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89. Jahrestagung der Bayerischen Chirurgen

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der Eröffnung der 89. Jahrestagung der Bayerischen Chirurgen am 25. Juli 2012 im Alten Rathaus, Historischer Reichssaal

Anrede,

hier im Historischen Regensburger Reichssaal begrüße ich Sie als Oberbürgermeister mit besonderer Freude und Herzlichkeit, und mit großem Interesse an Ihrer wissenschaftlichen, aber auch ganz praktischen Arbeit. Lassen Sie mich mit einer Anekdote beginnen:

Für Humor und Schlagfertigkeit hatte der Münchner Chirurg Carl Thiersch Verständnis. Thiersch, der wissenschaftliches Arbeiten und praktische Chirurgie in gelungener Weise in Einklang bringen konnte, gilt als einer der bedeutendsten Chirurgen des 19. Jahrhunderts in Deutschland.

Einen Prüfungskandidaten fragte er: "Sie sezieren einen menschlichen Körper und stellen plötzlich fest, daß der Kerl noch lebt. Was tun Sie?" Nach kurzem Überlegen erwiderte der Student: "Zunächst einmal würde ich mich natürlich bei dem Herrn in aller Form entschuldigen."

Meine Damen und Herren, dieser Bericht über den Münchner Chirurgen ist durchaus glaubwürdig. Trotzdem ist nicht überliefert, ob der Examenskandidat seine medizinische Prüfung bestanden hat. Ein pedantischer Professor hätte dem Prüfling womöglich angekreidet, er habe nicht an die in solch einer Situation dringend gebotenen Notfallmaßnahmen gedacht. Also: Note mangelhaft.

Sicher nicht der humorvolle Thiersch. Der Kandidat hat nämlich auf eine nicht ganz ernst gemeinte Frage angemessen reagiert. Und er hat eine ärztliche Tugend bewiesen, die heute bei Testaten, Multiple-Choice-Prüfungen und Apparatemedizin leicht in den Hintergrund tritt. Er hat mit seiner Entschuldigung an die sozialen Beziehungen zum Patienten gedacht, kurz: Er hat sich menschlich verhalten.

Nun wollen wir die lustige Geschichte nicht überstrapazieren. Aber sie kann uns doch Anlass sein, einige Augenblicke gemeinsam über angemessenes Verhalten und soziale Beziehungen nicht nur in der ärztlichen Ausbildung und Praxis nachzudenken.

Das gewählte Motto der 89. Jahrestagung der Bayerischen Chirurgen lautet „Ratio et Emotio in Chirurgia“. Damit soll inhaltlich auf die sehr einleuchtende Bedeutung der Ratio, der Vernunft, hingewiesen und als wesentliche Triebfeder für den Chirurgen auch die Emotio berücksichtigt werden.

Erich Fromm sagte einmal: „Vernunft ist die Fähigkeit, objektiv zu denken.“ Wenn in der Vergangenheit vielleicht zu stark das rationale Element im Vordergrund stand und das Hauptaugenmerk der wissenschaftlichen Weiterentwicklung galt, so soll jetzt auch die emotionale Seite Ihres Berufsstandes mit diesem Motto Berücksichtigung finden. In erster Linie betrifft dies natürlich den Patienten, aber auch den Chirurgen selbst, der einen sehr emotional geprägten Beruf ausübt.

Liebe Gäste, wir befinden uns hier im Historischen Reichssaal, dem Saal des so genannten Immerwährenden Reichstags, man kann sagen dem ältesten deutschen Parlament. Von 1663 bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im Jahr 1806 hat er hier seinen ständigen Beratungssitz gehabt.

Etwa 70 Gesandtschaften ausländischer Staaten hatten ihren Sitz in Regensburg, der Kaiser selbst wurde dabei durch kaiserliche Prinzipalkommissare vertreten, die ab 1748 der Familie Thurn und Taxis angehörten. Kaiser und Könige, Fürsten und Gesandte brachten ihre Ärzte mit in die Stadt. Das Reichstagsgeschehen lockte aber auch fremde Mediziner an. Das Gesundheitswesen entwickelte sich.

1687 schlossen sich die Regensburger Ärzte zu einem Ärztekollegium zusammen. Sie konnten dort ihre Standesinteressen vertreten, berufspraktische Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse austauschen sowie schwierige Krankheitsfälle gemeinsam beraten. Zum Kollegium gehörten auch zwei Mitglieder des Inneren Rates der Stadt, die wohl die Berufspflichten der Ärzte überwachen sollten.

Schon früh wird in Regensburg das Auftreten von Ärzten erwähnt. Im Jahre 1326 wirkte der Arzt Meister Konrad von Ascania und 1351 ein Meister Heinrich der Wundarzt. Einige Jahre später wird 1360 ein Matthias der Wundenschauer genannt, und danach 1383 sogar eine Ärztin mit dem Namen Elsbeth. Doch dürfte im Allgemeinen die Zahl der weiblichen Ärzte sehr beschränkt gewesen sein, da Frauen auch in späterer Zeit noch der Besuch von Vorlesungen an den Universitäten nicht gestattet war.

Neben den Medizinern, die ein Hochschulstudium nachweisen mussten und die nur für die inneren Krankheiten zuständig waren, gab es auch die Wundärzte und Chirurgen. Sie waren als Rangniedere in einer Zunft organisiert. Ihre Heilkunst erstreckte sich auf Amputationen, Knochenbrüche, Beulen, Geschwulste, Steinleiden und Warzen, und auf Schuss-, Stich- und Hiebverletzungen, wie es in einer entsprechenden Urkunde heißt. Die Ausübung ihres Berufes erforderte kein Studium, ihre Kunst wurde wie ein Handwerk erlernt.

Für die Reinhaltung des Körpers, der Pflege des Haupt- und Barthaares sowie für das Aderlassen und Schröpfen waren die Bader und Barbiere zuständig.

Schon im 18. Jahrhundert waren unter den Regensburger Ärzten hochgebildete Persönlichkeiten, die ihre Berufskollegen an Fachwissen und Bildungseifer weit überragten.

Johann Jakob Kohlhaas kam nach einer Ausbildung als Apotheker, nach bestandenem Examen und Erhalt der Doktorwürde nach Jahren der Wanderschaft in die Reichsstadt. Er bemühte sich um die Erlaubnis eine ärztliche Praxis ausüben zu dürfen. Kohlhaas machte Karriere und wurde Garnisonsmedicus, gab praktischen Anatomieunterricht für Chirurgen und war ein beredter Streiter für das Ansehen seines Standes. Er fiel auf durch zahlreiche fachliterarische Arbeiten und schuf das sechsbändige Werk „Anleitung zur Bildung ächter Wundärzte“. Dr. Kohlhaas lag eine gründliche Ausbildung der Chirurgen sehr am Herzen und er war der Meinung, dass die Wundärzte die gleiche Ausbildung wie die Ärzte erhalten sollten.

Sie sehen also: Vielleicht liegen sogar in Regensburg die Ursachen dafür, dass die Chirurgie heute eine der bedeutendsten medizinischen Fachdisziplin mit vielfältigen Unterdisziplinen ist.

Meine Damen und Herren, Ihr Tagungsort sehr gut gewählt: Der Wissenschaftsstandort Regensburg hat sich in den letzten fünf Jahrzehnten seit der Gründung der Universität kontinuierlich weiter entwickelt, und das nicht nur im medizinischen Bereich. Das Regensburger Universitätsklinikum mit seinen weltweit anerkannten Forschungsleistungen bietet für Ihre Jahrestagung exzellente Bedingungen.

Ich heiße Sie heute im Namen aller Regensburger herzlich willkommen und wünsche Ihnen einen anregenden Austausch, eine erfolgreiche Tagung und unvergessliche Stunden in unserer schönen Stadt.