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Enthüllung einer Gedenktafel zur Erinnerung an die Bücherverbrennung

- Es gilt das gesprochene Wort -

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der Enthüllung einer Gedenktafel zur Erinnerung an die Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten auf dem Neupfarrplatz vor 80 Jahren am Samstag, 11. Mai 2013, um 19 Uhr, auf dem Neupfarrplatz.

Anrede,

wir setzen heute ein weiteres Zeichen der Erinnerung an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte.

Vor 80 Jahren, am 12. Mai 1933, haben auf diesem Platz Angehörige der Hitlerjugend und anderer NS-Organisationen Bücher verbrannt.

Mit diesem Akt der Kulturvernichtung, der nationalsozialistischer Geisteshaltung entsprang, schlossen sich die jungen Regensburger Gefolgsleute Hitlers einer Aktion an, die – so der O-Ton der Nazis – „wider den undeutschen Geist“ gerichtet war.

Diese Aktion hatten – was bemerkenswert ist – die Deutsche Studentenschaft und der Nationalsozialistische Studentenbund ausgerufen. Ausgerechnet der damalige akademische Nachwuchs verstieg sich zu hirnloser Gewalt gegen Teile des deutschen Kulturfundus. Sie maßten sich in bodenloser Überheblichkeit an, darüber zu rechten, welche Art von Literatur deutsch sein durfte und welche nicht.

Überall in Deutschland wurden Professoren drangsaliert, die nicht ins ideologische Weltbild der Nazis passten. Bibliotheken wurden geplündert und zerstört. Auf öffentlichen Plätzen und damit vor aller Augen wurden Bücher verbrannt – als wären sie Abfall.

Die Nazi-Brandstifter ließen keinen Zweifel daran, wen sie bevorzugt treffen wollten: nämlich jüdische Dichter, Schriftsteller, Wissenschaftler und Publizisten – unter ihnen literarische Größen wie Kurt Tucholsky, Stefan und Arnold Zweig, Alfred Döblin, Egon Erwin Kisch und Sigmund Freud – und auch die Arbeiten des weltberühmten Physikers Albert Einstein verglühten zu Asche.

Eine weitere Absicht der Bücherverbrennung war, aufrechte Republikaner, bürgerliche Liberale, Sozialdemokraten und Kommunisten einzuschüchtern und ihnen unmissverständlich klar zu machen, dass die neuen Machthaber Widerspruch oder gar Gegnerschaft nicht duldeten.

Zu den Adressaten dieser scharfen Warnung gehörten die Brüder Heinrich und Thomas Mann wie auch Erich Kästner, Carl von Ossietzky, Erich Maria Remarque und Theodor Heuss.

Am 12. Mai 1933 wurde mit der Verbrennung von Büchern ein Sturm gesät, der letztlich ganz Europa ins Verderben riss.

In Regensburg äffte die Führung der Hitlerjugend einen dumpfen ideologischen Krawall nach, der als Einschüchterung und Machtdemon-stration gedacht war. Die Formationen der HJ marschierten hierher, zum Neupfarrplatz, wo in einem heute völlig absurd wirkenden pseudomythologischen Spektakel die Bücher von verhassten Autoren und Nazigegnern auf einen brennenden Haufen geworfen wurden. In den Flammen landeten auch Fahnen der Regensburger Sozialdemokraten.

Wir wissen heute nicht sicher, ob die Regensburger Nazis für die Bücherverbrennung absichtlich den Neupfarrplatz gewählt hatten. Es ist allerdings nicht völlig abwegig, wenn wir davon ausgehen, dass die Nazis in Regensburg die Geschichte dieses Platzes sehr wohl kannten:

Für die jüdische Geschichte in unserer Stadt hat dieser Platz große Bedeutung. Hier stand einst das jüdische Viertel, das bei einem Pogrom im Jahr 1519 zerstört wurde. Daran erinnert gleich hier das wundervolle Bodenrelief von Dani Karavan, das die Umrisse der alten jüdischen Synagoge nachempfindet.

Das Verbrennen der Bücher vor allem jüdischer Autoren ausgerechnet auf diesem Platz hat gut zur Naziideologie gepasst. Die sah sich ja gleichsam in der Tradition mit dem religiös unterfütterten Antisemitismus im Mittelalter – allerdings mit dem Unterschied, dass der Hass der Nationalsozialisten gegen die Juden nicht religiös, sondern rassistisch motiviert war.

Auch hier, auf dem Neupfarrplatz, wurde am 12. Mai 1933 eine Spirale des Hasses und des blindwütigen Mordens in Gang gesetzt. Dem Holocaust fielen sechs Millionen jüdische Menschen zum Opfer. Über 60 Millionen Tote sind die unvorstellbare Gesamtbilanz des nationalsozialistischen Irrsinns.

Der Neupfarrplatz erzählt uns aber auch vom Widerstand gegen das Regime der Nazis in unserer Stadt. 1942 wurden 36 Männer von der Gestapo verhaftet. Sie wurden beschuldigt, Feindsender gehört und deren Informationen auf dem Neupfarrplatz weitergegeben zu haben. Zwei Männer dieser Neupfarrplatz-Gruppe, wie sie später genannt wurde, verloren ihr Leben. Sie wurden wegen Hochverrats und Wehrkraftzersetzung vom Volksgerichtshof in Berlin zum Tode verurteilt. Andere aus der Gruppe erhielten hohe Haftstrafen.

Der Arbeitsinvalide Josef Haas – er hatte keine Arme und Beine mehr – kam ins Zuchthaus und wurde später im Konzentrationslager Flossenbürg erschossen.

Auch das Schicksal dieser Männer gehört zu den Geschichten, die dieser Platz zu erzählen hat.

Ich freue mich darüber, dass gerade junge Regensburgerinnen und Regensburger sich nicht abwenden von den schmerzlichen und bedrückenden Zeiten der Geschichte unseres Landes und unserer Stadt.

Schülerinnen und Schüler der Realschule am Judenstein haben mit einer Ausstellung über die Bücherverbrennung in der Staatlichen Bibliothek und einem dazu herausgegebenen Begleitband bewiesen, wie intensiv und vorbildlich sie mit Unterstützung ihrer Lehrkräfte recherchiert und reflektiert haben.

Der Neupfarrplatz ist bereits seit seiner Umgestaltung vor 15 Jahren ein Ort des Erinnerns und der Mahnung:

Zum einen haben wir hier Dani Karavans beeindruckendes und international beachtetes Bodenrelief.

Und zum anderen haben wir das ebenfalls sehr beeindruckende document, das in seinen unterirdischen Räumen an die zweitausendjährige, wechselvolle Geschichte des Platzes gemahnt.

In diesem Mahnmal wird auch der Bücherverbrennung von 1933 gedacht: in einer Wand-Inschrift im Ostflügel des Bunkers.

Das ganze document ist ein Ort des gelebten Gedenkens. Hier finden auch immer wieder Veranstaltungen statt. So zum Beispiel am kommenden Donnerstag eine Inszenierung von Paula Quast und Henry Altmann, in der mit Rezitationen, Schauspiel und Musik an die Bücherverbrennung erinnert wird.

Da das document jedoch nur bei Führungen zugänglich und damit für Menschen, die über den Neupfarrplatz gehen, nicht sichtbar ist, enthüllen wir heute eine Gedenktafel, die diese Lücke schließt.

Damit wird einmal mehr an das erinnert, was sich am 12. Mai 1933 auf diesem Platz zugetragen hat.

Mit dem Wachhalten der Erinnerung an das Schreckliche wollen wir dazu beitragen zu verhindern, dass sich abermals Schreckliches zuträgt.

Die jetzt aufgedeckten NSU-Morde müssen uns eine Lehre sein. Demokratien können sich nie sicher sein vor Bedrohungen durch Extremisten. Die Gefahr von Rechts besteht auch heute.

Wir dürfen das Feld nicht denen überlassen, die aus der Geschichte nichts gelernt haben und aus ihr nichts lernen wollen.

Daran soll uns die neue Gedenktafel mit dem Zitat aus Heinrich Heines 1823 erschienener Tragödie „Almansor“ stets mahnen:

„Das war ein Vorspiel nur – dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“