Navigation und Service

Reformationstag 2014

- Es gilt das gesprochene Wort -

"Christ und Politik: Gelebtes Christsein – eine hochpolitische Sache?“ Rede von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs anlässlich des Reformationstages am 31. Oktober 2014, in der Regensburger Neupfarrkirche, um 18.30 Uhr

Anrede,

"Wenn ein Bürgermeister seine Pflicht tut, werden kaum vier da sein, die ihn mögen."

Dieses Zitat ist 485 Jahre alt. Es stammt aus einer Predigt von Martin Luther, dem großen, wortgewandten Reformator, den die evangelisch-lutherischen Gemeinden heute feiern.

Was mich angeht, so sehe ich es übrigens nicht als meine Pflicht an, heute zu Ihnen zu sprechen. Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit.

Und wer für seine tolle Arbeit ständig mit Streicheleinheiten belohnt werden will, der sollte ohnehin nicht Politiker werden und Leiter einer Stadtverwaltung schon gar nicht. Ein Oberbürgermeister hat nämlich einen gewaltigen Makel, der auf immer an seinem Amt klebt: Er wird es nie schaffen, es allen recht zu machen.

Es wird immer wieder dazu kommen, dass sich Menschen von politischen Entscheidungen nicht wahrgenommen oder gar überrollt fühlen.

Anstatt sich nun aber dafür einzusetzen, dass ihr Anliegen doch noch gehört und umgesetzt wird, verfallen viele Bürgerinnen und Bürger leider in eine dauerhafte Enttäuschung.

Was dabei herauskommt, sehen wir in der tendenziell immer weiter nachlassenden Beteiligung an Wahlen.

Nun kann man der Evangelischen Kirche wahrlich nicht vorhalten, dass sie sich nicht engagiert für ihre Anliegen einsetzt – ganz im Gegenteil: Sie tut das sehr oft und sehr mutig, wofür ich ihr meinen Respekt zolle.

Andererseits aber glaube ich manchmal, bei Mitgliedern der Evangelischen Kirche eine vornehme Distanz zur Politik zu spüren. Nicht alle, aber manche wollen sich auf ihr Christsein beschränken. Politisches Engagement ist nicht ihre Sache.

Wenn gute Christenmenschen der Ansicht sind, sie hätten allein dadurch, dass sie glauben, schon genug für die Gesellschaft getan, dann möchte ich ihnen zurufen: Ihr könntet noch mehr tun!

Ich weiß, dass ich mich jetzt auf ein glattes Parkett begebe. Viele Menschen, die den Kirchen nicht nahestehen, schätzen es über die Maßen, dass sie nicht in einer Zeit und in einem Staat leben müssen, in dem die Kirche mindestens genauso viel zu sagen hat wie die Politik. Andererseits stellt sich die große Frage, wie unser Staat denn wohl heute aussehen würde, wenn er nicht von Menschen mit tiefen christlichen Überzeugungen aufgebaut und geprägt worden wäre.

Politik und die christlichen Kirchen haben – völlig wertfrei betrachtet –eines gemeinsam: Ihnen laufen die Menschen davon. In der Tendenz beteiligen sich immer weniger Bürgerinnen und Bürger an Wahlen. Immer mehr Menschen treten aus ihren Kirchen aus.

Dabei ist doch aber eines klar: Ohne Politiker, die Verantwortung übernehmen und im Kleinen wie im Großen unser Land managen, würde unsere ganze Gesellschaft nicht funktionieren. Und ohne das Engagement der Kirchen wäre unsere gesamte Gesellschaft um vieles ärmer: Die Kirchen geben einen erheblichen Teil ihres Geldes für soziale Einrichtungen und Projekte aus. Deswegen tut es einem braven Christen ja auch so weh, wenn er von vielen Millionen Euro teuren, luxuriösen Bischofssitzen erfährt oder davon, dass viel kirchliches Geld bei Börsenspekulationen verloren wurde - dieses Geld, denkt sich der brave Christ, wäre doch viel besser in kirchlichen Einrichtungen für Kinder, für Arme, für behinderte und totkranke Menschen aufgehoben gewesen.

Da haben Politik und Kirchen dann schon wieder etwas gemeinsam: Weil sie von Menschen gemacht werden. werden sie werden immer unvollkommen und fehlbar sein.

Gerade aber weil wir alle so unvollkommen und so fehlbar sind, brauchen wir moralische Instanzen, die uns dabei helfen, den richtigen Weg für unser Leben zu finden.

Sowohl die Politik als auch die Kirchen haben große philosophische Wegweiser hervorgebracht. Moralische Grundsätze, die aus dem Christentum geboren sind, sind längst Bestandteil der Politik und zu wichtigen Grundlagen unseres Staates und unseres Zusammenlebens geworden.

Allerdings wird immer wieder darüber diskutiert, ob sich der Staat und die Kirchen nicht schon wieder zu nahe gekommen sind.

In den vergangenen Jahrhunderten haben sich über dieser Frage Kriege entzündet, das Wohl und Wehe ganzer Länder wurde darüber entschieden, Kirchen haben sich gespalten.

Das kann man verfolgen von den Zeiten der frühen Kirche im römischen Reich über die mittelalterlichen Kaiserreiche bis hin zur Neuzeit.

Als das römische Reich in seinen letzten Zügen lag, als Christentum und Politik sich annäherten und das Christentum Staatsreligion wurde – da begann unter den Christen ein gegenseitiges Belauern und Bekämpfen.

Die Päpste standen dem Kaiser gegenüber, es gab Zeiten der Gegen- und Zweitpäpste, und viele dieser Kriege wurden – wie das immer war - auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen.

Im Mittelalter hat Regensburg von den Auseinandersetzungen aber auch profitiert. Zum Beispiel im achten Jahrhundert, als der Heilige Bonifatius das Bistum Regensburg gründete.

Profitiert hat die Stadt natürlich auch vom Fernhandel, der Regensburg zwischen 1200 und 1400 zu einer der reichsten Städte Europas machte. Regensburg wurde Freie Reichsstadt mit einer weitreichenden Selbstverwaltung – und wie von selbst stellte ich ein zunächst unkompliziertes Nebeneinander der Religionen und Kulturen ein. Die Händler und Kaufleute brachten aus aller Herren Länder ihre Sitten und auch ihren Glauben mit, den sie hier recht frei ausüben konnten.

So gab es schon um das Jahr 1000 herum eine voll entwickelte jüdische Gemeinde. In Regensburg lebten berühmte jüdische Gelehrte, hier war später einer der berühmtesten Talmud-Schulen.

Eng wurde es immer dann, wenn es zum wirtschaftlichen und politischen Niedergang kam. Die Stadt verlor ab dem 14. Jahrhundert an Geld und Bedeutung. Die Juden wurden ab dieser Zeit von den Christen immer wieder bedrängt. Radikale Prediger unterstellten ihnen, Gifte zu mischen oder unterstellten ihnen den Ritualmord. 1519 kam es in Regensburg zum großen Pogrom gegen die Juden, sie wurden aus der Stadt vertrieben, ihr Viertel im Bereich des heutigen Neupfarrplatzes wurde zerstört. Das gehört zu den dunklen Kapiteln unserer christlichen Geschichte – und es zeigt, zu welchen Grausamkeiten es kommen kann, wenn Politik und Religion sich verbünden, um gemeinsam gegen Andersgläubige vorzugehen.

Danach erlebte Regensburg, wie wechselhaft der gesellschaftliche Einfluss einer Kirche sein kann.

Erst war Regensburg lange katholisch. Dann, im Zuge der Reformation, entschloss sich der Rat der Stadt, zu dem neuen Glauben überzutreten. Davon erzählt auch diese Kirche: Die frühere katholische Wallfahrtskirche "Zur schönen Maria" wurde zur "Neuen Pfarr" und unter evangelischer Ägide im Jahr 1586 fertiggestellt. Wir nehmen das oft gar nicht mehr wirklich wahr, auf welch historischem Boden wir in Regensburg allenthalben stehen – auch hier in der Neupfarrkirche. Auch sie erzählt eine Geschichte zum Thema Christsein, Politik und Macht.

Die Reformation veränderte Regensburg und zeigte einmal wieder, dass die Zugehörigkeit zu einer Kirche auch eine große politische Dimension haben kann. Der Regensburger Stadtrat wandte sich mit seinem Bekenntnis zum Protestantismus gegen die katholische Kirche und die von ihr geprägte Machtpolitik. Mit dem Wechsel zur Reformation wandelte sich auch die gesamte Gesellschaft: Nach und nach rückte der einzelne Mensch in den Mittelpunkt.

Martin Luther propagierte, dass ein jeder Mensch die Bibel lesen und verstehen sollte. Luther war dagegen, dass die Gläubigen die Lehrmeinungen von oben, aus Rom, von Bischöfen und Geistlichen zu empfangen hatten.

Für die damalige Zeit war das revolutionär. Denn dass der Mensch selbst denken, lesen und handeln soll - das war der katholischen Kirche damals höchst suspekt, ebenso den weltlichen Herrschern.

In Regensburg wehte nun aber, auch dank Luther und der Verbreitung seiner Thesen, der Wind des Wandels: Regensburg wurde freier. Viele Flüchtlinge aus Böhmen und Österreich kamen hierher. Die Anzahl der Protestanten wuchs derart an, dass die Neupfarrkirche und die Oswaldkirche unten an der Donau schon bald nicht mehr genügend Platz boten. 1631 kam die neu gebaute Dreieinigkeitskirche hinzu.

Auch diese drei Gotteshäuser erinnern daran, wie wechselhaft die Kirchengeschichte sein kann. Auf die starke protestantische Präsenz folgte eine immer stärker werdende katholische Gemeinde, die nun schon seit langem in unserer Stadt deutlich überwiegt.

Gleichwohl haben sich die protestantischen Spuren tief in die Geschichte unserer Stadt eingegraben – und ein besonderes Beispiel zeigt, dass christliches Handeln eine starke sozialpolitische Komponente haben kann: Bis ins 13. Jahrhundert reichen die Wurzeln der Evangelischen Wohltätigkeitsstiftung zurück. Heute ist diese Stiftung, die von der Stadt verwaltet wird, eine der großen sozialen Einrichtungen Bayerns.

Die Geschichte der Wohltätigkeitsstiftung erinnert uns abermals daran, dass christliches Denken und Handeln längst in einen gesamtgesellschaftlichen Moralkodex eingeflossen ist. Dieser Kodex wird von vielen Menschen in unserer Gesellschaft ganz selbstverständlich akzeptiert – unabhängig von ihrem religiösen Glauben oder ihrer Weltanschauung. Aus christlichen Verhaltensanweisungen ist also längst eine gesellschaftliche Selbstverpflichtung geworden:

Das macht sich schon in unserem Grundgesetz bemerkbar, vor allem in dem berühmten Satz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Das Grundgesetz zeigt aber auch, was unser Staat nicht will: zum einen das Verbot von Religionen oder Kirchen. Zum anderen aber will er auch keine staatlich unterstützte Festlegung auf eine einzelne Religion oder Glaubensrichtung. In Artikel vier ist "die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und des Bekenntnisses in religiösen wie weltanschaulichen Bereichen" festgelegt. Das Grundgesetz erklärt diese Freiheit sogar als "unverletzlich".

Der Grundsatz der Glaubensfreiheit zeichnet insbesondere aufgeklärte, tolerante Gesellschaften aus.

Wo gesellschaftliche und religiöse Freiheiten eingeschränkt oder gar bekämpft werden, wo statt der Vielfalt eine Glaubensdiktatur herrscht – dort wollen die meisten Menschen nicht sein.

Im Nahen und Mittleren Osten erleben wir derzeit, wie Machtinteressen eine Religion pervertieren. Militant-fundamentalistische Muslime bekämpfen nicht nur Christen und Juden, sondern auch andere Muslime, die nicht wollen, dass ihre Religion an die Stelle eines Staates treten soll.

Unzählige Flüchtlinge aus islamisch geprägten Ländern sind vor dem tödlichen Irrsinn selbsternannter Glaubens- und Sittenwächter auf der Flucht. Diese Flüchtlinge kommen auch zu uns. Hier suchen Sie Schutz, Sicherheit und Ruhe – und sie hoffen auf ein neues, friedliches Leben.

Ich muss gestehen, dass es mich sehr berührt hat, wie die Regensburgerinnen und Regensburger auf die Ankunft der Flüchtlinge reagiert haben: Die Hilfsbereitschaft war überwältigend. Unzählige Sach- und Geldspenden wurden zugunsten der Flüchtlinge abgegeben. In der Stadtverwaltung gingen viele Anrufe und E-Mails von Menschen ein, die ihre Unterstützung angeboten haben.

Und ich freue mich sehr darüber, dass die Wohlfahrtsverbände, die evangelisch-lutherische Kirche und die katholische Kirche vielfältige Unterstützung und Hilfe leisten. Ich weiß nicht, wie es ohne diese Hilfe gehen könnte. Deshalb möchte ich allen, die sich in der Flüchtlingsbetreuung engagieren, meinen ganz herzlichen Dank sagen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir können durchaus stolz darauf sein, dass wir Flüchtlinge bei uns nicht nur unterbringen, sondern dass wir sie willkommen heißen – mit allem, was dafür nötig ist: Unterkunft, Kleidung, Essen, medizinische Versorgung und persönlichem Zuspruch.

Diese ausgeprägte Form der Gastfreundschaft zeichnet allerdings nicht allein die Christen aus: Auch im Islam und im jüdischen Glauben hat das das Willkommenheißen von Gästen eine ganz hohe Bedeutung.

Auch aus diesen Religionen ist eine Überzeugung, die aus dem Glauben kommt, in das kollektive Verhalten einer Gesellschaft übergegangen. Ob wir es wollen oder nicht: Religiöse Überzeugungen haben fast alle Gesellschaften der Welt geprägt. Staat und Religion lassen sich also doch nicht ganz strikt voneinander trennen. Das finde ich auch gut so – solange es darum geht, für unsere Gesellschaft, für unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger das Beste zu erreichen.

Mich freut es zum Beispiel sehr, dass es in Regensburg das Evangelische Bildungswerk gibt, das sich mit seinen Veranstaltungen oft weit in den politischen Bereich vorwagt.

Unvergessen ist die Aufklärungsarbeit des EBW über die geplante Wackersdorfer Wiederaufarbeitungsanlage. Unvergessen ist das starke Engagement evangelischer und katholischer Christen gegen dieses Atomprojekt. Und unvergessen ist auch, dass die damalige Staatsregierung nicht zuletzt unter dem Eindruck des christlich motivierten WAA-Widerstands dieses unselige Projekt beendet hat.

Als Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche bin ich heute noch froh darüber, dass sich die gegen die WAA protestierenden Protestanten mit ihren Kirchen-Oberen leichter getan haben als die WAA-Widerständler innerhalb der katholischen Kirche.

Christen setzen sich aus ihrer Überzeugung heraus für ein noch besseres Zusammenleben in unserer Stadt ein – etwa in der Gruppe "Evangelisch Profil zeigen".

Auch da hat das Christsein etwas Politisches.

Ich muss gestehen, dass meine protestantisch geprägte Erziehung durchaus ihre Spuren hinterlassen hat:

Ich bin, zum Beispiel, kein Freund vonn ausgeprägten Hierarchien. Jeder Mensch ist gleich – vor Gott und vor unseren Gesetzen. Außerdem ist es für mich auch eine Frage des Respekts, dass sich der eine nicht über den anderen erheben soll.

Christsein in der Politik heißt für mich: Als Oberbürgermeister bin ich kein Besserer als jeder Andere in dieser Stadt. Ich will den Menschen auf Augenhöhe begegnen.

Zum Christsein in der Politik zählt für mich auch mein Weg in die Sozialdemokratie. Meine persönlichen Werte kommen einerseits aus der Sozialdemokratie, andererseits aber auch aus meiner christlichen Prägung:

Grundsätzlich geht es mir darum, die Lebenswirklichkeit all jener Menschen besser zu machen, die Hilfe, Unterstützung und Förderung brauchen. Mir geht es darum, auf allen Ebenen, die eine Stadt bieten kann, die Lebensgrundlagen der Menschen noch weiter zu verbessern. Dazu gehören die Wirtschaftsförderung und die Unterstützung der Forderung nach fairer Bezahlung, dazu gehört eine ständige Verbesserung unseres Bildungsangebots, dazu gehört eine gute Betreuung für unsere ganz jungen und unsere alten Menschen, und dazu gehört die Kultur, weil auch die Seele des Menschen essen muss.

Vielleicht erscheint es Ihnen ein bisschen gewagt, wenn ich sage, dass sich ein engagierter Politiker und ein engagierter Pfarrer gar nicht so unähnlich sind: Sie wenden sich den Menschen zu, und sie arbeiten hart daran, dass das Leben der Menschen in all seinen Facetten immer noch ein bisschen besser wird.

Das alles ist nicht hochpolitisch. Ich finde, es sollte vielmehr ganz selbstverständlich sein, dass wir uns umeinander kümmern – in welcher Position auch immer.

Und letzten Endes spielt es auch keine große Rolle, ob sich ein Mensch aus seiner religiösen Überzeugung heraus engagiert – oder ob es seine politische Anschauung ist oder eine weltlich-philosophische.

Für mich ist wichtig, dass sich alle Menschen guten Willens zusammentun. Und dass sie beweisen, dass uns alle mehr vereint als uns trennt.

Ich wünsche uns jedenfalls, dass wir stets herausfinden, was das Richtige ist und dass wir die Kraft dazu aufbringen, dieses Richtige auch zu tun.