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Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs anlässlich der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht am Sonntag, 9. November 2014, 18 Uhr, Neupfarrplatz.

Liebe Regensburgerinnen und Regensburger,

in dieser Stunde des Erinnerns an eines der wohl dunkelsten Kapitel unserer Stadtgeschichte gilt mein besonderer Gruß allen Mitgliedern unserer Jüdischen Gemeinde.

Dass wir uns so zahlreich versammelt haben und vor allem auch viele jüngere Menschen heute unter uns sind, ist für mich ein ermutigendes Zeichen mit Aussagekraft:

Wir legen Zeugnis ab gegen das Vergessen des Leids, des Unrechts, das jüdischen Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus in unserer Stadt angetan wurde.

Wir legen aber auch Zeugnis dafür ab, dass in Regensburg kein Platz ist für Antisemitismus, in welcher Form und in welcher Verkleidung er aktuell auch immer auftreten mag.

Wenn wir uns heute des 9. Novembers 1938 erinnern, des Tages, an dem auch in unserer Stadt wie in vielen deutschen Städten die Synagoge gestürmt, geplündert, verwüstet und zuletzt in Brand gesteckt wurde, dann ist das mehr als eine Pflichtübung im Kalender der Gedenkstunden eines Jahreskreises.

Wir sind auch nach 76 Jahren noch erschrocken und fassungslos darüber, wie es eine Gesellschaft zugelassen hat, dass elementare Lebens- und Bürgerrechte jüdischer Menschen Schritt für Schritt außer Kraft gesetzt werden konnten und zu böser Letzt die Entrechteten der Vernichtung preisgegeben waren.

Jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in Regensburg, oft in geachteten Stellungen, in Vereinen und Verbänden verdienstvolle Mitglieder, wurden ausgegrenzt, an den Rand gedrängt, mit Berufsverboten belegt, auf Hungerrationen gesetzt.

Schließlich wurden sie wie Vieh in die Vernichtungslager der SS abtransportiert.

Wer fliehen konnte, rettete meist nur das nackte Leben.

Wir dürfen nicht aufhören, uns die Frage zu stellen: Wie konnte das passieren in einem Land, in einer Stadt, in der man sich auf christliche Traditionen und ein humanistisches Erbe so viel zugute hielt? Das Geschehene soll uns Mahnung sein: Wie leicht kann die dünne Schicht der Zivilisation brechen.

Dann stürzen auch wir in menschliche Abgründe. Diese Gefahr ist längst noch nicht gebannt.

Meine Damen und Herren, fragen wir weiter:

Waren es wirklich nur Leute wie der nationalsozialistische Oberbürgermeister, der Gauleiter, der NS-Kreisleiter, einige fanatische SS- und SA-Männer und andere Profiteure des nationalsozialistischen Regimes, die für diesen Rückfall in finstere Barbarei allein verantwortlich zu machen sind?

Wo blieben die Kirchen, die Schulen, die Gerichte, die Verbände, die gesellschaftlichen Eliten, die sich dem inhumanen Treiben hätten entgegenstellen müssen?

Wir können uns vor der Erkenntnis nicht drücken: Man kann auch durch Schweigen, durch Wegsehen Schuld auf sich laden. Das gilt auch noch für heute.

Freilich steht es uns, die wir in gesicherten Verhältnissen leben, nicht gut an, wenn wir uns als Richter über die Generation der Väter und Großväter aufspielen.

Unangenehme, manchmal auch schmerzhafte Fragen müssen aber gestellt werden.

Die wir hier zusammengekommen sind, trifft zwar keine Schuld an diesem beispiellosen Zivilisationsbruch.

Vor der Verantwortung und den daraus erwachsenen Verpflichtungen können und wollen wir uns jedoch nicht drücken.

Das sind wir zum einen den Opfern schuldig. Das ist unser Erbe, das wir uns nicht ausgesucht haben. Mit ihm müssen wir konstruktiv umgehen.

Andererseits ist Verantwortungshaltung auch wichtiger Bestandteil einer demokratischen Wertegemeinschaft. Indem wir zur Verantwortung gegenüber unserer Geschichte stehen, tun wir uns selbst etwas Gutes.

Wir stärken unser Gemeinschaftsgefühl und erhöhen unsere Sensibilität für moralisches Handeln.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, es muss uns auch noch nach sieben Jahrzehnten mit Scham erfüllen, was in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 bei uns in der Schäffnerstraße passiert ist:

Gegen Mitternacht rückten SA-Männer der Regensburger NS-Motorsportschule auf Lastwagen an. Sie schlugen die Synagogentür ein, zertrümmerten alle Fenster, trugen wertvolle Kultgegenstände heraus. Dann gossen sie Benzin auf Bänke und Holzverkleidungen und setzten das Innere der Synagoge in Brand.

Es sollte wie ein Akt des Volkszorns aussehen, war aber ein von langer Hand vorbereitetes Pogrom. Propagandaminister Joseph Goebbels hatte sich die Teufelei ausgedacht, nachdem in Paris ein junger Jude einen deutschen Diplomaten niedergeschossen hatte.

NS-Gauleiter Fritz Wächtler hatte Oberbürgermeister Dr. Otto Schottenheim vor der Brandstiftung informiert: Die Synagoge werde bis auf die Grundmauern niedergebrannt.

Die Feuerwehr solle lediglich dazu eingesetzt werden, das Übergreifen der Flammen auf die benachbarten Gebäude zu verhindern.

Damit aber nicht genug: Die Auslagen jüdischer Geschäfte in der Innenstadt wurden demoliert.

Wahllos wurden jüdische Männer und Heranwachsende verhaftet.

Ihre Familien wurden massiv bedroht.

Die Verhafteten wurden in die Motorsportschule gebracht und auf dem Exerzierplatz entwürdigenden Quälereien ausgesetzt.

Selbst das reichte den Schergen des Systems nicht: Alle Menschen in Regensburg sollten sehen, wie man jetzt mit Juden umzugehen gedachte. Die Nazis zwangen die Juden, auf einem Marsch durch die Innenstadt zu ziehen. Sie sollten damit lächerlich gemacht und gedemütigt werden.

Ein Teil der Opfer wurde ins Konzentrationslager nach Dachau gebracht. Was als Schande für die jüdischen Mitbürger gedacht war, hat sich als historische Schande für Regensburg erwiesen.

Ab 1942 gingen von dem planierten Platz, auf dem die Synagoge stand, die ersten Transporte in die Vernichtungslager im Osten ab.

109 Männer und Frauen, Kinder und Greise waren die ersten, die aus Regensburg in den Tod geschickt wurden.

Mit 73 Jahren war Maria Kahn die Älteste auf diesem Transport. Die Jüngste war sieben Jahre alt. Sie hieß Inge Jordan.

Wie pervers das ablief, wird an dem Umstand deutlich, dass die Opfer ihre Fahrt in die Vernichtung auch noch selbst bezahlen mussten, 50 Reichsmark pro Person.

Von den 244 Regensburger Jüdinnen und Juden, die in ein Konzentrationslager gekommen sind, haben nur 16 überlebt.

An dieser Stelle will ich dies kurz einschieben: Die Jüdische Gemeinde braucht ein neues und größeres Gemeindezentrum. Das ist nicht primär alleine die Angelegenheit der Jüdischen Gemeinde, sondern die der ganzen Stadtgesellschaft.

Es ist die Aufgabe aller Regensburgerinnen und Regensburger, dies schnell möglich zu machen.

Wir haben etwas zurückzugeben, was wir in einer so unglaublich menschenverachtenden Form der Gemeinde entrissen haben. Ich sage zu, dies unter meiner Federführung zu einer Angelegenheit der gesamten Stadtgesellschaft zu machen.

Mit großem, bürgerlichem Engagement, aber auch mit Geld werden wir dieser historischen Verantwortung gerecht werden.

Meine Damen und Herren, dass es angesichts der historischen Tatsachen immer noch Antisemitismus bei uns gibt - auch in unserer Stadt - das verstört, macht aber auch zornig.

Wer hätte geglaubt, dass es in Deutschland wieder zu Ausschreitungen mit antisemitischen Parolen kommen könnte?

In diesem Jahr mussten wir oft diese traurige Erfahrung machen.

Unter dem Deckmantel der Kritik an der israelischen Regierung wurde die Fratze des alten Judenhasses und der Verunglimpfung des jüdischen Volkes sichtbar.

Die alten Lügen von einer jüdischen Weltverschwörung werden wieder verbreitet.

Die neue Auflage eines alten Übels ist angesichts der Weltlage mit Nahostkonflikt und dem mörderischen Terror der Radikal-Islamisten auch bei uns höchst gefährlich.

Der nicht ausgerottete Antisemitismus in der Neonazi-Szene und unter den Ewig-Gestrigen erhält Verstärkung aus jungen, radikalen islamistischen Kreisen.

Eindeutig ist hier von einer neuen, besorgniserregenden Dimension zu sprechen. Sie darf nicht verharmlost werden.

Wir haben mit aller Entschiedenheit dem Neo-Antisemitismus, der sich als Israelkritik ausgibt, die Stirn zu bieten. Wir dürfen nicht wieder einmal mehr den Hetzern und Holocaust-Leugnern das Feld überlassen.

Ich richte deshalb von dieser Stelle aus einen Appell an alle Regensburgerinnen und Regensburger, ob sie hier geboren sind oder bei uns eine neue Heimat gefunden haben: In unserer Stadt gibt es ohne Wenn und Aber die konsequente Linie der Null-Toleranz gegenüber jeder Form des Antisemitismus.

Ich fordere sie alle auf, in ihrem privaten und gesellschaftlichen Umfeld jeglicher antisemitischen Äußerung entgegenzutreten.

Hören und schauen wir nicht weg. Stellen wir die zur Rede, die mit antisemitischen Sprüchen das Klima unserer bürgerlichen Öffentlichkeit vergiften.

Wenn wir darüber hinweg sehen und schweigen, ermuntern wir die Antisemiten, nur noch selbstbewusster aufzutreten. Weisen wir sie in die Schranken. Das hat in erster Linie in allen Schulen und Jugendeinrichtungen zu passieren.

Ich bin zuversichtlich, dass auch in den Moscheen unserer Stadt die Gefahr erkannt ist und dass Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Ich weiß, dass das eine Aufgabe ist, die Kraft kostet.

Ich danke allen, die den Mut haben, Antisemiten anzusprechen und sie auf ihr inakzeptables Verhalten hinzuweisen.

Sie müssen unmittelbar die Erfahrung machen, dass in Regensburg für Rassismus und Feindschaft gegenüber Andersgläubigen kein Platz ist.

Dafür müssen wir uns alle verstärkt engagieren.

Kompromisslos gegen den Antisemitismus aufzustehen, das sind wir erst recht den jüdischen Menschen schuldig, die unter der Nazi-Diktatur drangsaliert und getötet worden sind.

Das Unheil konnte doch nur geschehen, weil sich die Mehrheit der Gesellschaft nicht schützend vor die jüdischen Mitbürger gestellt hat.

Dieses Versagen, das eigentlich schon ein Verrat war, darf nicht noch einmal vorkommen.

Sie, meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger aus der jüdischen Gemeinde unserer Stadt, sollen die Gewissheit mit nach Hause nehmen, dass wir an ihrer Seite stehen und zwar rechtzeitig und immer.

Wer Juden beleidigt oder angreift, beleidigt und greift uns alle an. In diesem Sinne sage ich Ihnen, aber auch uns allen ein herzliches, mitbürgerliches Shalom.

Wir sind uns in der Gewissheit einig: Wenn wir zusammenstehen und demokratische Freiheitswerte gemeinsam offensiv verteidigen, dann hat auch der Antisemitismus in Regensburg keine Chance.

Und so soll es auch bleiben.