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Neujahrsempfang

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Neujahrsempfangs 2012 der Stadt Regensburg am Freitag, 13. Januar 2012, um 11 Uhr im Historischen Reichssaal des Alten Rathauses

Anrede


Viele von Ihnen haben meinen Bürgermeisterkollegen und mir ein „gutes neues Jahr“ gewünscht. Wir danken Ihnen, dass Sie dabei nicht zu „handgreiflich“ geworden sind; gerne erwidern wir diese Wünsche noch einmal und fügen an, dass das kommende Jahr nicht nur für Sie persönlich, sondern auch für die Stadt Regensburg gut werden möge.

Die schwungvoll-feierliche Begrüßung durch das Blechbläserquartett der Brass Band Regensburg soll auch die guten Wünsche unterstreichen; herzlichen Dank dafür.

Doch was zeichnet ein gutes Jahr aus? Als ich mir überlegt habe, welche Wünsche ich für das kommende Jahr formulieren möchte, bin ich auf ein Zitat des jüdisch-deutschen Industriellen, Politikers und Schriftstellers Walther Rathenau gestoßen, der seinen Neujahrswunsch so formuliert hat:
„Weniger Rede, mehr Gedanken - weniger Interessen, mehr Gemeinsinn.“

Rathenaus Überlegung ist uns sicher sympathisch, wobei ich doch hoffe, dass Sie mir zugestehen, meine nachfolgenden Gedanken in Form einer Rede zu äußern.

Gedankenlose Reden gibt es, sind aber nicht nur mir verhasst. Wer seinen Mund aufmacht, der sollte sich schon im Klaren darüber sein, was er sagen möchte! Und wenn man nichts zu sagen hat, helfen auch keine wohltönenden Worte.

Genauso Recht gebe ich Rathenau, wenn er sich weniger Partikularinteressen wünscht und dafür mehr Gemeinsinn.

Als vor einem Jahr „Wutbürger“ zum Wort des Jahres gewählt wurde, gab es Kritik, dass diese Bezeichnung viel zu wenig bekannt sei. Das hat sich im Jahr 2011 entscheidend geändert. Dieser Wutbürger habe das schöne Gefühl, seine Wut diene letztlich der Allgemeinheit, schreibt der Architekt und Journalist Gerhard Matzig im Oktober 2011 im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Und das sei das größte Missverständnis unserer Zeit.

Ich zitiere: „Denn der Wutbürger ist vor allem dies: ein Egoist, der sich nicht kümmert um die Welt, sondern vor allem seinen eigenen Besitzstand gewahrt sehen möchte.“

Darüber gibt es zahlreiche Studien, letztlich werden die Meinungen aber immer auseinandergehen. Wut wird in einschlägigen Enzyklopädien als die wohl stärkste menschliche Emotion bezeichnet. Sie berge so viel Energie, dass sich auch der schwächste Mensch in Sekundenschnelle zur angriffslustigen Bestie entwickeln kann. Warum also nicht diese Energie nutzen? Drehen wir doch einfach das „W“ in Wut um, dann wird ein „M“ daraus und aus dem „Wutbürger“ entsteht ein „Mutbürger“!

Im Gegensatz zur Wut, der die Konsequenzen unseres Handelns egal sind, die „rein aus dem Bauch heraus“ entsteht und allein auf die Verteidigung des Individuums abzielt, braucht Mut einen rationalen Ursprung: den Gebrauch des Verstandes. Mut beinhaltet auch die Bereitschaft, freiwillig ein Risiko auf sich zu nehmen und die Hoffnung auf einen guten Ausgang. Das sagt der Schweizer Psychologe Andreas Dick; seiner Meinung nach, gehört dazu auch „eine mit Klugheit und Besonnenheit gewonnene Erkenntnis (…), was (…) richtig und was falsch ist“.

Aber was ist richtig und was falsch? Für jeden von uns, aber eben auch für uns als Gemeinschaft? Und wie erkennen wir es? - Diese Fragen sind unser tägliches Standardthema. In einer Rede, die mich fasziniert hat, hat Papst Benedikt XVI. am 22. September 2011 vor dem Deutschen Bundestag dazu Wege gewiesen. Die Meinung der Mehrheit allein, sagt er, sei dort vielleicht ausreichend, wo etwas juristisch zu regeln sei. Wenn es aber um die Würde des Menschen gehe, reiche das Mehrheitsprinzip nicht mehr aus. In diesen Fragen müsse jeder selbst die Kriterien seiner Orientierung suchen.

Und der Papst fragt weiter – ich zitiere: „Wie erkennt man, was recht ist? In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, nie eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, die freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt.“ – Zitat Ende.

Generationen von Philosophen haben sich damit beschäftigt, von welchen Werten, von welchen Tugenden wir unser Handeln leiten lassen sollten, vor allem im Hinblick auf das Gemeinwohl. Und ganz offensichtlich war dies auch dem Rat der Stadt Regensburg im 16. Jahrhundert ein wichtiges Anliegen. Denn bereits im Jahr 1554 ermahnt eine Tafel in lateinischer Sprache - die Sie heute noch im Kurfürstenzimmer - damals Ratssaal - bewundern können - die Ratsherren an ihre Pflicht zu Toleranz und Gerechtigkeit.

(„Quisquis Senator officij causa curiam ingrederis, ante hoc ostium privatos affectus abiicito, iram, vim, odium, amicitian, adulationem, publicae rei personam et curam suscipito. Nam ut alijs aequus aut iniquus Judex fureris, ita quoque DEI Judicium exspectabis et sustinebis.”)

Im Foyer des Kurfürstenzimmers gibt es eine Version in deutscher Sprache:
„Ohn alle böß affect“ soll demnach ein Ratsherr sich ins Rathaus begeben, „feindschafft, zorn und heuchlerey, neid, gunst, gewaldt und tyranney“ ablegen, Arme wie Reiche gleich behandeln und stets die „gantz gemain“ bei seinem Handeln berücksichtigen.

Gerechtigkeit walten, die Wut oder den Zorn außen vor lassen und das Wohl der ganzen Stadt im Blick haben – an dieser Maßgabe hat sich auch für einen modernen Stadtrat, für einen Oberbürgermeister und für die Verwaltung von heute nichts geändert. Immer häufiger werden aber Einzelinteressen als Gemeinwohlorientierung ausgegeben. Das Gemeinwohl als Schutzschild des Individualinteresses wird ergänzt vom Nimby-Phänomen („Not in my backyard“ – „nicht in meinem Hof“), das es als Sankt-Florians-Prinzip auch schon länger gibt. Beides taugt als Handlungsanleitung für gemeinwohlorientierte Entscheidungen offenkundig nicht.

Denn Politik muss, wie Matzig in seinem Buch mit dem Titel „Einfach nur dagegen – Wie wir unseren Kindern die Zukunft verbauen“, auf Gestaltung, nicht auf Verweigerung abzielen. Die Wut-Bewegung sei in ihrer Radikalität antidemokratischer Natur und verbünde sich mit der Angst. Einer Angst, die etwas typisch Deutsches sei, besser bekannt auch als „German Angst“. Auf diese Angst, die nicht beflügelt, sondern lähmt, will ich noch zu sprechen kommen.

Werden wir also zu einer Nation der Bedenkenträger, ja vielleicht sogar der Ängstlichen? Oder andersherum gefragt: Würden wir heute unseren Dom bauen? Trauen wir uns heute noch, in der Stadt eine Brücke zu bauen? Hätte man Regensburg zum UNESCO-Welterbe ernannt, wenn nicht unsere Vorfahren die damals futuristisch anmutenden und protzigen Patrizierburgen gebaut hätten – mit Begeisterung und Euphorie, und sicherlich auch über Widerstände hinweg und trotz Bedenken?

Unsere Vorfahren hatten Phantasie, sie konnten sich für eine Sache begeistern und sie hatten das Selbstbewusstsein, ihre Visionen auch in die Tat umzusetzen, ohne von Bedenken und Angst gelähmt zu werden. Sie hatten dabei das Wesentliche im Blick, Partikularinteressen waren zweitrangig. Sie haben Spuren hinterlassen! Welche Spuren werden wir unseren Nachkommen hinterlassen?

Wie schaffen wir es, auch bei Projekten, die weniger bedeutend erscheinen, da Große und Ganze, das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren? Ist eine Buslinie zumutbar, die einen wachsenden Stadtteil besser anbindet und vielen eine umweltfreundliche Verbindung in die Altstadt eröffnet, auch wenn sie durch Wohngebiete führt und damit für manche Belästigungen verbunden sind? Muss ein Spielplatz verschwinden, der unzähligen Kindern in unserer Stadt Platz zum Toben bietet, nur weil Anwohner fürchten, er könne von Jugendlichen für nächtliche Saufgelage missbraucht werden?

Was ist wichtiger: Die Bedürfnisse der Menschen, die die Nächte in unserer Altstadt durchfeiern möchten? Oder die der 12 000 Bewohner, die nachts ihre Ruhe haben möchten? Welche Entscheidung ist jeweils die gerechtere?

In einer Diskussion über Werte, die auch für eine moderne Gesellschaft noch von Bedeutung sind, ist die Gerechtigkeit an sich sicherlich unumstritten. Niemand wird ein politisches System befürworten, das auf Ungerechtigkeit aufgebaut ist. Dennoch weicht das subjektive Empfinden darüber, was gerecht oder ungerecht ist, häufig von der objektiven Sachlage ab.

Noch schwieriger ist es mit der Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Allgemeinheit. Muss ich meine eigenen Bedürfnisse sang- und klanglos einem angeblichen Gemeinwohl unterordnen? Oder ist es nicht sogar meine Pflicht und Schuldigkeit, meine Anliegen öffentlich zu formulieren? Mich darum zu kümmern, dass ich selbst nicht zu kurz komme?

Selbstverständlich hält die Demokratie in unserer Zeit, in der individuelle Rechte eine nie zuvor erreichte Bedeutung erlangt haben, für jeden einzelnen Bürger und jede Bürgerin die Möglichkeit bereit, ihre persönlichen Bedürfnisse zu formulieren und einzufordern - als individuellen Anspruch oder kollektiv als Forderung nach Bürgerbeteiligung. Das ist auch gar nicht unser gesellschaftliches Problem. Schwierig wird es erst, wie mir scheint, wenn getroffene Entscheidungen auch akzeptiert werden müssen - gerade wenn eigene Interessen dabei hintangestellt werden müssen!

In Stuttgart und in München sind jüngst Stimmen laut geworden, dass man Ergebnisse von Volks- und Bürgerentscheiden nicht akzeptieren werde, wenn sie mit der eigenen Meinung nicht übereinstimmen - ja dass sogar mit neuer Gewalt gerechnet werden muss; alles unter dem Postulat von Freiheit.
„Mit schrankenloser Individualisierung lassen sich (…) weder Gesellschaft noch Staat machen.“ – sagte Prof. Heinrich Oberreuter jüngst in einem Vortrag zum Thema „Ethik in der Politik“.
Und weiter – ich zitiere:
„Der Denkfehler liegt in der Annahme, dass Freiheit definiert sei durch Abwesenheit jeglicher Verpflichtung. Tatsächlich ist Freiheit ohne rechtliche und soziale Verpflichtungen nicht zu haben. Und tatsächlich wird Freiheit durch nichts mehr gefährdet als durch die Abwesenheit aufgeklärter Wertorientierungen in Staat und Gesellschaft. Denn das Individuum wird gerade dann bedroht, wenn die Frage danach nicht mehr gestellt wird, was gut ist.“ – Zitat Ende -

Aber was ist denn eigentlich wirklich gut? Diese Frage stellen wir uns immer wieder, wenn wir Entscheidungen treffen, mit deren Folgen auch unsere Kinder und Enkel noch leben müssen. Wir müssen sie uns aber auch dann vorlegen, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen. Leicht kann dann die Überzeugung den Ausschlag geben: Wer nichts tut, kann auch nichts falsch machen. Wer nichts tut, kann aber auch nichts bewegen. Er erstarrt selbst und trägt dazu bei, dass unser Gemeinwesen zum Stillstand kommt.

„Den Vereinen gehen die Führungskräfte aus“ – so lautete vor kurzem eine Schlagzeile. Der Regensburg Marathon kann heuer nicht stattfinden, weil sich niemand gefunden hat, der ihn organisiert. Ebenso die Faschingssaison der Narragonia oder der Blumenball. Bezeichnend ist dabei, dass nur allzu rasch der Ruf laut wird, warum denn die Stadt in solchen Fällen nicht einspringt. Dass eine Gesellschaft konstitutiv vom ehrenamtlichen Engagement getragen wird, weil die öffentliche Hand niemals alle anfallenden Aufgaben wahrnehmen kann, wird nicht bestritten. Dennoch sucht niemand die Verantwortung zunächst bei sich selbst. Der Ruf nach einem Eingreifen des Staates ist einfacher und viel unverbindlicher!

Zum Glück gibt es immer noch viele Gegenbeispiele von hervorragendem bürgerschaftlichen Engagement bei uns in Regensburg und in unserer Gesellschaft. Jedem von Ihnen, der sich im vergangenen Jahr ehrenamtlich eingebracht hat und das im begonnenen Jahr wieder tun wird, danke ich von Herzen. Gerade weil wir erleben, wie viele Bürgerinnen und Bürger ihre individuelle Entscheidung, ihre Interessen zwischen rein persönlichen Anliegen und Engagement für Andere aufzuteilen, klar und mit absoluter Priorität für Ersteres treffen. Umso mehr verdient Anerkennung und Dank, wer seine Zeit und seine Kraft in wesentlichem Maß den Mitmenschen und dem Gemeinwesen zu Gute kommen lässt. In dieser Gruppe gibt es viele „Helden des Alltags“, deren Engagement berichtens- und erwähnenswert wäre!

Ich habe sozusagen stellvertretend zu diesem Empfang eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern eingeladen, die sich ehrenamtlich in der Senioren- und Sozialarbeit engagieren. Ich begrüße Sie herzlich und sage Ihnen allen für Ihre Arbeit ein herzliches Vergelt’s Gott!

Warum lesen, warum hören, warum sehen wir trotzdem viel öfter die Negativbeispiele? Warum beschäftigen wir uns weit häufiger mit Negativem als mit Positivem? Liegt es daran, dass wir etwas in uns haben, das Harald Martenstein in einer zynischen Glosse im Zeit-Magazin Nr. 46 mit dem Begriff „Angstlust“ bezeichnet hat?
Der Mensch brauche Angst wie Essen und Trinken, argumentiert er. Angst müsse von Zeit zu Zeit trainiert werden, damit sie nicht erschlaffe wie ein ungeübter Muskel.

„Ich gehöre zu der Generation, der nie Schlimmes zugestoßen ist. Aber ich habe prächtige Ängste miterleben dürfen“, schreibt er. „Die Angst vor dem Atomkrieg – ein Superknaller. (…) Die Angst vor der Ökokatastrophe gibt es ja in den verschiedensten Varianten - Waldsterben, Klima, Seuchen. Die Angst vor Terrorismus. Die Angst vor einer Wiederkehr der Nazis. Die Angst davor, durch Lebensmittel vergiftet zu werden. Die Angst vor den Atomkraftwerken war eine der schönsten Ängste. (…) Die Angst vor dem Islam hat bei mir nicht gezündet. Aber bei der Inflationsangst bin ich wieder voll dabei.“ – Zitat Ende -

Angst ist überlebensnotwendig. Der Mensch hätte im Lauf der Evolution ohne Angst nicht überleben können. Aber wir müssen uns doch immer wieder fragen, ob unsere Ängste wirklich gerechtfertigt sind.

Walter Krämer, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Universität Dortmund, beschäftigt sich ebenfalls mit diesem Thema. In seinem Buch „Die Angst der Woche – Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten“ geht er der Frage nach, warum sich die Menschen so gerne von statistisch ermittelten Zahlen beeindrucken und Angst machen lassen und warum wir uns gerne von - dem Anschein nach objektiven - Zahlen nur allzu leicht die Realität verzerren lassen. Wohlgemerkt, es geht nicht um die beliebten Witze, mit denen illustriert werden soll, dass Statistiken lügen würden. Krämer gelingt es in seinem Buch die Dinge zurechtzurücken. Denn es ist nicht die Statistik, die „lügt“. Es ist deren Interpretation.

Mal ehrlich: Wer interessiert sich bei der Schlagzeile: „Krebsrisiko in einem Jahr verdoppelt!“ – die so tatsächlich erschienen ist - noch dafür, dass sich lediglich der Zahlenwert von 0,001 auf 0,002 erhöht hat, also immer noch vernachlässigbar klein ist?

Krämer berichtet auch von einem Journalisten aus den USA, der gefragt worden sei, weshalb seine Zeitung so ausführlich über gefährliche Müllkippen berichtet habe, aber das weit gefährlichere Radon, ein natürlich vorkommendes, radioaktives Edelgas in den Kellern vieler Häuser der gleichen Gegend, das im Verdacht steht, krebsauslösend zu sein, weitgehend ignoriere. Seine Antwort lautete: „Weil eine Müllkippe gute Bilder liefert. Und weil irgendjemand dafür verantwortlich ist.“

„Gute Bilder. Und jemand, der verantwortlich ist.“ Und zusätzlich – das füge ich jetzt hinzu - muss noch der Kick mit der Angst dazu zukommen. Vergessen wir über unseren diversen Ängsten nicht vielleicht manchmal, wie gut es uns eigentlich geht? Ein bestimmter Reizunterschied sei eben umso eher wahrnehmbar, je niedriger der Ausgangsreiz ist, sagt Krämer. Für Angst und Risiko bedeute dies: „Je sicherer das Leben, desto mehr stört uns die Erbse unter der 20. Matratze.“

Lassen wir uns also zu sehr von Kleinigkeiten irritieren und verlieren dabei das Wesentliche aus dem Blick? Haben wir die Zufriedenheit verlernt?

Anrede

Es geht Regensburg gut. Manchmal habe ich den Eindruck, dass diese Tatsache vielen von uns gar nicht so richtig bewusst ist. Denn manches Lamento nimmt kein Ende. Da beschäftigt die Position einer Sitzbank in der Ludwigstraße nicht nur die Gemüter einzelner Bürger, sondern auch viele Medien. Aktenordner füllen sich mit Beschwerden über Busse, die angeblich zu viel Lärm beim Wenden verursachen. Erboste Bürger entrüsten sich, weil ihnen eine städtische Informationszeitschrift in den Briefkasten gesteckt wurde, der doch die Aufschrift „keine Werbung einwerfen“ trage.

Natürlich sind nicht alle Anliegen, mit denen sich die Bürgerinnen und Bürger an die Stadtverwaltung wenden, als Nichtigkeiten abzutun. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemühen sich stets darum, jede einzelne Frage zu beantworten, jeder Beschwerde nachzugehen, notwendige Hilfestellungen anzubieten und für jedes Problem eine Lösung zu finden. Auch dieses Engagement verdient einmal ein Wort der Anerkennung und des Dankes!

Für Verwaltung und Oberbürgermeister war und ist es erste Handlungs-maxime, unsere Stadt weiter voranzubringen. Dass das gelungen ist, beweist die Tatsache, dass Regensburg prosperiert. Und das ist keine Selbstverständlichkeit. Es gibt viele Städte in Deutschland, ja in ganz Europa, die uns darum beneiden. Regensburg hätte – und da komme ich zum Wort des Jahres 2011 – den Stresstest bestanden, dem so manche Bank, manche Beziehung oder manches Atomkraftwerk nicht Stand gehalten hat.

Aber wir sollten über all diesen Erfolgen nicht übermütig werden! Weil Arbeit – möglichst für alle – nach wie vor das Wichtigste ist, können wir uns darüber freuen, dass wir im Jahresdurchschnitt unter den 25 kreisfreien Städten Bayerns mittlerweile mit einer Arbeitslosenquote von 4,8 Prozent Platz acht einnehmen. Und unser Aufwärtstrend hält an. Nimmt man die aktuelle Dezemberzahl, dann liegen wir bereits auf Platz fünf.

Zwar ist Geld nicht alles, aber ohne Geld geht eben vieles nicht. Deswegen dürfen wir uns weiter darüber freuen, dass wir bei der Steuerkraft 2012 unter den 25 kreisfreien Städten in Bayern sogar Rang drei einnehmen und unter den acht Großstädten Rang zwei. In der Finanzkraft belegen wir unter den kreisfreien Städten seit 2009 Rang zwei hinter München. Dabei haben wir die niedrigsten Grundsteuerhebesätze der bayerischen Großstädte, aber auch unser Gewerbesteuerhebesatz gehört unter den Vergleichsstädten zu den niedrigeren.
Wohlgemerkt, in diese Zahlen ist unsere voraussichtlich sehr gute Einnahmenentwicklung 2012 noch nicht einmal eingegangen.

Lassen Sie mich unsere Stadt mit einem Surfer vergleichen, der es mit Können, Kraft und Ausdauer geschafft hat, den Kamm einer riesigen Welle zu erreichen. Ein Erfolgserlebnis, das einen gewaltigen Adrenalinausstoß zur Folge hat! Das gleichzeitig aber auch nur zwei Alternativen bietet: Sich mit nicht nachlassender Anstrengung weiter oben zu halten - oder abzustürzen. Niemand wird ernstlich wollen, dass wir – um im Bild mit der Welle zu bleiben – in diesem Jahr oder in den kommenden Jahren abstürzen. Es muss uns allen gleichermaßen ein Anliegen sein, das hohe Niveau, auf dem wir uns befinden, zu halten.

Um unsere Stadt ganz oben zu halten, bedarf es gemeinsamer Anstrengungen; solidarisches Handeln ist gefragt. Niemand soll deswegen gezwungen sein, seine individuellen Ansprüche aufzugeben. Solidarisches Handeln erfordert aber, die grundlegenden Werte des Zusammenlebens in unserer Stadt zu achten und zu fördern. Damit komme ich wieder zurück auf die eingangs zitierte lateinische Inschrift im Kurfürstenzimmer, die die Ratsherren an ihre Verpflichtung erinnern sollte. Heute, in einer Demokratie, deren Entscheidungen auf einer breiteren Basis gefällt werden, in der die Bürgerschaft mittelbar und unmittelbar an Entscheidungsprozessen mitwirkt, richtet sich diese Inschrift an alle, die in Beruf und Ehrenamt, in Stadtrat und Verwaltung, in Initiativen und Organisationen mitwirken und die Geschicke der Stadt lenken.

Die Übersetzung der Inschrift lautet:
„Als wer auch immer, Ratsherr, du in Geschäften ins Rathaus gehst: Vor dieser Tür sollst du alle privaten Leidenschaften ablegen, Zorn, Gewalt, Hass, Freundschaft, Schmeichelei; du sollst eine öffentliche Person werden und die entsprechende Fürsorge annehmen. Denn so wie du anderen ein gerechter oder ungerechter Richter sein wirst, so wirst du auch das Gericht Gottes erwarten und auf dich nehmen.“

In der Demokratie sollten wir alle diesen Ratschlag zu Herzen nehmen und miteinander die Chancen nutzen, die das beginnende Jahr für uns bereithält.

Was wir dazu brauchen, sind

  • Mut
  • Kraft
  • Verantwortungsgefühl
  • Respekt und
  • Solidarität.

So wichtig Individualität für den einzelnen und auch für die Gesellschaft ist, so wichtig ist es auch, eben diese Individualität in entscheidenden Augenblicken zurück zu stellen und sie einem großen gemeinsamen Ziel unterzuordnen.

Für das Jahr 2012 hoffe ich, dass es uns gelingt, uns gemeinsam Ziele zu setzen,

  • die weit über die bloße Existenzsicherung hinausreichen;
  • die ihre Spuren hinterlassen;
  • die unsere Stadt über den Tag hinaus lebendig und lebenswert erhalten.

Ich wünsche mir aber auch, dass wir die Hindernisse, die sich uns auf dem Weg dahin entgegenstellen, nicht als spaltende Probleme ansehen, die das Wohlbefinden des Einzelnen entscheidend einschränken, sondern als Herausforderung. Als Herausforderung, die wir mit Mut – und nicht mit Wut - annehmen, die wir gemeinsam meistern werden und die uns als Gemeinschaft zusammenschweißen!

In diesem Sinne wünsche ich unserer Stadt ein gutes 2012 und Ihnen und Ihren Familien ein glückliches, gesundes, zufriedenes und erfolgreiches Neues Jahr!