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75. Jahrestag der Reichspogromnacht

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht am Samstag, 9. November 2013, um 20 Uhr im Historischen Reichssaal

Anrede,

Wir gedenken heute eines Tages, an dem sich Deutschland von moralischen und ethischen Grundsätzen abwandte.

Menschlichkeit, die Achtung von Würde und Leben, der Respekt vor dem anderen Glauben und der anderen Kultur – all das galt ab diesem Tag nicht mehr, der sich heute zum 75. Mal jährt.

Mein besonderer und herzlicher Gruß gilt den Mitgliedern unserer jüdischen Gemeinde. Wir freuen uns über jüdisches Leben in unserer Stadt und es ist uns ein großes Anliegen, gemeinsam mit Ihnen an die dunkelste Zeit in unserer Stadt zu erinnern.

Vor 75 Jahren wurde auch in Regensburg die Synagoge geplündert, geschändet und niedergebrannt.

In Verhöhnung der Opfer nannte der Nazimob sein Wüten „Reichskristallnacht“. Als ob da nur ein paar Glasscheiben zu Bruch gegangen wären.

Nein, es war ein grausames, gut durchorganisiertes Pogrom, das letztlich in die Gaskammern der NS-Vernichtungslager führte.

Mit dieser Gedenkstunde bekunden wir den festen Willen, dass die beispiellosen Verbrechen der Nationalsozialisten nicht in die Geschichtsbücher abgeschoben sein sollen.

Wir bekennen uns dazu, dass der Holocaust Teil unserer Geschichte ist. Wir verurteilen die Mörder und ihre willfährigen Helfer. Wir trauern um die Menschen, denen infolge von Rassenwahn und inhumaner Gesinnung schlimmstes Leid zugefügt worden ist.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, die Lehren aus der dunklen Zeit des Nationalsozialismus haben unser Land neu geprägt. Mit unserem Grundgesetz ist dafür gesorgt, dass sich kein Unrechtsregime mehr festsetzen kann.

Das Grundgesetz verpflichtet uns dazu, unser Zusammenleben so zu gestalten, dass die Unmenschlichkeit keine Chance hat.

Uns muss bewusst sein: Der Verrohung des Handelns geht eine Verrohung der Gesinnung voraus. Diese Verrohung beginnt zu wuchern, wenn es an Zivilcourage fehlt, wenn sich Gleichgültigkeit und Egoismus breit machen und wenn Mitgefühl, Bürgersinn und Toleranz verkümmern.

Sehen wir uns noch einmal unsere Stadt vor und nach dem 9. November 1938 an.

Regensburg hatte gute Traditionen. Sie waren über viele Jahrhunderte hinweg geprägt von christlichen Moralvorstellungen, aber auch vom fortschrittlichen Liberalismus des Bürgertums.

In dieser Sphäre konnten die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger darauf vertrauen, ausreichend geschützt zu sein.

In der Regensburger Kultur, in der gesamten Gesellschaft und im Wirtschaftsleben gehörten die Mitglieder der jüdischen Gemeinde selbstverständlich dazu. Sie waren Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt.

Sie waren Kaufleute, Anwälte, Ärzte, Beamte, Lehrer, Handwerker und Arbeiter. Regensburg war ihre Heimat. Sie durften mit Recht darauf bauen, dass sie nicht nur unter dem Schutz des Gesetzes standen, sondern dass sie ein anerkannter Teil unserer Stadtgesellschaft waren.

Umso größer muss ihr Erschrecken darüber gewesen sein, dass sie ohne offene Hilfe dem Terror des Nationalsozialismus ausgeliefert waren. Wenn sie Hilfe erhielten, dann musste das im Geheimen geschehen.

Noch heute bewegen uns schmerzende Fragen:

  • Warum hat eine zivilisierte, kulturell reiche Gesellschaft ihren jüdischen Mitbürgern diesen elementaren Schutz versagt?
  • Wie konnte es zum Holocaust kommen, der ja auch in Regensburg seinen Anfang genommen hat? Und das nicht erst mit der Zerstörung der Synagoge.

Als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 überall in Deutschland die Synagogen brannten, als jüdische Menschen drangsaliert, als ihre Wohnungen und Geschäfte demoliert wurden, da konnte das jeder sehen. Niemand konnte mehr sagen, er habe das alles nicht mitbekommen.

Es musste jedem klar werden, dass ein zu allem entschlossenes Terrorregime das Land und seine Menschen in den Würgegriff genommen hatte.

Der Staatsterror packte nicht nur die Menschen jüdischen Glaubens. Er reichte bei jedem Einzelnen bis in die letzten Nischen des Lebens. Nicht einmal die vertrauliche Sphäre der Familie war vor Gesinnungsschnüffelei und Bespitzelung sicher.

Einschüchterung gehörte zum Programm der totalitären Beherrschung der Gesellschaft. Die Menschen waren einem Trommelfeuer der Propaganda ausgesetzt. Trotzdem gab es aufrechte Bürgerinnen und Bürger, die Distanz zum NS-Staat hielten, die stillen oder offenen Widerstand leisteten. Sie waren aber viel zu wenige. Und auch sie mussten um Leib und Leben fürchten.

In dieser Lage waren die Juden allein gelassen. Schon von 1933 an wurden sie Zug um Zug ihrer bürgerlichen Rechte beraubt und aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

Dieser fürchterliche Prozess ist für Regensburg historisch gut aufbereitet. Quellen sind gesichert, die belegen, wie jüdische Regensburgerinnen und Regensburger zu Menschen zweiter und dritter Klasse gemacht wurden.

Wie sie gepeinigt und ihrer Existenzgrundlagen beraubt wurden.

Wie sie zur Ausreise gedrängt wurden und dafür auch noch eine horrende Fluchtsteuer zu zahlen hatten.

Wie ihnen Hab und Gut geraubt wurde.

Und wie sie dazu gezwungen wurden, ihre Häuser zu Spottpreisen zu verkaufen.

Die Nürnberger Gesetze von 1935 sprachen Juden endgültig das Recht ab, Reichsbürger zu sein. Obendrein wurde die Ehe zwischen Juden und sogenannten Ariern unter Strafe gestellt.

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde der Lebensraum der Juden in Regensburg immer enger. Sie mussten den Judenstern tragen, durften nur noch in zwei Geschäften in der Stadt einkaufen. Ihre Führerscheine und Fahrzeuge wurden eingezogen, ihre Radio- und Fotoapparate konfisziert. Selbst ihre Fahrräder mussten sie abgeliefern.

Der Wert der Lebensmittelkarten für Juden wurde erst auf ein Drittel, dann noch weiter beschränkt.

Juden mussten ihre Wohnungen verlassen und konnten nur noch aufs Äußerste beengt in den eingerichteten „Judenhäusern“ Unterkunft finden.

Am 2. April 1942 begann in Regensburg der Transport von Juden in die Vernichtungslager. Es waren 106 Männer, Frauen und Kinder, die als erste von diesem tödlichen Schicksal getroffen wurden.

Der Gipfel des Zynismus war dabei, dass sie ihre Reichsbahnfahrkarten für den Sammeltransport selbst bezahlen mussten. Offiziell hieß es: es handele sich um eine Verlegung des Wohnsitzes zur Arbeitsaufnahme im Osten.

Meine Damen und Herren, ich skizziere diesen Prozess der vollständigen Entrechtung deshalb, weil er uns zeigt, wie jüdische Mitbürger geplant und systematisch aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestoßen wurden, bis sie zuletzt der Vernichtung ausgeliefert waren.

Die sogenannte arische Bevölkerung sollte von Anfang an daran gewöhnt werden, dass der Staat gegen die Juden vorging. So kam es zum beschämenden, kollektiven Schweigen der Stadt, als die Synagoge in Flammen aufging.

Auch der Synagogenbrand ist historisch dokumentiert. Nicht zuletzt deshalb, weil die Hauptverantwortlichen nach 1945 vor Gericht gestellt werden konnten.

In Regensburg wurde die NS-Motorsportschule mit dem Zerstörungswerk beauftragt. NS-Oberbürgermeister Schottenheim gab der Feuerwehr die Anweisung, den Brand der Synagoge nicht zu löschen und die umliegenden Gebäude zu schützen.

Örtliche SA- und SS-Einheiten waren damit beauftragt, jüdische Geschäfte zu zerstören und Juden zu verhaften, die zur NS-Motorsportschule an der Maxhüttenstraße gebracht wurden und dort der rohen Willkür ihrer Peiniger ausgesetzt waren.

Tags darauf mussten die gequälten Juden in einem Zug durch unsere Innenstadt gehen. Was als Schandmarsch zur Verhöhnung der Opfer gedacht war, ist zur Schande für das vom Nationalsozialismus beherrschte Regensburg geworden.

Danach wurde ein Teil der jüdischen Männer ins KZ nach Dachau gebracht. Wer nach Wochen freikam, musste sich verpflichten, über das erlittene Unrecht strengstes Stillschweigen zu bewahren.

All das führt uns vor Augen, dass die Entwicklung zur menschenverachtenden Diktatur sorgsam geplant und organisiert war, dass die ersten warnenden Anzeichen schließlich offenkundig in Vernichtung und Verderben führten.

Deshalb gilt für uns noch immer und bis in alle Zukunft eine Konsequenz: Wir müssen wachsam sein. Wir müssen uns energisch schon den allerersten Anfängen einer solchen Ideologie entgegenstellen.

Und dazu gehört ganz wesentlich, dass wir die Erinnerung wachhalten.

Die Erinnerung daran, wie alles begann und wohin es führte. Wir müssen uns daran erinnern, dass die NS-Diktatur keine anonyme Maschinerie war.

Sie wurde von Menschen gemacht, an deren Namen und Verbrechen wir uns erinnern müssen.

Wir müssen uns an die Namen der Opfer und ihr unsagbares Leid erinnern.

Wir wollen und wir dürfen die Vergangenheit nicht ruhen lassen.

Wir brauchen diese wache Erinnerung. Sie gibt uns die moralische Kraft und die tiefe Überzeugung, die wir brauchen, um uns heute gegen neonazistische Umtriebe zu stellen.

Wir lassen es in unserer Stadt nicht zu, dass die Nazizeit verherrlicht, dass Menschen anderer Hautfarbe, anderer Religion und anderer Kultur diskriminiert und bedroht werden.

Das ist unser Regensburger Bekenntnis.