen und viele die Auswanderung erwägen, ist ein Alarmzeichen dafür, dass die Wiederkehr des Undenkbaren jederzeit möglich bleibt. Die Befreiung von Auschwitz war kein wirkliches Ende.“

Was bedeutet das im Kern.

Die Lehre, die wir heute mit der Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus verbinden, ist ganz einfach: Wir haben den Auftrag, das Wissen um diesen abgrundtief dunklen Abschnitt in der Menschheitsgeschichte weiterzutragen von Generation zu Generation.

Nur wer weiß, was geschehen ist, kann sich dafür stark machen, dass sich diese Geschichte nicht wiederholt. Nicht in Deutschland und nicht in anderen Ländern.

In diesen Tagen ist es wieder einmal ganz besonders wichtig zu wissen, wofür das Wort Auschwitz steht. Und es ist auch wichtig zu wissen, wie das damals, vor acht Jahrzehnten, alles angefangen hat:

Mit üblen Verschwörungstheorien, mit systematischer Ausgrenzung, mit Hass auf andere Kulturen und Religionen – und überhaupt mit einer Ideologie, die Menschen in Rassen einteilte, in angeblich gute und in angeblich schlechte, die ausgerottet werden müssten.

Verräterisch war dabei schon die Sprache: Die Nazis erfanden die Herrenrasse und den Untermenschen. Sie sprachen von Volksschädlingen und von minderwertigem Leben.

Heute hören wir bei den Demonstrationen der Pegida und ihrer Ableger wieder Begriffe, die gefährlich sind. Da ist von „Lügenpresse“ die Rede, von „Volksverrätern“ und von „Überfremdung“.

Das sind Worte, die Joseph Goebbels benutzt hat, Hitlers schlimmster Hetzer. Ängste wollte er damit schüren, Ablehnung und Hass. Hitler und Goebbels schufen mit ihren Reden und mit psychologischer Perfidie eine Stimmung völkischer und nationalistischer Trunkenheit:

Die Deutschen und Deutschland – über alles in der Welt.

Ich finde es unerträglich, dass Menschen, die in diesen Tagen auf Demonstrationen die deutsche Fahne schwenken und Worte wie „Lügenpresse“, „Volksverräter“ und „Überfremdung“ herausbrüllen, wieder in diesen grauenhaften nationalistischen Urschrei ausbrechen!

Ich finde es unerträglich, dass wieder üble und aberwitzige Verschwörungstheorien zusammengezimmert und Menschen wegen ihres Glaubens unter Generalverdacht gestellt und ausgegrenzt werden.

Ich finde es unerträglich, dass sich jüdische oder aus dem Ausland zu uns gekommene Mitbürgerinnen und Mitbürger vor kahlgeschorenen Neonazis in Acht nehmen müssen.

Ich finde es unerträglich, dass sich unter den Muslimen, die friedlich mit uns leben, eine Furcht auszubreiten beginnt vor all diesen seltsamen Demonstranten, die vor einer angeblichen „Islamisierung des Abendlands“ warnen und die von einer „Asylindustrie“ daherreden.

Und ich finde es unerträglich, dass der Terror eine Religion missbraucht - eine Religion, die längst zu unserer Gesellschaft gehört, weil die Menschen, die nach der Friedensbotschaft dieser Religion leben, zu uns gehören.

Leider gilt auch heute noch ein Satz, den der große Bert Brecht für sein Stück über den „Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“ schrieb: „Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch.“

Deswegen brauchen wir viele, die sich stark machen für die Würde und die unantastbaren Rechte aller Menschen, ungeachtet ihrer Religion, ihrer Kultur, ihrer politischen Überzeugung und ihrer Abstammung.

Wir brauchen viele, die für eine freie, offene, bunte und lebendige Gesellschaft eintreten. Und wir brauchen viele, die mit ihren Herzen und ihren guten Argumenten, all denen etwas entgegensetzen, die jetzt ihre diffusen Ängste und Parolen in die Nächte von Dresden hinausschreien.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich bin fest davon überzeugt, dass die Regensburgerinnen und Regensburger alles dafür tun, dass unsere wundervolle Stadt mit jedem Tag noch bunter und noch weltoffener ist.

Ich kann es nicht oft genug sagen: Dieser Stadt und ihren Menschen ist es immer dann gut gegangen, wenn sie ein Ort der Freiheit, des Miteinander und des gegenseitigen Respekts war – so wie jetzt.

Deswegen ist dieser Gedenktag alles andere als eine Pflichtübung für uns. Er ist ein Tag, der unser Bewusstsein aufs Neue dafür schärft, was uns allen wichtig ist: Nie wieder darf es zu Ausgrenzung, Erniedrigung und Hass, zu Verfolgung, Willkür, Diktatur und Rassismus kommen.

Dafür setzen wir uns ein, gleich woher wir kommen und woran wir glauben.

Die Menschen in dieser Stadt stehen füreinander ein und sie geben Acht. Sie helfen Menschen, die bei uns vor Terror, Verfolgung und Mord Zuflucht suchen.

Wir passen auf sie alle auf. Sie sind bei uns sicher. Das gilt für alle, aber vor allem für unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Das ist unser Regensburger Bekenntnis.