• Reichstag historisch

Regensburg vom 19. bis ins 21. Jahrhundert

In den letzten zwei Jahrhunderten hat sich Regensburg von einer Provinzstadt zum Zentrum des wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Lebens gewandelt.

Das „Fürstentum Regensburg“

Regensburgs Nachblüte ging abrupt zu Ende, als im Zusammenhang mit den Umwälzungen der Französischen Revolution und der Zeit Napoleons das Reich und der Immerwährende Reichstag sich im Jahr 1806 auflösten. Für eine kurze Zeit sah es so aus, als ob die Stadt einen tiefen Sturz vermeiden könnte. Kurz davor, 1803, im Zuge der damaligen politischen Umgestaltungen in Deutschland, war sie von einer Freien Reichsstadt zu einem kleinen Fürstentum geworden. Dessen Fürst, Karl Theodor von Dalberg mit Namen, reformierte tatkräftig Wirtschaft, Sozialwesen und Kultur gleichermaßen. Doch im Jahr 1810 musste er, wieder veranlasst von Napoleon, seine Herrschaft über Regensburg an das neue Königreich Bayern abgeben. Damit waren alle Sonderrollen endgültig ausgespielt, und Regensburg wurde zur simplen Provinzstadt. Es begann eine sehr ruhige Zeit, die man später im Rückblick den „Dornröschenschlaf“ genannt hat.

Regensburg ca 1900 - Fröhliche Türken Straße (C) Stadt Regensburg

Blick die Fröhliche-Türken-Straße, um 1900

Der „Dornröschenschlaf“

Was so nicht stimmt. Im Gegenteil: Während des weiteren Verlaufs des 19. Jahrhunderts veränderte sich Regensburg mehr als in langen Zeiten zuvor. Die Entwicklung hin zu einer modernen Stadt vollzog sich hier genauso wie anderswo – allerdings nicht so stürmisch und in weniger dramatischen Ausmaßen. Die Bevölkerung wuchs von knapp 20.000 auf über 50.000 Einwohner. Im Jahr 1859 wurde Regensburg an das Eisenbahnnetz angeschlossen, 1910 wurde ein moderner Hafen in Betrieb genommen. Industriebetriebe siedelten sich an: Kalkwerke, Werften, Verlage, eine Bleistift-, eine Zucker- und eine Schnupftabakfabrik, eine Porzellanmanufaktur und, vorübergehend, so etwas Exotisches wie eine Seidenplantage.

Doch der Prozess der Industrialisierung wurde von den städtischen Entscheidungsträgern nicht gerade gefördert, was mit Regensburgs besonderer Sozialstruktur zusammenhing. Das lokale Establishment war von den Zeiten der Freien Reichsstadt her immer noch mehrheitlich protestantisch, Zuwanderer aus dem bayerischen Umland waren überwiegend katholisch – was die herrschenden Verhältnisse langfristig in Frage stellte. Im Ergebnis entwickelte sich die Stadt dadurch eher gemächlich. Das ist es, was mit „Dornröschenschlaf“ gemeint ist.

Schnupftabakfabrik - Historische Ansicht (C) Stadt Regensburg

Industrie mitten in der Altstadt: Die Schnupftabakfabrik

Kriege und Krisen

Im 20. Jahrhundert waren die Umbrüche dann umso heftiger. Erster Weltkrieg, Revolution, Goldene Zwanziger Jahre, Wirtschaftskrise: Regensburg nahm Anteil an den Entwicklungen der großen Politik. Nach 1933 versuchten die Nationalsozialisten, ideologisch an glanzvolle Zeiten der Vergangenheit anknüpfend, hier eine Musterstadt in ihrem Sinne zu etablieren, mit diversen Stadterweiterungsprojekten und der Ansiedlung von Großindustrie in Gestalt eines Messerschmitt-Werks. Das Ganze mündete in Terror, Verfolgung und Ermordung von Andersdenkenden, Juden und Minderheiten. Und schließlich in den Zweiten Weltkrieg mit zahlreichen Opfern, allgemeinem Elend, Luftangriffen und Zerstörungen, bedingungsloser Kapitulation. Glück im Unglück: Es gab keine finale Entscheidungsschlacht, amerikanische Truppen rückten kampflos in Regensburg ein. So blieb vor allem die mittelalterliche Altstadt weitestgehend erhalten.

Stadtgeschichte - Zerstörter Bahnhof nach dem Zweiten Weltkrieg (C) Stadt Regensburg

Der Regensburger Bahnhof am Ende des Zweiten Weltkriegs

Gegenwart und Zukunft

Gleichwohl waren die Kriegsfolgen bedrückend. Weil weniger zerstört als andere Städte, musste Regensburg zehntausende von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen aufnehmen. Die Lage entspannte sich nur allmählich. Und als dann allenthalben das Wirtschaftswunder einsetzte, litt die Stadt an ihrer Randlage in der Nähe des „Eisernen Vorhangs“ und drohte erneut, die modernen Zeiten zu verschlafen. Erst durch eine gezielte, langfristige staatliche Förderung änderte sich dies: durch den Anschluss an das Autobahnnetz und den Bau eines neuen Hafens, durch die Ansiedlung einer Universität und von Großbetrieben wie Siemens, BMW und anderer.

In wenigen Jahrzehnten wuchs Regensburg zur Großstadt heran. Heute leben hier gut 150.000 Einwohner – Tendenz weiterhin steigend. Die Stagnation von Jahrhunderten ist überwunden, der Wirtschaftsstandort gilt mittlerweile als einer der am besten aufgestellten in ganz Deutschland. Stadt des deutschen Papstes Benedikt XVI., Unesco-Weltkulturerbe seit 2006: Regensburg ist auf dem besten Weg, unter veränderten Rahmenbedingungen wieder zum Global Player zu werden. Oder wie schon ein Mönch des 11. Jahrhunderts es formuliert hatte: „Regensburg ist alt und neu zugleich.“

Uni Regensburg - Historische Ansicht (C) Stadt Regensburg

Die Regensburger Uni Mitte der 1960er Jahre


Quelle: Matthias Freitag, stark gekürzt nach der „Kleinen Regensburger Stadtgeschichte“ vom selben Autor.