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Volkstrauertag 2012

-Es gilt das gesprochene Wort-

Ansprache von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Volkstrauertages 2012 am Sonntag, 18. November 2012, um 11.45 Uhr am Ehrenmal „Unter den Linden“ im Stadtpark

Anrede,

ich bin Ihnen allen dankbar, dass Sie zu diesem gemeinsamen Gedenken am Volkstrauertag gekommen sind. Gemeinsames Gedenken ist Ihnen nicht unwichtig; Sie überlassen es nicht anderen. Bertolt Brecht hat einmal gesagt: „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“

Deswegen wollen wir heute durch unser Gedenken die Erinnerung wach halten. Wir gedenken am Volkstrauertag aller Opfer von Krieg und Gewalt.

Wir gedenken Millionen von gefallenen Soldaten und getöteten Zivilisten.

Wir gedenken der Opfer von Rassenwahn und Verfolgung.

Wir denken mitfühlend an den Schmerz, den der millionenfache Tod hinterlassen hat.

Und wir denken an die Angehörigen, die wir mit ihrer Trauer und ihrem Verlust nicht allein lassen wollen.

Sie brauchen Trost – und sie suchen verzweifelt nach einer Antwort auf die Frage nach dem Warum. Selbst wenn seit dem Tod ihres Angehörigen schon viele Jahre und sogar Jahrzehnte vergangen sind.

Zunächst ist der Volkstrauertag vor allem ein Gedenken an die Opfer der beiden großen Weltkriege, die zwei Mal, von 1914 bis 1918 und von 1939 bis 1945, die Welt in Brand gesetzt hatten.

Wahr ist ja, dass ganz Europa, die USA, Russland, Japan und viele weitere Staaten bis heute unter dem Eindruck vor allem des letzten Weltkriegs stehen, der allein 68 Millionen Menschenleben gefordert hat. Unter ihnen sind die Opfer des Holocaust – dieses unvorstellbaren, an Grausamkeit und Menschenverachtung nicht zu übertreffenden Verbrechens, das bis heute alle Deutschen in eine besondere Verantwortung nimmt – die Verantwortung dafür, sich gegen das Vergessen und Verdrängen zu stemmen.

„Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt“ – mit diesem Satz erinnert uns Bert Brecht daran, dass wir hinter den unvorstellbaren Zahlen an Toten die einzelnen Menschen sehen müssen. Erst wenn wir uns vor Augen führen, dass jedes Opfer einen Namen hatte, eine Lebensgeschichte, eine Familie, Träume und Wünsche – erst wenn wir an die persönlichen Schicksale erinnern, entreißen wir die Toten der Anonymität und dem Vergessen. Erst dann gedenken wir wirklich, erst dann hat unser Erinnern Gesichter.

Die schrecklichen Folgen von Kriegen dürfen nicht auf Zahlen reduziert werden, die wir staunend, aber bisweilen erstaunlich emotionslos zur Kenntnis nehmen.

Heute, 67 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, tun sich besonders jüngere Menschen schwer damit, die Bedeutung und den Sinn des Volkstrauertags nachzuvollziehen.

Sie empfinden den Volkstrauertag als eine zur Pflicht gewordene, in eine weit zurückliegende Zeit gewandte Veranstaltung, in deren Mittelpunkt die beiden großen Weltkriege stehen.

Dabei übersehen sie, dass der Volkstrauertag generell an den furchtbaren Schrecken von Krieg und Gewaltherrschaft erinnert, an das Unrecht, an Willkür, an die Unmenschlichkeit brutaler Gewalt, an das Grauen von Verfolgung, Verschleppung, Vertreibung und Demütigung.

Der Krieg ist bis heute die große Geißel der Menschheit. Der Krieg ist noch immer allgegenwärtig.

Recherchen des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung haben ergeben, dass es im Jahr 2011 so viele Kriege und bewaffnete Konflikte gab wie seit 1945 nicht mehr. Ein Jahr – 20 Kriege: So lautet die schreckliche Bilanz der Konfliktforscher.

Neben politischen, wirtschaftlichen und ethnischen Krisen ist ein Auslöser des Krieges die Unterdrückung. Das hat sich unlängst in einer Reihe von arabischen Staaten erneut bestätigt.

Den so genannten Arabischen Frühling – das Aufbegehren gegen despotische Machthaber und die Forderung nach politischer Veränderung bezahlten Tausende mit dem Leben. In Syrien nimmt der blutige Kampf des Diktators gegen große Teile seines eigenen Volkes bis heute kein Ende.

Rebellionen und Veränderungen bringen noch keine Sicherheit vor Krieg und Gewalt. Wir erhalten zur Zeit weltweit wieder Anschauungsunterricht dafür, daß nur Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Achtung der Menschenrechte Gewähr für Frieden und Freiheit bieten.

Auch die Bewohner des Sudan müssen diese leidvolle Erfahrung machen. Er kommt nicht zur Ruhe: Nachdem sich der Südsudan zu einem unabhängigen Staat erklärt hat, sind die Konflikte mit dem Norden des ehemals vereinten Landes neu entbrannt.

Wir Deutsche müssen noch Jahre mit besonderer Sorge auf Afghanistan blicken. Das seit Jahrzehnten von Kriegen, Terror und Tod heimgesuchte Land am Hindukusch ist von einem stabilen Frieden leider noch immer weit entfernt.

In Afghanistan stehen deutsche Soldaten zum ersten Mal seit 70 Jahren im Kriegseinsatz. Von den rund 63 000 internationalen Soldaten, die derzeit in Afghanistan stationiert sind, stellt Deutschland 4600. Der Einsatz der ISAF, der International Security Assistance Force, soll Ende 2014 mit dem Abzug der Soldaten abgeschlossen werden. Was bis dahin wird und was danach kommt, weiß derzeit aber niemand sicher zu sagen.

Krieg und bewaffnete Konflikte sind unmittelbar in den deutschen Alltag zurückgekehrt, seitdem die Bundeswehr in zahlreichen Ländern an Einsätzen zur Herstellung, Sicherung oder Bewahrung des Friedens beteiligt ist.

Gerade im Angesicht unserer Geschichte ist es uns Deutschen wichtig, dass diese Einsätze den drohenden Ausbruch von Gewalt verhindern oder bewaffnete Auseinandersetzungen und Kriege beenden sollen.

Mittlerweile sind für deutsche Soldaten die Gefahren des Krieges wieder tägliche Realität geworden. Bei allen Auslandseinsätzen der Bundeswehr sind bisher 100 Angehörige unserer Streitkräfte gefallen oder auf andere Weise ums Leben gekommen.

Etwas mehr als die Hälfte ihrer Todesopfer hatte die Bundeswehr in Afghanistan zu beklagen.

Der Einsatz unserer Soldatinnen und Soldaten in diesem Land ist nicht unumstritten. Es wird gefragt, ob es überhaupt möglich sein kann, mit Waffengewalt Frieden schaffen zu wollen. Es wird gefragt, ob die bisher erzielten Erfolge die vielen Todesopfer unter Zivilisten und Soldaten wert sind. Es wird aber auch gefragt, ob die Weltgemeinschaft es verantworten kann, das Land wieder im Chaos versinken zu lassen, wenn es zu früh sich selbst überlassen wird.

Wie immer diese Fragen auch beantwortet werden mögen – eine Frage sollten wir uns immer stellen: Warum wird überhaupt noch Krieg geführt in unserer Zeit, die sich so modern, so zivilisiert und allem Anschein nach auch so friedlich gibt?

20 Kriege im Jahr 2011: War denn wirklich keiner zu verhindern? Wir sind doch so globalisiert; so weltweit vernetzt. Die Staaten dieser Welt rücken wirtschaftlich doch immer enger zusammen. Warum gelingt das nicht auch politisch? Wo bleibt das Patentrezept für den globalen Frieden?

Vor wenigen Wochen hat die Europäische Union überraschend den Friedensnobelpreis verliehen bekommen. Viele von uns werden zuerst gestaunt haben, weil sie das vereinte Europa für Vieles halten – aber nicht unbedingt für eine Friedensinitiative.

So schnell kann das kollektive Gedächtnis vergessen.

Anfang der 1950-er Jahre gründeten sechs Staaten – darunter als treibende Kräfte Frankreich und die noch junge Bundesrepublik Deutschland – die Europäischen Gemeinschaften.

Deren Ziel war es, durch eine intensive wirtschaftliche Zusammenarbeit und durch Ankurbelung des Wirtschaftswachstums stabile Verhältnisse zu schaffen und somit die Gefahr neuer militärischer Konflikte ein für allemal auszuschließen.

Dieses Friedensmodell, das zuvor nur von politischen Theoretikern für machbar gehalten worden war, wurde erfolgreich umgesetzt. Der europäische Kontinent, der Jahrhunderte lang durch schreckliche Kriege geprägt gewesen war, übt endlich und mit anhaltendem Erfolg die Verbrüderung.

Auch wenn heute die Interessen der 27 Mitgliedsstaaten nicht immer und vor allem nicht einfach unter einen Hut zu bekommen sind, so herrscht doch in der EU eine absolut klare und unveränderliche Übereinstimmung: Es darf nie wieder Krieg geben! Europa hat gelernt: Wer eng zusammenarbeitet, führt nicht Krieg gegeneinander!

Wer weiß, welche noch größeren Ausmaße vor 20 Jahren der Krieg im ehemaligen Jugoslawien angenommen hätte, wenn sich nicht die Europäische Union intensiv um eine Friedenslösung bemüht hätte.

Slowenien gehört inzwischen zu dieser EU, Kroatien steht vor dem Beitritt. Serbien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina gelten als Beitrittskandidaten. Mit großem diplomatischem Einsatz engagiert sich die Europäische Union als Mittler zwischen den letzten verbliebenen Konfliktparteien – Serbien und dem Kosovo.

Frieden durch immer engere Zusammenarbeit – so könnte nach dem Beispiel des Friedensnobelpreisträgers Europäische Union die anscheinend einfache, in Wirklichkeit aber sehr schwierige Friedensformel für die Welt lauten.

Gut 60 Jahre hat es gedauert, bis die EU nicht nur zu einer Wirtschaftsmacht, sondern mit 500 Millionen Menschen auch zur größten Friedensbewegung unserer Zeit geworden ist.

„Für über sechs Jahrzehnte Beitrag zur Förderung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa“ – so heißt es in der Begründung des Nobelpreiskomitees - wurde der EU nun also diese Auszeichnung zuerkannt.

Daraus ziehen wir die Lehre, dass eine erfolgreiche, friedliche Zukunft nicht mit Verdrängen und Vergessen erreicht werden kann, sondern mit dem Erinnern und dem Lernen aus der Erinnerung.

Diese Aufforderung hat uns hier am Mahnmal für die Opfer der Weltkriege zusammengeführt.

Aus diesem Grund gedenken wir heute aller Opfer von Krieg und Gewalt.

Wir gedenken

  • der Soldaten, die in beiden Weltkriegen gefallen sind, die in Gefangenschaft gestorben oder auch heute noch vermisst sind,
  • der Menschen aller Völker und Staaten, die durch Kriegshandlungen gestorben sind,
  • derer, die deswegen getötet wurden, weil sie sich aktiv gegen die gestellt haben, die sich ein Recht über das Leben anderer angemaßt haben,
  • derer, die getötet wurden, weil sie einer anderen Rasse oder einem anderen Glauben angehört haben,
  • all derjenigen, die ihr Leben lassen mussten, weil sie die Überzeugungen derer, die an der Macht waren und sind, nicht geteilt haben,
  • derer, die verfolgt und getötet wurden, weil ihr Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als nicht lebenswert eingestuft wurde,
  • derer, die in der Folge von Krieg und Vertreibung ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht ihr Leben verloren haben.

Wir trauern um alle Menschen, die Opfer von Kriegen, Gewalt und Terror geworden sind.

Wir trauern mit allen, die Menschen verloren haben, die ihnen nahe standen.

Wir hoffen auf eine Zukunft, in der Krieg, Gewalt, Terror und Unterdrückung keinen Platz haben und auf dauerhaften Frieden bei uns und in der ganzen Welt.