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Umbenennung der Hans-Herrmann-Mittelschule in Willi-Ulfig-Mittelschule

- Es gilt das gesprochene Wort! -

Rede von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs anlässlich der Umbenennung der Hans-Herrmann-Mittelschule in Willi-Ulfig-Mittelschule als Auftakt zu einem Tag der offenen Tür am 29. Januar 2016 um 15 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute mit Ihnen die offizielle Umbenennung dieser Schule in Willi-Ulfig-Mittelschule feiern zu dürfen - auch weil diese Umbenennung mir persönlich sehr am Herzen liegt.

Zu diesem Festakt möchte ich alle Anwesenden begrüßen, die wichtigsten, nämlich Euch liebe Schülerinnen und Schüler der Mittelschule, denn ohne Euch gäbe es die Schule gar nicht. Besonders möchte ich auch Eurer Schülermitverwaltung danken, die als wesentlicher Teil der Schulfamilie am Umbenennungsprozess mitgewirkt hat.

Herzlich begrüßen und mich für die Einladung bedanken möchte ich mich bei einem weiteren Teil der Schulfamilie, die den Prozess der Ablegung des alten Namens und die Namensfindung zur Willi-Ulfig-Mittelschule ganz wesentlich begleitet hat. Dies sind die Lehrerinnen und Lehrer der Mittelschule, stellvertretend der Schulleiter Herr Lacler und Frau Hierl, die stellvertretende Schulleiterin.

Mit besonderer Freude möchte ich die Erziehungsberechtigten, Verwandte, Angehörige, Bekannte, Freundinnen und Freunde der Schülerinnen und Schüler willkommen heißen.

Ein spezieller Dank gilt den Elternbeiräten, die als dritter Teil der Schulfamilie, am Findungs- und Umbenennungsprozess mitgewirkt haben.

Begrüßen möchte ich auch die Anwohner und Nachbarn in der Umgebung der Schule, namentlich der angrenzenden Schulen, hier nach der räumlichen Nähe

  • die Schulleiterin der Grundschule der Vielfalt und Toleranz Frau Hartung-Käser
  • den Schulleiter der Hauptschule der SFZ Jakob-Muth Herrn Rausch
  • die Schulleiterin der Albert-Schweitzer-Realschule Frau Meyer

Ebenso willkommen heißen möchte ich den vierten Teil der Schulfamilie, also die Vertreter der Stadt Regensburg und deren beteiligter Ämter

  • MDL Frau Margit Wild
  • Herrn Stadtrat Thomas Thurow als Verwaltungsbeirat
  • als Vertreter der Ämter, Herrn Dr. Hermann Hage, den für die Umbenennung zuständigen Referenten für Bildung, Sport und Freizeit, dem ich für sein besonderes Engagement danken möchte.

Damit wäre die Schulfamilie begrüßt, der Teil der sich Gedanken über die Ablegung und Findung eines Schulnamens machen muss, also sozusagen das Vorschlagsrecht besitzt. Das Verfahren zur Verleihung eines Schulnamens, das im Art. 29 des Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes geregelt ist, sieht aber zur Genehmigung noch weitere wesentliche Beteiligte vor. Wir können noch so viel umbenennen wollen, ohne die Unterstützung der Staatlichen Schulämter im Landkreis und der Stadt Regensburg wäre dieses Unterfangen sinnlos.

Ich begrüße daher sehr herzlich den Leiter dieser Behörde, Herrn Schulamtsdirektor Heribert Stautner, dem ich ganz herzlich für seine tolle Unterstützung in diesem Umbenennungsprozess danken möchte.

Genehmigungsbehörde für die Umbenennung ist die Regierung der Oberpfalz. Regierungsschuldirektor Unger musste seine Zusage für heute leider zurücknehmen, da er als neu ernannter Bereichsleiter Schulen einen anderen Termin wahrzunehmen hat. Er wird daher in Personalunion von Herrn Schulamtsdirektor Stautner vertreten.

Besonderer Dank gilt ausdrücklich der Regierung der Oberpfalz, weil diese die Genehmigung rückwirkend zum 1. August 2015, also zum neuen Schuljahr 2015/2016 ausgesprochen hat. Zumindest für den Bereich der Stadt Regensburg war diese rückwirkende Genehmigung ein Novum und betont, wie wichtig uns allen dieser Prozess der Umbenennung ist.

Und jetzt freut es mich von Herzen, die Angehörigen unseres neuen Namenspatrons der Mittelschule – die Angehörigen von Willi-Ulfig herzlich begrüßen zu dürfen. Ohne Ihre Zustimmung, die weiß Gott keine Selbstverständlichkeit ist, könnten wir uns heute hier nicht treffen.

Meine Damen und Herren,
Ausgangspunkt der Umbenennung war ein Beschluss des Bayerischen Landtages vom 24. April 2015, allen Schulen, die nach Personen mit möglichen Verstrickungen in den Nationalsozialismus benannt sind, Hinweise und Informationen über die Biographie der einzelnen Personen, insbesondere über deren Rolle und Funktion innerhalb des nationalsozialistischen Herrschafts- und Gewaltapparates zukommen zu lassen. Aufgrund dieser Vorgabe hat das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus die nachrangigen Behörden gebeten, Namensträger, bei denen eine Vermutung hinsichtlich einer möglichen Verstrickung in das nationalsozialistische Diktator-System bestand eingehender zu prüfen.

Einer dieser Namensgeber war Hans Herrmann, Oberbürgermeister der Stadt Regensburg von 1952 bis 1959. Laut Kultusministerium spricht gegen Hans Herrmann die Kontinuität in seiner amtlichen Tätigkeit ab 1933, darunter 1935 Beitritt in die NSDAP, ab 1936 als förderndes Mitglied in der SS. Bei der Entnazifizierung ursprünglich als belastend eingestuft, habe er schließlich die Einstufung als „Mitläufer“ erreichen können.

Das zentrale, in Fällen dieser Provenienz vielfach in Anspruch genommene Argument, es sei darum gegangen, Schlimmeres zu verhindern, wird laut Kultusministerium im Blick auf eine so hohe regionale Funktion im Kontext des NS-Beginns, hier insbesondere auch auf die Rolle bei der „Arisierung“ von jüdischen Eigentum, brüchig. Im Anschluss an die Überprüfung unterrichtete das Kultusministerium die hiesige Grund- und Mittelschule vom Befund und bat sie, in einem Meinungsbildungsprozess darüber einzutreten, ob nicht eine Aufgabe des Namensgebers angezeigt sei.

Die Stadt Regensburg nahm dies zum Anlass, sich im Licht der Erkenntnis mit der Person Hans Herrmann auseinanderzusetzen.

Der Heimatpfleger der Stadt Regensburg, Herr Dr. Werner Chrobak und Herr Professor Dr. Bernhard Löffler, Lehrstuhl für bayerische Landesgeschichte an der Universität Regensburg, wurden beauftragt, eine Stellungnahme zur Person Hans Herrmann zu erarbeiten. Diese wurde auch beiden Schulen, die zwischenzeitlich in einen Findungsprozess eingetreten waren, zur Verfügung gestellt.

Dr. Chrobak und Prof. Dr. Löffler kommen in ihrer Stellungnahme zu dem Ergebnis, dass eine knappe und gerechte Bewertung zu Person und Wirkung von Hans Herrmann nicht einfach sei. Sie weisen zunächst auf die Faktoren hin, die Hans Herrmann eine durchaus beachtenswerte Lebensleistung bescheinigen. Herrmann war beinahe vier Jahrzehnte lang ein engagierter, erfolgreicher und akribisch arbeitender Kommunalbeamter und Kommunalpolitiker. Er hat nicht nur in der NS-Zeit gearbeitet, sondern auch den Aufbau und die Entwicklung des städtischen Gemeinwesens in der Weimarer Republik und der Nachkriegsdemokratie mitgetragen.

Allerdings beleuchten die Autoren auch eine andere, die negative Seite; Hans Herrmann war durchgehend, von Juni 1933 bis April 1945, ein Funktionsträger des NS-Regimes, in kommunalpolitischen Rahmen sogar Teil der Funktionselite. Er war der Verwaltungsfachmann und wesentlicher Träger der administrativen Prozesse.

Es ist nur schwer vorstellbar, dass er in dieser Funktion nicht Einsicht in Verlaufs- und Entscheidungsprozesse besaß, die zumindest mittelbar auch den Unrechtsmaßnahmen des Regimes administrativ zugearbeitet haben. Das ist deshalb ein zentraler Punkt, weil das NS-Regime ganz wesentlich auf die Mitwirkung solcher angeblich „neutraler“ Fachleute und administrativer Profis vom Typus Herrmann angewiesen war. Ohne sie hätte der Unrechtsstaat nicht funktioniert. Zur persönlichen Kontamination Herrmanns mit dem Nationalsozialismus gehören dabei sicher auch seine institutionellen Mitgliedschaften, so 1935 der Eintritt in die NSDAP oder 1935/36 die Fördermitgliedschaft in der SS.

Dass Herrmann in den 1950er Jahren vielfach geehrt wurde, weißt laut den beiden Gutachtern ein Licht auf den Zeitgeist und die vergangenheitspolitische Kultur eben dieser Jahre. Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus war in dieser Zeit vor allem durch Verdrängung und kollektives Schweigen gekennzeichnet. Die Stellungnahme beider Autoren lässt die Schlussfolgerung zu, dass unter der Zugrundelegung heutiger Maßstäbe die Ehrungen, die Hans Herrmann erwiesen wurden, nicht mehr ausgesprochen werden würden.

Der Stadtrat der Stadt Regensburg distanziert sich aufgrund der im Bericht dargestellten Sachverhalte ausdrücklich von den damaligen Entscheidungen, Oberbürgermeister Hans Herrmann die silberne Bürgermedaille und die Ehrenbürgerwürde zu verleihen.

Der Name Hans Herrmann wurde aus der Liste der Träger der Silbernen Bürgermedaille und aus der Liste der Ehrenbürger entfernt. Für das Ehrengrab von Oberbürgermeister Hans Herrmann am Unteren Katholischen Friedhof werden zum nächstmöglichen Zeitpunkt keine städtischen Gelder mehr eingesetzt. Der bisher als Hans-Herrmann-Park bezeichnete öffentliche Park erhielt den Namen „Albert-Schweitzer-Park“.

In der Konsequenz des vorgenannten Berichts hatte auch die Schulfamilie der Mittelschule dem Sachaufwandsträger Stadt Regensburg mitgeteilt den belastenden Namen abzulegen. Aus Sicht der Lehrerkonferenz, des Elternbeirates und Schülermitverantwortung solle die Mittelschule nach Willi Ulfig benannt werden, weil

  • Werke von Willi Ulfig an der Fassade und der Innenbereiche der Schule vorhanden sind
  • Willi Ulfig, ein Künstler von weit überregionaler Bedeutung langjährig und offensichtlich gerne im Bereich der Schulsprengel der Grund- und Mittelschule gewohnt und gearbeitet habe
  • die Kinder von Willi Ulfig wohl zeitweise an die Schule gegangen sind
  • und sich die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit Leben und Werk Willi Ulfigs im Kunstunterricht eröffnet, die zur Ausbildung eines Schulprofils mit Schwerpunkt bildende Kunst führen kann.

Die Schulfamilie hat sich den Findungsprozess nicht leicht gemacht und durchschritt einen breit angelegten Informations- und Abstimmungsverlauf. Mich persönlich freut es, dass ein bedeutender Maler und Graphiker, der während seiner Zeit in Regensburg den Zenit seiner Schaffenskraft erreichte, vielleicht weil er sich gerade hier am wohlsten fühlte, Regensburg als Heimat empfand, als Namenspatron dieser Schule benannt wird.

Herzlichen Dank an die Angehörigen, die dieser Umbenennung zustimmten.

Willi Ulfig wurde am 26. November 1940 in Breslau geboren und studierte zwischen 1928-1932 an der dortigen Kunstakademie. Nach seiner Rückkehr aus Italien 1932, wo er als Stipendiat ein halbes Jahr verbrachte, verhinderte die politische Situation mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten eine künstlerische Etablierung Ulfigs, dessen Frühwerk auf dem damals geächteten Expressionismus fußt.

Willi Ulfig arbeitete notgedrungen als Schriftenmacher und Bühnenbildner, war als Soldat im Zweiten Weltkrieg in Frankreich stationiert und schließlich Kriegsgefangener in Böhmen. 1945 freigelassen, begann seine eigentliche künstlerische Entfaltung mit der Ankunft in Regensburg.

1946 wurde der Mitglied der neu gegründeten Künstlervereinigung Donauwaldgruppe; 1947-1949 hatte er erste Galerie-Ausstellungen, seit Anfang der 1950er Jahre stellte sich zunehmender künstlerischer Erfolg ein, der ihm zum wohl wichtigsten bildenden Künstler Ostbayerns in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts machte.

Zahlreiche Einzelausstellungen im In- und Ausland, die Mitgliedschaften in der Münchener Künstlergenossenschaft und der Esslinger Künstlergilde zeugen von Willi Ulfigs Wertschätzung.

Willi Ulfig wurde unter anderem 1965 mit dem Kulturpreis Ostbayern, 1971 mit dem Silbernen Lamm der Stadt Brixen und 1974 mit dem Kulturpreis der Stadt Regensburg gewürdigt.

Der Künstler verstarb am 05. Februar 1983 in Regensburg.

Das künstlerische Schaffen Willi Ulfigs ist geprägt von der Auseinandersetzung mit den grundlegenden Entwicklungen der Moderne, dem deutschen Expressionismus, dem Kubismus und den verschiedenen Farbtheorien. Ulfigs ganz kompromisslos eigenständige Bildsprache bezieht sich auf diese Strömungen und verwandelt sie in lyrisch-expressive Empfindungsmalerei, die sanft und melancholisch, freundlich und tiefsinnig mystisch eine innere Welt beschreibt, die erfüllt ist von meditativer Gelassenheit.

Wurde Willi Ulfigs Kunst zu Lebenszeiten eigentlich immer nur bildimmanent interpretiert, so eröffnet sich seit der Jahrtausendwende ein neuer Zugang zum künstlerischen Wollen einer ganzen Generation von Kunstschaffenden, denen Willi Ulfig zugehört, genannt Verschollene Generation; eine aus dem Expressionismus erwachsene, mit realistischen Tendenzen der Neuen Sachlichkeit in dem 1920er Jahren verwobene, ganz eigenständige künstlerische Sprache konnte sich - kulturhistorisch bedingt – nach Kriegsende nur regional artikulieren, wird nun von der kunsthistorischen Wissenschaft als bedeutender Teil der deutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt.

In diesem Kontext der Lebenswege von Hans Herrmann und Willi Ulfig wird auch deutlich, warum wir Hans Herrmann aus heutiger Sicht als Belastung für einen Schulnamen und die Ehrenbürgerwürde der Stadt Regensburg empfinden. Zum einen hat Hans Herrmann nach 1945 und besonders in der Zeit als Oberbürgermeister dazu beigetragen, dass ein Künstler wie Willi Ulfig sich künstlerisch frei entfalten konnte, weil er keine Angst mehr vor staatlichen Pressionen haben musste.

Aber genauso hat Hans Hermann in der Zeit von 1933-1945 als Rädchen im braunen Sumpf dazu beigetragen, dass Willi Ulfig in dieser Zeit seine Schaffenskraft nicht im „geächteten“ Expressionismus ausdrücken konnte, sondern notgedrungen als Schriftenmacher und Bühnenbildner arbeiten musste.

Gerade in diesem Kontext kann ich der Schule nur zur Wahl des neuen Namenspatrons Willi Ulfig gratulieren.

Ich habe aber noch zwei andere Anliegen am Ende, die mir sehr wichtig sind.
Wir wollen nie mehr eine Terrorherrschaft in Deutschland. Ihr könnt wesentlich dazu beitragen, dies zu verhindern. Engagiert Euch, in Vereinen, Gruppen und Organisationen für Flüchtlinge, Außenseiter, Menschen, die Hilfe brauchen. Jede und Jeder nach den eigenen Fähigkeiten und Können. Nichts zu tun ist falsch. Macht etwas aus Euch und bringt Euch in die Gesellschaft ein.

Das zweite, um was ich Euch bitten möchte.
Das nennt sich hier Festakt. Klingt recht hochgestochen, banal es geht ums Feiern. Nichts gegen das Feiern, gerade wenn man jung ist. Aber das eine ist das eigene Vergnügen, das andere ist auch eine gewisse Rücksichtnahme beim Feiern. Das betrifft den Lärm gerade im Bereich der Altstadt und das betrifft den Abfall den man einfach wegwerfen kann, den man aber auch ohne großen Aufwand wegräumen kann.

In diesem Sinne wünsche ich allen noch eine angenehme Zeit an diesem Tag der offenen Tür und ich wünsche der Willi-Ulfig-Mittelschule, insbesondere den Schülerinnen und Schülern sowie den Lehrkräften alles Gute und viel Erfolg in Ihrer täglichen pädagogischen Arbeit.