Volkstrauertag

-Es gilt das gesprochene Wort-

Ansprache von Oberbürgermeister Hans Schaidinger zum Volkstrauertag 2008 Sonntag, 16. November 2008, Ehrenmal „Unter den Linden“ im Regensburger Stadtpark, 11.45 Uhr


Anrede

„Die Zeit ist vergänglich und der Mensch allzu leicht zum Vergessen geneigt. Es ist daher notwendig, trotz der Sorgen des Alltags und des ewigen Kampfes ums Dasein wenigstens an einem Tag im Jahr derer zu gedenken, die ihr kostbarstes Gut, ihr Leben, … für die Heimat und das Volk hingegeben haben.“

Dieser Satz gilt heute am 16. September 2008 genau so wie vor exakt 56 Jahren am 16. September 1952.
Mit diesen Worten fasste damals eine Regensburger Tageszeitung den Sinn und Zweck des ersten offiziellen Volkstrauertages nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland zusammen.

Seit genau 56 Jahren begehen die Menschen in Deutschland nun schon,
immer am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres - zwei Sonntage vor dem 1. Advent - den Volkstrauertag.

Seit genau 56 Jahren findet dieses Totengedenken hier in Regensburg am Ehrenmal unter den Linden statt, unter Beteiligung der Bundeswehr, der Krieger- und Reservistenvereine, der Feuerwehr, des Domchores sowie der Bürgerinnen und Bürger Regensburgs.
Auch die Kranzniederlegung, das Lied vom guten Kameraden und die Nationalhymne sind seit 56 Jahren fester Bestandteil dieser Gedenkfeier.

Volks – Trauer – Tag:
ein Volk trauert an einem ganz bestimmten Tag

Trauern wir wirklich alle, das ganze deutsche VOLK? Berührt und betrifft uns alle dieser Tag überhaupt noch? Eine Frage, die mehr als 60 Jahre nach Ende des Zweiten und genau 90 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges oft gestellt wird?

Für jene unter uns, denen „die Gnade der späten Geburt“ zuteil wurde, die nicht mehr die Schrecken des Krieges, der Gewaltherrschaft und der Vertreibung erlebt haben, ist für jene dieser Tag heute noch ein Tag der Trauer? Die Zahl der Veteranen des Zweiten Weltkrieges wird immer geringer, der letzte deutsche Veteran des Ersten Weltkrieges ist am 1. Januar 2008 im Alter von 107 Jahren verstorben. Berühren uns heute die beiden Weltkriege überhaupt noch persönlich?

Krieg und Gewaltherrschaft haben mit „blutiger Tinte“ in alle unsere Familiengeschichten geschrieben.
Bei den einen nur wenige Sätze, bei den anderen ganze Kapitel.
Und manche Lebensgeschichten wurden durch Krieg und Gewaltherrschaft verändert oder jäh beendet.

  • Viele von uns haben Väter, Großväter oder Urgroßväter; Brüder, Onkel oder andere Verwandte, die zu den 10 Millionen deutscher Soldaten zählen, die in den beiden Weltkriegen auf den Schlachtfeldern ihr Leben ließen oder deren Schicksal bis heute noch ungeklärt ist.
  • In vielen Familien starben auch Verwandte bei den Bombenangriffen auf deutsche Städte und Dörfer.
  • Zahlreiche Familiennamen, gerade bei uns in Regensburg, erinnern an Vorfahren aus dem Sudetenland oder Schlesien, aber auch aus Ostpreußen oder Pommern.

Diese Namen erinnern damit auch an die Opfer von tragischer Flucht und gewaltsamer Vertreibung. Rund 15 Millionen verloren ihre Heimat, mehr als 2 Millionen ihr Leben. Jedes einzelne Schicksal verdient es, nicht vergessen zu werden.

  • Viele von uns gehören politischen Parteien oder weltanschaulichen Gruppierungen an, sind Mitglieder christlicher Kirchen, deren Mitglieder von der NS-Diktatur verfolgt wurden und ihre Überzeugung sogar mit dem Leben bezahlen mussten.
  • In unseren Familien, im Freundes- oder Bekanntenkreis leben Menschen, denen die NS-Ideologie in Menschenverachtung und Willkür das Recht auf Leben abgesprochen hätte, wegen ihrer körperlichen Gebrechen, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit.
  • Auch in Regensburg gab es Menschen, die im Widerstand gegen die Gewaltherrschaft der nationalsozialistischen Diktatur ihr Leben ließen, denken wir an Domprediger Johann Maier.
  • In Regensburg ist seit mehr als tausend Jahren eine jüdische Gemeinde nachweisbar.

Auch sie musste die Schikanen des Nazi-Terrors erdulden und aus ihr wurden Mitglieder in die Vernichtungslager deportiert. 5 Millionen Juden wurden dort ermordet, rund 250 davon waren Regensburger Bürgerinnen und Bürger.

Direkt oder indirekt haben wir alle einen Bezug zu den Opfern der Kriege und der Gewaltherrschaft – wir gehören also zu dem deutschen Volk, das heute seine Opfer betrauert.

Volks – Trauer – Tag:
Das Trauern, eines Volkes an einem ganz bestimmten Tag

In einer Spaßgesellschaft, in der „Fun“ der höchste aller Maßstäbe zu sein scheint, welchen Platz hat da TRAUER überhaupt noch? Können wir heute noch Trauern? Wissen wir überhaupt noch, was Trauern ist?

Wir denken dabei vielleicht an weinende Angehörige am offenen Grab eines lieben Menschen, wir sprechen von verschiedenen Phasen des Trauerns und von der sogenannten Trauerarbeit. Wie aber sieht diese Trauerarbeit für uns 2008 aus? Was ist Trauern am Volks-Trauer-Tag?

Trauern, das heißt vieles…

  • Trauern ist eine aktive Handlung – ist ein lebendiger Prozess des Auseinandersetzens mit der eigenen Geschichte, der Geschichte des Landes und der Stadt in der wir leben, mit der Person oder den Personen, um die wir trauern…
  • Trauern heißt sich erinnern –

heißt das unermessliche Leid, das Menschen erleben mussten,
nicht zu vergessen. Bereits zum Volkstrauertag 1956 mahnte Bundeskanzler Konrad Adenauer: "Der Mensch vergisst, aber zuweilen vergisst er, so fürchte ich, zu leicht und zu schnell." Wir dürfen nicht vergessen, was gewesen ist.

Das Trauern unserer Tage am Volkstrauertag ist ein Erinnern, ein Gedenken, ein Auftrag: Bundespräsident Theodor Heuss formulierte es 1952 bei der Einweihung eines Soldatenfriedhofes so:

„Die in den Gräbern ruhen, warten auf uns, auf uns alle. Sie wollen gar nicht,
dass wir mit lauten Worten sie Helden nennen. Sie haben für uns gekämpft, gezagt, gelitten, sie sind für uns gestorben. Sie waren Menschen wie wir. Aber wenn wir in der Stille an den Kreuzen stehen, vernehmen wir ihre gefasst gewordenen Stimmen:
Sorgt Ihr, die Ihr noch im Leben steht, dass Frieden bleibe,
Frieden zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern.“

Volks – Trauer – Tag:
der Tag, an dem ein Volk trauert…

Seit 1952 ist dieser TAG, jeweils der vorletzte Sonntag vor dem Beginn der Adventszeit, der offizielle Gedenktag für die Opfer, die das deutsche Volk in den Kriegen bringen musste, egal ob zivil oder militärisch.

Dieses Gedenken hat seit dieser Zeit seinen Platz im Monat November, der ja auch bei den großen christlichen Kirchen ganz im Zeichen des Totengedenkens steht:
Allerseelen und Allerheiligen in der Katholischen Kirche und der Totensonntag in der Evangelischen Kirche.

Und auch jene Menschen, die sich nicht einer Kirche zugehörig fühlen, spüren den Charakter dieses Monats. Das Jahr geht zu Ende, der Herbst wird vom Winter abgelöst, Gedanken über Vergänglichkeit und Tod, über Zeit und Ewigkeit werden uns durch die Ereignisse in der Natur näher gebracht.

In Deutschland ist das Gedenken an die Kriegsopfer aber schon älter. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hatte bereits direkt nach dem Ersten Weltkrieg einen solchen Gedenktag angeregt, 1922 fand die erste Gedenkstunde im Reichstag statt und ab 1926 wurde regelmäßig am fünften Sonntag vor Ostern der Kriegstoten gedacht.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde aus dem Tag des Gedenkens an die Kriegsopfer ein Tag des Heldenkultes. Die Fahnen hingen nicht auf Halbmast, als Zeichen der Trauer, sondern wurden siegesbewusst ganz aufgezogen. Mit eben diesem übersteigerten Siegesbewusstsein steuerten die nationalsozialistischen Ideologen Deutschland und ganz Europa in den Weltkrieg, der schon der zweite im 20. Jahrhundert sein sollte.

Nach dem verheerenden Krieg, der größten moralischen Katastrophe deutscher Geschichte, wurde dann wieder unserer Kriegstoten als Opfer
und nicht als Helden gedacht.

Aus diesem Geiste heraus spreche ich heute am Volkstrauertag
das Totengedenken:

  • Wir gedenken der Opfer von Gewalt und Krieg, der Kinder, Frauen und Männer aller Völker.
  • Wir gedenken heute der Soldaten, die in den Weltkriegen starben,
    der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.
  • Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.
  • Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.
  • Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage,
    um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die
    Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.
  • Wir gedenken heute auch derer,
    die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.
  • Wir trauern mit den Müttern und mit allen, die Leid tragen um die Toten.

Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der Welt.