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Ausstellungseröffnung „Feind ist, wer anders denkt“

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs zur Ausstellungseröffnung „Feind ist, wer anders denkt“ im Donaueinkaufszentrum am Mittwoch, 22. Oktober 2014, 18 Uhr, Mall A, 2. Flur

Anrede

ich möchte meinen herzlichen Dank sagen: An Roland Jahn, den Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, dessen Behörde seit der Wiedervereinigung Deutschlands einen überaus wichtigen Beitrag für die Aufarbeitung der dunklen Seite des anderen Deutschland leistet.

Mein weiterer herzlicher Dank geht an die Geschäftsführung des Donaueinkaufszentrums: Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass an diesem Ort eine Ausstellung gezeigt wird, die auch jetzt, 25 Jahre nach dem Mauerfall, immer noch empört, verstört und aufwühlt. Warum, so werden manche fragen, wird eine solche Ausstellung ausgerechnet in einem Einkaufszentrum gezeigt?

Die Antwort, finde ich, ist ganz einfach: Hier erreicht diese Ausstellung nicht nur all jene Menschen, die von sich aus mehr über die Stasi und ihr Unterdrückungsregime erfahren wollen. Diese Ausstellung erreicht auch ganz zufällig vorbeikommende Passanten, die hier eigentlich nur ihre Einkäufe erledigen wollen und für die es vielleicht längst schon Geschichte ist, dass in der DDR Unrecht geschah.

Vielen Dank möchte ich auch meinem Freund Marcus Mittermeier sagen, der eine der Hauptrollen in einem sehr sehenswerten Film spielt, den das ZDF am 9. November sendet. Marcus, ich freue mich sehr darüber, dass es Dir ein Anliegen ist, an der Eröffnung dieser Ausstellung mitzuwirken. Ich hoffe sehr, dass auch dieser Film bei einem Millionenpublikum dazu beiträgt, nicht zu vergessen, was in der DDR geschehen ist.

Für die Stadt Regensburg ist es eine Ehre, dass uns die Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen als Mitveranstalter dieser Ausstellung ins Boot geholt hat.

Bei den bisherigen Stationen dieser Wanderausstellung hat sich gezeigt, dass sie die bislang erfolgreichste Ausstellung von allen ist, die die Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen zusammengestellt hat.

Ich muss zugeben, dass mich das nicht überrascht. Viele Bundesbürger waren nie in der DDR – durch intensive Berichte in den Medien hatten sie zumindest eine grobe Ahnung vom Leben im anderen Deutschland.

Auch dass es da die Stasi gab, wusste man. Was aber dieser Geheimdienst, der ja auch Staatspolizei und Anklagebehörde in einem war, an Grauenhaftem angerichtet hat, das erfuhr die westliche Öffentlichkeit oft nur bruchstückweise – durch Berichte von Menschen, denen die Flucht gelungen war. Durch DDR-Bürger, die aus der Haft freigekauft wurden.

Dank beherzter Bürgerrechtler, die in den letzten Atemzügen des DDR-Regimes die Stasi-Zentrale gestürmt und damit wahre Berge von Akten vor der Vernichtung bewahrt haben, können wir nun sehr oft bis ins kleinste Detail nachvollziehen, wie die Stasi gearbeitet hat.

Die Sichtung dieser Akten und die mühevolle Rekonstruktion von Unterlagen, die als Reißwolf-Schnipsel sichergestellt wurden, wird die Behörde, die Herr Jahn leitet, noch auf unabsehbare Zeit beschäftigen.

Warum ist diese Arbeit für uns so wichtig?

Weil wir erfahren, wie die Stasi verdeckt auch bei uns aktiv war.

Und weil wir die Aufklärung über den monströsen Geheimdienst der DDR brauchen, um offen und engagiert für ein Staatssystem einzutreten, in dem flächendeckende und lückenlose Überwachung bis in den privatesten Winkel, in dem Bespitzelung und absolut inhumane Verfolgung von Andersdenkenden bis hin zur Existenzvernichtung nicht möglich ist.

Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Erinnerung an die DDR – je länger ihr Ende zurückliegt – gerade bei uns, in den alten Bundesländern, fast schon folkloristische Züge annimmt.

Wir sind gerührt, wenn ein stinkender Trabi-Oldtimer an uns vorbeiknattert.

Wir amüsieren uns, wenn wir alte Bilder sehen, auf denen der Staatsratsvorsitzende Honecker dem großen Bruder Breschnew einen kaum enden wollenden Kuss auf die Lippen drückt.

Wir erinnern uns an die Weihnachtspakete, die unsere Familien nach drüben geschickt haben – und an den Christstollen, der als Dankeschön zurückkam.

Und oft wissen wir gar nicht, was wir entgegnen sollen, wenn uns jemand sagt, dass in der DDR ja nicht alles schlecht war.

Diese Ausstellung hilft uns dabei, uns ein klares Bild von der DDR zu machen:

  • Von einem System, das nur scheinbar alle in Ruhe ließ, die klaglos mitgemacht haben.
  • Ein System, das rücksichtslos gegen den leisesten Widerspruch vorgegangen ist.
  • Ein System, das gnadenlos gegen alle war, die offen sagten, was ihnen am sogenannten Arbeiter- und Bauernstaat nicht gefiel.
  • Ein System, das klare Züge von Verfolgungswahn gezeigt hat.
  • Ein System, das seinen eigenen Bürgerinnen und Bürgern nicht über den Weg getraut hat.
  • Ein System, das das Wort Demokratisch wie zum Hohn in seinem Staatsnamen geführt hat.
  • Und ein System, das einen Spion im Bundeskanzleramt platzierte und damit den Rücktritt von Willy Brandt ausgelöst hat – ausgerechnet jenes Bundeskanzlers, der sich so intensiv wie kein anderer zuvor für eine Annäherung beider deutscher Staaten eingesetzt hat.

Das nehme ich der Stasi heute noch ganz persönlich übel.

Gerade unsere jungen Menschen sollen wissen, was ein Unrechtssystem anrichtet.

Deswegen ermuntert die Stadt gemeinsam mit dem Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen alle weiterführenden Schulen in Regensburg und im Landkreis dazu, dass Schulklassen diese Ausstellung besuchen.

Fachkundige Mitarbeiter der Bundesbehörde stehen für diese Führungen bereit. Und ich hoffe sehr, dass unsere Schulen rege von diesem einmaligen Angebot Gebrauch machen.

Dabei sollten wir nicht vergessen, in welch großem Maß unsere Stadt vom Fall der Mauer und überhaupt vom Zusammenbruch des Ostblocks profitiert hat.

Vor 1990 waren wir eine Stadt am Rand des freien Europa. Heute sind wir mittendrin. Das ist für Regensburg enorm wichtig. Davon profitieren unsere Wirtschaft, unsere Wissenschaft, unsere Kultur und jeder von uns. Regensburg ist heute so erfolgreich, beliebt und weltoffen wie noch nie zuvor.

Ich bezweifle, dass das auch dann so wäre, wenn sich die alten politischen Blöcke heute noch gegenüberstehen würden.

Mit der Erinnerung an das, was in der DDR geschehen ist, wollen wir auch an einen Grundsatz erinnern, der uns schon so selbstverständlich geworden ist, dass wir seinen Wert oft gar nicht mehr erfassen:

Wir können unsere Meinung frei sagen.

Auch das ist eine Botschaft dieser Ausstellung, die ich nun sehr gerne eröffne und der ich viele Besucher wünsche.