Volkstrauertag 2010

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der Zentralen Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag 2010 am Ehrenmal Unter den Linden am Sonntag, 14. November 2010, um 11.45 Uhr


Anrede

Volkstrauertag im Jahr 2010 heißt Gedenken. Gedenken wirft immer auch Sinnfragen auf, über 90 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg und 65 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg.

Erinnerung an Terror, an millionenfaches Sterben und Leid wach zu halten ist nach wie vor notwendig, wollen wir nicht geschichtslos durch die Gegenwart in eine ungewisse Zukunft stolpern.

Um unserer Trauer Ausdruck zu verleihen, haben wir hier in Regensburg wie vielfach in Deutschland ein Szenarium des Gedenkens mit Reden, Rezitationen und Musik entwickelt. Und das ist gut so.

Wir versammeln uns hier am Mahnmal, legen Kränze nieder und bekunden unsere Verbundenheit mit den Opfern unseres Volkes in beiden Weltkriegen und der Regime, die sie angezettelt haben. Und es ist gut, dass wir alle Opfer in unsere Gedanken einbeziehen.

Volkstrauertag heute, soll er nicht ein erstarrtes Ritual werden, muss aber mehr sein. Wir haben Antwort auf die Frage zu geben, was würden die Menschen von uns heute erwarten, die in den Schlachten gefallen, die umgekommen, die ermordet worden sind? Würde ihnen unsere Trauer allein, würde ihnen eine würdige Gedenkfeier wie diese genügen?

Erlauben Sie mir, meine Damen und Herren, den Versuch einer Antwort, die sich zwangsläufig auf das Heute beziehen muss. Wer hätte noch vor wenigen Jahren geglaubt, dass wir aktuell wieder um deutsche Soldaten trauern müssen, dass Mütter und Väter, Brüder und Schwestern, Freunde und Nachbarn auch in Ostbayern den Schmerz erdulden müssen, den der gewaltsame Tod eines geliebten jungen Menschen den Hinterbliebenen zufügt.

Wenn wir heute der vielen Millionen Menschen gedenken, die durch Krieg und Terror im 20. Jahrhundert, durch diesen großen Zivilisationsbruch, ihr Leben verloren haben, so ist es uns eine traurige Ehrenpflicht, heute die gefallenen Soldaten der Bundeswehr in unser Erinnern einzubeziehen. Sie wurden bei Auslandseinsätzen in den asymmetrischen Kriegen unserer Zeit getötet – fern unserer, ihrer Heimat, etwa in Afghanistan.

Wir machen damit nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg als Deutsche zum ersten Mal wieder die bittere Erfahrung, dass zur Bewahrung, beziehungsweise Wiederherstellung des Friedens junge Menschen ihr Leben lassen.

„Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit“, so lautet der Wahlspruch der NATO. Es wird uns jetzt erst im vollen Umfang bewusst, welche tödlichen Konsequenzen sich daraus auch für Angehörige unseres Volkes ergeben.

Kämpfen für eine gerechte, zumindest eine für notwendig gehaltene Sache und dabei auch getötet zu werden: In diesem existenziellen Dilemma waren all die Völker Europas und an ihrer Seite die USA, die sich gegen die nationalsozialistischen Raubkriege zwischen 1939 und 1945 zur Wehr setzen mussten: die Franzosen und die Briten, die Polen, die Russen und all die anderen Nationen. Sie haben in ihrem Abwehrkampf nicht zuletzt auch uns vom Nazi-Terror befreit.

Ich will mit diesen Gedanken keineswegs den ganz und gar unpassenden Versuch machen, zwischen den Toten der gerechten Sache und denen der Angreifer zu unterscheiden. Sie alle waren und sind Opfer von Größenwahn, Intoleranz und der damit einhergehenden rücksichtslosen Gewaltanwendung nach außen und nach innen.

Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs glaubten wir Deutschen und all die anderen Völker, die unter dem Nazi-Terror zu leiden hatten, dass ein für alle Male Krieg und Gewalt geächtet seien, dass keiner mehr Waffen gegen einen friedlichen Nachbarn richten würde.

Dann kamen die Jahrzehnte des Kalten Krieges und mit ihnen die Ernüchterung. Mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems vor mehr als 20 Jahren in Mittel und Osteuropa gaben wir uns erneut einer trügerischen Hoffnung hin: Endgültig wäre die Kriegsgefahr gebannt, der Frieden gesichert. Doch die Welt ist seitdem nicht zur Ruhe gekommen: In Afrika und Asien, im Nahen Osten toben die Kriege weiter, sterben die Menschen. Sie erleiden Not und Vertreibung. Sie leben in Angst und Schrecken.

Volkstrauertag heute muss also auch bedeuten, den Blick über Deutschland hinaus zu weiten und aller Opfer ohne Ausnahme oder irgendeiner Klassifizierung zu gedenken.

Und das immer mit dem Blick darauf: Was können wir tun?

Was muss sich ändern, damit der Teufelskreis kriegerischer Auseinandersetzung gestoppt und der damit heute einhergehende Terrorismus ein Ende findet?

Ein derartiges Innehalten und Nachdenken hat uns zusammengeführt. Dabei muss uns bewusst sein, dass das große Gut der individuellen und gesellschaftlichen Freiheit ohne gemeinsame Anstrengungen nicht zu erhalten ist. In Zeiten der Globalisierung heißt das aber auch, dass unsere Verantwortung nicht auf nationale Grenzen beschränkt bleiben kann.

Angesichts der Opfer ist es an dieser Stelle müßig, der Frage nachzugehen, wann und unter welchen Umständen ein Krieg gerecht oder ungerecht genannt werden darf. Es kommt vielmehr darauf an, jegliche kriegerische Auseinandersetzung zu vermeiden, die Anwendung von Waffengewalt gegen Menschen im Keim zu ersticken. Aber auch das füge ich hinzu – wo es notwendig ist selbst mit militärischen Mitteln. Ein heute recht verstandener Pazifismus, hat wehrhaft zu sein.

Wir sind es den Opfern aller vergangenen und aller gegenwärtiger Kriege schuldig, all denen mit Entschlossenheit entgegenzutreten, die andere überfallen, mit Krieg überziehen und sie unter das Joch ihrer Ideologien zwingen wollen.

Winston Churchill, der Premierminister Großbritanniens im Zweiten Weltkrieg, hat in seinen, auch zur Beurteilung aktueller Bedrohungssituationen sehr lesenswerten Memoiren mit beeindruckender Klarheit dargelegt, wie einfach 1936 nach dem eklatanten Bruch des Versailler Vertrags durch Hitler und selbst noch 1939 nach dem Überfall auf Polen mit Aussicht auf Erfolg der Hitler-Faschismus gestoppt hätte werden können.

Die 60 Millionen Toten dieses Weltenbrands wären zu verhindern gewesen, hätten die Demokratien rechtzeitig und entschlossen dem Diktator und seinen Eroberungsplänen Einhalt geboten. Die bittere Lehre aus diesem Versäumnis dürfen wir Europäer nie mehr vergessen.

Denn wehe, wenn die Furien des Krieges einmal losgelassen sind. Besonders der moderne Krieg, der ja nicht mehr zwischen zwei Armeen nach internationalem Kriegsrecht geführt wird, folgt seiner eigenen grausamen, die Menschen verachtenden Irrationalität. Sie heißt: töten oder getötet werden. Es wird nicht mehr unterschieden zwischen Soldaten und Zivilisten.

Der israelisch Regisseur Samuel Maoz schildert diese todbringende Gesetzmäßigkeit in dem eben in Deutschland angelaufenen Film „Lebanon“ aus der verengten Sicht eines Panzersoldaten durch seine Visiereinrichtung. Wer zuerst schießt, der überlebt.

Hat man zwei Häuser vor sich und weiß, in einem hat sich der Gegner verschanzt, kann aber nicht ausmachen in welchem, dann feuert man auf beide, auch wenn man ahnt, dass in einem auch Frauen und Kinder Zuflucht gesucht haben könnten. Es kommt darauf an, dass Soldaten nie mehr in solche todbringenden, kreatürlichen Entscheidungssituationen kommen.

Der Regisseur führt uns damit drastisch vor Augen, dass Kriege von vornherein verhindert werden müssen. Sind sie einmal entfesselt, dann treffen sie heute immer mehr die Zivilbevölkerung. Ja, ihr Tod, ihr Leiden gehören längst zu den zynisch-strategischen Propaganda-Mitteln der Terroristen in der asymmetrischen Kriegsführung.

Meine Damen und Herren, ich stelle ganz bewusst diese Gedanken in den Mittelpunkt meiner Überlegungen zum heutigen Volkstrauertag.

Das Vermächtnis der Hekatomben von Toten in Schlachten, Bombennächten, im Holocaust, in Exzessen bei Flucht und Vertreibung ist der große Schrei der gequälten Menschheit: Nie wieder Krieg!

Den Anfängen von Terror und Gewalt zu wehren – damit geben wir den Abermillionen Toten die ihnen geraubte Individualität zurück. Wir geben ihnen Gesicht und Stimme. Wir achten und ehren sie damit als Menschen, als unverwechselbare Individuen.

Volkstrauertage muss heute deshalb bedeuten, Verantwortung zu übernehmen, nicht wegzuschauen und den Krieg und die Kriegstreiber zu ächten, ihnen das mörderische Handwerk zu legen. Krieg darf endlich nicht mehr kaltschnäuzige Fortsetzung einer imperialistischen Diplomatie mit anderen Mitteln sein.

Aber auch der Erkenntnis dürfen wir uns nicht verschließen: Wer den Frieden will, muss in der Lage sein, Terror und Krieg die Stirn zu bieten.

Meine Damen und Herren,
es gibt ein berühmtes Chanson gegen den Krieg von Marlene Dietrich. In ihm wird die Frage gestellt:

„Sag mir wo die Soldaten sind? Wo sind sie geblieben? Über Gräbern weht der Wind. Was ist geschehn? Wann wird man je verstehn, wann wird man je verstehn?“

Ich glaube, wir haben verstanden, was geschehen ist – nicht zuletzt durch Gedenkfeiern wie diese. Aber auch das muss uns bewusst sein: Die Zeit der Fragen muss einmal zu Ende sein. Wir müssen entschlossen Antworten geben, damit sich für die kommenden Generationen nicht das Leid der Kriege von einst und von heute wiederholt.

Die Trauer, der wir Ausdruck verleihen, muss uns die Kraft zum Handeln für den Frieden in Europa und in der ganzen Welt geben.

Deswegen sind wir hier. Deswegen hat der Volkstrauertag auch heute Sinn und Berechtigung.