Navigation und Service

Volkstrauertag 2013

-Es gilt das gesprochene Wort-

Ansprache von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Volkstrauertages am Sonntag, 17. November 2013, 11.45 Uhr, am Ehrenmal „Unter den Linden“ im Stadtpark

Anrede,

Es gehört zu den besonders schwierigen pädagogischen Aufgaben, junge Menschen für die Folgen von Krieg und Gewalt zu sensibilisieren.

Allenfalls ihre Großeltern oder sogar die Urgroßeltern haben den letzten verheerenden Krieg erlebt, der Europa und große Teile der Welt erschüttert hat.

Was Krieg und kriegerische Gewalt bedeuten, kennt unsere junge Generation gottlob nur aus alten Familienerzählungen und aus den Geschichtsbüchern.

Deshalb sind Kriege und sogenannte bewaffnete Konflikte in unserer Wahrnehmung zunehmend abstrakter geworden, obwohl wir Bilder vom Krieg nahezu wöchentlich in den Nachrichtensendungen sehen.

Wir sind abgestumpft, wenn wir das Wort „Krieg“ hören.

Zwischen der Vorabendserie und dem Wetterbericht sehen wir die Toten, die der Bürgerkrieg in Syrien tagtäglich fordert. Wir sehen Bilder von den Kämpfen in Mali. Wir sehen die Folgen von Bombenattentaten im Irak und in Afghanistan.

Es ist ein recht einfach zu erklärendes psychologisches Phänomen, dass immer mehr Menschen solchen Bildern gegenüber abstumpfen. Viele nehmen das Leid, das ihnen die Medien nach Hause bringen, gar nicht mehr richtig wahr.

Sie wollen oder können die grausamen Schicksale, die mit diesen Bildern verbunden sind, nicht an sich heranlassen. Natürlich empfinden sie Mitleid. Aber letztlich überwiegt doch die Haltung, dass man selbst nicht betroffen sei – und dass diese Bilder aus Ländern kommen, die weit weg von uns sind.

Umso mehr bewundere ich alle, die sich dem stellen, was Krieg und Gewalt anrichten. Unter diesen engagierten Menschen sind erfreulicherweise viele junge Leute, die in ihren Sommerferien oder während eines Freiwilligen Sozialen Jahres den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge unterstützen.

Kein noch so in die Tiefe gehender Geschichtsunterricht und auch kein eindringlicher Antikriegsfilm können vermitteln, was bei einer internationalen Jugendbegegnung des Volksbunds wie mit Händen greifbar wird.

Da wird zum Beispiel bei der Pflege von Kriegsgräbern sehr schnell klar, dass die Opfer von Kriegen keine anonyme Menge waren – sie alle hatten Namen, Familien und Lebensträume. Und viele von ihnen starben in einem Alter, in dem auch die jungen Menschen sind, die heute diese Gräber pflegen und so die Toten dem Vergessen entreißen.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie tief bewegend es für Jugendliche ist, auf riesigen Soldatenfriedhöfen die Namen der Gefallenen mit Farbe wieder sichtbar zu machen. Und wie bedrückend all die Grabstellen wirken, auf denen keine Namen stehen, sondern nur zwei Worte: „Unbekannter Soldat“.

55 Millionen Tote hat der Zweite Weltkrieg gefordert. Diese Zahl ist so ungeheuerlich, dass sich ihre ganze schreckliche Tragweite dem menschlichen Erfassen verschließt.

Niemand kann sich wirklich vorstellen, was es bedeutet, wenn innerhalb nur weniger Jahre viereinhalb Mal mehr Menschen gewaltsam zu Tode kommen als Bayern Einwohner hat.

Zu den getöteten Soldaten kamen die Opfer in der Zivilbevölkerung. Sie starben im Hagel von Granaten und Fliegerbomben. Sie verhungerten und erfroren oder starben infolge unzureichender medizinischer Versorgung an Verletzungen und Krankheiten.

Und dann wurde auch noch der Massenmord organisiert, mit buchhalterischer Genauigkeit und mit eiskalter Perfektion: Vor und während des Zweiten Weltkriegs kamen durch die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten etwa sechs Millionen Juden um. Ermordet wurden auch Abertausende Sinti und Roma, Homosexuelle, behinderte Menschen und politische Gegner des Nazi-Regimes.

An all das wollen wir heute erinnern. All das sollten wir vor Augen haben, wenn uns heute die Bilder vom Krieg erreichen.

Wir Deutschen sehen uns in einer besonderen Verpflichtung, die Erinnerung an Flucht, Elend und Tod als Folgen von Krieg und Gewalt am Leben zu erhalten. Wir stellen uns dieser Verpflichtung nicht nur wegen der drückenden Last unserer Geschichte.

Unsere Verpflichtung umfasst ganz besonders das Gedenken an die gefallenen und vermissten deutschen Soldaten der beiden Weltkriege.

Sie haben für unser Vaterland gekämpft, ohne sich diese Aufgabe ersehnt zu haben.

Sie haben im Zweiten Weltkrieg gekämpft, ohne sich dem Missbrauch ihrer Pflicht durch ein verbrecherisches Regime entziehen zu können.

Ihr Schicksal verdient unsere Erinnerung, unser Gedenken.

Wir stellen uns dieser Verpflichtung auch nicht in einer alljährlichen Pflichtübung, sondern weil wir aus der dunkelsten Zeit unseres Landes gelernt haben.

Wir haben gelernt, dass Krieg und Gewalt nicht die Mittel sein dürfen, mit denen eine humanistisch verpflichtete Gesellschaft auf die Konflikte dieser Welt reagieren sollte.

Wir haben aber auch gelernt, dass als letztes Mittel militärisches Eingreifen dann notwendig sein kann, wenn unschuldige Menschen aufgrund ihres Glaubens, ihrer Kultur oder ihrer Herkunft verfolgt und getötet werden.

Die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten hat uns die Friedfertigkeit unter den Völkern gelehrt, aber auch die Wehrhaftigkeit gegen menschenrechtsverachtende Regime, unmenschlichen und mordlüsternen Terror.

Das Eindämmen dieses Terrors wird aber nicht selten bitter erkauft: Mit Opfern unter der Zivilbevölkerung, und gelegentlich auch mit einer Grenzverletzung unserer Rechtsstaatsprinzipien, wenn Geheimdienstinformationen, Militärs und Politiker über den Tod gesuchter Terroristen entscheiden müssen und nicht ein legitim arbeitendes Gericht.

Von einer friedvollen Welt sind wir leider noch immer weit entfernt. Im Jahr 2012 ist die Zahl der Kriege nach Angaben der Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung im Vergleich zum Vorjahr zwar leicht zurückgegangen. Aber noch immer haben Menschen in 34 Kriegsgebieten ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Häuser und Wohnungen, ihr Hab und Gut verloren. Zu diesen 34 Kriegsgebieten kommt noch eine Fülle von kleineren bewaffneten Auseinandersetzungen hinzu, die ebenfalls unzählige Opfer fordern.

Am stärksten betroffen war Afrika mit 13 kriegerischen Konflikten. Elf wurden im Vorderen und Mittleren Orient gezählt, neun waren es in Asien.

Noch immer hält das Sterben im syrischen Bürgerkrieg an, der zudem Abertausende zur Flucht gezwungen hat.

Papst Franziskus mahnt uns, dass wir all die unschuldigen Opfer nicht allein lassen dürfen. Wir stellen wir uns an ihre Seite. Ihr Leiden und das Unrecht, das sie erlitten haben, dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

Deshalb sind wir heute zusammen gekommen – wie in jedem Jahr.

Alljährlich, zwei Sonntage vor dem ersten Advent, mahnt der Volkstrauertag an die Kriegstoten und an die Opfer der Gewaltherrschaft.

Die Erinnerung soll uns dabei helfen, das Grauenhafte des Krieges zu beklagen.

Die Erinnerung soll uns die Kraft dazu geben, unsere Stimme unablässig für den Frieden zu erheben. Sie soll uns dauerhaft mahnen, alles zu tun, damit das Unsagbare nicht noch einmal von vorne beginnt.

Aus diesem Grund gedenken wir heute der Opfer von Krieg und Gewalt!

Wir gedenken

  • der Soldaten, die in beiden Weltkriegen gefallen sind, die in Gefangenschaft gestorben oder auch heute noch vermisst sind
  • der Menschen aller Völker und Staaten, die durch Kriegshandlungen gestorben sind
  • derer, die deswegen getötet wurden, weil sie sich aktiv gegen die gestellt haben, die sich ein Recht über das Leben anderer angemaßt haben
  • derer, die getötet wurden, weil sie einer anderen Rasse, einem anderen Glauben angehört haben
  • all derjenigen, die ihr Leben lassen mussten, weil sie die Überzeugungen derer, die an der Macht waren und noch sind, nicht geteilt haben
  • derer, die verfolgt und getötet wurden, weil ihr Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als nicht lebenswert eingestuft wurde
  • derer, die in der Folge von Krieg und Vertreibung ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht ihr Leben verloren haben

Wir trauern um alle Menschen, die Opfer von Kriegen, Gewalt und Terror geworden sind.

Wir trauern mit denen, die Menschen verloren haben, die ihnen nahe standen.

Und wir hoffen auf eine Zukunft, in der Gewalt, Terror, Unterdrückung und gewaltsamer Tod keinen Platz haben.

Dazu bekennen wir uns nicht nur heute, am Volkstrauertag. Unsere Hoffnung, unser Mitgefühl, unsere Erinnerung und unsere Trauer wollen wir an jedem Tag wachhalten, an dem irgendwo in der Welt Krieg herrscht.

Und wir wollen unsere Kraft für den Frieden und gegen den Krieg all jenen zugute kommen lassen, die mit Gleichgültigkeit auf das Kriegsgrauen reagieren, dessen Bilder uns noch tagtäglich erreichen.

Mit einem Wort von Albert Einstein möchte ich schließen:
„Das Denken und die Methoden der Vergangenheit konnten die Weltkriege nicht verhindern, aber das Denken der Zukunft muss Kriege unmöglich machen.“