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Eröffnung des Symposiums Recht und Sprache

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der Eröffnung des Symposiums Recht und Sprache am 26. April 2012

Anrede

ich möchte Sie heute ganz herzlich im Historischen Reichssaal, „der guten Stube der Stadt“, willkommen heißen. Ich freue mich sehr darüber, dass Sie sich für die Teilnahme am vierten interdisziplinären und internationalen Symposium des Arbeitskreises Sprache und Recht entschieden haben.

Meine Damen und Herren, was ist eigentlich „Sprache“? Diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten, denn „Sprache“ hat zwei Funktionen, die sehr unterschiedlich sein können.

Da ist zum einen geschriebene Sprache. Sie bemüht sich um Sachlichkeit, zeichnet sich meist aus durch reflektierte Sätze, perfekt zurechtgefeilte Formulierungen, 100-prozentig passende, präzise Ausdrücke.

Bei gesprochener Sprache ist das anders: Sätze werden aus dem Stegreif zusammengesetzt, sie sind lückenhaft, werden abgebrochen, neu gebildet; man verhaspelt sich, wiederholt sich, vergisst etwas, „Ääähs“ und Umgangssprache schleichen sich ein. Und weit mehr als die Schriftsprache reflektiert sie die Stimmung des Sprechenden, seine Gefühle und seine Beziehung zum Angesprochenen.

Mündliche Sprache ist authentischer, direkter, ehrlicher. Der Sprecher kann sich nicht hinter ausgefeilten Formulierungen verstecken, er sagt ohne Umwege das, was er wirklich meint, er transportiert Emotionen, kann ganz anders bewegen und überzeugen – natürlich auch deshalb, weil plötzlich Stimme, Mimik und Gestik eine Rolle spielen. Ein Gesichtsausdruck oder die Körperhaltung können mehr sagen als 1000 Worte!

Vielleicht fragen Sie sich, warum ich Ihnen das alles erzähle. Ganz einfach: Weil die Sprache auch in der Welt des Rechts eine zentrale Rolle spielt. Die Sprache ist das Handwerkszeug des Rechtsgelehrten. So wie der Bäcker Mehl braucht, um seine Semmeln zu backen, braucht der Jurist die Sprache, um auf ein gerechtes Urteil hinarbeiten zu können.

Und zwar beide Ausprägungen der Sprache. Die Rechtswelt ist darauf angewiesen, geschriebene und gesprochene Sprache zusammenzuführen.

Auf den ersten Blick scheint die geschriebene Sprache im Rechtsleben freilich vorherrschend zu sein. Jurisprudenz - das sind in unserer Vorstellung vor allem dicke Gesetzesbücher, Tausende Paragraphen, bisweilen unübersichtliche Bandwurmsätze.

Es ist ja auch gut, dass es feststehende Gesetzestexte gibt, auf die sich jedermann berufen kann: Stellen Sie sich doch das Chaos vor, wenn Rechtsvorschriften nur noch mündlich kommuniziert würden!

Aber ohne gesprochene Sprache kommt trotzdem kein Gericht aus. Natürlich, theoretisch würde es vielleicht schon gehen: Der Kläger, der Beklagte und alle Zeugen könnten ihre Aussagen niederschreiben, die Anwälte ihre Plädoyers ebenfalls zu Papier bringen. Das alles würde dann dem Richter auf den Schreibtisch gelegt, der sich das Ganze durchliest, immer wieder einen Blick in seine Gesetzesbücher wirft – und schließlich ein Urteil fällt.

Solche Verfahren gibt es zwar auch, aber sie sind die Ausnahme. Vor allem in Strafprozessen wäre solch ein Verfahren nicht nur unsinnig, sondern grob unfair und fahrlässig.

Um ein faires Urteil fällen zu können, muss das Gericht unbedingt mit allen am Verfahren Beteiligten persönlich sprechen. Wie wirkt der Beklagte? Erscheinen seine Aussagen glaubwürdig? Zögert er? Widerspricht er sich? Redet er aus tiefstem Herzen oder spult er nur Floskeln herunter, die er sich im Vorfeld zurechtgelegt hat? Dasselbe gilt für Zeugen: Sind sie sich sicher? Sind sie ehrlich? Wollen sie womöglich jemanden reinreiten?

Und dann sind da noch die Anwälte. Im vergangenen Jahr hat uns der Kachelmann-Prozess einmal mehr gezeigt, welchen Einfluss Verteidiger und Staatsanwalt auf die Urteilsfindung haben können. Durch geschickte Fragen und Vermutungen können sie entlarven, Zweifel säen, widerlegen.

Immanent wichtig ist natürlich auch das Plädoyer: Der Schlussvortrag ist die letzte Möglichkeit, das Gericht zu beeinflussen. Ein mitreißendes Plädoyer kann im besten Fall den Unterschied machen zwischen Freispruch und Verurteilung – das wussten sie schon im antiken Griechenland: Damals duellierte man sich mit rhetorisch gewandten Gerichtsreden, um so zu seinem Recht zu kommen.

Die gesprochene Sprache ist in der Rechtswelt seit jeher unverzichtbar. Auch richtungsweisende Fortschritte in der polizeilichen Ermittlungsarbeit ändern nichts daran, dass mündliche Äußerungen vor Gericht immer eine wichtige Rolle für die Urteilsfindung spielen werden.

Das Symposium des Arbeitskreises Sprache und Recht beschäftigt sich in diesem Jahr also mit einem immens wichtigen Thema. Unter dem Motto „Die Mündlichkeit im Rechtsleben“ macht die Tagung deutlich, dass Auseinandersetzung mit dem Recht mehr ist als Auseinandersetzung mit Paragraphen. Es geht auch darum, die mündliche Sprache zu begreifen. Zu verstehen, was ein Mensch in welcher Weise, warum und mit welchen Auswirkungen zu einem anderen sagt.

Die ganze Materie muss freilich aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden, betrifft sie doch unterschiedlichste Wissenschaftsdisziplinen: Die Rechtswissenschaft ebenso wie die Sprach- und die Kommunikationswissenschaft.

Gleichermaßen kann ein Blick über den Tellerrand nicht schaden: Deshalb werden Sie sich morgen vergleichend mit dem Plädoyer im deutschen, britischen und französischen Strafprozess auseinandersetzen.

Seit gestern beschäftigen Sie sich mit einem Programm, das spannender und abwechslungsreicher kaum sein könnte! Der Arbeitskreis Sprache und Recht hat, so viel steht bereits heute fest, eine hochinteressante Tagung auf die Beine gestellt, disziplin- und nationenübergreifend; im wahrsten Sinne des Wortes wegweisend!

Abschließend wünsche ich Ihnen für morgen noch anregende Gespräche und Diskussionen, und außerdem natürlich eine unvergessliche Zeit in Regensburg! Möge das Symposium frischen Wind in Ihr berufliches Wirken bringen und Ihnen neue Blickwinkel auf die Rechtswelt eröffnen!