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Festakt zum 20-jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen Regensburg und Pilsen

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Festaktes zum 20-jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen Regensburg und Pilsen am 28. September 2013, um 17.30 Uhr, im Historischen Reichssaal

Anrede,

Am 25. September 1993 wurde im altehrwürdigen Saal des einzigartigen Renaissance-Rathauses in Pilsen der Partnerschaftsvertrag zwischen Regensburg und der westböhmischen Metropole geschlossen. Er trägt die Unterschriften der damaligen Stadtoberhäupter; die des Primators Professor Dr. Zdenek Mracek für Pilsen und der Oberbürgermeisterin Christa Meier für unsere Stadt.

Zum 20-jährigen Jubiläum haben wir uns hier im ebenso geschichtsträchtigen Reichssaal des Alten Rathauses versammelt. Hier tagte der Immerwährende Reichstag, dessen Beschlüsse auch von Bedeutung für das Königreich Böhmen waren.

Im historischen Licht gesehen, sind die 20 Jahre Städtepartnerschaft Pilsen-Regensburg, die wir heute feiern, freilich nur eine vergleichsweise kurze Zeitspanne. Erlauben Sie mir trotzdem die selbstbewusste Feststellung: 20 Jahre Städtepartnerschaft Pilsen - Regensburg, das ist eine Erfolgsgeschichte, auf die wir gemeinsam mit Stolz zurückblicken können!

Pilsen und Regensburg sind nicht nur die beiden Regionalhauptstädte von Westböhmen und der Oberpfalz, die in guter Nachbarschaft leben.

  • Wir gehören längst zusammen.
  • Wir sind Bürgerinnen und Bürger einer Region.
  • Wir begreifen uns als die wahren Mitteleuropäer.
  • Wir leben und arbeiten in einem gemeinsamen Wirtschafts- und Kulturraum.
  • Gemeinsam sind wir als Wirtschaftsstandorte im internationalen Wettbewerb stärker als jede Stadt allein.
  • Wir stehen in einem regen Kulturaustausch.
  • Wir haben Bildungseinrichtungen, die erfolgreich kooperieren.
  • Und nicht zuletzt: Wir lieben die Gemütlichkeit und sind durch eine alte Biertradition vereint.

Wir Regensburger und Regensburgerinnen gestehen natürlich neidlos zu, dass Pilsener Bier weltweit ein Qualitätsbegriff ist. Auch wenn das in Regensburg gebraute Bier eher von regionaler Bedeutung ist, wird uns von Pilsener Experten immer wieder versichert, dass es sich hinter dem aus Pilsen nicht verstecken muss. Die historischen Wurzeln der Braukunst sind jedenfalls die gleichen.

Anrede

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 und der Samtenen Revolution in der damaligen Tschechoslowakischen Republik hätte wohl niemand für möglich gehalten, in welchem Maß Westböhmen und Ostbayern zusammenwachsen würden. Wir mussten ja bei Null anfangen!

Was wussten wir schon voneinander, als damals eine Pilsener Delegation dem Regensburger Rathaus einen Besuch abstattete? Von unserer Seite hat sich als erster der damalige Bürgermeister Walter Annuß auf den Weg nach Pilsen gemacht, um Interesse an Kontakten zu bekunden.

Allein verkehrstechnisch war das damals ja nicht ganz einfach. Eine Autobahnverbindung gab es noch nicht. Der gesamte Verkehr wälzte sich auf Landstraßen durch alle Ortschaften.

Pilsen selbst war ein Nadelöhr für alle, die nach Prag weiter wollten. Die Industrieabgase der Skoda-Werke ließen die Stadt grau erscheinen. Weit und breit konnte nicht von der klaren, sonnendurchfluteten böhmischen Luft die Rede sein, die uns heute in Westböhmen und seiner Metropole empfängt.

Die Atmosphäre war freilich schon damals auf beiden Seiten von viel gutem Willen geprägt. Wir mussten aber auch feststellen, dass uns der 2. Weltkrieg mit der Abtrennung der Sudetengebiete vom tschechoslowakischen Staatsgebiet und gleich darauf die militärische Besetzung des restlichen Territoriums von Böhmen und Mähren sowie der Kalte Krieg nach 1945 mit der kommunistischen Machtergreifung in der Tschechoslowakischen Republik sehr weit entfremdet hatten.

Keine Frage, wir begegneten uns mit einer ganzen Reihe von Vorbehalten. Allein schon, dass wir diese weitgehend überwunden haben, das ist eine bemerkenswerte Leistung!

Regensburg hat acht Städtepartnerschaften.

Davon sind die mit Aberdeen, Brixen und Clermont-Ferrand deutlich älter als die mit Pilsen.

  • Alle diese Partnerschaften sind uns wichtig.
  • Jede hat ihren besonderen Charakter und ihre besondere Bedeutung.
  • Alle zusammen tragen sie zu einem Grenzen und Kontinente überschreitenden sozialen Netzwerk bei.
  • Sie signalisieren unseren Willen zu Weltoffenheit und Partnerschaft.

Dennoch ist die Beziehung zu Pilsen eine ganz besondere. Das liegt nicht nur daran, dass Pilsen mit 150 Kilometern Entfernung auch die nächste Partnerstadt ist. Der wichtigste Grund ist, dass wir Schicksalspartner sind – in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Wer die Vergangenheit nicht nur auf die Irrungen und Wirrungen des 19. und des 20. Jahrhunderts mit seinen zwei Weltkriegen beschränkt, wird feststellen, dass es in der ganzen Geschichte mehr Gemeinsames als Trennendes gegeben hat.

Und wer ins Kalkül zieht, dass die Zukunft Europas in seinen Regionen liegt, kann nicht umhin, mit heißem Herzen und kühlem Verstand alles dafür zu tun, die Vernetzung noch enger werden zu lassen.

„Es wächst zusammen, was zusammen gehört.“ Diese Worte des einstigen deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt haben auch grenzüberschreitend und aktuell Gültigkeit.

Wer treibt nun diesen Einigungsprozess voran? Auf diesem Feld sind, Gott sei Dank, viele Akteure aktiv.

Drei sind aber ganz besonders zu nennen:

  • Die Jugend und im engen Zusammenhang damit der weit gefächerte Bildungsbereich.
  • Die Wirtschaft mit ihrem Sinn für effektive Arbeitsteilung und Gewinn bringenden Handel.
  • Überwölbend über diese beiden Handlungsfelder die Kultur als Gemeinschaft stiftender Innovationsmotor.

Es ist kein Zufall, dass es zuerst junge Menschen aus Pilsen und Regensburg waren, die sich begegnet sind. Sie waren unbelastet von den Fehlern und tiefgehenden Verletzungen der jüngsten Vergangenheit. Schulen in beiden Städten organisierten zunächst einen Schüleraustausch, der heute noch funktioniert.

Sehr bald waren es auch die Universitäten und Hochschulen, die den Kontakt miteinander aufgenommen haben. Die Regensburger Universität hat ja als Gründungsauftrag die Brückenfunktion zu den östlichen Nachbarn in die Wiege gelegt bekommen. Es ist nur folgerichtig, dass hier in Kooperation mit der Universität Passau das Bohemicum installiert ist.

Damit geht von Regensburg langfristig ein Impuls aus, junge Menschen fit zu machen, im Nachbarland berufliche Erfahrungen zu sammeln.

Deutsche klagen ja gern darüber, dass das Erlernen der tschechischen Sprache so schwer sei. Besonders wird da stets das gleichzeitige Aussprechen von R und Sch angeführt.

Im Schriftlichen ist es ein R mit einem Häkchen drauf, dem sogenannten Hatschek.

Solchen Einwänden begegnet der Leiter des Bohemicums, Professor Dr. Marek Nekula, mit dem Spruch: „Wer das bayerische Wurscht leicht über die Lippen bringt, schafft auch das tschechische rsch spielend.“

Meine Generation war nicht dazu animiert worden, Tschechisch zu lernen. Das bedauere ich. Jungen Menschen kann ich nur raten, diese Chance zu nutzen. Damit verschafft man sich einen Bildungsvorteil, der im späteren Beruf und bei internationalen Kontakten, nicht nur in Tschechien, von Vorteil ist.

Nicht fehlen dürfen in dieser Aufzählung selbstverständlich die beiden Koordinierungszentren für den deutsch-tschechischen Jugendaustausch mit dem sinnvollen Namen „Tandem“ in Regensburg und in Pilsen.

In diesen Einrichtungen kümmert man sich mit einem breiten Instrumentarium darum, den Jugend- und Schüleraustausch zwischen Deutschland und Tschechien zu forcieren. Diese Tätigkeit ist ein Glücksfall für junge Menschen in beiden Ländern, aber auch einer für Pilsen und Regensburg. Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds könnte nichts Besseres finanzieren als diese Bemühungen, junge Tschechen und Deutsche zusammenzubringen. Das ist der sicherste Weg, tradierte Vorurteile zu überwinden und Verständnis für einander zu ermöglichen.

Vaclav Havel hat als Präsident Regensburg nur deshalb einen Besuch abgestattet, weil ihm die deutsch-tschechische Aussöhnung durch den Elan und die Vorurteilslosigkeit der Jugend beider Länder so am Herzen lag.

Anrede

Kaufleute, Handwerker, Techniker und Unternehmer waren und sind stets gute Botschafter ihrer Länder jenseits der Grenzen. Die Vertreter dieser Berufsgruppen verstehen sich wegen ihrer gemeinsamen Interessen über so manche Barrieren hinweg. Ihrem Einsatz, ihrem Mut und ihrer Risikobereitschaft ist es zu verdanken, dass Westböhmen mit der Metropole Pilsen, und Ostbayern mit der Bezirkshauptstadt Regensburg, auf dem besten Weg sind, eine gemeinsame Wirtschaftsregion von europäischen Format zu werden.

Eine aktuelle Umfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer in Prag besagt, dass trotz der international schwierigen Rahmenbedingungen 60 Prozent der deutsch-tschechischen Unternehmen ihre Lage als zufriedenstellend bezeichnen.

Von dieser Entwicklung profitiert vor allem die Metropole Pilsen.

Die Nachhaltigkeit und der Erfolg dieser Zusammenarbeit fallen nicht vom Himmel. Daran haben die intensiven Anstrengungen der IHK in Regensburg und der Bezirkswirtschaftskammer Pilsen einen wesentlichen Anteil. Positiv wirkt sich auch der fruchtbare Austausch der Wirtschaft mit der Regensburger Universität, der hiesigen Hochschule und der Westböhmischen Universität aus.

Anrede

Kunst und Kultur spielen in Zeiten großer Umbrüche eine wichtige stabilisierende Rolle. Kultur - und hier will ich die Religion nicht ausklammern - gibt Orientierung und Stabilität.

Unsere Städtepartnerschaft wäre ohne die Kultur, die Beiträge der Künstler und Künstlerinnen nicht denkbar.

Die beiden Diözesen pflegen einen engen, brüderlichen Kontakt. Christen sind vorn mit dabei, wenn es gilt, gesellschaftliche Probleme zu lösen und Härten zu mildern.

Das Interesse der Pilsner Bürger und Bürgerinnen an Kultur kannte man in Regensburg schon Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Unser damaliger Kulturdezernent, Dr. Wolf Peter Schnetz, ergriff mit dem damaligen Intendanten unseres Stadttheaters, Walter Ruppel, kurz vor Niederschlagung des Prager Frühlings die Initiative. Sie präsentierten im Pilsener Theater eine Regensburger Opernproduktion. Ein stürmisch gefeierter Erfolg! Die Menschen standen Schlange, um an eine der raren Eintrittskarten zu kommen. Nach der Wende war es die Regensburger Künstlerin Maria Maier, die als Erste ihre Kunst in der städtischen Galerie Pilsen präsentiert hat.

Seitdem ist die Zahl der wechselseitigen Kunstpräsentationen kaum noch zu zählen. Besonders im Konzertbereich ist dieser Austausch lebendig. Regensburger Galerien haben tschechische Künstler zu Gast und umgekehrt konnten deutsche Künstlerinnen und Künstler in Pilsen ausstellen. Hier ist auch besonders unser Kunstforum Ostdeutsche Galerie aktiv.

Ganz im Zeichen der Städtepartnerschaft stand auch das diesjährige Bürgerfest. Pilsen stellte seine weit fortgeschrittenen Pläne für das Kulturhauptstadtprogramm 2015 vor. Dazu sind auch Kulturschaffende aus Regensburg und Ostbayern eingeladen.

Anrede

20 Jahre Städtepartnerschaft mit Pilsen, das bedeutet auch: Wir, die Regensburgerinnen und Regensburger, haben die westböhmische Metropole ein Stück begleiten dürfen auf dem Weg der Transformation, dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbau einer Stadtgesellschaft.

Das war eine Herkulesarbeit, die im Wesentlichen gut gemeistert worden ist. Wir bewundern diese Leistung der Menschen in Pilsen. Allein das Tempo der Altstadtsanierung nötigt uns Respekt ab. Wir wissen, was diese Aufgabe für eine Stadt bedeutet. In Regensburg hatten wir dafür deutlich mehr Zeit und auch mehr finanzielle Hilfen von außen.

Pilsen ist wieder das geworden, was ihr der Gründer, König Wenzel II., im Jahr 1295 als Auftrag mit auf den Weg gegeben hat: eine der größten und bedeutendsten Städte Böhmens zu werden.

Nach dieser, aus meiner tiefen Überzeugung positiven Bilanz, werden Sie sich fragen: Haben wir wirklich schon alle Ziele erreicht?

Pilsen wird Kulturhauptstadt - und Regensburg ist Welterbestadt: Zusammen sind wir ein starkes Team und gemeinsam sind wir auf einem guten Weg. Die Basis und die Richtung stimmen.

Doch am Ende sind wir noch lange nicht. Die rasante Entwicklung der inneren und äußeren Verhältnisse stellt uns vor neue Herausforderungen. Diese gilt es zu meistern. Auch dazu benötigen wir eine starke Partnerschaft!

Pilsen liegt an vier Flüssen, Regensburg an drei. Wir sind aus Tradition gute Brückenbauer. Wir bauen sehr praktisch und aber auch geistig Brücken auf solidem wirtschaftlichen Fundament, gepflastert mit Kultur.

Auf ihnen weist der Weg in eine gute europäische Zukunft. Dennoch sollten wir uns weiterhin vor Augen halten, wozu wir uns in unserem Partnerschaftsvertrag verpflichtet haben:

  • Unsere beiden Städte wollen gemeinsam alles in ihrer Macht Stehende tun – „für die Bewahrung des Friedens, die Förderung der Völkerverständigung und die Verwirklichung der Einheit Europas“.
  • Unsere Städtepartnerschaft ist uns bei der Realisierung dieser Ziele stets ein verlässlicher Wegweiser gewesen. Wir sollten auch in Zukunft auf ihn vertrauen!