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75-Jahr-Feier Eingemeindung Großprüfening, Dechbetten, Königswiesen und Ziegetsdorf

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der 75-Jahr-Feier der Eingemeindung von Großprüfening, Dechbetten, Königswiesen und Ziegetsdorf am Mittwoch, 25. September 2013,um 19.30 Uhr im Reichssaal.

Anrede,

Nicht mehr viele Bürgerinnen und Bürger wissen aus eigener Erinnerung, wie Regensburg vor 75 Jahren ausgesehen hat, als Ziegetsdorf, Dechbetten, Großprüfening und das Gut Königswiesen zu Regensburg kamen.

Dort, wo wir heute Wohngebiete und Einkaufszentren, großzügige Straßen, Gewerbe- und Industriegebiete, die Universität, das Uniklinikum und die Hochschule für angewandte Wissenschaften finden, da war früher noch ländliches Gebiet. Bauernhöfe und kleine Ortschaften mit riesigen Wiesen- und Ackerflächen bestimmten das Bild unseres nahen Umlands.

Regensburg war noch weit davon entfernt, wirklich als Großstadt zu gelten. Bayerns viertgrößte Stadt konnte Regensburg nur durch Wachstum werden – ein Wachstum an Fläche und ein Wachstum an Einwohnern.

Der Beginn unserer Erfolgsgeschichte, die uns heute laufend Spitzenplätze in der Dynamik, dem Wachstum und der Ertragskraft unserer Wirtschaft einbringt, reicht gut 200 Jahre zurück.

Das Jahr 1818 war eine der Wendemarken hin zum heutigen Regensburg.

Unsere Stadt bestand damals im Wesentlichen aus der Altstadt, umgeben von einer schmalen Peripherie mit Wohnvierteln und – im Vergleich zu heute – sehr wenig Industrie. Die gesamte Fläche der Stadt betrug damals nur knapp 18 Quadratkilometer. Das war nicht einmal ein Viertel des heutigen Stadtgebiets. Die Zahl der Einwohner reichte knapp an 16 000 heran.

Damals vor zwei Jahrhunderten ging in Regensburg die Furcht davor um, dass die Stadt sich nicht weiter entwickeln kann. Schon damals galt die kommunalpolitische Faustregel, dass eine Stadt, die keinen Platz für Neues hat, ernste Probleme bekommen wird.

Wenn es an Grund und Boden für die Erweiterung oder die Neuansiedlung von Betrieben fehlt, wird es keine zusätzlichen Arbeitsplätze geben, also wird sich auch die Zahl der Einwohner nicht erhöhen. Die städtische Finanzkraft wird stagnieren und damit auch die Entwicklung der Infrastruktur.

Eine Stadt, die sich in dieser Spirale dreht, wird hilflos sein. Sie wird zwar eine Stadt bleiben – aber eine Stadt ohne Perspektive. Eine Stadt, die zum Stillstand verdammt ist, gesellschaftlich, kulturell und erst recht wirtschaftlich.

Es dauerte viele Jahre, bis Regensburg die Gelegenheit dazu bekam, zu neuem Schwung zu finden. Und dabei half ein Instrument, das bis heute schwer umstritten ist.

Es hat so mancher Landesregierung und unzähligen Bürgermeistern, Stadträten, Kreisräten und Gemeinderäten schlaflose Nächte bereitet. Dieses Instrument hat Stürme der Entrüstung entfacht, aber in den allermeisten Fällen zu Wachstum, Arbeitsplätzen, Wohlstand und Zufriedenheit geführt – und vor allem zu einer attraktiven Infrastruktur mit Kindergärten, Schulen und Hochschulen, mit Theatern, einem funktionierenden öffentlichen Personennahverkehr – und einer effektiven, leistungsstarken Verwaltung.

Das Instrument, das ich meine, heißt im modernen Verwaltungsdeutsch Gemeindegebietsreform. Noch bevor dieses Wort erfunden war, wurde das, was es beschreibt, in Regensburg umgesetzt – und das nicht gerade zum Nachteil aller Beteiligten, wie wir heute feststellen dürfen.

Im Jahr 1818 begann Regensburg zaghaft mit den ersten Eingemeindungen von kleinen Kommunen, die in der unmittelbaren Nachbarschaft lagen.

Erst kam Kumpfmühl zur Stadt. 1904 folgte Karthaus-Prüll. Dann geschah erst einmal gar nichts, bis zum Jahr 1924: Da kam mit einem Schlag eine stattliche Reihe von weiteren Stadtrandgemeinden und kleinen Ortschaften zu Regensburg: Ober- und Niederwinzer, Stadtamhof, Steinweg, Weichs, Reinhausen, Sallern, Gallingkofen, Wutzlhofen, Ödenthal, Schwabelweis und Keilberg. Das Regensburger Stadtgebiet wuchs um das Doppelte an – auf fast 47 Quadtratkilometer mit insgesamt 77 000 Einwohnern. Der erste Schritt war getan.

Der damalige Oberbürgermeister Otto Hipp hätte aber auch noch gerne drei weitere Stadtrandgemeinden in den Schoß Regensburgs geholt – sie wollten aber nicht. In Großprüfening, Dechbetten und Ziegetsdorf waren die meisten Einwohner der Meinung, dass sie mit ihren eigenen kleinen Verwaltungen ganz gut zurecht kommen.

Am meisten Unbehagen bereitete den Dechbettenern, den Ziegetsdorfern und den Prieflingern die Aussicht, dass sie bei einer Eingemeindung nach Regensburg die dort üblichen Abgaben entrichten müssen. In den drei Ortschaften waren die allermeisten Steuern und Umlagen, die in Regensburg erhoben wurden, völlig unbekannt – eine allerdings nicht, und die war von besonderer Bedeutung. Die Biersteuer betrug zu Beginn der 1920er-Jahre in Prüfening, Dechbetten und Ziegetsdorf zwei Reichsmark pro Hektoliter. In der nahen Stadt musste für die Biersteuer das Doppelte, also vier Reichsmark, berappt werden.

Wer sich daran erinnert, dass die Münchner im März 1844 wegen der Erhöhung der Bierpreise einen wahren Volksaufstand angezettelt haben, der weiß, welche Bedeutung die Erhöhung der Biersteuer damals hatte.

Da konnte die Regensburger Stadtverwaltung noch so oft um ein ruhiges, sachliches Gespräch mit den Bürgermeistern und den Gemeinderäten bitten, ja fast flehen – immer bissen sie in Dechbetten und Ziegetsdorf und in Großprüfening auf Granit.

Die wollten einfach nicht nach Regensburg – aber gegen die Segnungen, die die nahe Stadt mit sich gebracht hat, haben sie sich nicht gewehrt.

Die Prieflinger zum Beispiel profitierten ganz erheblich davon, dass die Straßenbahn immer weiter in ihre Richtung gebaut wurde. Das brachte einen regen Ausflugsverkehr mit sich. Die Großprüfeninger Wirtschaften machten ansehnliche Umsätze mit den Stoderern.

Und zudem entdeckten etliche Regensburger die Wohnidylle an der Donau. Ein ums andere neue Haus wurde gebaut. Gerade Großprüfening und Regensburg wuchsen in dieser Zeit immer mehr zusammen, aber von einem Zusammengehen wollte man in dem kleinen Ort weiter nichts wissen, trotz aller Lockungen der nahen Stadt.

Dann kam 1933: Die Nationalsozialisten übernahmen die Macht in Deutschland – und auch im Regensburger Rathaus. Otto Hipp, der seit 1920 Regensburger Oberbürgermeister und Mitglied der Bayerischen Volkspartei war, musste das Amt an einen strammen Nationalsozialisten abgeben: Der Arzt Otto Schottenheim wurde zum Oberbürgermeister ernannt.

Aber auch er biss sich zunächst an den drei eingemeindungsunwilligen Gemeinden die Zähne aus. Immer wieder verteidigten die Bürgermeister und Gemeinderäte ihre Selbstständigkeit mit dem Hinweis, dass sie – ich zitiere – „freie Staatsbürger“ seien.

Dann aber suchten sich die Nationalsozialisten die Stadt Regensburg für ein wichtiges Rüstungsprojekt aus: 1936 fiel die Entscheidung, im Regensburger Westen ein großes Werk für die Produktion von Jagdflugzeugen mit 4500 Beschäftigten zu bauen.

Das brachte den Gemeinden Großprüfening, Dechbetten und Ziegetsdorf neuen Druck. Die Stadt brauchte zusätzlichen Platz.

Aus heutiger Sicht muss angenommen werden, dass sich die Nationalsozialisten bei der Verwirklichung ihrer hochfliegenden Rüstungs- und Industrialisierungspläne nicht mit drei kleinen Gemeinden herumschlagen wollten, die keine Lust hatten, sich nach Regensburg eingemeinden zu lassen.

Die Stadt war auf einmal ein Rüstungsstandort geworden. Neue Wohnsiedlungen, Kasernen und Werke entstanden. Die Stadt musste sich ausdehnen können. Dem hatte sich nach nationalsozialistischem Verständnis alles andere unterzuordnen. Da gab es keine freundlichen Gespräche, keine Verhandlungen und kein Überzeugen. Da wurde bestimmt. Widerspruch wurde übergangen.

Als 1938 das Regensburger Flugzeugwerk den Betrieb aufnahm, war es dann mit der Selbstständigkeit von Dechbetten, Ziegetsdorf und Großprüfening vorbei.

Der Bayerische Reichstatthalter Franz von Epp verfügte ohne große Umstände zum 1. April 1938 die Eingemeindung der drei Ortschaften nach Regensburg.

Allerdings setzte die Stadt zusammen mit der damaligen Regierung für die Oberpfalz und Niederbayern einiges daran, um den zu erwartenden Unmut zu dämpfen: Die in Regensburg geltenden Steuern und Abgaben wurden in den drei neuen Stadtteilen stufenweise über eine längere Zeit hinweg auf das Stadtniveau angehoben. Zudem wurde je ein Vertreter aus Großprüfening, Dechbetten und Ziegetsdorf in den Regensburger Stadtrat berufen.

Als die „Bayerische Ostmark“, die Nazi-nahe Zeitung für Regensburg, in der Wochenendausgabe vom 2. und 3. April 1938 in einem großen Artikel über die Eingemeindungsfeier im Reichssaal berichtete, war vom langen Widerstand gegen die Eingemeindung natürlich nicht die Rede.

Durch die drei Eingemeindungen wuchs Regensburg damals um knapp sechs Quadratkilometer und 1650 Einwohner an.

Dazu gehörte auch das Gut Königswiesen, das allerdings nicht auf dem Weg eines offiziellen Eingemeindungsverfahrens zu Regensburg kam. Die Stadt kaufte das große landwirtschaftliche Anwesen bereits im November 1937 von den damaligen privaten Eigentümern zu einem durchaus stattlichen Preis.

Ich kann Ihnen versichern, dass es mir sehr viel lieber wäre, wenn diese Feier zum 75. Jubiläum der Eingemeindung andere geschichtliche Vorzeichen hätte – ohne die Prägung durch eine Machtherrschaft, die Regensburg zum Bestandteil ihrer Rüstungspläne machte, die letztlich in Verderben und schreckliche Vernichtung führten.

Aber auch davon unabhängig ist es nie besonders vorteilhaft, wenn die Zusammenführung von kleinen Gemeinden mit einer Stadt als unfreundliche Übernahme empfunden wird – selbst wenn einer der großen Vorteile – eine leistungsfähigere und effektivere Verwaltung – auf der Hand liegt.

Dass eine Eingemeindung nicht zwangsläufig mit ungeteilter Begeisterung verbunden ist, hat sich auch bei der letzten großen Gemeindegebietsreform zwischen 1972 und 1978 gezeigt.

Damals wurden ganze Landkreise neu geordnet, viele eigenständige Gemeinden wurden mit anderen zusammengelegt. Vielfach waren diese Verhandlungen äußerst schwierig, und in manchen Fällen wurden die staatlichen Entscheidungen, die vom Protest der Bürger begleitet waren, nach langwierigen Auseinandersetzungen vor den Verwaltungsgerichten wieder rückgängig gemacht.

Auch rund um Regensburg gab es nicht nur helle Freude, als unsere Stadt zwischen 1971 und 1978 weiter gewachsen ist. Aber immerhin gingen Oberisling und Graß, Burgweinting und Harting, freiwillig zur Stadt und schlossen einen Vertrag während der Osthafen mit Irl und Teile von Barbing zum Stadtgebiet gekommen sind, weil sich der Freistaat Bayern durch den VGH mahnen lassen musste, sich an seine eigenen Vorgaben zur Gemeindegebietsreform auch selber zu halten.

Heute haben wir fast 155 000 Einwohner auf einer Fläche von 80,7 Quadratkilometern. Trotz unseres rasanten Wirtschaftswachstums sind wir in der glücklichen Lage, auch weiterhin neue Firmen anzusiedeln und eingesessenen Unternehmen Erweiterungsflächen anbieten zu können. Und wir können in erheblichem Umfang neue Wohngebiete schaffen.

Davon profitieren wir alle in hohem Maß:

  • Nicht zuletzt aufgrund unserer Expansionsmöglichkeiten steht Regensburg schon seit Jahren in der Spitzengruppe der erfolgreichsten deutschen Städte.
  • Schon seit geraumer Zeit können wir uns über nahezu Vollbeschäftigung freuen.
  • Pro Jahr wächst unsere Einwohnerzahl um mehr als 1000 an.
  • Und wir schaffen weiter die Voraussetzungen für ein gesundes, stabiles Wachstum unserer Stadt – wie zum Beispiel mit dem TechCampus auf dem Gelände der ehemaligen Nibelungenkaserne.
  • Aufgrund ihrer hohen Finanzkraft kann sich die Stadt Investitionen leisten, um die uns andere vergleichbare Städte beneiden: Das Haus der Musik etwa, die Fußballarena oder die Vorleistungen für das Museum der Bayerischen Geschichte.

Es ist mir ein großes Anliegen, bei dieser Jubiläumsfeier daran zu erinnern, dass unser heutiges Regensburg undenkbar wäre ohne die Menschen, die im Zuge der Eingemeindungen Stadtbürger geworden sind.

All diese Menschen haben mit ihrem Fleiß und ihrem Können zur Entwicklung Regensburgs erheblich beigetragen. Und sie beweisen bis heute, dass man als auch Stadtbürger weiter die besondere Identität eines Stadtviertels bewahren kann, das früher eine eigenständige Gemeinde war.

All die vielen Vereine mit ihrer wertvollen Arbeit und ihren Festen in den Stadtteilen pflegen das Bewusstsein, dass Regensburg aus einer Vielzahl von großen Nachbarschaften besteht.

Und die Stadtverwaltung bemüht sich nach Kräften darum, dass die kleinen und großen Besonderheiten in den Stadtvierteln nicht untergehen.

Das Charmante an unserer Stadt ist ja auch, dass jedes Viertel seine Eigenheiten bewahren konnte.

Stellvertretend für alle anderen möchte ich einen Blick auf Großprüfening werfen: Wer den Rennweg stadtauswärts fährt und dann in den Roten-Brach-Weg nach Süden einbiegt, der bemerkt, wie die Stadt Stück für Stück ruhiger, noch grüner und schließlich sogar richtig ländlich wird – wie mit einem Mal die alte Flusslandschaft sichtbar wird, an deren Ufern auch noch die Landwirtschaft bestehen kann.

Dort haben sich ein dörflich wirkendes Ortsbild und eine intakte dörfliche Gemeinschaft erhalten.

Gerade solche Kontraste zur mittelalterlich geprägten Altstadt machen den großen Charme unserer Stadt aus, die zugleich alt ist und modern.

Besonders wichtig aber ist, dass wir uns alle als Regensburger fühlen. Nach all den Eingemeindungen hat sich die Stadt große Mühe gegeben, ihren Neubürgerinnen und Neubürgern die Gewissheit zu geben, dass das Zusammengehen mit der Stadt doch die richtige Entscheidung war.

Von der Anbindung an den Busverkehr über das Kanalnetz, die Förderung der Ortsfeuerwehren, den Bau von Schulen, Kindergärten und Jugendtreffs – auf allen Gebieten der Daseinsvorsorge ist die Stadt bis heute darum bemüht, dass kein Stadtbezirk hinter dem anderen zurückstehen muss.

So ist ein intensives Regensburger Wir-Gefühl entstanden. Es ist so stark, dass es weit über die Stadtgrenzen hinausreicht. Das ist auch nicht überraschend: Zwei Drittel unserer 135 000 Arbeitsplätze sind mit Menschen besetzt, die im näheren und weiteren Umland wohnen.

Unsere weiterführenden Schulen, unsere Hochschulen, das Theater, die Museen und das Westbad werden von den Einwohnern aus den beiden benachbarten Landkreisen genauso gern genutzt wie von uns Regensburgern.

Viele Bewohner der Stadtrandgemeinden genießen den Einkaufsbummel durch unsere Welterbe-Altstadt, dazu die Vielfalt unserer Restaurants, Lokale und Kneipen.

Immer wieder höre ich von Menschen aus dem Umland, die – wenn sie auf Reisen gefragt werden, woher sie kommen – ganz selbstverständlich antworten: Wir sind aus Regensburg.

Diese Menschen empfinden sich auch als Regensburger, obwohl sie nach der Gemeindezugehörigkeit gar keine sind.

Ich finde, dass man unserer Stadt kaum ein schöneres Lob aussprechen kann.