Navigation und Service

Stadtfreiheitstag 2012

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Stadtfreiheitstages 2012 am Samstag, 10. November, um 20 Uhr im Reichssaal

Anrede

Freiheit ist seit jeher ein elementares Bedürfnis der Menschen. Es hat allerdings viele Jahrhunderte gedauert, bis in Europa Unterjochung, Leibeigenschaft und autoritäre Herrschaftssysteme abgeschafft waren.

Eine der Keimzellen der gesellschaftlichen Freiheit waren die Städte – so wie Regensburg. In den Städten formierten sich die ersten Initiativen zu Selbstbestimmung. Sie haben uns auf einen langen, schwierigen Weg zur umfassenden Demokratie geführt, die uns heute glücklicherweise zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Noch immer arbeiten wir an der Perfektionierung unseres demokratischen Systems. Demokratie ist ein Prozess, etwas Lebendiges. Sie lebt von Diskurs, von Meinungen, die in Entscheidungen münden sollen.

Heute erfassen wir Meinungen nicht nur in Wahlen und Abstimmungen – zur Transparenz in einer Demokratie trägt auch die Demoskopie bei. Manche Medien, die zu griffigen Bildern neigen, vergleichen sie mit dem sagenumwobenen Orakel von Delphi. Dessen Antworten waren allerdings wenig belastbar. Die Orakel-Priesterin, die Pythia, saß nämlich über einer Erdspalte, aus der benebelnde Gase aufstiegen.

Das weckt erhebliche Zweifel an der Zuverlässigkeit des antiken Orakels und lässt uns zufrieden feststellen, dass die moderne Demoskopie doch wesentlich treffsicherer arbeitet.

Es beeindruckt uns ja immer wieder, wie an Wahlabenden gleich nach der Schließung der Wahllokale die Ergebnisse oft bis auf den Prozentpunkt genau prognostiziert werden können.

Die Meinungsforschung gilt gleichsam als exakte Wissenschaft. Und wer möglichst genau wissen will, was die Menschen in unserem Land oder in der Stadt denken, was sie wünschen oder ablehnen, bedient sich der repräsentativen Befragung – wobei in der Politik durchaus zielgerichtetes Handeln damit verwechselt wird, sich nach dem Ergebnis einer demoskopischen Befragung zu richten.

Über deren Mindesthaltbarkeit lässt sich jedoch streiten. „Die Demoskopie“, so hat der legendäre britische Fernsehmoderator David Frost gesagt, „ist ein Wetterbericht für Politiker“.

Das Trügerische am Wetter ist, dass es sich manchmal abrupt ändert – ebenso wie die Meinungen der Menschen. Deswegen darf sich die Politik, wenn sie langfristig wirkende Entscheidungen treffen muss, nicht ausschließlich nach der erhobenen tagesaktuellen Einschätzung richten.

Allerdings bekommt man in Meinungsumfragen auch Antworten, die weit über den Tag hinaus ihre Gültigkeit behalten – man muss nur die richtige Frage stellen. Das haben wir in Regensburg vor nicht allzu langer Zeit erlebt: eine Meinungsumfrage brachte zutage, dass unter allen deutschen Städten in Regensburg die meisten glücklichen Menschen leben. Wir Regensburger haben das schon seit langem geahnt – schön, dass wir es nun auch schriftlich haben.

Nicht alle sind aber von der Treffsicherheit der Meinungsforschung überzeugt. „Ist Demoskopie ein Abbild des Volkes?“, fragt etwa der Publizist Fritz Peter Rinnhofer. Die Antwort lässt er offen.

Sicher ist unstreitig, dass die Meinungsforschung eine bedeutende gesamtgesellschaftliche Aufgabe erfüllt.

In Deutschland hat die Demoskopie 1947 begonnen: Damals gründete die Philosophin und Zeitungswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann gemeinsam mit ihrem Mann Erich Peter Neumann das Institut für Demoskopie Allensbach als damals erstes deutsches Meinungsforschungsinstitut.

Seither ist der Name der kleinen Gemeinde am Bodensee zum Begriff für die Erforschung von Meinungen und Einschätzungen schlechthin geworden.

An diesem Erfolg hat Prof. Dr. Renate Köcher, unsere heutige Festrednerin, großen Anteil.

Schon seit 1977 ist sie für das Institut für Demoskopie in Allensbach tätig.

Zunächst war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin, danach Projektleiterin, wobei sie sich im wesentlichen mit den Themen technische Innovationen, Energie und Finanzdienstleistungen beschäftigte. Frau Prof. Dr. Köcher hat in Mainz und München Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Publizistik studiert.

In ihrer Doktorarbeit untersuchte sie die Berufsethik von deutschen und britischen Journalisten.

1988 erhielt sie von der Unternehmensgründerin das Angebot, in die Geschäftsführung des Allensbacher Instituts einzutreten. Frau Köcher nahm an – und seit dem Tod von Elisabeth Noelle-Neumann im Jahr 2010 leitet sie das Institut als alleinige Geschäftsführerin.

Frau Prof. Dr. Köcher wird ein Thema behandeln, das eng mit dem Anlass unseres Festakts verbunden ist. Ihre Rede trägt die Überschrift: "Die Wertschätzung der Freiheit in einer freien Gesellschaft."

Die Wertschätzung der Freiheit – die Wertschätzung von etwas, was wir gemeinhin und oft ohne nachzudenken als Selbstverständlichkeit betrachten.

Am 10. November 1245 erhob Kaiser Friedrich II. mit dem Edikt von Pavia Regensburg zur freien Reichsstadt, die von da an nur noch dem Kaiser unterstellt sein sollte.

Für Regensburg war das ein unschätzbarer Fortschritt: Zu Ende war die Abhängigkeit von Bayernherzog und Bischof. Es gab keine Leibeigenschaft mehr und keine Fremdbestimmung. Endlich ging ein großer Wunsch in Erfüllung: Die Bürgerinnen und Bürger konnten das Schicksal ihrer Stadt selbst in die Hand nehmen. Es war die Geburtsstunde der kommunalen Selbstverwaltung.

Heute sind die deutschen Städte zu urbanen Zentren geworden, in denen alle Bedürfnisse des täglichen Lebens erfüllt werden – Wohnen, Arbeiten, eine hohe Einzelhandelsdichte, ein riesiges Angebot an Dienstleistungen, umfassende Bildungseinrichtungen, eine hochwertige medizinische Versorgung und ein anspruchsvolles Kulturangebot – all das zeichnet viele unsere Städte heute aus, auch Regensburg.

In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich unsere Stadt zum Motor für weite Teile der Oberpfalz und Niederbayerns entwickelt – mit beachtlichen Kennzahlen:

  • In der wirtschaftlichen Dynamik und der kommunalen Finanzkraft gehören wir bundesweit zu den stärksten Städten.
  • Auf derzeit 152 000 Einwohner kommen etwa 135 000 Arbeitsplätze.
  • Pro Jahr steigt unsere Einwohnerzahl um rund 1500.
  • Das in Regensburg erwirtschaftete jährliche Bruttoinlandsprodukt ist mit rund 75 000 Euro pro Einwohner das höchste unter allen bayerischen Städten.

Dem gegenüber fürchten manche Bürgermeister und Landräte in Ostbayern um die Zukunft ihrer Regionen, die heute bereits von den Folgen des demografischen Wandels geprägt sind – von Überalterung, vom Wegzug junger Menschen, vom Verlust an Arbeitsplätzen, öffentlichen Einrichtungen und Kaufkraft.

Manche Politiker aus den betroffenen Regionen fordern daher, dass der Sogwirkung der Großstadt Einhalt geboten werden muss. Sie rufen nach mehr staatlicher Förderung – als ob mit Geld die Lebensplanungen der Menschen verändert werden könnten.

Wir leben im Zeitalter einer Re-Urbanisation. Die Lebensentwürfe vieler Menschen sind urbane Lebensentwürfe. Sie folgen nicht nur dem größeren Arbeitsplatzangebot- sie suchen auch die Annehmlichkeiten der Stadt. Zudem tragen die stark gestiegenen Mobilitätskosten dazu bei, dass die Menschen ein Leben mit kurzen Wegen suchen.

Die pauschale Förderung des ländlichen Raums mit der Gießkanne hilft nichts. Es muss immer eine Symbiose, ein gedeihliches Miteinander zwischen der Stadt und dem ländlichen Raum geben. Die Stadt wird mit ihrer breiten Infrastruktur immer mehr auch auf das Umland ausstrahlen.

In Regensburg sind zwei Drittel der 135 000 Arbeitsplätze von Menschen besetzt, die im engeren und weiteren Umland wohnen.

Bis nach Weiden, Straubing und in den Bayerischen Wald, dazu bis an die Grenzen zu Oberbayern und Franken wirkt Regensburg als Mittelpunkt für Bildung und Kultur und als Einkaufsstadt. Der Einzugsbereich unseres Einzelhandels umfasst etwa 650 000 Menschen.

Trotz zahlreicher großer Wohnbauprojekte kann Regensburg nicht alle Menschen aufnehmen, die hierher ziehen wollen. Viele Menschen, die sich als Neu-Regensburger empfinden, lassen sich im Umland nieder, das dank immer besserer Verkehrsanbindungen mehr und mehr mit der Stadt verwächst.

Wenn in den Umlandgemeinden die Einwohnerzahl steigt, wird die dortige Infrastruktur automatisch nachziehen müssen.

Es wird in Zukunft also entscheidend sein, dass sich die Städte und ihr Umland als einen gemeinsamen Lebens- und Wirtschaftsraum begreifen – und nicht als Konkurrenten um staatliches Geld.

Auch diese Entwicklung hat mit Freiheit sehr viel zu tun – mit der Freiheit der Menschen, ihr Leben selbst zu gestalten.