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Stadtfreiheitstag 2013

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Stadtfreiheitstages 2013 am 16. November 2013 um 20 Uhr im Historischen Reichssaal

Anrede,

„Am Land kommen die Götter noch zu den Menschen“, hat Robert Musil in seinem unvollendeten Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ geschrieben.

Auf dem Land, sagt Musil, „da ist man jemand und erlebt etwas, aber in der Stadt, wo es tausendmal so viel Erlebnisse gibt, ist man nicht mehr imstande, sie in Beziehung zu sich zu bringen: und so beginnt ja wohl das berüchtigte Abstraktwerden des Lebens.“

Das hat Musil ganz offensichtlich nicht über sich selbst geschrieben. Schließlich hat er ja nicht darauf gewartet, dass auf dem Land die Götter zu ihm kommen - sein Lebensglück hat er immer in großen Städten gesucht - in Berlin und Wien, in Zürich und in Genf.

Und ob die Behauptung stimmt, dass das Leben in einer Stadt aufgrund tausendfacher Erlebnisse nur abstrakt werden kann, das können wir am Beispiel unserer Stadt ganz leicht selber überprüfen.

Ich jedenfalls habe noch niemanden getroffen, den Regensburg gleichgültig gelassen hat.

Überhaupt nicht abstrakt, sondern ganz konkret, wie mit Händen zu greifen, folgen wir hier den faszinierenden Spuren einer fast 2000-jährigen Stadtgeschichte. Diese Geschichte, die Architektur und die ganz besondere Atmosphäre Regensburgs prägen bis heute die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt.

Allen Gästen, die in unsere Stadt kommen, fällt recht schnell das sympathische Selbstbewusstsein auf, von dem die Regensburgerinnen und Regensburger getragen werden.

Ich habe das Gefühl, dass dieses typische Regensburger Selbstbewusstsein schon seit Jahrhunderten von einer Generation an die nächste weitergegeben wird.

Und ich spüre in unserer Stadt noch immer diesen energischen Willen zum Anpacken, der schon durch diese Stadt ging, als Regensburg eine der wichtigsten Wendungen seiner Geschichte erlebte.

Verantwortlich dafür war ein Mann, der ehrfurchtsvoll „Stupor Mundi“ genannt wurde – das „Staunen der Welt“.

Friedrich II., König von Sizilien und Jerusalem, deutscher König und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, gilt in der Welt der Historiker als erster moderner Mensch auf dem deutschen Herrscherthron.

Der im Jahr 1194 in dem kleinen Ort Jesi bei Ancona geborene Adelige war vielseitig interessiert und hoch gebildet.

Er sprach wohl mindestens fünf Sprachen.
Er gründete Städte und Universitäten.

Er schuf in seiner süditalienischen Heimat einen Staat, der als der modernste seiner Zeit galt.
Er reformierte die Rechtsgrundlagen, sprach sich für den Schutz von Frauen und Minderheiten aus.

In Jerusalem zog er nicht mit dem gezogenen Schwert ein, sondern nach friedlichen Verhandlungen mit den Muslimen. Und er schrieb ein – noch heute anerkanntes – Fachbuch über die Falknerei.

In seiner Zeit, der ersten Hälfte des 13. Jahrhundert, war Friedrich II. ein ungewohnter Freigeist.

Der weltoffene und immens wissbegierige Friedrich war aber auch ein ausgeprägter Machtmensch: Die Einflussmöglichkeiten des Adels schränkte er ein. Mit Kirche und Papst legte er sich offen an.

Bei der Festigung seiner Macht griff er zu einem bis dato nicht angewendeten Mittel: Er förderte und stärkte die Städte und brachte sie somit auf seine Seite.

Unserer Stadt brachte Friedrich II. die Freiheit. Mit dem Edikt von Pavia setzte er Regensburg am 10. November 1245 in den Stand einer Reichsstadt, was einen großen historischen Fortschritt bedeutete: Die Stadt war von da an nur noch dem Kaiser unterstellt. Es hatte ein Ende mit den Abhängigkeiten von Bayernherzog und Bischof.

Die Bürger konnten ihr Schicksal und das ihrer Stadt endlich selber in die Hand nehmen.

Das war der Beginn der kommunalen Selbstverwaltung – der Anfang von Eigenständigkeit und bürgerlichem Selbstbewusstsein. Und die Bestätigung eines Sprichworts, das damals schon die Runde machte: „Stadtluft macht frei“.

In Erinnerung an diesen epochalen Umbruch, der Friedrich II. zu verdanken ist, begeht die Stadt Regensburg seit 1980 den Stadtfreiheitstag.

Mit diesem Festakt feiern wir nicht nur die Freiheit unserer Stadt. Wir zeichnen auch Bürgerinnen und Bürger aus, die diese Freiheit als Appell verstehen, sich für ihre Stadt einzusetzen – wirtschaftlich und sozial, wissenschaftlich und kulturell.

Sie alle leisten Herausragendes.

Und sie alle haben ihren Teil dazu beigetragen, dass Regensburg heute nicht nur eine außerordentlich liebens- und lebenswerte Stadt ist, sondern auch eine äußerst erfolgreiche.

Das lässt sich nicht nur allein daran ablesen, dass die Zahl unserer Einwohner jährlich um etwa 1500 steigt.

Wenn wir uns andere Großstädte in Deutschland ansehen, dann ergibt sich ein deutliches Bild: In vielen großen Städten wollen immer mehr Menschen leben.

Wenn heute junge Leute ihre Lebenspläne entwerfen und Ältere ihre Lebenspläne ändern, dann sind das weit überwiegend Entwürfe, die in der Stadt spielen.

Ich glaube, dass diese Entwicklung eng mit einem elementaren Grundbedürfnis verbunden ist – mit einem Leben in größtmöglicher Freiheit und Annehmlichkeit.

Freiheit bedeutet uns heute viel mehr als geheime und freie Wahlen, die freie Äußerung der Meinung, die freie Religionsausübung und die ungehinderte Mitgliedschaft in demokratischen Parteien und Gewerkschaften.

Diese Errungenschaften sind uns so selbstverständlich geworden, dass wir sie kaum mehr bewusst wahrnehmen.

Heute geht es vielmehr um die größtmögliche Entfaltung der Persönlichkeit und um die vielen kleinen Freiheiten, die wir nicht mehr missen wollen.

Für die Erfüllung aller dieser Freiheiten ist eine so attraktive Stadt wie Regensburg wie geschaffen. Wir bieten alles, was von einer anspruchsvollen Daseinsvorsorge erwartet werden darf – vom kompletten Bildungsangebot über die perfekte Krankenversorgung bis hin zu attraktiven Arbeitsplätzen.

Regensburg hat darüber hinaus aber noch viel mehr im Angebot: ein reiches Kulturleben, unzählige Einkaufs- und Sportmöglichkeiten und eine schier unübersichtliche Fülle von Vereinen, Organisationen und Initiativen.

Urbane Freiheit heißt heute: all die Möglichkeiten entdecken und nutzen zu können, die nur eine Stadt bietet.

Dies ist aber nur dann möglich, wenn die Stadt selber in ihrer Entfaltung nicht dramatisch eingeschränkt ist.

Dazu gehören zuerst stabile Finanzen.
Geld allein macht nicht frei. Aber frei macht das, was man mit Geld anfangen kann.

Wir setzen in Regensburg derzeit das größte Investitionsprogramm in der Geschichte unserer Stadt um und zahlen gleichzeitig Schulden in erheblichem Umfang zurück.

Das alles haben wir einer gut bis sehr gut laufenden Gesamtkonjunktur und unseren sehr breit und gesund aufgestellten Unternehmen zu verdanken, die uns dank ihrer Erfolge mit ansehnlichen Gewerbesteuereinnahmen versorgen können.

Zu verdanken haben wir den großen Erfolg unserer Stadt auch dem Fleiß und dem Können von mehr als 135 000 Menschen, die als Festangestellte, Beamte und Selbständige in Regensburg arbeiten.

Die Regensburgerinnen und Regensburger an dieser Zahl bringen uns einen stetig ansteigenden Einkommensanteil.

Wir sind kein Boomtown, wie manche Medien das so gerne formulieren. Wir setzen nicht auf den schnellen Erfolg, der ebenso schnell wieder verpuffen kann.

Regensburg arbeitet mit Fleiß, Bedacht und Zielstrebigkeit an einer gesunden und krisenfesten Entwicklung. Und wir bereiten uns schon seit langem auf die Anforderungen und Herausforderungen der Zukunft vor: Wir sind eine nachhaltige Stadt.

Regensburg beweist, wie selbstverständlich neue, zukunftsweisende Technologien mehr und mehr das Leben und Arbeiten in einer fast 2000 Jahre alten Stadt prägen.

Es freut mich sehr, dass wir für die vertiefende Betrachtung dieser Entwicklung eine Persönlichkeit gewinnen konnten, die in ihrem jetzigen Beruf nicht immer, aber immer wieder folgenden Fragen konfrontiert ist:

Wie muss man heute alte und neue Geschichten erzählen?

Welche Gewohnheiten müssen über Bord geworfen werden, und welche kann man für die Zukunft weiterentwickeln?

Wie gewinnt man Menschen, die sich von den konventionellen Medien abwenden und im Internet Unterhaltung und Information suchen?

Bitte heißen Sie mit mir Ulrich Wilhelm, den Intendanten des Bayerischen Rundfunks, willkommen.

Dass er immer schon gut mit den Medien konnte, liegt sicher daran, dass er in seiner Heimatstadt München als Medienmann angefangen hat.

Er begann seine berufliche Laufbahn mit dem Besuch der renommierten Deutschen Journalistenschule. Schon dort fiel der angehende diplomierte Redakteur als gründlicher Rechercheur, scharfer Denker und hervorragender Formulierer auf, der – ungewöhnlich für solche Talente – auch noch völlig uneitel, sehr freundlich und zuvorkommend ist.

Weil ein Journalist aber auch etwas Grundsolides lernen sollte, studierte Wilhelm in Passau und München Rechtswissenschaften.

Noch während seiner Referendarzeit zog es ihn zu seiner ersten beruflichen Leidenschaft zurück: Er arbeitete als freier Journalist unter anderem für den Hörfunk und das Fernsehen des Bayerischen Rundfunks.

Das sah schon mal nach einer vielversprechenden Medienkarriere aus – doch dann entschied sich Ulrich Wilhelm für den Staatsdienst.

Vom Pressereferat des Bayerischen Innenministeriums wechselte er in die Bayerische Staatskanzlei; 1999 wurde er Pressesprecher des Ministerpräsidenten und der Staatsregierung sowie Leiter der Medienabteilung. Schließlich ging er als Amtschef ins Wissenschaftsressort.

Der nächste Karriereruf erreichte ihn aus Berlin: Ulrich Wilhelm wurde Leiter des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung und sowie Regierungssprecher.

In dieser Position fiel den Medienleuten wieder einmal auf, dass er völlig uneitel, sehr freundlich und zuvorkommend ist – dazu auch noch ein hervorragender Jurist und – wen wundert´s - ein Mann mit viel Gespür für das, was die Medien brauchen.

Die FAZ kam zu dem Schluss, dass er „den Blick des Historikers“ hat. Die Bild-Zeitung lobte ihn als „Merkels bester Mann“. Und auch die in Sachen Merkel-Regierungs-Lobhudelei unverdächtige Süddeutsche Zeitung fand anerkennende Worte für ihn.

Kein Wunder, dass der Blick auf ihn fiel, als nach einem neuen Intendanten des Bayerischen Rundfunks gesucht wurde.

Seit Februar 2011 leitet Ulrich Wilhelm – der übrigens keiner Partei angehört - nun also die Geschicke jenes Senders, der größten Wert darauf legt, die vielen Facetten der bayerischen Seele bis in den letzten Winkel zu erkunden und der davon überzeugt ist, dass man dazu Hörfunk, Fernsehen und Internet zu einem neuen Qualitätsmedium verschmelzen muss.

Herr Intendant, ich freue mich gemeinsam mit den Gästen dieses Festakts auf ihre Gedanken zu einem höchst spannenden Thema: „Zwischen Tradition und Transformation: Die Idee der Stadt in einer digitalen Welt“.