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Erinnerung an die Auflösung des Stadtrates im Jahr 1933

- Es gilt das gesprochene Wort -

Rede zur Erinnerung an die Auflösung des Regensburger Stadtrates im Jahre 1933, gehalten am 25. April 2013 in der Stadtratssitzung von Oberbürgermeister Hans Schaidinger

Meine sehr verehrten Damen und Herren des Stadtrats, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

am 30. Januar diesen Jahres jährte sich zum 80. Mal die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland. Damit begann ein Kapitel der deutschen Geschichte, an dessen Ende unermessliches menschliches Leid und eine zerstückelte, zerstörte und ausgeblutete Nation stand, nach einem Krieg, der das politische Gesicht der Welt gänzlich verändert hatte.

Die „unfertige“ Nation in der Mitte des europäischen Kontinents hatte große Schuld auf sich geladen und konnte erst 45 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges wieder als vollständig gleichberechtigtes Mitglied in die Gemeinschaft der Völker zurückkehren.

Am 30. Januar 1933 berief Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler.

Wir wissen heute, dass dies ein entscheidender Tag auf dem Weg unserer Nation ins Verhängnis war, ein Verhängnis, das selbstverständlich auch unsere Stadt nicht verschonte. Darum möchte ich heute im Kreise des Stadtrats und vor den Bürgerinnen und Bürger an das Geschehen auf dem Weg in den Unrechtsstaat in unserer Stadt erinnern. Neben dem Stadtarchiv habe ich dafür hauptsächlich das Buch von Helmut Halter „Stadt unterm Hakenkreuz“ sowie seinen Aufsatz „Die Hakenkreuzfahne über dem Rathaus“ sowie die Publikation von Wilhelm Kick „Sag es unseren Kindern. Widerstand 1933 – 1945“, Erich Zweck „Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei in Regensburg von 1922 – 1933“ und Rainer Ehm „100 Jahre SPD-Bezirksverband Oberpfalz. 60 Jahre Wiederbegründung“ als Grundlage genommen.

Zum Zeitpunkt der Machtübernahme am 30. Januar 1933 war in unserer Stadt noch keine konkrete Veränderung spürbar, politisch bestimmend waren die beiden großen Parteien, SPD und Bayerische Volkspartei BVP.

Die Tatsache, dass der Reichspräsident den Reichstag zwei Tage nach der Machtergreifung, am 1. Februar 1933, auflöste und Neuwahlen ansetzte, schien in der Stadt zunächst auch keine größeren Veränderungen anzukündigen.

Der Fackelzug von etwa 800 bis 1 000 Männern von SA, SS, HJ und Stahlhelm durch Regensburg am Abend dieses Tages scheint nicht auf ungeteilte Zustimmung gestoßen zu sein, jedenfalls werden von Zeitzeugen handgreifliche Auseinandersetzungen der Marschierenden mit Zuschauern berichtet. (Zweck, S. 248f)

Der Terror gegen die politischen Gegner begann in Preußen. Eingriffe in die Presse- und Versammlungsfreiheit, die Auflösung der kommunalen Selbstverwaltung in Städten und Gemeinden und die Besetzung der Spitzenpositionen der preußischen Polizei mit politisch genehmen Personen markierten den Beginn des Unrechtssystems.

Den Terror weiteten dann SA, SS und Stahlhelm nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 auf ganz Deutschland aus: Politische Gegner wurden inhaftiert, gefoltert oder gar umgebracht. Die Verfolgung des demokratischen politischen Spektrums, insbesondere der politischen Linken, wurde legitimiert durch die am späten Nachmittag des 28. Februar 1933 vom Reichspräsident Hindenburg unterschriebene „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“. Damit wurden wesentliche Grundrechte der Verfassung und Prinzipien des Rechtsstaats wie Freiheit der Person, die Unverletzlichkeit der Wohnung, das Post- und Telefongeheimnis, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, das Vereinigungsrecht sowie die Gewährleistung des Eigentums außer Kraft gesetzt. Ein besonders dramatisches Beispiel: Statt wie bisher mit lebenslangem Zuchthaus konnten nun Hochverrat, Brandstiftung, Sprengstoffanschläge, Attentate und selbst die Beschädigung von Eisenbahnanlagen mit dem Tod bestraft werden.

In Bayern und speziell im Regensburger Raum kam es zwar vor der für den 5. März angesetzten Reichstagswahl im Wahlkampf immer wieder zu Gewalttaten, Manipulationsversuchen und vor allem nach dem Reichstagsbrand auch zu Polizeimaßnahmen gegen KPD-Angehörige. Die Landespolizeien waren noch nicht so einfach als Herrschaftsinstrumente der Reichsregierung zu missbrauchen; unmittelbar vor der Wahl verbot die bayerische Regierung sogar für einige Tage das lokale NS-Blatt, die ‚Bayerische Ostwacht‘.“ (Halter, S. 37)

Der ehemalige Stadtrat und Bürgermeister Hans Weber beschrieb die Situation damals so: „Der 30. Januar 1933 ging an Regensburg ohne viel Beachtung vorüber. Es gab zwar vereinzelte Übergriffe, doch die richtigen Gewalttaten begannen später. Die Verprügelei ist erst richtig losgegangen nach dem 5. März. Da wurden dann einzelne SPDler, die sich mit der SA angelegt hatten, geholt und verprügelt." (nach Zweck, S. 253)

Trotz des Terrors vor allem in der Folge des Reichstagsbrandes und einer Propagandaoffensive, wie sie Deutschland noch nicht gesehen hatte, gelang der NSDAP bei den Wahlen am 5. März 1933 nicht der erwartete Erfolg. Sie blieb auf die Stimmen der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) angewiesen.

Auch in Regensburg hatte sich die NSDAP zwar steigern können, lag aber mit 30,58 Prozent immer noch 10 Prozent hinter der BVP mit 40,13 Prozent. Die SPD errang 18,15 Prozent. Die demokratischen Kräfte im bayerischen Landtag standen mit ihrer Mehrheit hinter der Regierung Held (BVP). Und während im Reich unmittelbar nach dem Wahltag die Gleichschaltung der meisten nicht durch die Nationalsozialisten beherrschten Länder vollzogen wurde, versicherte Reichspräsident von Hindenburg Bayern noch am 8. März, dass keine Einsetzung eines Reichskommissars erfolgen würde. Doch bereits am folgenden Tag wurde in Nürnberg die sogenannte „Nationale Revolution“ inszeniert, die schließlich am Abend desselben Tags zur Einsetzung von Franz Ritter von Epp zum Reichsstatthalter in Bayern führte.

Die Aktivitäten von SA, SS und Stahlhelm an diesem Tag, dem 9. März 1933, sollten auch in Regensburg zum Fanal für die angeblich ‚neue‘ Zeit werden.

Auch bei uns begann wie in allen größeren Städten Bayerns parallel zur Entmachtung der Landesregierung der Sturm auf die Rathäuser.

Bereits am Vortag hatte die Tageszeitung des Gauleiters Hans Schemm, die "Bayerische Ostwacht", Oberbürgermeister Hipps Absetzung gefordert, wenn er weiterhin gegen die NSDAP vorgehe. Am 9. März selbst ging dann das Gerücht in Regensburg um, um 18 Uhr solle das Rathaus besetzt werden.

Tatsächlich erschien gegen 18.30 Uhr NSDAP-Kreisleiter Weigert an der Spitze von sechs uniformierten SA-Männern im Rathaus und forderte, dass die Hakenkreuzfahne auf dem Gebäude gehisst werde. Oberbürgermeister Dr. Otto Hipp fragte die SA-Leute nach der Rechtsgrundlage für ihr Verlangen, er erhielt die lapidare Antwort: "Wir verlangen das einfach als Regierungspartei". Im Namen der Stadt protestierte der Oberbürgermeister. Er konnte aber nicht verhindern, dass sich Weigert mit seinen Leuten zum Rathausturm und dann, als er diesen verschlossen fand, zum Vorzimmer der beiden Bürgermeister begab. Dort wurden die Hakenkreuz- und die schwarz-weiß-rote Reichsfahne aus dem Fenster gehängt, angeblich unter dem Jubel der vor dem Rathaus versammelten Menge, die nach kurzen Ansprachen des Kreisleiters und des Stahlhelmführers Geis das Deutschland- und das Horst-Wessel-Lied absang.

Der Protest von Oberbürgermeister Dr. Hipp in München und Berlin verhallte ungehört, denn um 20.15 Uhr hatte der Reichspräsident auf der Grundlage der Reichstagsbrand-Verordnung und gegen den Widerstand der Regierung Held General von Epp zum Reichskommissar für Bayern ernannt. Bayern war damit gleichgeschaltet.

Noch am selben Abend besetzte die Landespolizei, die angabegemäß „zur Sicherheit“ am Regensburger Gewerkschaftshaus „Paradiesgarten“ aufgezogen war, das Gebäude. Dasselbe geschah mit dem Druckereigebäude der Volkswacht in der Spatzengasse 1, wo sich auch das Bezirksbüro der SPD befand, das gleichfalls zunächst "bewacht" und dann von der Polizei besetzt wurde. Am selben Abend durchsuchte die Landespolizei zeitgleich mit der Aktion gegen die Volkswacht die Verlage des katholisch-konservativen "Anzeigers" und des ehemals linksstehenden Wochenblatts "Regensburger Echo". Beide Blätter konnten allerding am 10. März 1933 erscheinen, wenn auch unter Vorzensur, diese wurde aber bald wieder aufgehoben. (Halter 1994, S. 42 f.)

Von nun an begannen die Nazis systematisch Bayern und damit auch Regensburg politisch zu durchsetzen und ihre Gegner auszuschalten.

Bereits am 10. März sprengte ein SA-Trupp, wiederum geführt von Kreisleiter Weigert, eine kurzfristig einberufene Stadtratssitzung, in der Dr. Hipp die Flaggenhissung vom Vorabend öffentlich verurteilen wollte.

Mit dem förmlichen Rücktritt der Regierung Held am 15. März war dann der Weg endgültig frei, Bayern von oben her gleichzuschalten. Die Ministerien und die Polizei waren die ersten Ziele der NSDAP, aber nicht die einzigen. Die Landes-BVP wurde geködert, indem sie das neu geschaffene Wirtschaftsressort besetzen durfte.

Am 20. März 1933 untersagte Innenminister Adolf Wagner ehrenamtlichen Bürgermeistern, die angeblich „marxistischen Parteien“ angehörten, im Interesse von Ruhe und Ordnung die Ausübung des Amtes  - gemeint waren natürlich insbesondere die Sozialdemokraten. Sie waren sofort zu beurlauben. An ihre Stelle traten "kommissarische Stellvertreter im Einvernehmen mit den Beauftragten der Obersten SA-Führung“.

Doch beschränkte sich Wagner nicht auf die SPD-Bürgermeister. Sinngemäß sollte seine Anordnung auch angewendet werden auf alle anderen Bürgermeister, denen die Gefährdung von öffentlicher Ruhe, Ordnung und Sicherheit unterstellt wurde.

Damit war auch das Schicksal von Oberbürgermeister Dr. Otto Hipp besiegelt. Er und die Spitzenbeamten der Stadtverwaltung wurden am Nachmittag des 20. März in pöbelhafter Manier von der SA zum Rücktritt gezwungen. Dr. Hipp wurde noch am selben Tag in die sogenannte Schutzhaft genommen. Gleichzeitig kam es auch vor anderen Behörden zu Volksaufläufen und wohl auch zur Inhaftierung unliebsamer Mitarbeiter.

Die Ernennung des Nachfolgers von Dr. Hipp, Dr. Otto Schottenheim, Arzt und ehemaliger Freikorpskämpfer, Mitglied der NSDAP und der SS seit 1929, wurde der Kreisregierung noch am 20. März 1933 gegen 18 Uhr, telefonisch durch das Innenministerium bestätigt. – Damit war auch in Regensburg ein wesentlicher Schritt zur endgültigen Ausschaltung demokratischer und rechtsstaatlicher Verhältnisse getan.

Parallel zur Machtübernahme der Nazis in Politik und Verwaltung begann der institutionelle und persönliche Terror gegen die politischen Gegner. Bereits am 6. März erfolgten erste Verhaftungen von KPD-Mitgliedern. Aber erst mit der Übernahme der Regierungsgewalt durch Epp setzten breite systematische Verhaftungen vor allem von Mitgliedern von SPD und KPD ein. Ende März 1933 waren vermutlich etwa 70 Funktionäre dieser Parteien. Noch vor den reichsweiten Boykottmaßnahmen wurden auch 107 der 427 Regensburger Juden, also fast alle jüdischen Familienväter, inhaftiert. Ende April entspannte sich die Lage etwas, angeblich wurden 70 Regensburger Häftlinge aus der Schutzhaft freigelassen.

Der am 8. Dezember 1929 gewählte Stadtrat von Regensburg setzte sich zu Beginn des Jahres 1933 folgendermaßen zusammen:

Oberbürgermeister: Dr. Otto Hipp

Bürgermeister: Hans Herrmann

BVP (14): Engelhardt Keiter (Fraktionsvorsitzender), Franz Biendl, Max Dauer, Josef Deininger, Fritz Emslander, Margarete Gärtner, Josef Gräßl, Franz Jepsen, Heinrich Kneidl, Johann Oberberger, Wolfgang Prechtl, Bartholomäus Riedelbeck, Dionys Hummel und Matthias Zirngibl

SPD (7): Karl Esser (Fraktionsvorsitzender), Josef Adler, Josef Barth, Michael Burgau, Ludwig Ehrensperger, Hermann Engler und Josef Zollitsch

DDP (4): Thomas Härtl (Fraktionsvorsitzender), Heinrich Christlieb, August Koller und Karl Staudinger

Mieter- und Verbraucherschutzpartei (2): Johann Engl und Franz Maierhofer

DNVP (1): Dr. Max Priehäuser

NSDAP (1): Anton Fischer (tritt im Herbst 1930 aus der Partei aus, legt aber sein Mandat nicht nieder und schließt sich der „Freien Vereinigung“ an, die die Stadträte der Mieter- und Verbraucherschutzpartei, DNVP und der Mittelstandspartei umfasst)

Mittelstandspartei (1): Josef Zorzi.

Der systematische Terror gegen den gewählten Stadtrat setzte nach der Reichstagswahl am 5. März 1933 ein:

Bereits in der Nacht vom 9. auf den 10. März wurden 15 SPD-Mitglieder verhaftet, darunter auch der Fraktionsvorsitzende der Stadtrats-SPD, Karl Esser. Soweit die Quellen das erkennen lassen, wurden diese Verhafteten nach wenigen Wochen wieder entlassen.

Um den Druck auf den Stadtrat zu erhöhen, wurde auf der Grundlage des vorläufigen Gesetzes zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich vom 31. März 1933 die Sitzverteilung ohne Legitimation durch direkte Wahlen verändert.

Alle Landtage und gemeindlichen Selbstverwaltungskörperschaften außerhalb Preußens wurden für aufgelöst erklärt. Sie waren neu zu bilden, und zwar nach der Stimmenverteilung bei der Reichstagswahl vom 5. März, allerdings unter Ausschluss der auf die KPD entfallenen Anteile.

Zwar war das Ergebnis dieser Umgestaltung für die NSDAP in Regensburg enttäuschend, da sie immer noch keine Mehrheit erreichen konnte. Andererseits lässt die Tatsache, dass keiner der SPD-Vertreter vom gewählten Stadtrat noch dabei war und dass von den 14 gewählten BVP-Räten nur noch sechs berufen wurden, erkennen, wie stark der Nazi-Terror bereits gewirkt hatte.

Die Sitzverteilung sah dann so aus:

BVP (12): Rechtsanwalt Engelhardt Keiter (Fraktionsvorsitzender), Josef Deininger, Benedikt Götz, Dionys Hummel, Heinrich Kneidl, Johann Oberberger, Wolfgang Prechtl, Dr. Fritz Pustet, Friedrich Seßler, Dr. Hans Soß, Hans Weigert und Hans Wutzlhofer.

SPD (5): Alfons Bayerer (Fraktionsvorsitzender), Matthias Bauer, Jakob Deubler, Franz Höhne und Max Schinabeck.

NSDAP und Kampffront erlangten zusammen nur 11 (10 + 1) Sitze.

Zynischerweise wurde diese Zusammensetzung in einer als „Wahlausschuss“ deklarierten Sitzung am 22. April 1933 festgestellt.

Die SPD blieb besonders im Visier der Nazis: Wie auf Reichsebene wurde der SPD in Bayern am 22. Juni 1933 jegliche Tätigkeit untersagt. Sämtliche Mandate wurden ihr entzogen; ihr Vermögen war bereits früher beschlagnahmt worden.

Erneut kam es zu zahlreichen Verhaftungen. In der Nacht vom 24. auf den 25. Juni 1933 und in den folgenden beiden Tagen wurden 44 führende SPD- und Gewerkschaftsfunktionäre in Schutzhaft genommen, darunter auch die fünf verbliebenen Stadträte. Sie alle erklärten in den darauffolgenden Tagen ihren Rücktritt. 14 der Verhafteten kamen am 7. Juli 1933 ins KZ Dachau, darunter Karl Esser, Stadtrat Max Schinabeck und der Volkswacht-Redakteur Rothammer.

Auch sind Fälle schwerer Misshandlungen bekannt geworden. So wurden der örtliche Reichsbannerführer Franz Kobl und vier weitere SPD-Mitglieder schon am 21. Juni 1933 in der Kaserne der "Hilfspolizei", dem ehemaligen Greflinger Krankenhaus, furchtbar zusammengeschlagen.

Das Ende der BVP nahte, als die NSDAP etwa seit Ende Juni 1933 glaubte, auf sie verzichten zu können. Die Nazis betrieben jetzt eine Politik der Einschüchterung und Zermürbung gegenüber der BVP.

Bereits am 21. Juni 1933 wurden bei 39 prominenten Regensburger BVP-Funktionären Haussuchungen durchgeführt, darunter bei Ministerpräsident Held und Josef Habbel, den Verlegern des Anzeigers, bei Bauernführer Georg Heim und allen Stadträten der Partei.

Gleichzeitig mit der Verhaftungswelle gegen SPD und Gewerkschaften, am 26. Juni 1933 um fünf Uhr morgens, wurden landesweit die Reichs- und Landtagsabgeordneten, die meisten Stadträte sowie zahlreiche weitere prominente BVP-Funktionäre in Schutzhaft genommen - in ganz Bayern bis zu 2000 Personen. In Regensburg neben Bürgermeister Herrmann viele ehemalige und alle zwölf amtierenden Stadträte der Partei sowie drei ihr angehörende höhere Verwaltungsbeamte.

Da zwei BVP Stadträte dem Terror unmittelbar nachgaben und zurücktraten – es waren dies Dr. Hans Soß und Johann Oberberger - wurden am 4. Juli 1933 noch zwei Nachrücker durch den Oberbürgermeister Dr. Otto Schottenheim bestimmt: Rechtsanwalt Alfons Goppel und Schneidermeister Bernhard Suttner. – Am selben Tag löste sich die BVP selbst auf.

Nachdem die BVP ihre Selbstauflösung erklärt hatte, entließ man die Häftlinge wieder. Alle inhaftierten BVP- sowie einige SPD- und Reichsbanner-Angehörige aus Regensburg kamen bis 5. Juli 1933 wieder auf freien Fuß.

Schon viel früher hatte der Regensburger Stadtrat aufgehört, ein Organ der freien politischen Artikulation zu sein, obwohl trotz der rechtlichen Winkelzüge der Reichsregierung, durch die sich die Mehrheiten in den Landesparlamenten und den Stadtratsgremien zu Gunsten der NSDAP neu gestalten sollten, in Regensburg die demokratischen Parteien BVP und SPD bis Mitte Juli die Mehrheit behielten.

Zur Vollständigkeit der Darstellung gehört die Information, dass der neugebildete Stadtrat bis zu seiner letzten Sitzung am 13. Juni 1933 recht einvernehmlich zusammen gearbeitet hat. Sowohl die Wahl Schottenheims, diverse Personalentscheidungen als auch Entscheidungen über Sachfragen fielen häufig einstimmig aus. Es ist müßig zu überlegen, ob dafür der gesteigerte Druck von Seiten der Nazis auf die anderen Stadtratsmitglieder ausschlaggebend war oder der Wunsch, zum Wohl der Bevölkerung in schwieriger Zeit Entscheidungsfähigkeit zu beweisen. Tatsache ist, dass ein halbes Jahr genügt hatte, um den Widerstand demokratisch gewählter Stadträte endgültig zu brechen. Davon zeugt auch die Tatsache, dass selbst bei geheimen Abstimmungen oft Einstimmigkeit für die Vorschläge des NS-Oberbürgermeister zu verzeichnen waren.

Doch damit war der Terror noch nicht beendet: Männer wie Dr. Otto Hipp oder Karl Esser wurden nach ihrer Freilassung bis zum Ende des Nazi-Regimes immer wieder von der Gestapo heimgesucht und mussten Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen.

Besonders hart traf die Terrormaschinerie den Regensburger SPD-Landtagsabgeordneten und letzten Fraktionsvorsitzenden der Stadtrats-SPD, Alfons Bayerer. Er wurde - wie berichtet - im Juni 1933 zeitweise in Schutzhaft genommen.

Wieder in Freiheit, beteiligte er sich maßgeblich am Einschmuggeln von Schriften des im Prager Exil wirkenden SPD-Parteivorstandes über die bayerisch-tschechische Grenze. 1934 wurde er verhaftet und zusammen mit anderen, darunter seinem späterer Schwiegersohn und Regensburger Bürgermeister Hans Weber, 1935 wegen Hochverrats zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt. Kaum entlassen, verstarb er am 10. Mai 1940 an gesundheitlichen Haftfolgen. (Ehm und Kick)

Die Oppositionellen, die überlebten, fingen nach dem Krieg wieder ganz von vorne an: Zwei Beispiele seien erwähnt: Dr. Otto Hipp († 2. Januar 1952 in München) wurde 1945 von der amerikanischen Besatzungsmacht in Bayern von Mai bis Juni 1945 in das Amt des 2. Bürgermeisters von München berufen und danach zum ersten bayerischen Kultusminister ernannt. Er stellte mit Erlass vom 23. Juli 1945 die von den Nationalsozialisten beseitigten Bekenntnisschulen wieder her, was eine wichtige Weichenstellung für die Entwicklung des Schulwesens in Bayern war. Aufgrund von inhaltlichen Differenzen mit den Amerikanern wurde er als erstes Mitglied der Regierung Schäffer bereits nach wenigen Monaten wieder entlassen. 1950 war Hipp Präsident des Deutschen Katholikentages in Altötting und Passau.

Karl Esser († 21. August 1961) wurde zum Begründer der ersten freien Tageszeitung im Nachkriegs-Regensburg, der Mittelbayerischen Zeitung.

Wenn wir heute auf diese Ereignisse zurück schauen, denken wir in erster Linie daran, dass die Prinzipien Demokratie, Rechtsstaatlichkeit,  Freiheit und der Schutz der Menschenwürde systematisch ausgeschaltet wurden. Letztlich konnten aber diese Grundsätze erst über Bord geworfen werden, als es gelungen war, den Rechtsstaat auszuhebeln. Das Rechtsstaatprinzip ist, und das zeigen diese Vorgänge deutlich, das Grundprinzip, auf dem sich Demokratie und Freiheitsrechte erst entfalten können.

Daraus sollten wir die Lehre ziehen die Rechtsstaatlichkeit nicht als etwas Selbstverständliches zu behandeln, sondern ihren Wert, ihre Unteilbarkeit und ihre Schutzbedürftigkeit besonders hoch einzuschätzen.

Die demokratisch gewählten Stadträte und der gewählte Oberbürgermeister haben mit ihrer Haltung gezeigt, dass die Kommunen das letzte Bollwerk gegen den Nationalsozialismus waren und dass es in den Kommunen mutige Männer und Frauen gab, die versucht haben noch aufzuhalten was tatsächlich unaufhaltsam war. Viele Kommunalpolitiker waren danach bedeutende Mitglieder des Widerstandes gegen das Dritte Reich. Diese Kommunalpolitiker haben sich in schwerer, in sehr schwerer Zeit, für rechtsstaatliche demokratische Verhältnisse eingesetzt und versucht, ihre Bürgerinnen und Bürger zu schützen.

Wir gedenken ihrer in Respekt und Achtung; wir nehmen uns ein Beispiel an ihrer Haltung, an ihrem Verantwortungsbewusstsein und an ihrem Mut.