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Internationaler Holocaust-Gedenktag

- Es gilt das gesprochene Wort -

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am Sonntag, 27. Januar 2013

Anrede,

Fast 70 Jahre sind vergangen, seit der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland ein Ende gemacht wurde. Dürfen wir uns nach so langer Zeit also entspannt zurücklehnen und diese Epoche der deutschen Geschichte Vergangenheit sein lassen?

Diese Frage wird immer wieder erörtert. Sie muss schon deshalb verneint werden, weil durch das Vergessen die Opfer ein zweites Mal entehrt würden. Unser Erinnern ist ein Gedenken, eine ehrende Verbeugung vor den Opfern, ein Versuch, um Vergebung zu bitten für das ungeheure Leid, das Millionen von Menschen, insbesondere den Juden Europas, im deutschen Namen angetan wurde.

Es gibt noch einen weiteren Grund!

Die Tatsache, dass zehn Menschen in Deutschland erst in allerjüngster Zeit Opfer von rechten Terroristen geworden sind und dass rechtsradikales Gedankengut in manchen Kreisen unserer Gesellschaft hoffähig ist, macht deutlich, dass die Gefahr des Rechtsextremismus in unserer Gesellschaft immer latent vorhanden sein wird.

So hat dieser Holocaust-Gedenktag zwei wichtige Botschaften: Auch fast zwei Generationen nach dem Ende der Nazi-Herrschaft in Deutschland dürfen wir nicht gleichgültig gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus werden.

Und: Wir dürfen nicht aufhören, ein Zeichen zu setzen - gegen Rechtsextremismus, gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen Intoleranz und gegen Menschenhass!

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat im Rahmen der Gedenkveranstaltung für die Opfer der rechtsextremistischen Gewalt am 23. Februar vergangenen Jahres die erdrückende Frage gestellt:

„Wir vergessen zu schnell – viel zu schnell. Wir verdrängen, was mitten unter uns geschieht; vielleicht, weil wir zu beschäftigt sind mit anderem; vielleicht auch, weil wir uns ohnmächtig fühlen gegenüber dem, was um uns geschieht. Oder auch aus Gleichgültigkeit?

Darum sind wir heute hier: Wir treten der Gleichgültigkeit entgegen. Es genügt nicht, die Sinnhaftigkeit von Gedenkveranstaltungen dieser Art nicht in Frage zu stellen. Es genügt nicht, in ritualisierter Form zu gedenken.

Wir setzen uns mit dem Geschehen während der Nazi-Herrschaft auseinander. Wir blicken auf die Vergangenheit Deutschlands.

Ich sage: Ja, das ist unsere Pflicht – und es sollte auch unsere innere Haltung sein!

Wir sind es den Menschen schuldig, die dem Terror des Dritten Reiches zum Opfer gefallen sind.

  • Unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, von denen allein in Regensburg rund 250 Männer, Frauen und Kinder von den Nazis deportiert und ermordet wurden.
  • Den behinderten Menschen,
  • den ethnischen Minderheiten wie Sinti und Roma.
  • Und nicht zuletzt: Den Menschen, die der nationalsozialistischen Ideologie mutig entgegentraten und dafür mit ihrem Leben bezahlt haben.

Viel zu viele haben genau diesen Mut damals nicht aufgebracht. Sie haben weggesehen, oder sogar mitgemacht. Sei es aus antisemitischer Gesinnung heraus, aus Gleichgültigkeit oder einfach „nur“ aus Angst.

Vor allem die Vielen, die „nur“ aus Angst geschwiegen und weggesehen haben, haben den Boden dafür bereitet, dass die Nationalsozialisten an Macht gewinnen und die Macht behalten konnten.

Gerade weil sie nichts getan haben, wurden sie selbst zu Tätern.

Sie waren aber auch Opfer: Opfer eines Regimes der Angst, in dessen Augen ein Menschenleben nichts zählte. Das aus Größenwahn und einer völlig verblendeten Ideologie heraus Millionen junge Männer und Familienväter wie Kanonenfutter in den Krieg geschickt hat – und sie in vielen Fällen damit auch zum Werkzeug einer Vernichtungsmaschinerie gemacht hat.

Dass viele unserer Väter oder Großväter während des Dritten Reichs ihr Leben lassen mussten, darf uns jedoch nicht zur Entschuldigung gereichen.

Dass die Verantwortlichen von damals nicht mehr leben, dass die Deutschen aus ihren Fehlern gelernt haben und dass unser Land in den vergangenen 70 Jahren ein anderes geworden ist – all das stimmt.

Und nur so ist es uns überhaupt möglich - auch wenn sich viele nach wie vor schwer damit tun - zu sagen: Wir sind wieder stolz auf unser Land!

Gerade das entlässt uns jedoch nicht aus der Verpflichtung des Gedenkens und aus der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder geschieht. Dass nie wieder Menschen zu Opfern von Hass, Verachtung und Gewalt werden.

Die demokratischen Grundfesten unserer Gesellschaft müssen ein Haus tragen, in dem es keinen Raum für ein extremistisches Gedankengut gibt, das eine Ideologie über die unveräußerlichen Rechte jedes Menschen stellt.

Der irische Denker Edmund Burke sagte: „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun“.

Es genügt also nicht, „Gutes“ zu denken. Es genügt auch nicht, an Gedenkveranstaltungen wie dieser teilzunehmen. Wir müssen auch entsprechend handeln, aktiv werden und Mut beweisen, wenn das Böse in unserer Gesellschaft wieder an Boden gewinnen will.

Dabei dürfen wir es uns auch nicht zu einfach machen und uns auf dem Glück der späten Geburt ausruhen, nach dem Motto: „So etwas wie das Dritte Reich wird es ohnehin nie wieder geben.“

Das Dritte Reich ist nicht aus dem Nichts entstanden. Auch die Nationalsozialisten haben als belächelte Minderheit begonnen, die Gesellschaft zu infiltrieren. Und sie haben immer weiter an Macht gewonnen, weil eine schweigende Mehrheit dies geduldet hat und nicht beizeiten eingeschritten ist, als dies noch möglich gewesen wäre ohne das eigene Leben und das ganzer Familien zu gefährden.

Deshalb liegt die Herausforderung der heutigen Zeit darin, Tendenzen der Intoleranz, der Menschenverachtung frühzeitig zu erkennen und bereits im Ansatz zu ersticken.

Wenn in Deutschland Menschen aufgrund ihrer religiösen Überzeugung, ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder ihrer sexuellen Orientierung bedroht werden, dürfen wir das nicht dulden! Das gilt für die Politik und die Justiz. Es gilt aber auch für jeden Einzelnen von uns. Das Thema Zivilcourage ist heute so aktuell wie eh und je.

„Die NSU-Morde sind unser 11. September“, so hat es Generalbundesanwalt Harald Range ausgedrückt. Denn egal, wie viele Menschen dem Terror der Intoleranz zum Opfer fallen – jedes einzelne Leben, das ausgelöscht wird, ist eines zu viel.

Der Holocaust darf sich auf keinen Fall wiederholen. Deshalb müssen wir mit all unserer Kraft dafür eintreten, dass alle Menschen, wirklich alle, bei uns in Deutschland sicher und ohne Angst leben können.

Viele von Ihnen, die heute hier versammelt sind, engagieren sich in vorbildlicher Art und Weise dafür, dass rechtsextreme Tendenzen in unserer Gesellschaft nicht wieder Fuß fassen. Sie leisten wertvolle Präventionsarbeit, sie bauen Vorurteile gegenüber Minderheiten ab, sie zeigen öffentlich Gesicht – für Toleranz und ein gutes Miteinander, gegen Hass und Gewalt.

Wir haben in Regensburg in den letzten Jahres eindrucksvolle Zeichen „gegen Rechts“ gesetzt; Regensburg ist für Rechte gottseidank kein gutes Pflaster.

All denen, die sich aktiv dafür einsetzen, dass extremistisches Gedankengut keinen Nährboden findet, möchte ich an dieser Stelle meinen aufrichtigen Respekt und Dank aussprechen. Sie alle wirken der Gleichgültigkeit entgegen. Sie alle festigen damit unsere freiheitliche tolerante demokratische Grundordnung.

Anrede!

Wir gedenken heute vor allem des Schicksals der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger unserer Stadt, die während des Dritten Reiches verfolgt wurden und von denen die meisten umgekommen sind.

Es ist unsere Pflicht, für die zu reden, die selbst keine Stimme mehr haben, es ist unsere Pflicht, ihnen durch unser Erinnern ein Gesicht zurückzugeben, es ist ihr Vermächtnis, aus dem Gedenken an sie unsere Überzeugung zu stärken, dass sich das, was geschehen ist, nie mehr ereignen darf.